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Zivilisation

Historisch diente der Begriff „Zivilisation“ in der Regel nämlich schlicht als Eigenbezeichnung größerer und „fortschrittlicherer“ Kulturen zwecks Abgrenzung …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Merkmale
  2. 2. Begriff und Wortgebrauch
  3. 3. Historische Bedeutung und Kolonialismus
  4. 4. Kultur und Zivilisation im deutschen Denken
  5. 5. Zivilisierung als sozialer Prozess
  6. 6. Weitere Perspektiven

Grundidee und Merkmale

Zivilisation bezeichnet eine komplexe menschliche Gesellschaft, deren soziale und materielle Lebensbedingungen durch wissenschaftlichen und technischen Fortschritt ermöglicht und durch Politik und Wirtschaft geschaffen werden. Für vergangene Zivilisationen verwendet die Geschichtswissenschaft teilweise das Synonym Hochkultur. Historisch wurde „Zivilisation“ oft als Eigenbezeichnung größerer und als fortschrittlicher verstandener Kulturen benutzt, um sie von kleineren oder als „primitiver“ bewerteten Kulturen abzugrenzen, etwa von Jäger-und-Sammler-Gesellschaften.

Als allgemeine Kennzeichen von Zivilisationen gelten die Bildung von Staaten mit Regierungen, soziale Schichtung, Spezialisierung beziehungsweise funktionale Differenzierung, Arbeitsteilung, Urbanisierung und symbolische Kommunikationssysteme, zum Beispiel Schrift. Häufig kommen Expansionismus, Steuern, monumentale Architektur und eine gesamtgesellschaftliche Abhängigkeit von der Landwirtschaft hinzu. Fast alle Zivilisationen besitzen außerdem eine Ideologie, die Fortschrittsglaube enthält und die Überzeugung, dass bestimmte soziale Gruppen anderen überlegen seien. Allgemein zentralisiert Zivilisation Macht auf wenige Menschen und erweitert dadurch deren Kontrolle über andere Menschen und über die Natur.

Die ersten Zivilisationen entstanden mit dem Ende der Neolithischen Revolution. Heute verbreitet sich die Ansicht, dass alle derzeit lebenden Menschen zusammen nur noch eine Gesellschaft und damit eine Zivilisation bilden. Deshalb spricht man häufig von „der Zivilisation“ oder „unserer Zivilisation“ im Sinne der Menschheit. Das Ende einer Zivilisation oder der menschlichen Zivilisation insgesamt heißt Zivilisationskollaps.

Begriff und Wortgebrauch

Im Deutschen ist „Zivilisation“ vom seit dem 17. Jahrhundert belegten Adjektiv „zivil“ im Sinn von „bürgerlich“ abgeleitet. Im 18. Jahrhundert wurde im Französischen die Idee der Zivilisation dem Begriff „Barbarei“ entgegengesetzt. Dadurch konnten nichteuropäische Gesellschaften als „unzivilisiert“ bezeichnet werden. In romanischen und angelsächsischen Sprachen werden civilisation beziehungsweise civilization weitgehend gleichbedeutend mit culture beziehungsweise cultura verwendet; nur das Deutsche unterscheidet stärker zwischen „Kultur“ und „Zivilisation“.

Die Geschichtswissenschaft versteht unter Kulturen großräumige und langlebige Gebilde mit großer Prägekraft, auch wenn sie viele Erscheinungsformen und Entwicklungsstufen haben können. In der internationalen Politik wird Zivilisation heute bildlich als „Kulturdach“ für mehrere ähnlich gelagerte Kulturen verstanden, die geographisch nicht zusammenhängen müssen. Staaten einer Zivilisation teilen nach dieser Vorstellung eine Weltanschauung. Kultur meint in diesem Zusammenhang eine lokal begrenzte, Sinn stiftende Produktion gemeinsamer Werte und Normen.

Der Begriff kann auch im Sinn von „Zivilisierung“ verwendet werden, besonders im Anschluss an Norbert Elias und seine Theorie „Über den Prozeß der Zivilisation“. In der Umgangssprache kann Zivilisation wertend positiv gemeint sein, etwa als Gesittung, Lebensverfeinerung und Gegensatz zu „Barbarei“, Brutalität und Gesetzlosigkeit. Sie kann aber auch negativ von Kultur abgegrenzt werden, wenn eine Gesellschaft als zu stark auf Funktionalismus, Nützlichkeitsdenken, Komfort oder übertriebene Technisierung ausgerichtet gilt.

Historische Bedeutung und Kolonialismus

Der Begriff civilisation bezog sich im ausgehenden 18. Jahrhundert zunächst auf die französische Gesellschaft des Ancien Régime und drückte im Zeitalter der Aufklärung positive Erwartungen an gesellschaftlichen Fortschritt aus. Im 19. Jahrhundert wurde er im Zusammenhang mit dem Kolonialismus neu bewertet: Europäische Gesellschaften stellten sich als „zivilisiert“ dar und grenzten sich von angeblich „unzivilisierten“ außereuropäischen Gesellschaften ab.

Im Legitimierungsdiskurs des Kolonialismus spielte die angebliche Aufgabe, unterworfene Völker zu „zivilisieren“, eine zentrale Rolle. Bereits nach der Entdeckung Amerikas 1492 rechtfertigten die Spanier ihre Eroberungen in der Neuen Welt mit einem Missionierungsauftrag. Später trat der ausdrücklich christliche Bezug stärker zurück. Die indigene Bevölkerung wurde rassistisch als unterlegen angesehen: entweder als „Edler Wilder“, der Erziehung und Bildung durch Europäer brauche, oder als „Kannibale“, der auch mit Gewalt von seinem Handeln abzubringen sei.

Dieses Denken wurde nicht nur als Recht, sondern als Pflicht europäischer Mächte dargestellt. Ein bekanntes Beispiel ist Rudyard Kiplings Gedicht „The White Man’s Burden“ von 1899, das Kolonialismus als moralische „Last“ der Weißen beschreibt. Lord Lugard, ein Chefideologe des britischen Kolonialismus, sprach von einem „doppelten Mandat“: Einerseits sollte der Wohlstand der Metropole gesichert werden, andererseits sollten in den Kolonien materieller und zivilisatorischer Fortschritt verbreitet werden. Der angebliche Zivilisierungsprozess wurde dabei nie als abgeschlossen gedacht, weil dies das Ende der Kolonialherrschaft bedeutet hätte.

Der Zivilisationsbegriff wurde auch propagandistisch gegen andere Kolonialmächte eingesetzt. Großbritannien veröffentlichte während des Ersten Weltkriegs ein Blue Book, das dem Deutschen Reich vorwarf, seinen Kolonien nicht Fortschritt, sondern Krieg, Zwangsarbeit und Völkermord gebracht zu haben. Dies diente als Begründung dafür, dass Deutschland im Vertrag von Versailles 1920 alle Kolonien verlor.

Kultur und Zivilisation im deutschen Denken

In Deutschland entstand im Anschluss an Immanuel Kant eine Tradition, die Kultur und Zivilisation begrifflich und wertend voneinander unterschied. Zivilisation wurde dabei eher als technisch oder politisch verstanden, etwa als gesellschaftliche Artigkeit und Anständigkeit. Kultur galt dagegen als tiefer gehende Moral. Für Kant ist Kultur das Mittel, durch das der Mensch erst eigentlich zum Menschen wird, zugleich aber auch dessen Zweck und der Prozess dieser Menschwerdung.

Richard Wagner verwendete „Zivilisation“ abwertend. Er griff eine Zivilisation an, die Wissenschaft zum Abgott mache, Demokratie und Mammonismus verbreite, und machte dafür antisemitisch das Judentum verantwortlich. Er definierte Zivilisation in diesem Zusammenhang als „barbarisch-judaisches Gemisch“.

Im Ersten Weltkrieg wurde die Trennung zwischen Kultur und Zivilisation nationalistisch aufgeladen. Thomas Mann identifizierte in „Betrachtungen eines Unpolitischen“ Kultur mit den Deutschen und ordnete den westlichen Kriegsgegnern eine weniger wertvolle Zivilisation zu. Er schrieb: „Deutschtum, das ist Kultur, Seele, Freiheit, Kunst und nicht Zivilisation, Gesellschaft, Stimmrecht, Literatur“. Auch im „Manifest der 93“ vom 4. Oktober 1914 wiesen deutsche Wissenschafts- und Kulturvertreter Vorwürfe gegen deutsche Truppen zurück und sprachen den Gegnern ab, Verteidiger europäischer Zivilisation zu sein. Die Westmächte griffen diesen Anspruch propagandistisch auf und stellten den deutschen Kulturanspruch karikierend dar.

Oswald Spengler ordnete in „Der Untergang des Abendlandes“ von 1918 Kultur und Zivilisation zeitlich nacheinander an. Für ihn war Zivilisation ein dekadentes Spätstadium der Kultur, sogar deren Tod.

Zivilisierung als sozialer Prozess

Norbert Elias verwendete den Begriff „Zivilisation“ in seinem 1939 erschienenen Hauptwerk „Über den Prozess der Zivilisation“ im Sinn von „Zivilisierung“. Er beschreibt damit einen langfristigen Wandel der Persönlichkeitsstrukturen, den er auf Veränderungen der Sozialstrukturen zurückführt. Zu den Faktoren dieses Wandels gehören technischer Fortschritt, gesellschaftliche Differenzierung sowie ständige Konkurrenz- und Ausscheidungskämpfe zwischen Menschen und Gruppen.

Diese Entwicklungen führen nach Elias zu stärkerer Zentralisierung, etwa durch staatliche Gewalt- und Steuermonopole, und zur Geldwirtschaft. Zugleich wachsen die gegenseitigen Abhängigkeiten der Menschen, also die „Interaktionsketten“, in denen sie handeln. Dadurch wird stärkere Affektkontrolle nötig: Zwischen einen spontanen emotionalen Impuls und die tatsächliche Handlung tritt immer mehr Zurückhaltung und ein Nachdenken über die Folgen des eigenen Handelns. Diese Haltung wird durch ein stärkeres „Über-Ich“ verinnerlicht. Der gesellschaftlichen Zentralisierung folgt also mit Verzögerung eine innere Zentralisierung der Persönlichkeit.

Folgen dieses Prozesses sind nach Elias eine sinkende Gewaltbereitschaft, höhere Scham- und Peinlichkeitsschwellen, mehr Psychologisierung, also die Fähigkeit, Vorgänge in anderen Menschen zu verstehen, und mehr Rationalisierung, also eine größere „Langsicht“ auf Folgen des eigenen Handelns.

Elias zeigt dies besonders an der französischen Geschichte. Seit dem Mittelalter wurden der alte Burg- und Landadel stärker an die Höfe der Monarchen gebunden. Durch stehende Söldnerheere und ein zentrales Steuerwesen wurden feudale Heere weniger wichtig, und der Adel verlor gegenüber der Zentralmonarchie an Macht. Am Hof, besonders unter Ludwig XIV., entstanden neue Karrierechancen. Dort mussten Adelige statt Faustrecht und roher Gewalt höfische Umgangsformen, Courtoisie und Intrigen beherrschen. Diese Sitten wurden später auch vom Bürgertum übernommen und veränderten die Gesellschaft insgesamt.

Weitere Perspektiven

In Ethnologie, Anthropologie und Kulturpsychologie schlug Claude Lévi-Strauss vor, Kulturen nach ihrer Haltung zum Kulturwandel zu unterscheiden. „Kalte Gesellschaften“ sind nach diesem Modell naturangepasste Ethnien mit komplexen sozialen Verhaltenssystemen, die bewährte Lebensweisen möglichst bewahren und Wandel vermeiden. „Heiße Gesellschaften“ sind moderne Zivilisationen, in denen fortschreitende Entwicklung in allen Lebensbereichen typisch ist. Je stärker der Antrieb zu schneller und tiefgreifender Modernisierung ist, desto „heißer“ ist eine Zivilisation. Das Modell wurde von anderen Wissenschaftlern weiterentwickelt.

Der Begriff kann in anderen Kulturen anders verstanden werden. Das Zitat von Luther Standing Bear, einem Oglala-Lakota, beschreibt Zivilisation nicht über Technik oder Staatlichkeit, sondern über die Erkenntnis der Verwandtschaft mit allen Lebewesen und der Einheit mit dem Universum.

In der Astronomie, genauer in Astrobiologie und Exosoziologie, wird spekuliert, ob es auf Exoplaneten Lebewesen mit wissenschaftlich-technischer Organisation gibt. Solche möglichen Gesellschaften heißen extraterrestrische Zivilisationen. Über ihre Wahrscheinlichkeit und Häufigkeit wird mit der Drake-Gleichung diskutiert. Die Kardaschow-Skala ordnet mögliche Entwicklungsstufen nach dem Energieverbrauch ein.

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