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Kultur
Kultur bezeichnet im weitesten Sinne alle Erscheinungsformen menschlichen Daseins, die auf bestimmten Wertvorstellungen und erlernten Verhaltensweisen …
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Kultur als Grundbegriff
Kultur bezeichnet im weitesten Sinne alle vom Menschen geschaffenen oder veränderten Erscheinungsformen des Lebens. Sie beruht auf erlernten Verhaltensweisen und Wertvorstellungen und zeigt sich in der dauerhaften Erzeugung und Erhaltung von Werten. Ihr Gegenbegriff ist die nicht vom Menschen geschaffene Natur. Je nach Fachgebiet gibt es jedoch viele engere Definitionen. In der Kulturpolitik meint „Kultur“ oft die „Schönen Künste“: Bildende Kunst, Musik und Literatur. Im Alltag kann der Begriff auch Umgangsformen, Sittlichkeit, Wohn- und Esskultur oder die vermeintlichen Besonderheiten ethnischer Gruppen bezeichnen.
Kultur kann als Produkt menschlicher Leistungen, als System von Regeln und Werten, als gemeinschaftliche Umwandlung angeborener Verhaltensweisen oder als Entwicklung komplexerer Lebensformen verstanden werden. Kroeber und Kluckhohn fassten 1952 mehr als 150 Definitionen zusammen: Kultur besteht aus expliziten und impliziten, durch Symbole übermittelten Mustern erlernten Verhaltens. Ihr Kern sind traditionell überlieferte Ideen und Werte. Kultursysteme sind zugleich Ergebnisse früherer Handlungen und Grundlagen künftiger Handlungen. Bereits 1952 wurden 170 verschiedene Begriffsbestimmungen gezählt.
Natur, Zivilisation und kulturelle Vielfalt
Kultur und Natur werden häufig einander gegenübergestellt: Kultur umfasst, was Menschen hervorbringen, Natur, was von selbst ist. Zugleich kann Natur nur durch kulturelle Verfahren wie Wissenschaft und Kunst beschrieben werden. Deshalb erscheint Natur nicht unmittelbar zugänglich, sondern als Grenzbegriff für etwas, das der Mensch untersucht und bearbeitet.
Im deutschsprachigen Raum wird Kultur teilweise von Zivilisation unterschieden. Nach Immanuel Kant gehören Technik, Wissenschaft, gute Manieren und praktische Einrichtungen zur Zivilisation; Kultur setzt zusätzlich die „Idee der Moralität“ voraus, also das bewusste Handeln nach allgemein gültigen moralischen Grundsätzen. Wilhelm von Humboldt ordnete Bildung und Persönlichkeitsentwicklung der Kultur, technische und praktische Leistungen dagegen der Zivilisation zu. Oswald Spengler verstand Zivilisation als spätes Auflösungsstadium einer Kultur.
Der Plural „Kulturen“ grenzt Menschengruppen anhand kultureller Merkmale voneinander ab; Varianten innerhalb einer Gruppe werden oft Subkulturen genannt. Ethnologen kritisieren diese Einteilung zunehmend, weil kulturelle Grenzen meist konstruiert sind und fließende Übergänge zu festen Gegensätzen machen. Außerdem beruhen solche Zuschreibungen häufig auf der Sicht Außenstehender und können einseitig, verzerrt oder rassistisch sein. Auch die Gegenüberstellung von Natur und Kultur ist nicht weltweit selbstverständlich: Amazonasindigene können beispielsweise Tiere, Pflanzen und Naturgeister als Menschen und damit als Kulturwesen auffassen.
Entstehung, Symbole und Tradition
Kultur wurde durch menschliche Fähigkeiten wie Sprache, Selbstbewusstsein, symbolisches Denken und die Bildung von Regeln möglich. Der Mensch kann Möglichkeiten vorstellen und auf seine Umwelt relativ frei reagieren. Die günstigen klimatischen Bedingungen der letzten 10.000 Jahre ermöglichten zusammen mit Ackerbau, Arbeitsteilung und Bevölkerungswachstum die Entwicklung stärker ausdifferenzierter Gesellschaften, in denen Wissenschaft und Künste entstanden.
Kultur dient nicht nur der Befriedigung biologischer Bedürfnisse. Sie bewältigt Zufälliges und Ungeordnetes, schafft Sinnstrukturen und bringt teilweise selbst neue Bedürfnisse hervor, etwa durch moderne Verkehrsmittel oder die Kulturindustrie. Durch Symbole werden Wahrnehmungen geformt und in größere Sinnzusammenhänge eingeordnet. Sprache, Bilder, Musik, Kleidung und Gegenstände können Bedeutung tragen. Cassirer bezeichnete diesen Vorgang als „symbolische Prägnanz“: Ein sinnliches Erlebnis erhält zugleich einen nicht unmittelbar sichtbaren Sinn. Dafür sind Wiedererkennung, ein sinnliches Medium, eine gewisse Dauer des Erlebnisses und die Verbindung von Darstellung und Dargestelltem notwendig.
Kultur kann daher als Geflecht symbolischer Beziehungen oder als „Text“ verstanden werden. Einzelne Zeichen erhalten ihre Bedeutung erst im Gesamtzusammenhang. Nach Clifford Geertz ist Kultur ein „selbstgesponnenes Bedeutungsgewebe“, das nicht nur nach allgemeinen Gesetzen, sondern interpretierend nach Bedeutungen untersucht wird.
Damit Kultur erhalten bleibt, müssen Praktiken, Normen, Werke, Sprache und Institutionen an nachfolgende Generationen weitergegeben werden. Michael Tomasello beschreibt diese Anreicherung als „Wagenheber-Effekt“. Sprache ist das wichtigste Medium der Überlieferung. Mündliche Traditionen können sich verändern oder an neue soziale Verhältnisse angepasst werden. Schrift ermöglicht erstmals eine längerfristige Nachprüfbarkeit und gilt deshalb als entscheidender Einschnitt der kulturellen Entwicklung.
Sprache, Handeln und kulturelle Räume
Sprache ist nicht nur ein Kommunikationsmittel, sondern strukturiert das menschliche Weltverstehen. Nach Ferdinand de Saussure sind sprachliche Zeichen beliebig, weil ihre Bedeutung auf Konvention beruht, und linear, weil sie sich in der Zeit entfalten. Bedeutungen entstehen durch Unterschiede innerhalb eines Zeichensystems. Diese Betrachtung wurde auf Kultur insgesamt übertragen: Auch Körper, Dinge, Gesten, Lebensstile und Bilder bilden ein Zeichenuniversum.
Kultur besteht zugleich aus regelmäßig ausgeführten gemeinsamen Handlungen. Wenn solche Handlungen an wiederkehrende Ereignisse oder bestimmte Orte gebunden werden, entstehen Institutionen, etwa in Arbeit, Recht, Religion, Wissenschaft, Kunst oder Spiel. Kulturelle Praxis erhält Bedeutungen, kann sie aber auch verändern.
Kulturelle Räume sind nicht bloß physikalische Behälter. Wahrnehmung, Orientierung und Atmosphäre werden kulturell geprägt. Ein Haus, eine Kirche oder ein öffentlicher Platz erhält durch Nutzung und gemeinsame Bedeutungen seinen Charakter. Räume können Zugehörigkeit und soziale Ungleichheit ausdrücken, etwa durch Wohnviertel, VIP-Bereiche oder geschlechtsspezifische Orte. Kultur prägt somit Zeit, Raum und Identität.
Schutz und Kritik der Kultur
Kulturelles Erbe wird durch internationale Abkommen und nationale Gesetze geschützt. UNESCO und Organisationen wie Blue Shield International koordinieren diesen Schutz. Die Haager Konvention, das Übereinkommen zum Schutz und zur Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen sowie Artikel 27 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte sichern kulturelle Teilhabe und den Schutz kultureller Beiträge. Besonders in Kriegen werden Kulturgüter angegriffen, weil damit Identität, kulturelles Gedächtnis, Vielfalt und wirtschaftliche Grundlagen geschädigt werden können.
Kulturkritik untersucht unbeabsichtigte, zerstörerische oder unmoralische Folgen kultureller Entwicklungen. Rousseau, Marx, Nietzsche, Heidegger und Freud sahen Kultur teilweise als Entfremdung, Herrschaft, Verfall oder Einschränkung natürlicher Bedürfnisse. Zugleich machte Kulturkritik sichtbar, dass Kultur nicht unveränderlich gegeben ist, sondern historisch entstanden und daher auch anders möglich wäre.
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