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Neolithische Revolution
Die erste Neolithische Revolution fand im „Fruchtbaren Halbmond“ Vorderasiens zwischen 9500 und 7000 v. Chr. statt. Aus dieser Epoche stammen die derzeit …
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Kern und Bedeutung
Als Neolithische Revolution wird der soziale und kulturelle Umbruch bezeichnet, der mit der unabhängigen Erfindung gezielter Nahrungsmittelproduktion durch Pflanzenbau und/oder Viehhaltung verbunden ist. In den jeweiligen Regionen markiert er den Beginn der Jungsteinzeit (Neolithikum). Die zuvor überwiegend nomadisierenden Jäger und Sammler wurden innerhalb von Jahrhunderten teilweise zu sesshaften Pflanzer- und Hirtenkulturen.
Mit diesem Wandel verbunden waren längere Phasen der Sesshaftigkeit, neue Formen der Arbeitsteilung und sozialen Rollen, Institutionen und Herrschaftsstrukturen. Außerdem entstanden neue Werkzeuge, Baustoffe, Gebäude, Keramik, Vorratshaltung und Konservierungsmethoden. Auch Vorstellungen von Zeitrechnung, Eigentum, Ritualen und Religion veränderten sich.
Die erste Neolithische Revolution fand im Fruchtbaren Halbmond Vorderasiens statt. Je nach Abgrenzung wird der Zeitraum mit etwa 9500 bis 8300 v. Chr. oder 9500 bis 7000 v. Chr. angegeben. Heute wird häufig der neutralere Begriff Neolithisierung verwendet, besonders für Regionen, in denen die Landwirtschaft nicht unabhängig entstand. Der Ausdruck „Neolithische Revolution“ wurde 1936 von Vere Gordon Childe geprägt. Er ist umstritten, weil der Wandel nicht plötzlich erfolgte, sondern sich über Jahrtausende entwickelte. Zwischen einzelnen Neuerungen und der kulturell vorherrschenden Agrargesellschaft lagen teilweise mehr als 6.000 Jahre.
Voraussetzungen und Entstehungszentren
Die Neolithisierung ging weltweit von Wildbeutergemeinschaften aus. Der Übergang zur Sesshaftigkeit konnte dort beginnen, wo dauerhaft reichhaltige Nahrungsquellen vorhanden waren. Im milden Alleröd-Interstadial boten Wildgetreide und Gazellen in Südwestasien ganzjährig Nahrung. Dadurch mussten Gruppen ihren Aufenthaltsort nicht mehr regelmäßig wechseln. Nach dem Rückgang der Gazellenbestände, teils durch Überjagung und teils durch die Kälte der Jüngeren Dryaszeit, wurden Schaf, Ziege und Rind domestiziert. Parallel entstand der gezielte Getreideanbau.
Ob Pflanzenbau oder Großtier-Domestizierung zuerst einsetzte, ist nicht sicher geklärt. Beides entwickelte sich häufig parallel, teilweise durch verschiedene Gruppen. Traditionell wurde die Natufien-Kultur am Karmelgebirge, die ab ungefähr 12.000 v. Chr. siedelte, als Ursprung des Getreideanbaus angesehen; aktuell wird eher der Südrand des Zagros-Gebirges favorisiert.
Die Forschung geht von etwa 14 bis 24 beziehungsweise 15 bis 20 unabhängigen Entstehungszentren aus. Gesicherte Beispiele sind der Fruchtbare Halbmond, die Moxos-Ebene im Amazonasbecken Boliviens, das Hochland von Neuguinea, das Huang-He-Becken und das Perlfluss-Delta in China, der nordwestindische Subkontinent, Nordjapan, der Andenraum, Zentralmexiko, die Sahelzone von Mali, Südindien und das Ohiobecken im Osten der USA. Im Fruchtbaren Halbmond wurden unter anderem Weizen, Gerste, Rinder, Schweine, Schafe und Ziegen domestiziert; in anderen Zentren beispielsweise Maniok, Mais, Banane, Yams, Taro, Reis, Hirse, Sojabohne, Kartoffel, Quinoa und Lama.
Von diesen Zentren aus verbreiteten sich Landwirtschaft und Viehhaltung durch Migration und Assimilation. Ackerbau breitete sich vor allem in klimatisch geeigneten Regionen der Ökumene aus; Viehhaltung konnte auch trockene Offenlandschaften der Subökumene nutzen. Jagd und Sammeln blieben jedoch in vielen Gebieten noch Jahrtausende neben der Landwirtschaft bestehen.
Neue Lebensweise und technische Grundlagen
Sesshafte Kulturen waren stärker von Wetter und Klima abhängig als mobile Jäger und Sammler. Deshalb wurden die genaue Beobachtung der Jahreszeiten und langfristige Planung besonders wichtig. Es wird angenommen, dass sich beim Übergang vom Mesolithikum zum Neolithikum die lunare Zeitrechnung wandernder Jäger und Sammler zunehmend durch erste Solarkalender sesshafter Kulturen ergänzte. Als Beispiele werden die Stichbandkeramik und die Kreisgrabenanlage von Goseck genannt.
Vorratshaltung wurde notwendig, um geerntete Pflanzen über die kalte Jahreszeit zu bewahren und Saatgut für die nächste Saison zu sichern. Dafür mussten Methoden der Konservierung und des Schutzes vor Schimmel, Schädlingen und konkurrierenden Gruppen entwickelt werden. Etwa 14.000 Jahre alte Brotreste aus Wildgetreide und Wurzeln wurden 2008 in Feuerstellen der Natufien-Kultur im Nordosten Jordaniens gefunden. Bei Bab edh-Dhra in Jordanien entdeckte man 2009 Gebäude, die als etwa 11.000 Jahre alte Kornspeicher für Wildgetreide gedeutet werden.
Im Präkeramischen Neolithikum und besonders in der Keramischen Epoche von 8000 bis 5500 v. Chr. entstanden Keramik, verbesserte Werkzeuge, Häuser, Brunnen und Grabenwerke. Diese dienten teilweise der Bewässerung oder der Verteidigung. In der Levante kann man ab etwa 8800 v. Chr. von einer etablierten Agrarkultur und konstanter Sesshaftigkeit ausgehen.
In Mesopotamien wurden vor allem die Wildformen von Emmer (Triticum dicoccum) und Einkorn (Triticum monococcum) genutzt. Sie konnten als Wintergetreide im Herbst oder als Sommergetreide im Frühling ausgesät werden. Spelzgetreide wie Emmer, Einkorn, Spelzgerste und Dinkel besitzt fest mit dem Korn verwachsene Spelzen und ist besser lagerfähig, muss vor dem Mahlen aber entspelzt werden. Beim Nacktgetreide, etwa Nacktweizen, fallen die lose anliegenden Spelzen beim Dreschen ab.
Folgen für Gesundheit und Gesellschaft
Die Landwirtschaft machte Menschen teilweise unabhängiger vom schwankenden natürlichen Angebot an Wildpflanzen und Wildtieren. Die Versorgung war für frühe Bauern dennoch unsicherer als für Jäger und Sammler. Die Konzentration auf wenige Nutzpflanzen, die Abhängigkeit von Wetter und Ernte sowie die fehlende Möglichkeit, bei Missernten schnell weiterzuziehen, begünstigten Hungersnöte.
Die veränderte Ernährung führte nach heutigem Kenntnisstand zu Mangel- und Unterernährung sowie zu einer kürzeren Lebenserwartung. Diese Entwicklung wird als „Neolithischer Niedergang“ bezeichnet. Skelettfunde zeigen eine deutliche Abnahme der Körpergröße. Infektionskrankheiten traten häufiger auf, weil größere sesshafte Populationen und der enge Kontakt zu Vieh die Ausbreitung von Erregern begünstigten. Solche von Tieren auf Menschen übertragene Krankheiten heißen Zoonosen. Als mögliche Entwicklung wird genannt, dass Masern ihren Ursprung in der Rinderpest haben sollen.
Trotz der gesundheitlichen Nachteile kam es im frühen Neolithikum zu einem enormen Bevölkerungszuwachs. Sesshafte Gemeinschaften konnten mehr Menschen versorgen; zugleich entstanden Auswanderungsbewegungen. Ab etwa 4000 v. Chr. erreichte die neolithische Ausbreitung den Norden Europas, Skandinavien und die britischen Inseln.
Sozial entstanden häufig segmentäre Gesellschaften. Sie beruhten meist auf agnatischer Verwandtschaft, also auf einer über die männliche Linie gedachten Verwandtschaftsorganisation, die eine generationenübergreifende Produktionsplanung unterstützte. Es entwickelten sich zentralisierte Entscheidungsstrukturen, spezialisierte Gewerke, soziale Schichten und komplexe technische Arbeitsabläufe, sogenannte chaînes opératoires.
Eigentum an Produktionsmitteln wurde häufig als Verwandtschaftseigentum verstanden, während persönliches Eigentum an Gebrauchsgegenständen weiterbestand. Die frühere weitgehende Gleichheit und gemeinsame Nutzung von Ressourcen wurde teilweise durch Tauschbeziehungen und ungleichere Verteilung ersetzt. Konflikte wurden durch friedliche oder unfriedliche Verfahren, Rituale, Ordal oder Bußen geregelt. Graeber und Wengrow bestreiten jedoch, dass diese sozialen Veränderungen überall zwangsläufig mit der Landwirtschaft begannen; ähnliche Formen gab es schon bei Jägern und Sammlern.
Theorien und Kritik
Die älteren Erklärungen lassen sich grob in Mangel- und Überflusshypothesen einteilen. Die Mangelhypothese nahm an, dass Landwirtschaft entscheidende Überlebensvorteile bot. Die Überflusshypothese erklärte den Pflanzenbau dagegen als Experiment relativ sesshafter, gut versorgter Jäger und Sammler mit Vorratshaltung. Heute gilt der Prozess als komplizierter. Extraktive Wirtschaftsweisen können ohne besondere Planung und Technik einen höheren Kalorienertrag bei geringerem Arbeitsaufwand liefern; deshalb bezeichnete Marshall Sahlins Wildbeuterkulturen als „ursprüngliche Wohlstandsgesellschaft“.
Childes Oasen-Theorie erklärte die Entstehung der Landwirtschaft durch extreme Trockenheit am Ende der Eiszeit. Menschen hätten sich in wenigen Oasen und Flusstälern konzentriert und deshalb Ackerbau und Tierhaltung begonnen. Diese These gilt inzwischen als widerlegt. Robert John Braidwood betonte dagegen die allmähliche Anpassung an regional unterschiedliche Umweltbedingungen; Barbara Bender hob soziale Prozesse und komplexe Gesellschaftsstrukturen hervor.
Eine heute verbreitete Erklärung verbindet Klimawandel und kulturelle Entwicklung: Im Alleröd wurden Gruppen sesshaft, weil Gazellen und Wildgetreide ausreichend Nahrung boten. Überjagung und der Beginn der Jüngeren Dryaszeit um 10.700 v. Chr. verschärften die Engpässe. Da eine Rückkehr zum Nomadismus nach Jahrhunderten der Sesshaftigkeit teilweise nicht möglich oder nicht gewollt war, wurde die Nahrungsproduktion verstärkt. In anderen Regionen erfolgte die Neolithisierung durch Migration, durch Anpassung an günstige Umweltbedingungen oder durch den Übergang zu Viehhaltung in trockenen und kalten Gebieten. Die Vrå-Kultur in Schweden wird als Beispiel für eine spätere Rückkehr von der Landwirtschaft zu Jagd und Fischfang genannt.
Umstritten ist auch die Entstehung des Privateigentums. Carel van Schaik und Kai Michel sehen in der Landwirtschaft einen wichtigen Ursprung von Eigentum und der Einschränkung gemeinsamer Ressourcennutzung. Graeber und Wengrow halten diese Theorie für nicht beweisbar und warnen davor, Landwirtschaft als zwangsläufigen Ursprung von Hierarchie, Ungleichheit oder Privateigentum zu betrachten.
Aktuelle Forschung und offene Fragen
Populationsgenetische Untersuchungen ermöglichen Aussagen über die Verbreitung von Ackerbau und Viehzucht durch Wanderungen. Eine Analyse aus dem Jahr 2000 von 1000 Männern aus Europa und dem Nahen Osten kam zu dem Ergebnis, dass etwa 20 % der europäischen Y-Chromosomen von neolithischen Einwanderern aus dem Nahen Osten stammen. Spencer Wells hält es deshalb für wahrscheinlich, dass diese Gruppen Landwirtschaft nach Europa und in die Mittelmeerregion brachten. Genetische Kartierungen zeigen zugleich regionale Unterschiede und komplexe Beziehungen zwischen mesolithischen Jägern und Sammlern sowie neolithischen Bauern.
Unabhängig vom Nahen Osten entwickelte sich Landwirtschaft offenbar auch in Ostasien. In Nordchina wurde etwa 7000 v. Chr. in größerem Umfang Hirse angebaut, in Zentralchina außerdem Reis. Um 3500 v. Chr. gelangte Reisanbau nach Taiwan, um 2000 v. Chr. nach Borneo und Sumatra und etwa 500 Jahre später auf weitere indonesische Inseln. Genetische Befunde sprechen dafür, dass diese Kultur durch Wanderungsbewegungen von China aus verbreitet wurde.
Neuere Deutungen stellen nicht nur Ernährung und Klima, sondern auch soziale und religiöse Motive in den Mittelpunkt. Die etwa 30 Megalithmonumente von Göbekli Tepe wurden ab dem 10. Jahrtausend v. Chr. über mehrere Jahrhunderte von vermutlich verbündeten Jäger- und Sammlergruppen errichtet und möglicherweise für einen Ahnenkult genutzt. Hinweise auf Landwirtschaft fehlen dort. Klaus Schmidt, Colin Renfrew und Ian Hodder sehen in solchen Großbauten, politischen Bündnissen, Konfliktlösungen und religiösen Vorstellungen mögliche Kräfte der Sesshaftwerdung. Damit bleibt die Neolithisierung ein langfristiger, regional unterschiedlich verlaufender Prozess mit mehreren miteinander verbundenen Ursachen.
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