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Das Ende Mesopotamiens: Wie Die Erste Zivilisation Der Welt Verschwand | Dokumentation

Die Geschichte der Welt36:41 55.875 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

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Transkriptautomatisch erstellt · 218 Zeilen
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  1. [musik] [musik]
  2. [musik] Im Jahr 612 vor Christus brannten die Mauern von [musik] Ninive.
  3. Eine Stadt, die einmal die mächtigste der Welt gewesen war, verwandelte sich in drei [musik] Monaten in Asche. Die Flammen fraßen Paläste, die
  4. Generationen von Königen gebaut hatten, Bibliotheken, in denen zehntausende Tontafeln das Wissen der ersten Zivilisation der Menschheit bewahrten,
  5. zerfielen zu Staub. Und niemand [musik] kam, um Ninive zu retten. Nicht, weil es keine Armeen gab, sondern weil das Reich, das diese Stadt erschaffen hatte,
  6. schon längst von innen heraus gestorben war. Das ist die Geschichte Mesopotamiens, der erste Ort [musik] auf der Erde, an
  7. dem Menschen aufgehört haben, einfach zu überleben und begonnen haben, eine Welt zu erschaffen. Städte, Gesetze, Schrift, Mathematik, die Idee, dass ein Mensch
  8. über andere Menschen herrschen kann, nicht durch rohe Gewalt allein, sondern durch Recht und durch Gott.
  9. Und dann ist alles davon verschwunden. Nicht [musik] durch eine einzige Katastrophe, nicht durch eine Flut, wie
  10. es ihre eigenen Mythen erzählten, sondern durch etwas, das viel langsamer und viel grausamer ist. Durch Kriege, die Generationen dauerten, durch Dürren,
  11. die keine Ernte mehr zuließen, durch Könige, die ihre eigenen Priester gegen sich aufbrachten, durch Völker, die aus dem Nichts kamen und alles übernahmen,
  12. was andere aufgebaut hatten. Was wirklich mit Mesopotamien passiert ist, was den ersten Zivilisationen der
  13. Erde ein Ende bereitet hat, das ist die Geschichte, die wir heute erzählen. Und am Ende dieser Geschichte wird klar, dass das, was damals passierte, nicht so
  14. weit weg ist, wie es klingt. Wir beginnen am Anfang. Nicht mit einem König, nicht mit einem Krieg, [musik]
  15. sondern mit einem Fluss. Vor etwa 10.000 Jahren war das Land zwischen dem Euphrat und dem Tigris ein
  16. Ort, den kein Mensch wählen würde, wenn er eine Wahl hätte. Es gab keinen Stein zum Bauen, kein Holz für Feuer. Der Boden war flach, heiß, von
  17. Überschwemmungen bedroht. Zweimal im Jahr, wenn die Schneeschmelze aus den Bergen des heutigen Anatoliens den Flüssen neue Kraft gab, konnte das
  18. gesamte Tiefland unter Wasser stehen. Wer hier lebte, lebte gefährlich. Und doch blieben Menschen, weil das Wasser, so unberechenbar es war, auch
  19. etwas mitbrachte: Schlamm. Reicher, tiefer, fruchtbarer Schlamm, der nach jeder Überflutung auf dem Boden zurückblieb. Dieser Schlamm war Nahrung
  20. und wo Nahrung in Hülle und Fülle wächst, sammeln sich Menschen. Etwa um 5000 vor Christus begannen kleine Gruppen sich entlang des unteren
  21. Euphrats dauerhaft niederzulassen. Die sogenannte [musik] Obeid-Kultur, benannt nach einem Hügel im heutigen Irak, wo ihre Spuren [musik] zuerst gefunden
  22. wurden. Keine großen Städte, keine Könige, nur Dörfer, die langsam wuchsen, weil der Boden es erlaubte und das Wasser es erzwang. Sie bauten
  23. Bewässerungskanäle, einfache, winzige Gräben am Anfang, aber entscheidend. Wer Wasser kontrollierte, kontrollierte das Leben.
  24. Dann kam Uruk. Um 3400 [musik] vor Christus war Uruk, am Unterlauf des Euphrats gelegen,
  25. bereits etwas, das die Welt noch nie gesehen hatte. Eine Stadt. Nicht ein Dorf, nicht ein Lager, eine echte, wachsende, lärmende, stinkende,
  26. lebendige Stadt mit vielleicht 40.000 Einwohnern auf ihrem Höhepunkt. Das war in einer Zeit, in der die [musik] meisten Menschen der Erde in Gruppen von
  27. einigen Dutzend lebten, eine fast unvorstellbare Konzentration von Menschenleben.
  28. Und mit dieser Konzentration entstand ein Problem, dass die Menschheit vorher nie hatte lösen müssen. Wie organisiert man 40.000 Menschen? Wie weißt du, wer
  29. welches Korn abgeliefert hat, wer welches Feld bearbeitet, wer welchen Tempel schuldete, wie viel Öl, wie viel Gerste, wie viele Ziegen?
  30. Das Gehirn ist gut darin, eine Handvoll Beziehungen zu verwalten, aber keine 1000 Transaktionen gleichzeitig zu erinnern. Also erfanden die Menschen in
  31. Uruk etwas, das alles veränderte. Sie drückten spitze Schreibgriffel in weichen Ton, kleine Keile, Winkel, Zeichen. Piktogramme zuerst, die nach
  32. und nach abstrakter wurden, bis sie eine vollständige Schrift bildeten, die wir heute Keilschrift nennen. Die ältesten beschrifteten Tontafeln, die wir
  33. gefunden haben, stammen aus dieser Zeit in Uruk. Um 3500 bis 3300 [musik] vor Christus.
  34. Die erste Sache, die Menschen je aufschrieben, war keine [musik] Liebesgeschichte, kein Gebet, kein Epos. Es war eine Quittung. Drei Säcke Gerste,
  35. 30 Ziegen, 18 Einheiten Öl. Die Schrift wurde nicht aus Poesie geboren, sie wurde aus Bürokratie [musik] geboren. Aus der schlichten, brutalen
  36. Notwendigkeit, große Mengen Dinge zu verwalten. Über diese Tafeln hinaus bauten [musik] die Sumerer, wie wir die ersten Bewohner
  37. dieser Region nennen, Tempel, die man Zikkurate nannte. Gestaffelte Türme aus Lehmziegeln, die in den Himmel strebten, in einer Landschaft, die so flach war,
  38. dass man jeden Hügel von Kilometern weit sehen konnte. Diese Türme waren keine bloßen Gotteshäuser. [musik] Sie waren Verwaltungszentren,
  39. Getreidespeicher, politische Institutionen. Der Tempel war das Herz der sumerischen Stadt, weil der Gott, dem er geweiht war, theoretisch das
  40. gesamte Land besaß. Die Priester, die im Namen des Gottes handelten, kontrollierten die Verteilung von Ressourcen. Und wer Ressourcen
  41. kontrollierte, kontrollierte alles. Es entstanden Stadtstaaten: Uruk, Ur, Lagasch, Nippur, Kisch. Jede Stadt mit
  42. ihrem eigenen Gott, ihrem eigenen König, [musik] ihrem eigenen Militär. Und von Anfang an kämpften sie gegeneinander. Die Königsliste der Sumerer, ein
  43. Dokument, das auf Tontafeln überliefert ist und die Abfolge der Herrscher aufzeichnet, erzählt von Kriegen zwischen Kisch und Uruk, zwischen
  44. Lagasch und Uma, die über Generationen andauerten, über Felder, über Kanäle, über Wasser.
  45. Der König war ursprünglich kein dauerhafter Herrscher. Er war ein Anführer für den Krieg, gewählt, wenn Gefahr drohte und dann wieder [musik]
  46. entlassen. Aber Kriege hörten nicht auf. Und wer die Macht einmal hat, gibt sie nicht freiwillig zurück. Die Könige wurden dauerhaft. Sie wurden Söhne der
  47. Götter. Sie wurden Unsterbliche in Sandstein gemeißelt. Gilgamesch, der König von Uruk, der zwischen 3000 und 2500 vor Christus regiert haben soll,
  48. wurde zur ersten großen Figur der Weltliteratur. Das Gilgamesch-Epos, das älteste erzählerische Werk der Menschheit,
  49. erzählt von einem Herrscher, der unsterblich werden wollte und lernen musste, dass selbst ein König stirbt.
  50. Aber während die sumerischen Stadtstaaten sich gegenseitig aufrieben, wuchs im Norden eine andere Kraft heran.
  51. Die Akkader, ein semitisches Volk, das eine völlig andere Sprache sprach als die Sumerer. Keine Verwandtschaft, kein gemeinsamer Ursprung, den wir kennen.
  52. Aber dieselbe Umgebung, dieselben Felder, dieselben Kanäle. Und ein Mann namens Sargon.
  53. Sargon von Akkad ist eine der faszinierendsten und rätselhaftesten Figuren der Geschichte. Spätere Texte, die Jahrhunderte nach seinem Tod
  54. verfasst wurden, beschreiben ihn als Kind einer Tempeldienerin, ausgesetzt auf dem Euphrat in einem Korb aus Schilf, aufgefunden von einem Gärtner,
  55. der ihn großzog, Historiker debattieren, wie viel [musik] davon Legende ist. Was wir wissen, ist das hier. Um 2330 vor Christus übernahm Sargon die Stadt
  56. Akkad, die wir bis heute archäologisch nicht lokalisiert haben. Und dann griff er aus.
  57. In wenigen Jahrzehnten unterwarf Sargon von Akkad ganz Mesopotamien. Nicht durch überlegene Technologie, nicht durch eine neue Waffe, sondern
  58. durch etwas, das bis dahin kein Herrscher in diesem Ausmaß getan hatte. Er schuf ein einheitliches Verwaltungssystem.
  59. Statthalter, die er persönlich ernannte, in jede Stadt. Akkadisch als Staatssprache, die die sumerischen Dialekte überlagerte. [musik]
  60. Ein Heer, das nicht von einem einzelnen Stadtstaat abhängig war, [musik] sondern von ihm persönlich. Sargon nannte sich selbst König der vier Weltteile und er
  61. meinte es nicht als Metapher. Sein Reich war das erste Imperium der Menschheitsgeschichte. Es umfasste Teile
  62. des heutigen Irak, Syriens und Irans. Es kontrollierte Handelswege, die bis an die Küste des Mittelmeers reichten. Und es dauerte weniger als 200 Jahre.
  63. Der Untergang des akkadischen Reiches ist eine der ältesten Debatten der Geschichtswissenschaft. Lange dominierte die Theorie des
  64. militärischen Zusammenbruchs, der Aufstand der Gutäer aus dem Zagros-Gebirge, die um 2100 vor Christus das Reich
  65. überrannten. Aber neuere Forschungen haben etwas anderes in den Mittelpunkt gerückt. Klimadaten [musik] aus dem Bereich der archäologischen Wissenschaft
  66. zeigen, dass das akkadische Reich um 2300 [musik] bis 2200 vor Christus mit einer massiven Dürreperiode konfrontiert [musik]
  67. war. Eine Dürre, die nach heutigen Rekonstruktionen bis zu 300 Jahre andauerte. Felder, die kein Getreide mehr lieferten, Kanäle, die versandeten,
  68. Ernten, die ausblieben. Auf Tontafeln aus dieser Zeit [musik] stehen Klagetexte, die sich lesen wie
  69. Berichte aus einer Apokalypse. Städte wurden verlassen, Bevölkerungen wanderten in den Süden. Das erste große Reich der Welt kollabierte nicht nur
  70. durch Krieg, sondern durch eine Kombination aus klimatischem Druck, inneren Spannungen und der grundlegenden Schwäche jedes Systems, das auf einer
  71. einzigen zentralen Autorität basiert. Stirbt die Autorität, stirbt das System. Aber Mesopotamien starb nicht mit dem akkadischen Reich.
  72. Die Sumerer erlebten eine letzte Blütezeit. Die dritte Dynastie von Ur, auch Ur-III [musik] genannt, von ungefähr 2012 bis 2000 vor Christus, war
  73. eine Periode von beeindruckender Verwaltung, Kunst und Bau. König Ur-Nammu schrieb um 2100 vor Christus das erste erhaltene Gesetzbuch der
  74. Geschichte. Vor Hammurabi, vor den Römern, vor allem, was wir aus der Schule kennen. Ur-Nammus Gesetze regelten Entschädigungen für
  75. Verletzungen, Rechte für Witwen und Waisen, Grundsätze der Gerechtigkeit. Ob diese Gesetze wirklich angewendet wurden, ist eine andere Frage. Aber dass
  76. sie aufgeschrieben wurden, bedeutet, dass jemand bereits daran glaubte, dass Herrschaft durch Recht legitimiert werden musste, nicht nur durch Kraft.
  77. Dann kamen die Amoriter. Nomadische Stämme aus dem Westen, die in einer Zeit der Schwäche in das Herzland Mesopotamiens eindrangen und sich
  78. festsetzten. Sie übernahmen keine Zivilisation durch Zerstörung. Sie übernahmen sie, indem sie Teil von ihr wurden. Sie lernten Keilschrift. Sie
  79. adoptierten die sumerischen Götter und einer von ihnen gründete eine Stadt, die zum Symbol einer ganzen Ära werden sollte.
  80. Um 1894 vor Christus war Babylon noch eine Stadt und der vielen. Nicht besonders groß, nicht besonders wichtig. Im heutigen
  81. Irak gelegen, etwa 80 km südlich von Bagdad. Aber im Jahr 1793 vor Christus bestieg ein König namens
  82. Hammurabi den Thron. Hammurabi ist jemand, über den die Geschichte gerne einfache Sätze sagt. Er
  83. war der erste Gesetzgeber. Er vereinte Mesopotamien. Er schrieb das Prinzip Auge um Auge in Stein. Aber Hammurabi war komplizierter als das. In den ersten
  84. 30 Jahren seiner Herrschaft führte er kaum Krieg. Er baute Kanäle. Er reparierte Tempel. Er verhandelte. Er wartete. Und dann, als seine Nachbarn
  85. durch interne Konflikte geschwächt waren, griff er aus, schnell und präzise und unterwarf in weniger als 10 Jahren fast ganz Mesopotamien.
  86. Der Codex Hammurabi ist auf einer etwa 2 1/4 m hohen Steinstelen eingraviert, die heute im Louvre in Paris steht. Oben ist ein Relief, das Hammurabi zeigt, wie er
  87. vom Sonnengott Shamash Gesetze empfängt. Darunter stehen 182 erhaltene Gesetze in akkadischer Keilschrift. Sie regeln Löhne, Mieten, Adoption, Ehescheidung,
  88. Diebstahl, ärztliche Malpractice, Haftung von Baumeistern für zusammenbrechende Häuser. Wenn ein Baumeister ein Haus baut, das einstürzt
  89. und den Besitzer tötet, dann soll der Baumeister getötet werden. Wenn der Sohn des Besitzers stirbt, soll der Sohn des Baumeisters sterben.
  90. Hart, aber aufgeschrieben, öffentlich, bindend für jeden. Das war das Neue. Hammurabis Reich dauerte nach seinem Tod um 1750 vor Christus keine zwei
  91. Generationen. Wieder kamen Eindringlinge aus den Bergen. Die Kassiten, ein Volk unbekannter Herkunft, übernahmen Babylon um 1600 vor Christus und regierten es
  92. für fast 400 Jahre. 400 Jahre, das ist länger als die gesamte Geschichte der Vereinigten Staaten bis heute. Und trotz dieser langen Herrschaft wissen wir
  93. erschreckend wenig über sie, weil sie kaum eigene Texte hinterließen. Sie übernahmen babylonische Kultur. Sie übernahmen babylonische Sprache. Sie
  94. wurden zu Babyloniern und doch waren es keine. Während Babylon unter Kassitenherrschaft in relativer Ruhe lebte, wuchs im Norden
  95. ein Imperium heran, das die Welt für drei Jahrhunderte in Schrecken versetzen sollte.
  96. Assyrien. Die assyrische Geschichte beginnt bescheiden. Die Stadt Assur am oberen
  97. Tigris war ursprünglich vermutlich [musik] eine Handelsstadt. Kaufleute, nicht Krieger. Assyrische Händler hatten im 20. Jahrhundert vor Christus ein Netz
  98. von Handelsniederlassungen im heutigen Anatolien, tausende Kilometer von ihrer [musik] Heimat entfernt. Tontafeln aus dieser Zeit, gefunden in
  99. einem Ort namens Kültepe in der heutigen [musik] Türkei, belegen den ausgedehnten Handel mit Zinn und Textilien gegen Silber und Gold.
  100. Aber im 14. Jahrhundert vor Christus begann Assyrien eine andere Identität anzunehmen. Unter König Assur-uballit dem Ersten löste sich Assyrien aus der
  101. Abhängigkeit von der mittanischen Herrschaft, die es zuvor kontrolliert hatte. Und mit der Freiheit kam der Appetit auf mehr.
  102. Was die Assyrer zu etwas Besonderem machte in der Geschichte des Nahen Ostens, war nicht, dass sie Krieg führten. Alle Reiche führten Krieg. Was
  103. sie besonders machte, war die industrielle Systematik, mit der sie das taten. Die assyrische Armee war keine Sammlung von Kriegern, die im Frühjahr
  104. kämpften und im Winter nach Hause gingen. Sie war eine professionelle, permanente Streitkraft mit spezialisierten Einheiten,
  105. Bogenschützen, Speerkämpfer, Belagerungsspezialisten mit Rammböcken und mobilen [musik] Türmen, Ingenieure, die in der Lage waren, in kürzester Zeit
  106. Brücken über Flüsse zu schlagen. Und sie nutzten Angst als Waffe. Assyrische Könige ließen Inschriften anfertigen, in denen sie detailliert
  107. beschrieben, [musik] was sie mit besiegten Feinden gemacht hatten. Keine blumigen Euphemismen, präzise, grafische Beschreibungen von dem, was Widerstand
  108. kostet. Das war keine Grausamkeit um der Grausamkeit willen, das war Kalkulation. Eine Stadt, die sich kampflos ergab, durfte weiter existieren. Eine Stadt,
  109. die sich [musik] widersetzte, wurde dem Erdboden gleichgemacht. Die Botschaft war klar und sie funktionierte.
  110. Unter König Tiglatpileser dem Dritten, der von 745 bis 727 vor Christus regierte, erreichte Assyrien
  111. [musik] seine erste große Expansionsphase. Er eroberte Babylon, Phönizien, Palästina, Teile Israels. Er erfand auch
  112. etwas Neues in der imperialen Verwaltung, die systematische Deportation von Bevölkerungen. [musik] Wenn eine Gruppe als schwer zu
  113. kontrollieren galt, wurde [musik] sie einfach kollektiv in eine andere Region des Reiches umgesiedelt. Fremd in einem fremden Land, ohne lokale Netzwerke,
  114. ohne Verbündete, ohne die Möglichkeit, sich zu organisieren. Die Deportation der nordisraelitischen Stämme, die um 720 vor Christus
  115. stattfand, ist als das Verschwinden der zehn Stämme Israels in die Geschichte eingegangen.
  116. Dann kam Assurbanipal, der letzte große König Assyriens, der von 669 bis ungefähr 627
  117. vor Christus regierte. Unter ihm erstreckte sich das assyrische Reich von Ägypten bis zum Persischen Golf. Kein anderes Reich hatte je so viel
  118. Territorium in dieser Region kontrolliert. Er war ein brutaler Krieger. Aber er war auch etwas, das seine Vorgänger nicht gewesen waren, ein
  119. Sammler von Wissen. In seiner Hauptstadt Ninive ließ Assurbanipal eine Bibliothek [musik] anlegen. Nicht zufällig angehäufte
  120. Texte, eine planmäßig zusammengestellte Sammlung des gesamten Wissens der mesopotamischen Welt. Schreiber wurden in alle Teile [musik] des Reiches
  121. geschickt mit dem Auftrag, Texte zu kopieren und nach Ninive zu bringen. Wie tausende und abertausende Tontafeln, [musik]
  122. auf denen Omenliteratur stand, medizinische Texte, astronomische Beobachtungen, [musik] das Gilgamesch-Epos in seiner
  123. vollständigsten erhaltenen Version, Beschwörungsformeln, historische Chroniken. Assurbanipal wollte alles wissen. Auf einer Tontafel
  124. heißt es in seinem Namen: Ich habe die verborgene Schrift des Himmels und der Erde gelernt.
  125. Aber während Assurbanipal las, brannte sein Reich. Das assyrische Modell hatte einen strukturellen Fehler, den alle großen
  126. Reiche der Geschichte früher oder [musik] später entdecken. Je größer das Reich, desto länger die Grenzen. Desto mehr Ressourcen, um diese Grenzen zu
  127. sichern. Desto mehr Steuern, die erhoben werden müssen. Desto mehr Bevölkerungen, die man deportiert, unterwirft, kontrolliert, die irgendwann genug
  128. haben. Das assyrische Reich hatte im achten und siebten Jahrhundert vor Christus fast ununterbrochen Krieg geführt. Gegen Babylon, das sich
  129. mehrmals auflehnte. Gegen Elam im Osten. Gegen Ägypten im Westen. Gegen die Meder aus dem Norden. Jeder Sieg kostete Männer und Geld. Jede besiegte
  130. Bevölkerung wurde [musik] zu einem potenziellen zukünftigen Feind. Als Assurbanipal starb, wissen wir nicht einmal genau wann, gingen die Historiker
  131. lange von 627 vor Christus aus, brach das Machtvakuum sofort auf. Seine Söhne bekriegten einander um den Thron. Provinzen
  132. rebellierten. Und zwei Mächte, die lange im Schatten Assyriens gewartet hatten, erkannten ihre Chance.
  133. Im Süden hatte ein General namens Nabopolassar, Anführer eines babylonischen Stammes, im Jahr 626
  134. vor Christus den babylonischen Thron bestiegen. Er war kein direkter Nachkomme alter babylonischer Könige. Er war ein Militärführer, der die Schwäche
  135. des Moments erkannte und handelte. Im Norden [musik] hatten die Meder unter ihrem König Kyaxares eine eigene Großmacht aufgebaut. Nabopolassar und
  136. Kyaxares schlossen ein Bündnis, das mit einer Heirat besiegelt wurde. Nabopolassar Sohn Nebukadnezar nahm die Enkelin des Mederkönigs zur Frau.
  137. Dann begannen sie Assyrien systematisch zu zerlegen. Im Jahr 1614 vor Christus, Entschuldigung, 1610 vor
  138. Christus, nein. Im Jahr 1610 fiel Assur, 1612 fiel dann Ninive. Im Sommer des Jahres 1612 vor Christus, nach einer
  139. dreimonatigen Belagerung, brachen die Mauern der größten Stadt der Welt. Nabopolassar befahl, alles zu zerstören, Tempel, Paläste, Denkmäler. Er ließ
  140. Ninive so gründlich dem Erdboden gleich machen, dass die Überreste der Stadt erst im Jahr 1842 nach Christus wiederentdeckt wurden.
  141. Mehr als 2000 Jahre lag eine der mächtigsten Städte, die je existiert hatten, unter dem Sand des heutigen Irak.
  142. Das Assyrerreich war tot, aber Mesopotamien nicht. Was folgte, war die letzte große Blüte der mesopotamischen Welt. Das
  143. neubabylonische Reich, manchmal auch das chaldäische Reich genannt, war auf den Trümmern der assyrischen Macht errichtet und es wollte beweisen, dass Babylon die
  144. rechtmäßige Erbin aller Zivilisation war, die je in dieser Region entstanden war.
  145. Nebukadnezar der II., Sohn Nabopolassars, bestieg im Jahr 605 vor Christus den Thron und regierte bis 602 vor Christus.
  146. In dieser Zeit schuf er eine Stadt, die in der Antike zur Legende wurde. Babylon unter Nebukadnezar war vielleicht die größte Stadt der damaligen Welt. Die
  147. griechische Überlieferung spricht von einer Anlage mit 13 km langen Mauern. Das Ischtar-Tor, ein Triumphbogen aus blauen Glasurziegeln, auf dem goldene
  148. Löwen, Stiere und Drachen abwechselten, war der Eingang zur inneren Stadt. Rekonstruierte Fassadenteile davon stehen heute im [musik] Pergamonmuseum
  149. in Berlin. Und dann waren da die Hängenden Gärten. Ob sie wirklich in Babylon standen, ist eine der hartnäckigsten Debatten der
  150. Altertumswissenschaft. Keine einzige babylonische Quelle erwähnt sie. Alle Beschreibungen kommen von griechischen und römischen Autoren.
  151. Manche Forscher vermuten, dass die Hängenden Gärten in Wirklichkeit [musik] in Ninive standen und unter Sanherib angelegt wurden, nicht in Babylon und
  152. nicht unter Nebukadnezar. Andere halten an der traditionellen Zuschreibung fest. Was wir wissen ist, dass Nebukadnezar ein Bauprogramm von
  153. einem Ausmaß betrieb, dass seine Zeitgenossen in Staunen versetzte. Die Stadt, die er hinterließ, wurde von Herodot, dem griechischen Historiker,
  154. als die schönste Stadt, die er je [musik] gesehen hatte, beschrieben. Aber Schönheit schützt kein Reich. Nebukadnezar führte auch Kriege. 697
  155. [musik] vor Christus, Entschuldigung, 607 vor Christus 605 zerstörte er den Tempel,
  156. den Salomon gebaut hatte und deportierte [musik] tausende Juden nach Babylon. Die babylonische Gefangenschaft, wie sie [musik] die Bibel nennt, ist für die
  157. jüdische Geschichte ein zentrales Trauma. Für die babylonische Geschichte war es Routineverwaltung. Die gleiche Politik, die die Assyrer
  158. erfunden hatten. Nach Nebukadnezar wurde es schnell unruhig. In weniger als 40 Jahren kamen
  159. und gingen vier Könige. Interne Machtkämpfe, Aufstände und dann kam Nabonid, der letzte König Babylons.
  160. Und er war eine Katastrophe, nicht wegen militärischer Schwäche, sondern wegen eines Konflikts, den er selbst provozierte.
  161. Nabonid war religiöser Außenseiter. In Babylon war Marduk der Hauptgott [musik] und der Tempel des Marduk war das politische und religiöse Zentrum der
  162. Stadt. Der König musste jährlich an bestimmten Ritualen teilnehmen, ohne die er keine legitime Herrschaft beanspruchen konnte. Nabonid aber
  163. bevorzugte einen anderen Gott, Sin, den Mondgott, und er verließ Babylon für 10 Jahre. 10 Jahre. Er ließ sich in der arabischen Wüste nieder, in einem Ort
  164. namens Tayma und regierte das Reich aus der Ferne, während sein Sohn Belsazar in Babylon die Geschäfte führte. Die Priesterschaft des Marduk, ohne ihren
  165. König, ohne ihre Rituale, ohne die symbolische Legitimation ihrer Herrschaft, war wütend [musik] und sie suchte sich einen neuen
  166. Herrscher. Im Osten wuchs eine Macht heran, die noch niemand richtig ernst genommen
  167. hatte. Die Perser. Unter Kyros dem Zweiten, dem Großen,
  168. hatte das persische Reich in wenigen Jahrzehnten das medische Reich verschluckt, das lyrische Königreich in Anatolien besiegt und stand [musik] nun
  169. an den Grenzen Babylons. Kyros war politisch klug. Er stellte sich nicht als Feind [musik] vor. Er stellte sich als Befreier vor, als jemand, der nicht
  170. für [musik] Marduk kämpfte, sondern für Marduk kämpfte, gegen den König, der Marduk vernachlässigt hatte.
  171. Die Priesterschaft öffnete die Tore. Am 6. Oktober 639 vor Christus marschierten die persischen Truppen unter dem Feldherrn Gubaru
  172. kampflos in Babylon ein. Am 22. Oktober folgte Kyros selbst, nach historischen Berichten [musik] unter dem Jubel der Priesterschaft und Teilen der
  173. Bevölkerung. Nabonid, der irgendwie [musik] noch nach Babylon zurückgekehrt war, wurde gefangen genommen. Belsazar, sein Sohn, soll in der Stadt gefallen
  174. sein. Kyros ließ sich die Hand der Marduk-Statue reichen, führte traditionelle babylonische Rituale durch und nahm den Titel König von Babylon an.
  175. Aus machtpolitischer Sicht war die Übernahme perfekt. [musik] Keine Massenhinrichtungen, keine systematische Zerstörung, kein Brand. Babylon blieb
  176. Babylon. Es blieb eine der größten Städte der Welt. Aber es war nicht mehr das Zentrum einer souveränen Zivilisation. Es war eine
  177. Provinzhauptstadt des persischen Reiches. Und damit endete, was in Uruk begonnen hatte.
  178. Nicht sofort, nicht mit einem letzten symbolischen Moment, sondern langsam, über Generationen verlor die mesopotamische Zivilisation das, was sie
  179. zur Zivilisation gemacht hatte. Ihre politische Eigenständigkeit war weg. Die Keilschrift, die ja tausendelang die Sprache der Verwaltung, der Literatur,
  180. der Wissenschaft gewesen war, wurde nach und nach durch das Aramäische ersetzt, die Lingua Franca des persischen Reiches. Die Tempel wurden weitergebaut,
  181. die alten Götter weiter verehrt, aber das Herz, der Motor, die politische Kraft, die all das am Leben gehalten hatte, war erloschen.
  182. Alexander der Große kam im Jahr 333 vor Christus. Er betrat Babylon und soll geweint haben, nicht aus Trauer, sondern aus Bewunderung. Er wollte Babylon zur
  183. Hauptstadt seines [musik] Weltreiches machen. Er starb dort im Jahr 310 vor Christus, ohne dass dieser Plan je verwirklicht worden wäre. Die Stadt
  184. [musik] begann danach zu schrumpfen. Die Seleukiden, seine Nachfolger, verlegten die Hauptstadt der Region nach Seleukia am Tigris. Babylon verlor Einwohner,
  185. Handel, Bedeutung. Um die Zeitenwende war es weitgehend verlassen. Die letzten bekannten Tontafeln in Keilschrift stammen aus dem ersten
  186. Jahrhundert nach Christus. Astronomische Beobachtungen, [musik] noch immer in derselben Schrift aufgezeichnet, die 3500 Jahre zuvor in Uruk erfunden worden
  187. war. Dann nichts mehr. Was bleibt, wenn eine Zivilisation verschwindet?
  188. Mehr als wir meistens denken. Das Rad, das in Mesopotamien seine frühesten [musik] sicheren Belege hat. Die Mathematik im Sexagesimalsystem
  189. auf der Basis 60, die die Sumerer [musik] und Babylonier entwickelten und die wir noch heute benutzen, wenn wir sagen, eine Stunde hat 60 Minuten und
  190. ein Kreis hat 360°. Die Astronomie, die mesopotamischen Beobachter über Jahrhunderte betrieben und aus der das Fundament moderner
  191. Astronomie entstand. Der erste Kalender, das erste Konzept des Zinses, der erste schriftlich überlieferte Vertrag, die erste Rechtssammlung, die erste Schule,
  192. der erste Bibliothekskatalog. Und das Gilgamesch-Epos. Ein König, der unsterblich werden
  193. wollte, [musik] der eine Reise ans Ende der Welt unternahm, um das Geheimnis des ewigen
  194. Lebens zu finden. Der es fast in der Hand hielt, als eine Schlange es ihm stahl. [musik]
  195. Und der am Ende lernte, dass die einzige Unsterblichkeit, die einem Menschen wirklich bleibt, die Mauern sind, die er baut, [musik] die Dinge, die er
  196. hinterlässt. Denn auch Gilgamesch ist unsterblich geworden, nicht als Mensch, sondern als Geschichte auf einer Tontafel. Eine Geschichte, die 4000
  197. Jahre nach seinem Tod immer noch gelesen wird. Es gibt eine Schicht unter dem Erdboden im heutigen Irak. Archäologen [musik]
  198. nennen sie den Sintflutschlamm. Sie ist überall, unter Ur, unter Uruk, unter Kisch. Eine dicke Schicht aus Sediment, die zeigt, dass die gesamte Region
  199. irgendwann überflutet wurde. Nicht der ganze Erdball, aber das gesamte Tiefland zwischen Euphrat und Tigris, [musik] das damals für die Menschen dort die gesamte
  200. bekannte Welt war. Und in den Texten aus dieser Zeit steht die Geschichte eines Mannes, der sich ein Schiff baute, seine Familie rettete, Tiere einlud und die
  201. Flut überstand. Die Sintflutgeschichte ist älter als die Bibel. Sie ist älter als alles, was wir als Kulturgeschichte kennen. Sie wurde aufgeschrieben in
  202. Uruk, auf denselben Tontafeln, [musik] auf denen auch Getreidelieferungen und Rechtsvorschriften standen.
  203. Was das bedeutet, ist schwer in Worte zu fassen. Diese Menschen lebten in ständiger Angst vor [musik] dem Wasser, vor der Flut, die jederzeit kommen
  204. konnte. Und trotz dieser Angst, oder vielleicht genau wegen ihr, bauten sie Städte, schrieben sie Gesetze, erfanden sie Schrift, formulierten sie Mythen
  205. über das Ende der Welt und die Frage, wie ein Mensch trotzdem weitermacht. Das ist es, was wirklich von Mesopotamien geblieben ist, nicht die
  206. Paläste, nicht die Mauern, sondern die Grundannahme, die diese Menschen als erste in der Geschichte formuliert haben, dass das Leben organisiert werden
  207. kann, dass Chaos in Ordnung verwandelt werden kann, dass ein einzelner Mensch Dinge aufschreiben kann, die nach seinem Tod noch [musik] gelten.
  208. Das klingt selbstverständlich. Für uns heute ist es selbstverständlich. Wir denken nicht darüber nach, dass jemand diese Idee zum ersten Mal haben musste.
  209. Irgendwann in einer Stadt namens Uruk vor mehr als 5000 Jahren drückte ein Schreiber zum ersten Mal einen Schreibgriffel in Ton und entschied,
  210. dass das, was er dachte, bleiben sollte. Mesopotamien ist verschwunden. Die Sprachen sind tot. Die Städte sind Sand.
  211. Die Götter, die man [musik] dort anrief, Marduk, Enlil, Inanna, ruft niemand mehr an. Aber die Werkzeuge, die diese Menschen erfunden haben, um ihr Leben zu
  212. organisieren, die sind geblieben. Und ohne es zu wissen, benutzen wir sie jeden [musik] Tag. Einzig. Das erste Mal, wenn du heute eine Stunde
  213. in 60 Minuten aufteilst, [musik] denkst du auf eine Art, die vor 5000 Jahren in einer Stadt zwischen zwei Flüssen erfunden wurde, die du wahrscheinlich
  214. noch nie besucht hast und die heute unter dem Boden eines Landes liegt, das wir aus den Nachrichten kennen. Das ist das Vermächtnis Mesopotamiens,
  215. nicht die hängenden Gärten, ob sie je existiert haben oder nicht, nicht Assurbanipal, der las, während sein Reich brannte, nicht Hammurabi, der
  216. Gesetze in Stein meißeln ließ, sondern die schlichte, revolutionäre Idee, dass Wissen aufbewahrt werden kann, dass es nicht mit dem stirbt, der es gedacht
  217. hat. Wenn dir diese Geschichte etwas gegeben hat, dann lass ihr ein Abonnement da.
  218. Nicht für uns, für die nächste Geschichte, die erzählt werden muss.

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