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Das Ende Mesopotamiens: Wie Die Erste Zivilisation Der Welt Verschwand | Dokumentation
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Transkriptautomatisch erstellt · 218 Zeilen
- [musik] [musik]
- [musik] Im Jahr 612 vor Christus brannten die Mauern von [musik] Ninive.
- Eine Stadt, die einmal die mächtigste der Welt gewesen war, verwandelte sich in drei [musik] Monaten in Asche. Die Flammen fraßen Paläste, die
- Generationen von Königen gebaut hatten, Bibliotheken, in denen zehntausende Tontafeln das Wissen der ersten Zivilisation der Menschheit bewahrten,
- zerfielen zu Staub. Und niemand [musik] kam, um Ninive zu retten. Nicht, weil es keine Armeen gab, sondern weil das Reich, das diese Stadt erschaffen hatte,
- schon längst von innen heraus gestorben war. Das ist die Geschichte Mesopotamiens, der erste Ort [musik] auf der Erde, an
- dem Menschen aufgehört haben, einfach zu überleben und begonnen haben, eine Welt zu erschaffen. Städte, Gesetze, Schrift, Mathematik, die Idee, dass ein Mensch
- über andere Menschen herrschen kann, nicht durch rohe Gewalt allein, sondern durch Recht und durch Gott.
- Und dann ist alles davon verschwunden. Nicht [musik] durch eine einzige Katastrophe, nicht durch eine Flut, wie
- es ihre eigenen Mythen erzählten, sondern durch etwas, das viel langsamer und viel grausamer ist. Durch Kriege, die Generationen dauerten, durch Dürren,
- die keine Ernte mehr zuließen, durch Könige, die ihre eigenen Priester gegen sich aufbrachten, durch Völker, die aus dem Nichts kamen und alles übernahmen,
- was andere aufgebaut hatten. Was wirklich mit Mesopotamien passiert ist, was den ersten Zivilisationen der
- Erde ein Ende bereitet hat, das ist die Geschichte, die wir heute erzählen. Und am Ende dieser Geschichte wird klar, dass das, was damals passierte, nicht so
- weit weg ist, wie es klingt. Wir beginnen am Anfang. Nicht mit einem König, nicht mit einem Krieg, [musik]
- sondern mit einem Fluss. Vor etwa 10.000 Jahren war das Land zwischen dem Euphrat und dem Tigris ein
- Ort, den kein Mensch wählen würde, wenn er eine Wahl hätte. Es gab keinen Stein zum Bauen, kein Holz für Feuer. Der Boden war flach, heiß, von
- Überschwemmungen bedroht. Zweimal im Jahr, wenn die Schneeschmelze aus den Bergen des heutigen Anatoliens den Flüssen neue Kraft gab, konnte das
- gesamte Tiefland unter Wasser stehen. Wer hier lebte, lebte gefährlich. Und doch blieben Menschen, weil das Wasser, so unberechenbar es war, auch
- etwas mitbrachte: Schlamm. Reicher, tiefer, fruchtbarer Schlamm, der nach jeder Überflutung auf dem Boden zurückblieb. Dieser Schlamm war Nahrung
- und wo Nahrung in Hülle und Fülle wächst, sammeln sich Menschen. Etwa um 5000 vor Christus begannen kleine Gruppen sich entlang des unteren
- Euphrats dauerhaft niederzulassen. Die sogenannte [musik] Obeid-Kultur, benannt nach einem Hügel im heutigen Irak, wo ihre Spuren [musik] zuerst gefunden
- wurden. Keine großen Städte, keine Könige, nur Dörfer, die langsam wuchsen, weil der Boden es erlaubte und das Wasser es erzwang. Sie bauten
- Bewässerungskanäle, einfache, winzige Gräben am Anfang, aber entscheidend. Wer Wasser kontrollierte, kontrollierte das Leben.
- Dann kam Uruk. Um 3400 [musik] vor Christus war Uruk, am Unterlauf des Euphrats gelegen,
- bereits etwas, das die Welt noch nie gesehen hatte. Eine Stadt. Nicht ein Dorf, nicht ein Lager, eine echte, wachsende, lärmende, stinkende,
- lebendige Stadt mit vielleicht 40.000 Einwohnern auf ihrem Höhepunkt. Das war in einer Zeit, in der die [musik] meisten Menschen der Erde in Gruppen von
- einigen Dutzend lebten, eine fast unvorstellbare Konzentration von Menschenleben.
- Und mit dieser Konzentration entstand ein Problem, dass die Menschheit vorher nie hatte lösen müssen. Wie organisiert man 40.000 Menschen? Wie weißt du, wer
- welches Korn abgeliefert hat, wer welches Feld bearbeitet, wer welchen Tempel schuldete, wie viel Öl, wie viel Gerste, wie viele Ziegen?
- Das Gehirn ist gut darin, eine Handvoll Beziehungen zu verwalten, aber keine 1000 Transaktionen gleichzeitig zu erinnern. Also erfanden die Menschen in
- Uruk etwas, das alles veränderte. Sie drückten spitze Schreibgriffel in weichen Ton, kleine Keile, Winkel, Zeichen. Piktogramme zuerst, die nach
- und nach abstrakter wurden, bis sie eine vollständige Schrift bildeten, die wir heute Keilschrift nennen. Die ältesten beschrifteten Tontafeln, die wir
- gefunden haben, stammen aus dieser Zeit in Uruk. Um 3500 bis 3300 [musik] vor Christus.
- Die erste Sache, die Menschen je aufschrieben, war keine [musik] Liebesgeschichte, kein Gebet, kein Epos. Es war eine Quittung. Drei Säcke Gerste,
- 30 Ziegen, 18 Einheiten Öl. Die Schrift wurde nicht aus Poesie geboren, sie wurde aus Bürokratie [musik] geboren. Aus der schlichten, brutalen
- Notwendigkeit, große Mengen Dinge zu verwalten. Über diese Tafeln hinaus bauten [musik] die Sumerer, wie wir die ersten Bewohner
- dieser Region nennen, Tempel, die man Zikkurate nannte. Gestaffelte Türme aus Lehmziegeln, die in den Himmel strebten, in einer Landschaft, die so flach war,
- dass man jeden Hügel von Kilometern weit sehen konnte. Diese Türme waren keine bloßen Gotteshäuser. [musik] Sie waren Verwaltungszentren,
- Getreidespeicher, politische Institutionen. Der Tempel war das Herz der sumerischen Stadt, weil der Gott, dem er geweiht war, theoretisch das
- gesamte Land besaß. Die Priester, die im Namen des Gottes handelten, kontrollierten die Verteilung von Ressourcen. Und wer Ressourcen
- kontrollierte, kontrollierte alles. Es entstanden Stadtstaaten: Uruk, Ur, Lagasch, Nippur, Kisch. Jede Stadt mit
- ihrem eigenen Gott, ihrem eigenen König, [musik] ihrem eigenen Militär. Und von Anfang an kämpften sie gegeneinander. Die Königsliste der Sumerer, ein
- Dokument, das auf Tontafeln überliefert ist und die Abfolge der Herrscher aufzeichnet, erzählt von Kriegen zwischen Kisch und Uruk, zwischen
- Lagasch und Uma, die über Generationen andauerten, über Felder, über Kanäle, über Wasser.
- Der König war ursprünglich kein dauerhafter Herrscher. Er war ein Anführer für den Krieg, gewählt, wenn Gefahr drohte und dann wieder [musik]
- entlassen. Aber Kriege hörten nicht auf. Und wer die Macht einmal hat, gibt sie nicht freiwillig zurück. Die Könige wurden dauerhaft. Sie wurden Söhne der
- Götter. Sie wurden Unsterbliche in Sandstein gemeißelt. Gilgamesch, der König von Uruk, der zwischen 3000 und 2500 vor Christus regiert haben soll,
- wurde zur ersten großen Figur der Weltliteratur. Das Gilgamesch-Epos, das älteste erzählerische Werk der Menschheit,
- erzählt von einem Herrscher, der unsterblich werden wollte und lernen musste, dass selbst ein König stirbt.
- Aber während die sumerischen Stadtstaaten sich gegenseitig aufrieben, wuchs im Norden eine andere Kraft heran.
- Die Akkader, ein semitisches Volk, das eine völlig andere Sprache sprach als die Sumerer. Keine Verwandtschaft, kein gemeinsamer Ursprung, den wir kennen.
- Aber dieselbe Umgebung, dieselben Felder, dieselben Kanäle. Und ein Mann namens Sargon.
- Sargon von Akkad ist eine der faszinierendsten und rätselhaftesten Figuren der Geschichte. Spätere Texte, die Jahrhunderte nach seinem Tod
- verfasst wurden, beschreiben ihn als Kind einer Tempeldienerin, ausgesetzt auf dem Euphrat in einem Korb aus Schilf, aufgefunden von einem Gärtner,
- der ihn großzog, Historiker debattieren, wie viel [musik] davon Legende ist. Was wir wissen, ist das hier. Um 2330 vor Christus übernahm Sargon die Stadt
- Akkad, die wir bis heute archäologisch nicht lokalisiert haben. Und dann griff er aus.
- In wenigen Jahrzehnten unterwarf Sargon von Akkad ganz Mesopotamien. Nicht durch überlegene Technologie, nicht durch eine neue Waffe, sondern
- durch etwas, das bis dahin kein Herrscher in diesem Ausmaß getan hatte. Er schuf ein einheitliches Verwaltungssystem.
- Statthalter, die er persönlich ernannte, in jede Stadt. Akkadisch als Staatssprache, die die sumerischen Dialekte überlagerte. [musik]
- Ein Heer, das nicht von einem einzelnen Stadtstaat abhängig war, [musik] sondern von ihm persönlich. Sargon nannte sich selbst König der vier Weltteile und er
- meinte es nicht als Metapher. Sein Reich war das erste Imperium der Menschheitsgeschichte. Es umfasste Teile
- des heutigen Irak, Syriens und Irans. Es kontrollierte Handelswege, die bis an die Küste des Mittelmeers reichten. Und es dauerte weniger als 200 Jahre.
- Der Untergang des akkadischen Reiches ist eine der ältesten Debatten der Geschichtswissenschaft. Lange dominierte die Theorie des
- militärischen Zusammenbruchs, der Aufstand der Gutäer aus dem Zagros-Gebirge, die um 2100 vor Christus das Reich
- überrannten. Aber neuere Forschungen haben etwas anderes in den Mittelpunkt gerückt. Klimadaten [musik] aus dem Bereich der archäologischen Wissenschaft
- zeigen, dass das akkadische Reich um 2300 [musik] bis 2200 vor Christus mit einer massiven Dürreperiode konfrontiert [musik]
- war. Eine Dürre, die nach heutigen Rekonstruktionen bis zu 300 Jahre andauerte. Felder, die kein Getreide mehr lieferten, Kanäle, die versandeten,
- Ernten, die ausblieben. Auf Tontafeln aus dieser Zeit [musik] stehen Klagetexte, die sich lesen wie
- Berichte aus einer Apokalypse. Städte wurden verlassen, Bevölkerungen wanderten in den Süden. Das erste große Reich der Welt kollabierte nicht nur
- durch Krieg, sondern durch eine Kombination aus klimatischem Druck, inneren Spannungen und der grundlegenden Schwäche jedes Systems, das auf einer
- einzigen zentralen Autorität basiert. Stirbt die Autorität, stirbt das System. Aber Mesopotamien starb nicht mit dem akkadischen Reich.
- Die Sumerer erlebten eine letzte Blütezeit. Die dritte Dynastie von Ur, auch Ur-III [musik] genannt, von ungefähr 2012 bis 2000 vor Christus, war
- eine Periode von beeindruckender Verwaltung, Kunst und Bau. König Ur-Nammu schrieb um 2100 vor Christus das erste erhaltene Gesetzbuch der
- Geschichte. Vor Hammurabi, vor den Römern, vor allem, was wir aus der Schule kennen. Ur-Nammus Gesetze regelten Entschädigungen für
- Verletzungen, Rechte für Witwen und Waisen, Grundsätze der Gerechtigkeit. Ob diese Gesetze wirklich angewendet wurden, ist eine andere Frage. Aber dass
- sie aufgeschrieben wurden, bedeutet, dass jemand bereits daran glaubte, dass Herrschaft durch Recht legitimiert werden musste, nicht nur durch Kraft.
- Dann kamen die Amoriter. Nomadische Stämme aus dem Westen, die in einer Zeit der Schwäche in das Herzland Mesopotamiens eindrangen und sich
- festsetzten. Sie übernahmen keine Zivilisation durch Zerstörung. Sie übernahmen sie, indem sie Teil von ihr wurden. Sie lernten Keilschrift. Sie
- adoptierten die sumerischen Götter und einer von ihnen gründete eine Stadt, die zum Symbol einer ganzen Ära werden sollte.
- Um 1894 vor Christus war Babylon noch eine Stadt und der vielen. Nicht besonders groß, nicht besonders wichtig. Im heutigen
- Irak gelegen, etwa 80 km südlich von Bagdad. Aber im Jahr 1793 vor Christus bestieg ein König namens
- Hammurabi den Thron. Hammurabi ist jemand, über den die Geschichte gerne einfache Sätze sagt. Er
- war der erste Gesetzgeber. Er vereinte Mesopotamien. Er schrieb das Prinzip Auge um Auge in Stein. Aber Hammurabi war komplizierter als das. In den ersten
- 30 Jahren seiner Herrschaft führte er kaum Krieg. Er baute Kanäle. Er reparierte Tempel. Er verhandelte. Er wartete. Und dann, als seine Nachbarn
- durch interne Konflikte geschwächt waren, griff er aus, schnell und präzise und unterwarf in weniger als 10 Jahren fast ganz Mesopotamien.
- Der Codex Hammurabi ist auf einer etwa 2 1/4 m hohen Steinstelen eingraviert, die heute im Louvre in Paris steht. Oben ist ein Relief, das Hammurabi zeigt, wie er
- vom Sonnengott Shamash Gesetze empfängt. Darunter stehen 182 erhaltene Gesetze in akkadischer Keilschrift. Sie regeln Löhne, Mieten, Adoption, Ehescheidung,
- Diebstahl, ärztliche Malpractice, Haftung von Baumeistern für zusammenbrechende Häuser. Wenn ein Baumeister ein Haus baut, das einstürzt
- und den Besitzer tötet, dann soll der Baumeister getötet werden. Wenn der Sohn des Besitzers stirbt, soll der Sohn des Baumeisters sterben.
- Hart, aber aufgeschrieben, öffentlich, bindend für jeden. Das war das Neue. Hammurabis Reich dauerte nach seinem Tod um 1750 vor Christus keine zwei
- Generationen. Wieder kamen Eindringlinge aus den Bergen. Die Kassiten, ein Volk unbekannter Herkunft, übernahmen Babylon um 1600 vor Christus und regierten es
- für fast 400 Jahre. 400 Jahre, das ist länger als die gesamte Geschichte der Vereinigten Staaten bis heute. Und trotz dieser langen Herrschaft wissen wir
- erschreckend wenig über sie, weil sie kaum eigene Texte hinterließen. Sie übernahmen babylonische Kultur. Sie übernahmen babylonische Sprache. Sie
- wurden zu Babyloniern und doch waren es keine. Während Babylon unter Kassitenherrschaft in relativer Ruhe lebte, wuchs im Norden
- ein Imperium heran, das die Welt für drei Jahrhunderte in Schrecken versetzen sollte.
- Assyrien. Die assyrische Geschichte beginnt bescheiden. Die Stadt Assur am oberen
- Tigris war ursprünglich vermutlich [musik] eine Handelsstadt. Kaufleute, nicht Krieger. Assyrische Händler hatten im 20. Jahrhundert vor Christus ein Netz
- von Handelsniederlassungen im heutigen Anatolien, tausende Kilometer von ihrer [musik] Heimat entfernt. Tontafeln aus dieser Zeit, gefunden in
- einem Ort namens Kültepe in der heutigen [musik] Türkei, belegen den ausgedehnten Handel mit Zinn und Textilien gegen Silber und Gold.
- Aber im 14. Jahrhundert vor Christus begann Assyrien eine andere Identität anzunehmen. Unter König Assur-uballit dem Ersten löste sich Assyrien aus der
- Abhängigkeit von der mittanischen Herrschaft, die es zuvor kontrolliert hatte. Und mit der Freiheit kam der Appetit auf mehr.
- Was die Assyrer zu etwas Besonderem machte in der Geschichte des Nahen Ostens, war nicht, dass sie Krieg führten. Alle Reiche führten Krieg. Was
- sie besonders machte, war die industrielle Systematik, mit der sie das taten. Die assyrische Armee war keine Sammlung von Kriegern, die im Frühjahr
- kämpften und im Winter nach Hause gingen. Sie war eine professionelle, permanente Streitkraft mit spezialisierten Einheiten,
- Bogenschützen, Speerkämpfer, Belagerungsspezialisten mit Rammböcken und mobilen [musik] Türmen, Ingenieure, die in der Lage waren, in kürzester Zeit
- Brücken über Flüsse zu schlagen. Und sie nutzten Angst als Waffe. Assyrische Könige ließen Inschriften anfertigen, in denen sie detailliert
- beschrieben, [musik] was sie mit besiegten Feinden gemacht hatten. Keine blumigen Euphemismen, präzise, grafische Beschreibungen von dem, was Widerstand
- kostet. Das war keine Grausamkeit um der Grausamkeit willen, das war Kalkulation. Eine Stadt, die sich kampflos ergab, durfte weiter existieren. Eine Stadt,
- die sich [musik] widersetzte, wurde dem Erdboden gleichgemacht. Die Botschaft war klar und sie funktionierte.
- Unter König Tiglatpileser dem Dritten, der von 745 bis 727 vor Christus regierte, erreichte Assyrien
- [musik] seine erste große Expansionsphase. Er eroberte Babylon, Phönizien, Palästina, Teile Israels. Er erfand auch
- etwas Neues in der imperialen Verwaltung, die systematische Deportation von Bevölkerungen. [musik] Wenn eine Gruppe als schwer zu
- kontrollieren galt, wurde [musik] sie einfach kollektiv in eine andere Region des Reiches umgesiedelt. Fremd in einem fremden Land, ohne lokale Netzwerke,
- ohne Verbündete, ohne die Möglichkeit, sich zu organisieren. Die Deportation der nordisraelitischen Stämme, die um 720 vor Christus
- stattfand, ist als das Verschwinden der zehn Stämme Israels in die Geschichte eingegangen.
- Dann kam Assurbanipal, der letzte große König Assyriens, der von 669 bis ungefähr 627
- vor Christus regierte. Unter ihm erstreckte sich das assyrische Reich von Ägypten bis zum Persischen Golf. Kein anderes Reich hatte je so viel
- Territorium in dieser Region kontrolliert. Er war ein brutaler Krieger. Aber er war auch etwas, das seine Vorgänger nicht gewesen waren, ein
- Sammler von Wissen. In seiner Hauptstadt Ninive ließ Assurbanipal eine Bibliothek [musik] anlegen. Nicht zufällig angehäufte
- Texte, eine planmäßig zusammengestellte Sammlung des gesamten Wissens der mesopotamischen Welt. Schreiber wurden in alle Teile [musik] des Reiches
- geschickt mit dem Auftrag, Texte zu kopieren und nach Ninive zu bringen. Wie tausende und abertausende Tontafeln, [musik]
- auf denen Omenliteratur stand, medizinische Texte, astronomische Beobachtungen, [musik] das Gilgamesch-Epos in seiner
- vollständigsten erhaltenen Version, Beschwörungsformeln, historische Chroniken. Assurbanipal wollte alles wissen. Auf einer Tontafel
- heißt es in seinem Namen: Ich habe die verborgene Schrift des Himmels und der Erde gelernt.
- Aber während Assurbanipal las, brannte sein Reich. Das assyrische Modell hatte einen strukturellen Fehler, den alle großen
- Reiche der Geschichte früher oder [musik] später entdecken. Je größer das Reich, desto länger die Grenzen. Desto mehr Ressourcen, um diese Grenzen zu
- sichern. Desto mehr Steuern, die erhoben werden müssen. Desto mehr Bevölkerungen, die man deportiert, unterwirft, kontrolliert, die irgendwann genug
- haben. Das assyrische Reich hatte im achten und siebten Jahrhundert vor Christus fast ununterbrochen Krieg geführt. Gegen Babylon, das sich
- mehrmals auflehnte. Gegen Elam im Osten. Gegen Ägypten im Westen. Gegen die Meder aus dem Norden. Jeder Sieg kostete Männer und Geld. Jede besiegte
- Bevölkerung wurde [musik] zu einem potenziellen zukünftigen Feind. Als Assurbanipal starb, wissen wir nicht einmal genau wann, gingen die Historiker
- lange von 627 vor Christus aus, brach das Machtvakuum sofort auf. Seine Söhne bekriegten einander um den Thron. Provinzen
- rebellierten. Und zwei Mächte, die lange im Schatten Assyriens gewartet hatten, erkannten ihre Chance.
- Im Süden hatte ein General namens Nabopolassar, Anführer eines babylonischen Stammes, im Jahr 626
- vor Christus den babylonischen Thron bestiegen. Er war kein direkter Nachkomme alter babylonischer Könige. Er war ein Militärführer, der die Schwäche
- des Moments erkannte und handelte. Im Norden [musik] hatten die Meder unter ihrem König Kyaxares eine eigene Großmacht aufgebaut. Nabopolassar und
- Kyaxares schlossen ein Bündnis, das mit einer Heirat besiegelt wurde. Nabopolassar Sohn Nebukadnezar nahm die Enkelin des Mederkönigs zur Frau.
- Dann begannen sie Assyrien systematisch zu zerlegen. Im Jahr 1614 vor Christus, Entschuldigung, 1610 vor
- Christus, nein. Im Jahr 1610 fiel Assur, 1612 fiel dann Ninive. Im Sommer des Jahres 1612 vor Christus, nach einer
- dreimonatigen Belagerung, brachen die Mauern der größten Stadt der Welt. Nabopolassar befahl, alles zu zerstören, Tempel, Paläste, Denkmäler. Er ließ
- Ninive so gründlich dem Erdboden gleich machen, dass die Überreste der Stadt erst im Jahr 1842 nach Christus wiederentdeckt wurden.
- Mehr als 2000 Jahre lag eine der mächtigsten Städte, die je existiert hatten, unter dem Sand des heutigen Irak.
- Das Assyrerreich war tot, aber Mesopotamien nicht. Was folgte, war die letzte große Blüte der mesopotamischen Welt. Das
- neubabylonische Reich, manchmal auch das chaldäische Reich genannt, war auf den Trümmern der assyrischen Macht errichtet und es wollte beweisen, dass Babylon die
- rechtmäßige Erbin aller Zivilisation war, die je in dieser Region entstanden war.
- Nebukadnezar der II., Sohn Nabopolassars, bestieg im Jahr 605 vor Christus den Thron und regierte bis 602 vor Christus.
- In dieser Zeit schuf er eine Stadt, die in der Antike zur Legende wurde. Babylon unter Nebukadnezar war vielleicht die größte Stadt der damaligen Welt. Die
- griechische Überlieferung spricht von einer Anlage mit 13 km langen Mauern. Das Ischtar-Tor, ein Triumphbogen aus blauen Glasurziegeln, auf dem goldene
- Löwen, Stiere und Drachen abwechselten, war der Eingang zur inneren Stadt. Rekonstruierte Fassadenteile davon stehen heute im [musik] Pergamonmuseum
- in Berlin. Und dann waren da die Hängenden Gärten. Ob sie wirklich in Babylon standen, ist eine der hartnäckigsten Debatten der
- Altertumswissenschaft. Keine einzige babylonische Quelle erwähnt sie. Alle Beschreibungen kommen von griechischen und römischen Autoren.
- Manche Forscher vermuten, dass die Hängenden Gärten in Wirklichkeit [musik] in Ninive standen und unter Sanherib angelegt wurden, nicht in Babylon und
- nicht unter Nebukadnezar. Andere halten an der traditionellen Zuschreibung fest. Was wir wissen ist, dass Nebukadnezar ein Bauprogramm von
- einem Ausmaß betrieb, dass seine Zeitgenossen in Staunen versetzte. Die Stadt, die er hinterließ, wurde von Herodot, dem griechischen Historiker,
- als die schönste Stadt, die er je [musik] gesehen hatte, beschrieben. Aber Schönheit schützt kein Reich. Nebukadnezar führte auch Kriege. 697
- [musik] vor Christus, Entschuldigung, 607 vor Christus 605 zerstörte er den Tempel,
- den Salomon gebaut hatte und deportierte [musik] tausende Juden nach Babylon. Die babylonische Gefangenschaft, wie sie [musik] die Bibel nennt, ist für die
- jüdische Geschichte ein zentrales Trauma. Für die babylonische Geschichte war es Routineverwaltung. Die gleiche Politik, die die Assyrer
- erfunden hatten. Nach Nebukadnezar wurde es schnell unruhig. In weniger als 40 Jahren kamen
- und gingen vier Könige. Interne Machtkämpfe, Aufstände und dann kam Nabonid, der letzte König Babylons.
- Und er war eine Katastrophe, nicht wegen militärischer Schwäche, sondern wegen eines Konflikts, den er selbst provozierte.
- Nabonid war religiöser Außenseiter. In Babylon war Marduk der Hauptgott [musik] und der Tempel des Marduk war das politische und religiöse Zentrum der
- Stadt. Der König musste jährlich an bestimmten Ritualen teilnehmen, ohne die er keine legitime Herrschaft beanspruchen konnte. Nabonid aber
- bevorzugte einen anderen Gott, Sin, den Mondgott, und er verließ Babylon für 10 Jahre. 10 Jahre. Er ließ sich in der arabischen Wüste nieder, in einem Ort
- namens Tayma und regierte das Reich aus der Ferne, während sein Sohn Belsazar in Babylon die Geschäfte führte. Die Priesterschaft des Marduk, ohne ihren
- König, ohne ihre Rituale, ohne die symbolische Legitimation ihrer Herrschaft, war wütend [musik] und sie suchte sich einen neuen
- Herrscher. Im Osten wuchs eine Macht heran, die noch niemand richtig ernst genommen
- hatte. Die Perser. Unter Kyros dem Zweiten, dem Großen,
- hatte das persische Reich in wenigen Jahrzehnten das medische Reich verschluckt, das lyrische Königreich in Anatolien besiegt und stand [musik] nun
- an den Grenzen Babylons. Kyros war politisch klug. Er stellte sich nicht als Feind [musik] vor. Er stellte sich als Befreier vor, als jemand, der nicht
- für [musik] Marduk kämpfte, sondern für Marduk kämpfte, gegen den König, der Marduk vernachlässigt hatte.
- Die Priesterschaft öffnete die Tore. Am 6. Oktober 639 vor Christus marschierten die persischen Truppen unter dem Feldherrn Gubaru
- kampflos in Babylon ein. Am 22. Oktober folgte Kyros selbst, nach historischen Berichten [musik] unter dem Jubel der Priesterschaft und Teilen der
- Bevölkerung. Nabonid, der irgendwie [musik] noch nach Babylon zurückgekehrt war, wurde gefangen genommen. Belsazar, sein Sohn, soll in der Stadt gefallen
- sein. Kyros ließ sich die Hand der Marduk-Statue reichen, führte traditionelle babylonische Rituale durch und nahm den Titel König von Babylon an.
- Aus machtpolitischer Sicht war die Übernahme perfekt. [musik] Keine Massenhinrichtungen, keine systematische Zerstörung, kein Brand. Babylon blieb
- Babylon. Es blieb eine der größten Städte der Welt. Aber es war nicht mehr das Zentrum einer souveränen Zivilisation. Es war eine
- Provinzhauptstadt des persischen Reiches. Und damit endete, was in Uruk begonnen hatte.
- Nicht sofort, nicht mit einem letzten symbolischen Moment, sondern langsam, über Generationen verlor die mesopotamische Zivilisation das, was sie
- zur Zivilisation gemacht hatte. Ihre politische Eigenständigkeit war weg. Die Keilschrift, die ja tausendelang die Sprache der Verwaltung, der Literatur,
- der Wissenschaft gewesen war, wurde nach und nach durch das Aramäische ersetzt, die Lingua Franca des persischen Reiches. Die Tempel wurden weitergebaut,
- die alten Götter weiter verehrt, aber das Herz, der Motor, die politische Kraft, die all das am Leben gehalten hatte, war erloschen.
- Alexander der Große kam im Jahr 333 vor Christus. Er betrat Babylon und soll geweint haben, nicht aus Trauer, sondern aus Bewunderung. Er wollte Babylon zur
- Hauptstadt seines [musik] Weltreiches machen. Er starb dort im Jahr 310 vor Christus, ohne dass dieser Plan je verwirklicht worden wäre. Die Stadt
- [musik] begann danach zu schrumpfen. Die Seleukiden, seine Nachfolger, verlegten die Hauptstadt der Region nach Seleukia am Tigris. Babylon verlor Einwohner,
- Handel, Bedeutung. Um die Zeitenwende war es weitgehend verlassen. Die letzten bekannten Tontafeln in Keilschrift stammen aus dem ersten
- Jahrhundert nach Christus. Astronomische Beobachtungen, [musik] noch immer in derselben Schrift aufgezeichnet, die 3500 Jahre zuvor in Uruk erfunden worden
- war. Dann nichts mehr. Was bleibt, wenn eine Zivilisation verschwindet?
- Mehr als wir meistens denken. Das Rad, das in Mesopotamien seine frühesten [musik] sicheren Belege hat. Die Mathematik im Sexagesimalsystem
- auf der Basis 60, die die Sumerer [musik] und Babylonier entwickelten und die wir noch heute benutzen, wenn wir sagen, eine Stunde hat 60 Minuten und
- ein Kreis hat 360°. Die Astronomie, die mesopotamischen Beobachter über Jahrhunderte betrieben und aus der das Fundament moderner
- Astronomie entstand. Der erste Kalender, das erste Konzept des Zinses, der erste schriftlich überlieferte Vertrag, die erste Rechtssammlung, die erste Schule,
- der erste Bibliothekskatalog. Und das Gilgamesch-Epos. Ein König, der unsterblich werden
- wollte, [musik] der eine Reise ans Ende der Welt unternahm, um das Geheimnis des ewigen
- Lebens zu finden. Der es fast in der Hand hielt, als eine Schlange es ihm stahl. [musik]
- Und der am Ende lernte, dass die einzige Unsterblichkeit, die einem Menschen wirklich bleibt, die Mauern sind, die er baut, [musik] die Dinge, die er
- hinterlässt. Denn auch Gilgamesch ist unsterblich geworden, nicht als Mensch, sondern als Geschichte auf einer Tontafel. Eine Geschichte, die 4000
- Jahre nach seinem Tod immer noch gelesen wird. Es gibt eine Schicht unter dem Erdboden im heutigen Irak. Archäologen [musik]
- nennen sie den Sintflutschlamm. Sie ist überall, unter Ur, unter Uruk, unter Kisch. Eine dicke Schicht aus Sediment, die zeigt, dass die gesamte Region
- irgendwann überflutet wurde. Nicht der ganze Erdball, aber das gesamte Tiefland zwischen Euphrat und Tigris, [musik] das damals für die Menschen dort die gesamte
- bekannte Welt war. Und in den Texten aus dieser Zeit steht die Geschichte eines Mannes, der sich ein Schiff baute, seine Familie rettete, Tiere einlud und die
- Flut überstand. Die Sintflutgeschichte ist älter als die Bibel. Sie ist älter als alles, was wir als Kulturgeschichte kennen. Sie wurde aufgeschrieben in
- Uruk, auf denselben Tontafeln, [musik] auf denen auch Getreidelieferungen und Rechtsvorschriften standen.
- Was das bedeutet, ist schwer in Worte zu fassen. Diese Menschen lebten in ständiger Angst vor [musik] dem Wasser, vor der Flut, die jederzeit kommen
- konnte. Und trotz dieser Angst, oder vielleicht genau wegen ihr, bauten sie Städte, schrieben sie Gesetze, erfanden sie Schrift, formulierten sie Mythen
- über das Ende der Welt und die Frage, wie ein Mensch trotzdem weitermacht. Das ist es, was wirklich von Mesopotamien geblieben ist, nicht die
- Paläste, nicht die Mauern, sondern die Grundannahme, die diese Menschen als erste in der Geschichte formuliert haben, dass das Leben organisiert werden
- kann, dass Chaos in Ordnung verwandelt werden kann, dass ein einzelner Mensch Dinge aufschreiben kann, die nach seinem Tod noch [musik] gelten.
- Das klingt selbstverständlich. Für uns heute ist es selbstverständlich. Wir denken nicht darüber nach, dass jemand diese Idee zum ersten Mal haben musste.
- Irgendwann in einer Stadt namens Uruk vor mehr als 5000 Jahren drückte ein Schreiber zum ersten Mal einen Schreibgriffel in Ton und entschied,
- dass das, was er dachte, bleiben sollte. Mesopotamien ist verschwunden. Die Sprachen sind tot. Die Städte sind Sand.
- Die Götter, die man [musik] dort anrief, Marduk, Enlil, Inanna, ruft niemand mehr an. Aber die Werkzeuge, die diese Menschen erfunden haben, um ihr Leben zu
- organisieren, die sind geblieben. Und ohne es zu wissen, benutzen wir sie jeden [musik] Tag. Einzig. Das erste Mal, wenn du heute eine Stunde
- in 60 Minuten aufteilst, [musik] denkst du auf eine Art, die vor 5000 Jahren in einer Stadt zwischen zwei Flüssen erfunden wurde, die du wahrscheinlich
- noch nie besucht hast und die heute unter dem Boden eines Landes liegt, das wir aus den Nachrichten kennen. Das ist das Vermächtnis Mesopotamiens,
- nicht die hängenden Gärten, ob sie je existiert haben oder nicht, nicht Assurbanipal, der las, während sein Reich brannte, nicht Hammurabi, der
- Gesetze in Stein meißeln ließ, sondern die schlichte, revolutionäre Idee, dass Wissen aufbewahrt werden kann, dass es nicht mit dem stirbt, der es gedacht
- hat. Wenn dir diese Geschichte etwas gegeben hat, dann lass ihr ein Abonnement da.
- Nicht für uns, für die nächste Geschichte, die erzählt werden muss.
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