Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Urbanisierung
Unter Urbanisierung (lateinisch urbs ‚Stadt') versteht man die Ausbreitung städtischer Lebensformen. Diese kann sich einerseits im Wachstum von Städten …
Inhalt6 Abschnitte
Grundidee und Entwicklung
Urbanisierung bedeutet die Ausbreitung städtischer Lebensformen. Sie zeigt sich nicht nur darin, dass Städte durch Wohnbebauung, Gewerbe und Industrieflächen wachsen, sondern auch darin, dass ländliche Räume städtische Infrastruktur und städtische Verhaltensweisen übernehmen. Der engere Begriff Verstädterung meint eher die räumliche Ausweitung von Städten; Urbanisierung umfasst zusätzlich gesellschaftlichen Wandel.
Historisch stieg der Anteil der Stadtbevölkerung langfristig an. Seit 2008 lebt weltweit erstmals mehr als die Hälfte der Menschheit in Städten. Der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen prognostizierte 2007 für das Jahr 2030 etwa 5 Milliarden Städter. Besonders stark soll Urbanisierung künftig in Afrika und Asien stattfinden.
Frühe Städte waren lange durch die geringe landwirtschaftliche Produktivität begrenzt, weil nur wenige Lebensmittelüberschüsse für Stadtbewohner vorhanden waren. In Asien entstanden später erste Millionenstädte; im Mogulreich des 16. Jahrhunderts lebten vermutlich bereits 15 % der Menschen in Städten. In Deutschland erreichte Köln erst um 1500 etwa 40.000 Einwohner, Wien überschritt um 1700 als erste Stadt des Römisch-Deutschen Reichs 100.000 Einwohner.
In Europa beschleunigte sich Urbanisierung besonders im 19. Jahrhundert durch Industrialisierung, Bevölkerungswachstum und Landflucht. Um 1800 lebten etwa 25 % der deutschen Bevölkerung in Städten und 75 % auf dem Land. Viele landlose Arbeiter und verarmte Kleinbauern zogen in Städte und wurden Teil des Industrieproletariats. Schlechte Arbeits- und Lebensbedingungen führten zur „sozialen Frage“. Technische Voraussetzungen des Städtewachstums waren unter anderem der Abbau alter Stadtbefestigungen, Kanalisation, zentrale Wasserversorgung, konzentrierte Energieträger wie Kohle und Gas, Eisenbahnanschlüsse, Nahverkehr sowie nach 1900 der Stahlskelettbau.
Arten und Messung
Man unterscheidet mehrere Formen oder Indikatoren der Urbanisierung. Physische Verstädterung bedeutet die Ausbreitung städtischer Wohnformen und Flächennutzungen. Funktionale Verstädterung beschreibt die Verflechtung von Stadt und Land, etwa durch Suburbanisierung, städtische Produktions- und Dienstleistungsformen im Umland sowie neue Kommunikations- und Informationsnetze. Demographische Verstädterung meint den steigenden Anteil der Stadtbevölkerung an der Gesamtbevölkerung eines Gebietes. Dabei richtet sich die Frage, was als Stadt gilt, nach der offiziellen Verwaltungseinteilung des jeweiligen Landes.
Zur demographischen Verstädterung gehören zwei wichtige Messgrößen. Der Verstädterungsgrad oder die Verstädterungsquote ist der Anteil der Stadtbevölkerung an der Gesamtbevölkerung; 2007 lag er weltweit bei 50 %. Die Verstädterungsrate misst den Zuwachs dieses Anteils und beschreibt damit den Prozess. 1990 betrug die durchschnittliche Verstädterungsrate weltweit 4,2 %.
Eine weitere Form ist die Verdichtung des Städtesystems: Die Zahl der Städte nimmt zu, entweder durch Neugründungen oder durch die Verleihung des Stadttitels. Typische Gründungsphasen gab es in den mesopotamischen Hochkulturen, der griechischen und römischen Antike, im Hochmittelalter, im Barockzeitalter und im Industriezeitalter. Als Beispiel nennt der Artikel Shenzhen, das von 1980 bis 2010 als am schnellsten wachsende Stadt der Menschheitsgeschichte gilt.
Ursachen und verbundene Prozesse
Die Ursachen früher Urbanisierung sind umstritten. In Mesopotamien begann Urbanisierung um 3500 v. Chr. mit Uruk; um 3000 v. Chr. folgte Ur. Nach der Historikerin Helen Chapin Metz begünstigten der Zustrom von Siedlern in die fruchtbare Euphratebene, Agrarüberschüsse, Wassermanagement, Hochwasserschutz und die Verfügbarkeit von Lehmziegeln die Stadtbildung. Dass sich ein vergleichbarer Prozess im Niltal lange nicht in gleicher Weise wiederholte, zeigt aber, dass die Ursachen nicht abschließend geklärt sind.
Später entstanden phönizische und griechische Siedlungen häufig an Handelsstützpunkten in Naturhäfen. Im Binnenland waren Straßen eine wichtige Voraussetzung. Im Mittelalter entstanden viele geplante Städte zwischen 1150 und 1250. In den Industrienationen trugen die Mechanisierung der Landwirtschaft, weniger Arbeitsbedarf auf dem Land und bessere städtische Erwerbsmöglichkeiten zur Land-Stadt-Wanderung bei. In Deutschland verloren zudem über 20.000 Dörfer und Kleinstädte durch kommunale Gebietsreformen ihre ökonomische Basis.
Heute findet Urbanisierung besonders in Ländern statt, in denen ländliche Regionen kaum Erwerbsmöglichkeiten bieten. Dadurch entstehen rasch wachsende Millionenstädte mit oft schwer steuerbarer Bebauung, etwa Istanbul mit über 15 Millionen Einwohnern, Lagos mit 10 Millionen oder Mexiko-Stadt mit 20 Millionen. Land-Stadt-Migration kann auch grenzüberschreitend verlaufen und als Kettenwanderung organisiert sein, bei der ein erster Migrant Kontakte, Arbeit und später den Nachzug von Angehörigen ermöglicht.
Mit Urbanisierung verbunden sind Suburbanisierung, Desurbanisierung, Reurbanisierung, Trabanten- und Satellitenstädte sowie der Großwohnungsbau. Seit etwa 1990 nennt der Artikel neue Trends wie Urban Scaling, Gentrifizierung, soziale Segregation, Gated Communities, Multilokalität, Transmigration und den Speckgürteleffekt, bei dem das Umland schneller wächst als die Kernstadt.
Folgen und Risiken
Urbanisierung hat ökologische, ökonomische und soziale Folgen, deren Tragweite besonders in Entwicklungs- und Schwellenländern nicht vollständig absehbar ist. Städte benötigen neue Häuser, Straßen und Versorgungseinrichtungen; dadurch verbrauchen sie Boden, Wasser und andere Ressourcen des Umlandes. Der Energieverbrauch ist in Städten allgemein höher als auf dem Land, besonders in Randzonen von Agglomerationen durch Pendlerverkehr. Gleichzeitig können dicht besiedelte Städte Güter und Dienstleistungen pro Kopf günstiger bereitstellen, etwa bei Trinkwasseraufbereitung, Abfallentsorgung und öffentlichem Verkehr. Dieses Potenzial wird aber oft unzureichend genutzt.
In vielen informellen Siedlungen konzentrieren sich Probleme bei Trinkwasser, Abwasser, Müll und Luftverschmutzung. In Jakarta erreichen weniger als drei Prozent der täglich anfallenden 1,3 Millionen Kubikmeter Abwasser eine Behandlungs- und Aufbereitungsanlage. In armen städtischen Haushalten in den Slums von Rio de Janeiro ist die Sterblichkeitsrate dreimal so hoch wie in Haushalten mit Zugang zu Wasser, Abwasserentsorgung und angemessenen Gebäuden.
Großstädte sind auch besonders katastrophenanfällig. Hohe Siedlungsdichte und Abhängigkeit von vernetzten technischen Systemen, besonders Stromversorgung, verringern die Resilienz. Fast eine halbe Milliarde Menschen leben in küstennahen Städten; 62 Prozent der Städte mit mehr als acht Millionen Einwohnern liegen an der Küste. Megacitys an Flussmündungen wie Bangkok, New York, Shanghai, Tokio oder Jakarta gelten als besonders verwundbar. Hinzu kommen städtische Wärmeinseln: In Ostchina trugen sie nach Daten von 1981 bis 2007 zu 24 Prozent zur durchschnittlichen Erwärmung bei, in Metropolen zu 44 Prozent.
Weitere Folgen betreffen Gesundheit, Familie und Wirtschaft. Wegen hoher Kontaktdichte können sich Virusinfektionen wie SARS, MERS-CoV oder SARS-CoV-2 in rasch wachsenden Städten schneller ausbreiten. Um 2009 lebten 43 % der Stadtbewohner in Schwellenländern und 78 % der Stadtbewohner in den am geringsten entwickelten Ländern in Slums. Urbanisierung verstärkt außerdem den Trend zur Kleinfamilie und zu niedrigen Geburtenraten; Addis Abeba und vietnamesische Städte lagen bei einer Fertilitätsrate von 1,4, Teheran bei 1,32 Kindern je Frau. Zugleich kann sich eine wirtschaftliche Spaltung zwischen Stadt und Land verstärken.
Industrie- und Entwicklungsländer
In Industrieländern war Urbanisierung meist mit dem Übergang von einer traditionellen ländlichen Gesellschaft zu einer arbeitsteilig-urbanen Gesellschaft verbunden. Häufig gingen Agrarreformen der Industrialisierung und Verstädterung voraus oder liefen gleichzeitig mit ihnen ab. Im 19. Jahrhundert wuchsen Städte in Industrieländern vor allem durch Zuwanderung im Zusammenhang mit Industrialisierung; Verwaltung und Recht waren dabei bereits vorhanden und konnten angepasst werden.
In Entwicklungsländern setzte Verstädterung in Lateinamerika in den 1920er Jahren ein und griff seit dem Zweiten Weltkrieg auf alle Länder über. Dort wächst die städtische Bevölkerung oft wesentlich stärker als in europäischen Industrieländern. Auf Megastädten lastet ein doppelter Druck: starke Zuwanderung, die 40–50 % des jährlichen Wachstums ausmacht, und zusätzlich ein noch höheres natürliches Bevölkerungswachstum, auch wenn dieses nachlässt. Gleichzeitig hält der Infrastrukturausbau häufig nicht Schritt.
Ein extremes Beispiel ist Nouakchott, die Hauptstadt Mauretaniens: Die Bevölkerung stieg von 500 Einwohnern im Jahr 1958 bis 2013 auf 900.000, möglicherweise sogar auf zwei Millionen. Das bedeutet mindestens eine Zunahme um 160.000 %. Die indische Wirtschaftswissenschaftlerin Yayati Gosh kritisierte in diesem Zusammenhang den Zusammenbruch der Stadtplanung unter neoliberalen Reformen und sprach von einer Tendenz zu „urban monstrosities of congestion, inequality and insecurity“.
Beispiele einzelner Länder
Deutschland hat einen Verstädterungsgrad deutlich über dem weltweiten Durchschnitt. Ende 2020 hatten die 82 Städte über 100.000 Einwohner zusammen knapp 24,5 Millionen Einwohner, etwa 29,5 % der Gesamtbevölkerung von 83,2 Millionen. Die elf Agglomerationsräume mit mehr als einer Million Einwohnern zählen rund 25,6 Millionen Menschen; die elf Metropolregionen umfassen 44,3 Millionen Einwohner, schließen aber auch große ländliche Gebiete ein. Deutschland ist polyzentrisch geprägt: Es gibt viele Ober- und Mittelzentren, aber keine wirkliche Megastadt. Seit etwa 2011 stagniert der Urbanisierungsgrad bei etwa 77 %. Seit etwa 2014 ziehen wegen steigender Mieten und Immobilienpreise vor allem Familien mit deutscher Staatsangehörigkeit wieder häufiger ins Umland.
In den USA stieg der Urbanisierungsanteil von 1960 bis 2021 fast linear von 70 % auf 83 %. Charakteristisch ist die Suburbanisierung, also die Abwanderung von Einwohnern und Arbeitsplätzen aus den Kernstädten in die Peripherie. Robert Beauregard beschreibt den Niedergang alter industrieller Central Cities und den Aufstieg der Suburbs als „parasitäre Urbanisierung“.
China erlebte trotz früherer Zuwanderungsbeschränkungen eine starke Urbanisierung: 1980 lebten etwa 19 % der Chinesen in Städten, 2000 waren es 36 %, 2010 49 % und 2021 63 %. Die Regierung erklärte planmäßige Urbanisierung 2013 zu einem wichtigen Ziel. Wegen Verkehrs- und Umweltproblemen in großen Agglomerationen sollen bis zu 1000 mittlere Entlastungsstädte im Hinterland der Küstenzone entstehen.
Indien hatte 2010 sechs Megastädte: Mumbai, Delhi, Kalkutta, Chennai, Bengaluru und Hyderabad. Trotzdem lebten 2010 nur 30 % der Inder in Städten, gegenüber 28 % im Jahr 2001. Der jährliche Zuwachs lag bei etwa 2,4 %, während der weltweite Vergleichswert 4,2 % betrug. Der Ausbau von Wasser- und Müllmanagement hält laut Artikel nicht Schritt; Slums breiten sich trotz Bauboom weiter aus. In der Schweiz beschreibt das Bundesamt für Statistik 52 Agglomerationen, in denen rund 74 % der Einwohner leben; 172 Gemeinden gelten als «statistische Stadt».
Lernvideos zu Urbanisierung
5:38
Verstädterung: einfach erklärt -- Studyflix
Studyflix · 6.532 Aufrufe
14:24
Verstädterung im Vergleich: hoch und gering entwickelte Länder
13 Grad Ost · 8.591 Aufrufe
4:58
Urbanisierung - einfach erklärt!
Geographie - simpleclub · 96.686 Aufrufe
5:25
Urbanisierung Suburbanisierung Desurbanisierung Reurbanisierung - Eklärung!
Learning by Watching · 5.816 Aufrufe