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Soziale Ungleichheit

Soziale Ungleichheit bezeichnet in der Soziologie die ungleiche Verteilung materieller und immaterieller Ressourcen in einer Gesellschaft und die sich daraus …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Kennzeichen
  2. 2. Folgen für Gesellschaft, Politik und Wirtschaft
  3. 3. Deutschland: Einkommen, Vermögen und Chancen
  4. 4. Steuern, Gesundheit und politischer Einfluss
  5. 5. Ungleichheit in Großbritannien, den USA und weltweit
  6. 6. Messung und politische Gegenmaßnahmen

Begriff und Kennzeichen

Soziale Ungleichheit bezeichnet die ungleiche Verteilung materieller und immaterieller Ressourcen in einer Gesellschaft sowie die daraus folgenden unterschiedlichen Möglichkeiten, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Der Begriff kann beschreibend verwendet werden, aber auch normativ: Dann enthält er Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen. Er ist nicht gleichbedeutend mit sozialer Differenzierung, also bloßen Unterschieden zwischen Menschen oder Gruppen, und auch nicht automatisch mit Ungerechtigkeit.

Nach Stefan Hradil (2001) liegt soziale Ungleichheit vor, wenn Menschen aufgrund ihrer Stellung im sozialen Beziehungsgefüge regelmäßig mehr von den „wertvollen Gütern“ einer Gesellschaft erhalten als andere. Wertvolle Güter sind Bedingungen für Lebens- und Handlungsmöglichkeiten, etwa Geld, eine unkündbare Berufsstellung, Bildungsabschlüsse, Lebens- und Arbeitsbedingungen oder Macht. Entscheidend ist nicht jeder zufällige Vor- oder Nachteil, sondern eine gesellschaftlich strukturierte, vergleichsweise dauerhafte und verallgemeinerbare Verteilung. Eine ungleiche Verteilung wertvoller Güter wird dabei als „absolute Ungleichheit“ bezeichnet.

Soziale Ungleichheit besteht in allen bekannten Gesellschaften, ist aber sozial erzeugt und nicht naturgegeben. Historisch wurden Ungleichheiten etwa mit Natur oder Gotteswillen erklärt. Seit Rousseaus Schrift von 1755 und spätestens seit Karl Marx wurde Gleichheit oft zu einem politischen Ziel. Marx sah das Privateigentum an Produktionsmitteln und die Herrschaft der Kapitaleigner über die Arbeit der Proletarier als Hauptursache; er erwartete eine proletarische Revolution und eine klassenlose Gesellschaft. Adam Smith stellte dagegen vor allem die Überwindung von Armut in den Mittelpunkt. Auch Diskriminierung kann Ungleichheit erzeugen, etwa Redlining in den USA, das zur ungleichen Ressourcenverteilung nach Wohngebieten beitrug.

Folgen für Gesellschaft, Politik und Wirtschaft

Soziale Ungleichheit ist ein Thema der Soziologie, Politikwissenschaft, Sozial- und Rechtsphilosophie, Volkswirtschaftslehre und Sozialpolitik. Ob ungleiche Verteilungen gesamtwirtschaftlich nützen oder schaden, ist umstritten. Eine verbreitete Position sieht in begrenzter Ungleichheit Leistungsanreize und Wettbewerb; vollständige Gleichstellung könne diese hemmen. Ordoliberalismus und freiheitlicher Sozialismus wollen daher als unvermeidlich angesehene Ungleichheit begrenzen. Kommunismus fordert dagegen soziale Gleichheit und setzt auf Planwirtschaft zur Ressourcenallokation.

Ein als ungleich wahrgenommenes Verteilungsergebnis nannte Amartya Sen 1973 einen häufigen Mitauslöser von Aufständen. Materielle Ungleichheit kann außerdem die politische Teilhabe in Demokratien ungleich machen und sich selbst verstärken. Joseph E. Stiglitz betonte den asymmetrischen Einfluss von Interessengruppen: Besonders das oberste eine Prozent könne durch Parteispenden, Medienkontrolle und Lobbyarbeit Politik zu seinem Vorteil beeinflussen.

Der IWF kam 2014 zu dem Ergebnis, dass Staaten mit geringer Ungleichheit nach Steuern meist schnelleres und dauerhafteres Wirtschaftswachstum aufweisen. Progressive Besteuerung sowie staatliche Investitionen in Gesundheit und Bildung wirkten demnach im Allgemeinen günstig; nur in extremen Fällen gebe es Hinweise auf mögliche negative Folgen von Umverteilung. Die OECD erklärte 2014 und 2015, Ungleichheit mindere Wohlstand und Wachstum. Werden die unteren 40 Prozent, einschließlich Teilen der Mittelschicht, abgehängt, bleibe wirtschaftliches Potenzial ungenutzt. Bei sozial schwachen Familien gehe steigende Ungleichheit mit kürzerer Bildungsdauer und häufig schlechteren Fähigkeiten einher. Steuer- und Sozialtransfers seien wichtig, aber allein nicht ausreichend: Auch Chancen auf dem Arbeitsmarkt, gute Arbeitsplätze sowie Bildung und Kompetenzen seien nötig.

Deutschland: Einkommen, Vermögen und Chancen

In Deutschland werden soziale Ungleichheiten zwischen Personengruppen und in verschiedenen Lebensbereichen festgestellt. Die Bewertung einzelner Daten ist unter Ökonomen umstritten. Marcel Fratzscher erklärte 2016, die Ungleichheit der Lebenseinkommen habe sich in 40 Jahren verdoppelt; die Vermögensungleichheit sei die höchste in der Euro-Zone. Clemens Fuest hielt dagegen fest, die Vermögensungleichheit habe sich seit 2000 nicht verändert. 2021 betrachteten nur 13 % der Bevölkerung Einkommen und Vermögen als gerecht verteilt; 56 % forderten umfassende Reformen, weil sie das Wirtschaftssystem für sozial ungerecht hielten.

Seit den 1990er Jahren gingen niedrige und hohe Einkommen auseinander, während die Mittelschicht schrumpfte. Bei weitgehend konstantem Jahresdurchschnittseinkommen stiegen die Einkommen der oberen 10 % um 6 %, der oberen 0,01 % um 17 %, der reichsten 650 Deutschen um 35 % auf durchschnittlich 15 Millionen Euro und der 65 Reichsten um 53 % auf durchschnittlich 48 Millionen Euro. Laut DIW sank der Anteil der Mittelschicht von 62 % im Jahr 2000 auf 54 % im Jahr 2006. Der Anteil der Einkommensarmen, definiert als weniger als 70 % des Jahres-Medianeinkommens, stieg von 19 % 1996 auf 25 % 2006; der Einkommensreichen mit mehr als 150 % des Medianeinkommens von 19 % auf 21 %. Etwa 14 % der Gesamtbevölkerung lagen 2010 mit ihrem verfügbaren Einkommen unter der Armutsrisikoschwelle.

Regional lag der Armutsanteil bei rund 20 % in Ostdeutschland, rund 15 % in Nordwestdeutschland und rund 11 % in Südwestdeutschland. Vorpommern lag bei etwa 27 %, Schwarzwald-Baar-Heuberg bei 7,4 %. Viele Beschäftigte waren 2006 trotz Arbeit auf Arbeitslosengeld II angewiesen: 1,09 Millionen Aufstocker, darunter 38,5 % Vollzeit-, 14,1 % Teilzeit- und 47,4 % geringfügig Beschäftigte. 5,5 Millionen Menschen arbeiteten für weniger als 7,50 € pro Stunde, 1,9 Millionen für weniger als 5 €.

Vermögen ist noch ungleicher verteilt als Einkommen. 2015 besaß das reichste 0,1 % allein 16 % des Vermögens, so viel wie die unteren 80 %; 1 % besaß etwa ein Drittel. Für 2014 wurde angegeben, dass 10 % der Haushalte 65 % und weitere 20 % 29 % des Vermögens besaßen. Zwei Drittel der Erwachsenen hatten kein oder nur sehr geringes Vermögen. Das durchschnittliche individuelle Nettovermögen betrug 2002 rund 81.000 €, der Median jedoch nur etwa 15.000 €. 81 % des Vermögenszuwachses von 2020 und 2021 entfielen auf das reichste eine Prozent.

Bildung ist in Industriegesellschaften eine zentrale Dimension der Ungleichheit, weil wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Erfolg heute ohne Bildung nahezu undenkbar ist. Studien stellten in Deutschland Bildungsbenachteiligungen für Arbeiter- und Migrantenkinder fest. Höhere Erkrankungsrisiken betreffen besonders Kinder aus armen Haushalten, Migranten, alleinerziehende Frauen und Arbeitslose. Die sozialräumliche Trennung nimmt zu: Über Wohnungsmarkt und Lage geförderter Wohnungen werden arme Haushalte mit Kindern häufiger in benachteiligte Viertel und Hochhaussiedlungen am Stadtrand verdrängt.

Steuern, Gesundheit und politischer Einfluss

Nach Joachim Wieland verschlechtert eine höhere Umsatzsteuer oder eine niedrigere Einkommen- und Körperschaftsteuer das Verhältnis direkter zu indirekten Steuern für leistungsschwächere Steuerzahler. Direkte Steuern folgen durch die Steuerprogression stärker dem Leistungsfähigkeitsprinzip; die Umsatzsteuer trifft dagegen alle gleich, unabhängig von ihrer Finanzkraft. Eine gesunkene Steuerbelastung wirtschaftlich Leistungsfähiger verringerte nach dieser Darstellung die Steuergerechtigkeit und vergrößerte den Abstand zwischen Arm und Reich.

Ein Forschungsbericht für das Bundesministerium für Arbeit und Soziales von 2016 wertete Entscheidungen aus den Jahren 1998 bis 2015 aus. Er fand einen deutlichen Zusammenhang zwischen politischen Entscheidungen und den Einstellungen von Personen mit höherem Einkommen, aber keinen oder sogar einen negativen Zusammenhang für Einkommensschwache.

Eine Studie für die Bertelsmann Stiftung untersuchte 2020 das Nebeneinander privater Krankenversicherung (PKV) und gesetzlicher Krankenversicherung (GKV). PKV-Mitglieder hatten demnach durchschnittliche jährliche Einnahmen von 37.858 €, GKV-Mitglieder von 24.149 €. Wären PKV-Versicherte gesetzlich versichert, überträfen die Mehreinnahmen die Mehrausgaben. Damit könne der Beitragssatz um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte sinken, während höhere Arzthonorare für Privatpatienten erhalten blieben. Ein durchschnittliches GKV-Mitglied zahle laut Studie jährlich 48 € dafür, dass Gutverdiener, Beamte und Selbstständige dem Solidarausgleich nicht angehören.

Ungleichheit in Großbritannien, den USA und weltweit

In Großbritannien besaßen laut Oxfam im März 2014 die reichsten fünf Familien mehr als die ärmsten 12,6 Millionen Briten, also die ärmsten 20 % der Bevölkerung. In den USA erzielten die reichsten 10 % im Jahr 2007 49,7 % des Gesamteinkommens; in den 1970er Jahren waren es 33 %. Die soziale Mobilität ist dort laut mehreren Studien geringer als etwa in Kanada und Europa; als ein Grund wird das teure Ausbildungssystem genannt. Nach einer Studie um Raj Chetty hängt das Einkommen von Menschen in den USA mit 30 Jahren statistisch eng mit dem Einkommen ihrer Eltern zusammen, bei Männern stärker als bei Frauen.

Zur weltweiten Ungleichheit gibt es unterschiedliche Befunde. Die massive Abnahme der Armut weltweit wird als Verringerung der Ungleichheit bewertet. Andere Studien sprechen von einer weiter aufgehenden Schere: Nach dem Weltentwicklungs-Bericht 2000/2001 stieg die weltweite Einkommensungleichverteilung von etwa 50 % im Jahr 1960 auf 70 % 1998. Der World Inequality Report berichtet, dass die weltweite Vermögensungleichheit seit mehr als 100 Jahren nicht abgenommen habe: 50 % der Menschen besäßen nur 2 % des globalen Besitzes, die reichsten 1 % mehr als 30 %.

Max Haller untersuchte 135 Länder und fand besonders hohe GINI-Indizes von 45 bis 65 in Lateinamerika und Subsahara-Afrika, stark unterschiedliche Werte in Asien und vergleichsweise niedrige bis gemäßigte Werte von 25 bis 40 in Europa. Ethnische Heterogenität und besonders die Geschichte der Sklaverei standen in seiner Analyse mit höherer Einkommensungleichheit in Zusammenhang. Föderalismus und hohe Sozialausgaben könnten diesen Effekt ausgleichen; eine längere kommunistische Herrschaft sei ebenfalls mit höherer Gleichheit verbunden.

Das globale Vermögen betrug 2021 laut Global Wealth Report rund 464 Billionen US-Dollar. Das reichste 1 % besaß 46 %, die reichsten 10 % etwa 82 %; die untere Hälfte entfiel auf weniger als 1 %. Um 2021 zu den reichsten 10 % zu gehören, waren 124.876 € Vermögen erforderlich, für das reichste 1 % 893.338 €. 2023 hielten 2.640 US-Dollar-Milliardäre etwa 12,2 Billionen US-Dollar und damit mehr als doppelt so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Bei Einkommen lebten 2009 über 80 % der Weltbevölkerung von weniger als 10 US-Dollar täglich.

Messung und politische Gegenmaßnahmen

Soziale Ungleichheit wird gemessen, indem Objekten nach festgelegten Regeln Zahlenwerte zugeordnet und Verteilungen miteinander verglichen werden. Der Grad der Ungleichverteilung lässt sich mit Ungleichverteilungsmaßen ausdrücken. Dazu gehören der Gini-Koeffizient, die Hoover-Ungleichverteilung als einfachstes Maß und der Theil-Index als Entropiemaß. Entropiemaße vergleichen Ausgleichspotenziale, die aus Physik und Informationstheorie bekannt sind, mit den Wirkungen ungleicher Ressourcenverteilung in Gesellschaften.

Politische Initiativen versuchen regional und international, eine zunehmende Ungleichheit zu verringern. Bedeutend ist die 2011 aus Occupy Wall Street entstandene Initiative „We are the 99 percent“. In Großbritannien trieb der Equality Trust die Diskussion voran. In Deutschland entstanden Bündnisse wie „Reichtum umverteilen“, „Wer hat der gibt“, „Umverteilen jetzt“, „Reichtum wird enteignet (RWE)“ und „Genug ist genug“.

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