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Soziologie

In neuerer Zeit steht der soziale Wandel im Fokus von Modernisierungstheorien. ... soziale Verbände oder die Politik, selten aber nachhaltiger auch durch soziale …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Grundidee
  2. 2. Entstehung und klassische Gegenstände
  3. 3. Verstehen, Erklären und Forschung
  4. 4. Zentrale Begriffe
  5. 5. Teilgebiete und Untersuchungsebenen
  6. 6. Gegenwärtige Ansätze und Russland

Gegenstand und Grundidee

Soziologie ist die Wissenschaft von den Voraussetzungen, Abläufen und Folgen des menschlichen Zusammenlebens. Sie erforscht soziales Verhalten sowohl empirisch, also anhand von Beobachtungen und Daten, als auch theoretisch. Als Sozialwissenschaft steht sie zwischen Natur- und Geisteswissenschaften.

Anders als Politikwissenschaft oder Wirtschaftswissenschaft, die bestimmte Bereiche des Sozialen untersuchen, betrachtet sie grundsätzlich alle Aspekte des Zusammenlebens in Gemeinschaften und Gesellschaften. Sie fragt nach Sinn und Strukturen sozialen Handelns sowie nach Werten und Normen, die Handlungen regeln. Untersuchungsgegenstände sind unter anderem Gesellschaften, soziale Interaktionen, Systeme, Institutionen, Organisationen und Gruppen. Wichtige Themen sind außerdem Integration und Desintegration, soziale Ungleichheit, Konflikte und sozialer Wandel.

Eine einheitliche Fachdefinition gibt es nicht. Max Weber formulierte: Soziologie sei eine Wissenschaft, die „soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will“. Handeln ist dabei Verhalten, mit dem Handelnde einen subjektiven Sinn verbinden. Sozial ist es, wenn es sich seinem gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezieht und daran orientiert ist.

Entstehung und klassische Gegenstände

Als eigenständige Wissenschaft wurde Soziologie erst seit Ende des 19. Jahrhunderts anerkannt. Sie löste sich von Philosophie, Wirtschaftswissenschaft, Staatslehre und Völkerkunde. Ihre Entstehung hängt mit der bürgerlichen Gesellschaft in Europa im 19. Jahrhundert und mit der Industrialisierung zusammen.

Auguste Comte gab dem Fach den Namen. Sein vierbändiges Werk Système de politique positive, ou Traité de sociologie, instituant la religion de l’humanité erschien 1851–1854. Comte verstand den Gegenstand als „soziale Physik“ und unterschied soziale Statik und soziale Dynamik. Émile Durkheim stellte den sozialen Tatbestand in den Mittelpunkt, Ferdinand Tönnies soziale Wesenheiten und Max Weber soziales Handeln. Als Begründer der deutschsprachigen Soziologie gelten Tönnies, Georg Simmel und Weber.

Auch Henri de Saint-Simon, Karl Marx und Herbert Spencer werden als soziologische Klassiker betrachtet. Die Soziologie versucht, einen eigenen Erkenntnisgegenstand zu bestimmen, obwohl sich ihre Fragen häufig mit Sozialpsychologie, anderen Sozial- und Geisteswissenschaften und teilweise auch Naturwissenschaften wie der Neurobiologie überschneiden.

Verstehen, Erklären und Forschung

Theorie und Erfahrung sind aufeinander bezogen: Die Soziologie will Beobachtetes verstehen und mit allgemeinen Sätzen oder Axiomen logisch begründete Erklärungen entwickeln. Dabei stehen zwei Ansätze nebeneinander. Hermeneutisch-interpretierende Verfahren nehmen die Teilnehmerperspektive ein und deuten Sinnzusammenhänge. Kausalanalytische Verfahren nehmen die Beobachterperspektive ein und untersuchen Ursachen und Wirkungen.

Es gibt kein einheitliches soziologisches Paradigma, weil der Gegenstand sehr komplex ist. Experimente sind häufig methodisch oder moralisch nicht möglich. Befragungen können durch subjektive Einflüsse von Interviewern, unwahre Antworten oder sogar Fälschungen beeinträchtigt werden; deshalb bleibt Beobachtung wichtig. Wertungsfreie, von Weltanschauungen unabhängige Ergebnisse sind nicht vollständig erreichbar, sollen aber angestrebt werden.

Ein Hauptansatz geht von einzelnen sozial handelnden Akteuren aus: „die Menschen machen die Gesellschaft“. Er muss erklären, wie Wille und Rationalität von Akteuren begründet werden können. Der andere Ansatz geht von überpersönlichen Einheiten wie Gesellschaften, Kollektiven oder Systemen aus: Nicht die Individuen geben allein den Ausschlag. Hier ist besonders schwierig, solche Einheiten klar zu definieren und abzugrenzen. In der Forschung werden je nach Frage und Ressourcen oft verschiedene Theorien und Methoden kombiniert.

Empirische Sozialforschung verwendet qualitative Forschung, quantitative Forschung und historische Soziologie; Kombinationen heißen mixed methods. Die Objektive Hermeneutik beansprucht dagegen eine umfassende Methodologie für quantifizierende Daten und natürlich protokollierte Ausdrucksgestalten der Lebenspraxis und kritisiert diese übliche Einteilung.

Zentrale Begriffe

Gesellschaft ist nicht bloß eine räumliche Ansammlung von Menschen, sondern die Summe ihrer Beziehungen und Verhältnisse. Gemeint sind relativ stabile Verhaltensmuster, die aus interaktivem menschlichem Handeln entstehen und darauf zurückwirken. Als allgemeinste Bestimmung gilt „das jeweilig umfassendste System des menschlichen Zusammenlebens“. Der Prozess, durch den Individuen zu Gesellschaftsmitgliedern werden, heißt Vergesellschaftung. Staat, Familie, Recht und Erziehung werden als Unterkategorien oder Subsysteme der Gesellschaft aufgefasst.

Soziales Handeln ist nach Weber sinnhaftes Handeln, das sich am Verhalten anderer orientiert. Ein sozialer Tatbestand ist nach Durkheim jede mehr oder minder festgelegte Art des Handelns, die auf Einzelne äußeren Zwang ausüben kann oder in einer Gesellschaft allgemein auftritt und ein von individuellen Äußerungen unabhängiges Eigenleben besitzt.

Integration und Desintegration betreffen die Fragen, was Menschen verbindet oder trennt und wie Fortschritt mit Ordnung zusammenhängt. Sozialer Wandel bedeutet die umfassende Veränderung relativ stabiler Sozialstrukturen; William F. Ogburn gab ihm mit Social Change (1922) eine konzeptionelle Fassung. Soziale Normen sind Verhaltenserwartungen an Individuen und Gruppen in bestimmten Situationen. Sie haben unterschiedlich starke Verbindlichkeit und werden durch positive oder negative Sanktionen durchgesetzt.

Teilgebiete und Untersuchungsebenen

Makrosoziologie untersucht ganze Gesellschaften, Kollektive, Strukturen, Systeme oder Diskurse. Mikrosoziologie setzt bei Akteuren, Individuen, Handeln und Interaktion an. Mesosoziologie richtet den Blick auf mittlere Ebenen, etwa Gruppen, Institutionen, Rituale und Organisationen, und auf die Verbindung von Mikro- und Makroebene. Makro-Mikro-Soziologie will prozessanalytisch einseitige Betrachtungen ausschließlich einer Ebene überwinden.

Zur allgemeinen Soziologie zählen Kategorien und Hypothesen, die soziales Verhalten in unterschiedlichen Lebensbereichen erklären sollen. Sie behandelt etwa das Verhältnis von Akteur und Gesellschaft, die Struktur und den Wandel sozialer Systeme sowie Methoden empirischer Forschung. Wichtige Themen sind unter anderem Macht, Herrschaft, Kommunikation, Sozialisation, Rollen, soziale Ungleichheit, Mobilität und Technik.

Spezielle Soziologien untersuchen gesellschaftliche Teilsysteme oder institutionelle Bereiche. Beispiele sind Arbeits-, Wirtschafts-, Technik-, Familien- und Politiksoziologie. Reine Soziologie bezeichnet bei Tönnies eine axiomatisch und begrifflich entwickelte Theorie im „Reich der Ideen“; angewandte Soziologie legt deren Begriffe deduktiv an historische soziale Prozesse im „Reich der Wirklichkeit“ an. Im weiteren Sinn bedeutet angewandte Soziologie, theoretische Grundlagen für Forschungs- und Beratungsaufträge zu nutzen, etwa in Markt- und Wahlforschung, Rechts- oder Stadtsoziologie.

Gegenwärtige Ansätze und Russland

Zu den gegenwärtigen Ansätzen gehören interpretative und qualitativ-rekonstruktive Arbeiten, die subjektive Sinnqualitäten sowie Entstehung, Verlauf und Folgen sozialer Praktiken untersuchen. Die Theorie der rationalen Entscheidung führt Aggregatphänomene auf Entscheidungen einzelner Akteure zurück und sucht darin rationale Wahlen. Kritische Theorie, unter anderem durch Jürgen Habermas und Axel Honneth, knüpft methodisch an Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Karl Marx und Sigmund Freud an. Die soziologische Systemtheorie im Gefolge von Talcott Parsons und Niklas Luhmann bestimmt Gesellschaft über charakteristische Kommunikationen und Nicht-Kommunikationen in sozialen Teilsystemen.

Die Prozesssoziologie von Norbert Elias betont, dass es weder reine Individuen ohne Gesellschaft noch reine Gesellschaften ohne Individuen gibt. Wirklich sei stets Bewegung in sozialen Verflechtungen, den Figurationen. Pierre Bourdieu entwickelte seit den 1970er Jahren bis zur Jahrtausendwende eine empirisch begründete Theorie der Praxis. Die Sozialisationstheorie betrachtet Persönlichkeitsentwicklung als Interaktion gesellschaftlicher und innerpersonaler Faktoren.

In Russland überwiegt laut Artikel weiterhin die Vorstellung, Soziologie solle dem Staat dienen, auch wenn unabhängige Soziologie heute einen beträchtlichen Teil des Arbeitsfelds ausmacht. Das Gesetz über „ausländische Agenten“ von 2012 schränkte die Arbeit nichtkommerzieller Organisationen, auch forschender Organisationen, stark ein. Massenumfragen und andere soziologische Forschungen können als politische Tätigkeit gelten; Kritik am Staat sowie an seiner Innen- oder Außenpolitik wird praktisch als politische Betätigung behandelt.

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