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Aristoteles

Das Organon · Bedeutungstheorie · Prädikate und Eigenschaften · Deduktion und Induktion: Argumenttypen und Erkenntnismittel · Dialektik: Theorie der Argumentation.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Wer war Aristoteles?
  2. 2. Leben in Stationen
  3. 3. Werk und Überlieferung
  4. 4. Sprache, Logik und Wissenschaftstheorie
  5. 5. Wissen, Ursachen und Demonstration
  6. 6. Naturphilosophie, Metaphysik, Biologie und Seelenlehre

Wer war Aristoteles?

Aristoteles (384–322 v. Chr.) war ein griechischer Universalgelehrter und einer der einflussreichsten Philosophen und Naturforscher der Geschichte. Er begründete oder prägte maßgeblich viele Disziplinen: Logik, Wissenschaftstheorie, Naturphilosophie, Biologie, Physik, Ethik, Staatstheorie und Dichtungstheorie. Aus seinem Gedankengut entstand der Aristotelismus. Sein Lehrer war Platon, mit dessen Ideenlehre er sich kritisch auseinandersetzte (er vertrat einen immanenten Realismus gegenüber Platons Lehre von getrennten Urbildern, den Ideen). Wichtige Begriffe wie „Substanz“, „Materie“, „Form“, „Potenz“, „Kategorie“, „Theorie“ und „Praxis“ gehen auf ihn zurück.

Leben in Stationen

Aristoteles wurde 384 v. Chr. in Stageira (Chalkidike) geboren; sein Vater Nikomachos war Leibarzt des makedonischen Königs Amyntas III. Mit 17 Jahren ging er 367 v. Chr. nach Athen und trat in Platons Akademie ein, wo er lehrte und forschte. Nach Platons Tod verließ er 347 Athen (möglicherweise wegen Streit um die Nachfolge durch Speusippos und antimakedonischer Stimmung). Er hielt sich in Assos und Mytilene auf (dort biologische Zusammenarbeit mit Theophrastos), wurde 343/342 von Philipp II. zum Lehrer des dreizehnjährigen Alexander (des späteren „Großen“) bestellt; ein Einfluss auf Alexander ist jedoch nicht erkennbar. 335/334 kehrte er nach Athen zurück und lehrte im Lykeion, wo er eine eigene Schule schuf (die Bezeichnung „Peripatos“ für die Schule ist für seine Zeit noch nicht bezeugt). Er sammelte umfangreiches Material, z. B. zu 158 griechischen Verfassungen. Nach Alexanders Tod 323 v. Chr. geriet er in Athen unter antimakedonischen Druck und zog nach Chalkis, wo er im Oktober 322 v. Chr. starb. Verheiratet war er mit Pythias; sein Sohn hieß Nikomachos, seine Lebensgefährtin Herpyllis.

Werk und Überlieferung

Die für die Öffentlichkeit bestimmten, meist dialogischen „exoterischen“ Schriften sind verloren (nur Fragmente). Erhalten sind vor allem die „esoterischen“ Lehrschriften (Pragmatien) für den internen Unterricht – etwa ein Viertel des vermuteten Lebenswerks (Antike Listen nennen fast 200 Titel). Die Manuskripte galten zeitweise als verschollen; Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. erstellte Andronikos von Rhodos die erste Ausgabe, die das Corpus Aristotelicum bildet. Heutige Zitate erfolgen nach der Bekker-Zählung (Bekker-Gesamtausgabe 1831). Aristoteles teilt das Wissen in drei Bereiche: theoretische Wissenschaft (um ihrer selbst willen: Erste Philosophie/Metaphysik, Naturwissenschaft, Mathematik), praktische Wissenschaft (gute Handlung: Ethik, Politik) und poietische (herstellende) Wissenschaft (Werk: Dichtung, Rhetorik). Jede Wissenschaft hat eigene Prinzipien; die Ethik ist nicht exakt, ihre Sätze gelten nur in der Regel.

Sprache, Logik und Wissenschaftstheorie

Im „Organon“ (später so benannte Sammlung logischer Schriften: Kategorien, De interpretatione, Analytica priora/posteriora, Topik, Sophistische Widerlegungen) begründet Aristoteles die formale Logik. Kernpunkte: Gesprochene und geschriebene Worte sind bei den Menschen verschieden und durch Übereinkunft festgelegt; seelische Widerfahrnisse und die Dinge sind dagegen bei allen gleich. Wahr oder falsch ist erst der ganze Aussagesatz, nicht das einzelne Wort. Eine Definition ist für ihn eine Realdefinition, die das Wesen angibt; z. B. der Mensch als vernunftbegabtes (Differenz) Lebewesen (Gattung). Die zehn Kategorien sind die allgemeinsten Klassen von Aussageweisen und des Seienden (Substanz als wesentliche Aussage, z. B. „Sokrates ist Mensch“, vs. akzidentelle Aussagen wie „Sokrates ist auf dem Marktplatz“). Die Syllogistik zeigt, welche Schlüsse gültig sind: Ein Syllogismus besteht aus zwei Prämissen und einer Konklusion mit genau drei Begriffen (Termen), verbunden über einen Mitteltermbegriff. Beispiel „Barbara“: Alle Menschen sind sterblich; alle Griechen sind Menschen; also sind alle Griechen sterblich. Es gibt vier Aussagetypen (a, e, i, o: „Jedes S ist P“, „Kein S ist P“, „Einige S sind P“, „Einige S sind nicht P“). Die Dialektik (Topik) argumentiert aus anerkannten Meinungen (endoxa) und nutzt Topen (Konstruktionsanleitungen für Argumente); die Rhetorik definiert er als Kunst, das Überzeugende zu betrachten, mit den Mitteln Ethos (Charakter des Redners), Pathos (Gefühlszustand der Hörer) und Logos (Argument, das wichtigste). Wichtig ist ferner die Induktion (epagôgê), der Aufstieg vom Einzelnen zum Allgemeinen, die ohne weitere Bedingungen nicht beweiskräftig, aber didaktisch und heuristisch wertvoll ist.

Wissen, Ursachen und Demonstration

Wissen entsteht in Stufen: Wahrnehmung → Erinnerung → Erfahrung → Wissen (epistêmê). Erfahrung liefert nur Fakten („Dass“), Wissen ist allgemein und gibt das Warum an, die erklärende Ursache. Ursachenwissen hat die Form einer Demonstration (apodeixis): ein Syllogismus mit wahren Prämissen, die die Ursache des Konklusions-Sachverhalts angeben (Beispiel Mondfinsternis: Ursache ist, dass der Mond im Sonnenschatten der Erde liegt). Es gibt unbeweisbare Prinzipien (archai), z. B. den Satz vom Widerspruch (X kann Y nicht zugleich in derselben Hinsicht zukommen und nicht zukommen), den Aristoteles durch elenchische Argumentation verteidigt: Wer ihn leugnet, muss etwas Bestimmtes sagen und setzt ihn damit voraus. Ob die Demonstration top-down (aus intuitiv erfassten Prinzipien bewiesen) oder eher bottom-up (Suche nach Ursachen zu bekannten Sachverhalten) zu verstehen ist, ist in der Forschung umstritten; Prinzipien entstehen vermutlich induktiv aus Wahrnehmung und Erfahrung, erfasst durch den Geist (nous).

Naturphilosophie, Metaphysik, Biologie und Seelenlehre

Natur (physis) umfasst die von Natur aus bestehenden Dinge, deren Grundprinzip Bewegung und Ruhe sind. Jede Veränderung hat drei Prinzipien: Substrat, Ausgangszustand (Privation) und Zielzustand. Bei Entstehen/Vergehen hilft die Unterscheidung Form/Materie (Hylemorphismus): Ein Ding entsteht, indem Materie eine neue Form annimmt (Bronze wird Statue); Form ist meist die innere Struktur, was durch eine Definition erfasst wird. Es gibt vier Ursachentypen: Materialursache (Holz), Formursache (Bauplan), Wirkursache (Architekt), Finalursache (Zweck, z. B. Schutz vor Unwetter). In der Ortsbewegung strebt alles seinem natürlichen Ort zu (Erde/Wasser nach unten, Feuer/Luft nach oben); der Äther (fünftes Element) bewegt sich ewig kreisförmig. Die Metaphysik („Erste Philosophie“) untersucht das Seiende als Seiendes: Nur konkrete Einzeldinge (erste Substanzen, z. B. Sokrates) sind selbständig und ontologisch primär; die spätere Substanztheorie bestimmt die Form (eidos) eines Einzeldings als sein Wesen (Substanz-X). Akt (Wirklichkeit) und Potenz (Möglichkeit) erläutern das Verhältnis von Form und Materie; die Aktualität ist primär. Theologisch argumentiert Aristoteles für einen unbewegten Beweger (Gott) als Ursprung aller Bewegung – reine Aktualität, „Denken des Denkens“. Die Biologie (fast ein Drittel des überlieferten Werks) trennt Faktensammlung (Historia animalium) von Ursachenerklärung (De partibus animalium, De generatione animalium); er untersuchte über 500 Spezies, nutzte finale Ursachen für Organfunktionen und vertrat eine Epigenesis (embryonale Entwicklung als Neubildung), die erst im 20. Jahrhundert bestätigt wurde. Kurios, aber typisch: Irrtümer wie das Gehirn als Kühlorgan oder mehr Zähne bei Männern. In der Seelenlehre ist die Seele (psychê) die Form des Körpers: „erste Wirklichkeit eines natürlichen organischen Körpers“. Vermögen der Seele: Ernährung/Fortpflanzung (auch Pflanzen), Wahrnehmung (nur Tiere und Mensch; fünf Sinne: Tasten, Schmecken, Riechen, Hören, Sehen) und Denken (nur Mensch, unkörperlich, aber an Vorstellungen und damit den Körper gebunden). Die Unsterblichkeit der Seele lehnt er ab.

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