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Jean-Jacques Rousseau

Er gehörte zu den Vordenkern der Aufklärung und war ein wichtiger Wegbereiter der Französischen Revolution. Rousseau hatte zudem großen Einfluss auf die …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Grundgedanken
  2. 2. Leben, Bildung und Arbeitsweise
  3. 3. Mensch, Ungleichheit und Gesellschaft
  4. 4. Politische Philosophie
  5. 5. Pädagogik
  6. 6. Musik, letzte Jahre und Wirkung

Bedeutung und Grundgedanken

Jean-Jacques Rousseau (* 28. Juni 1712 in Genf; † 2. Juli 1778 in Ermenonville bei Paris) war ein Genfer Schriftsteller, Philosoph, Pädagoge, Naturforscher und Komponist. Als Denker der Aufklärung wurde er zu einem wichtigen Wegbereiter der Französischen Revolution. Außerdem prägte er die Pädagogik des späten 18. sowie des 19. und 20. Jahrhunderts und beeinflusste die europäische Literatur- und Geistesgeschichte.

Rousseau wandte sich gegen den vorherrschenden Fortschrittsglauben der Aufklärung. Er stellte der einseitigen Orientierung an Vernunft und zivilisatorischem Fortschritt die Naturnähe und den Gemeinwillen (volonté générale) gegenüber. Seiner Auffassung nach führt der vermeintliche Fortschritt häufig zu sozialer Ungleichheit, Abhängigkeit und einem Verlust des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Der verkürzende Aufruf „Zurück zur Natur!“ bedeutet bei ihm jedoch nicht die wörtliche Rückkehr in die Wälder: Eine entwickelte Zivilisation müsse bestehen bleiben, dürfe aber Bedürfnisse, Luxus und Abhängigkeiten nicht unbegrenzt steigern.

Rousseau deutete die Menschheitsgeschichte überwiegend als Niedergangsprozess. Die menschliche Fähigkeit zur Vervollkommnung, die er als Perfectibilité bezeichnete, und die Vernunft können nach seiner Ansicht entgegen ihren guten Absichten Entfremdung und Ungleichheit hervorbringen. Seine Werke fragen deshalb, wie Freiheit, moralisches Handeln und gemeinschaftliches Leben trotz gesellschaftlicher Zwänge möglich sind.

Leben, Bildung und Arbeitsweise

Rousseaus Mutter Suzanne Bernard starb neun Tage nach seiner Geburt, wahrscheinlich am Kindbettfieber. Sein Vater Isaac Rousseau, ein Uhrmachermeister, förderte früh seine Leselust und las nachts mit ihm unter anderem Plutarchs Biographien. 1722 floh der Vater nach einer Rauferei mit einem Offizier aus Genf; Jean-Jacques blieb bei Verwandten. Bei einem Pfarrer in Bossey litt er unter ungerechter Bestrafung und körperlicher Misshandlung. Eine Lehre bei einem Gerichtsvollzieher war für ihn traumatisch. Mehr Gefallen fand er an der anschließenden Lehre bei dem Graveur Abel Ducommun, doch Leselust, Träumerei und seine empfindliche Art führten weiterhin zu Schwierigkeiten.

1728 begann Rousseau mit 16 Jahren eine Wanderschaft. In Savoyen lernte er Madame de Warens kennen, die ihn zunächst nach Turin schickte. Dort ließ er sich nach vierteljähriger Unterweisung katholisch taufen und arbeitete als Diener und Sekretär. Später kehrte er zu Madame de Warens zurück, erwarb musikalische Grundkenntnisse und bildete sich weitgehend autodidaktisch durch Lesen, Musizieren, Experimentieren und Schreiben. Die Jahre auf dem Anwesen Les Charmettes bei Chambéry, das sie 1735 pachtete, erschienen ihm als „Ideal eines geordneten und glücklichen Lebens“. Nach einer Augenverletzung durch einen Explosionsunfall bei chemischen Experimenten und weiteren Aufenthalten arbeitete er unter anderem als Hauslehrer und Musiklehrer.

1742 stellte Rousseau der Académie des sciences in Paris ein zahlenbasiertes Notensystem vor. Er erhielt dafür ein Zertifikat und veröffentlichte 1743 die Dissertation sur la musique moderne. Das System setzte sich jedoch nicht durch. In Paris lernte er 1745 Denis Diderot, Étienne Bonnot de Condillac und Jean-Baptiste le Rond d’Alembert kennen und arbeitete an der Encyclopédie mit. 1745 begann sein festes Verhältnis mit der Wäscherin Thérèse Levasseur. Die fünf Kinder des Paares wurden in Einrichtungen für „Findelkinder“ gegeben; dieses Verhalten wird als schwerster Einwand gegen Rousseaus Persönlichkeit und als Problem für seine pädagogische Glaubwürdigkeit bewertet.

1749 wurde Rousseau durch den Discours sur les sciences et les arts europaweit bekannt. Er verneinte die Preisfrage, ob die Wiederherstellung der Wissenschaften und Künste zur Läuterung der Sitten beigetragen habe, erhielt 1750 den ersten Preis und kritisierte die zeitgenössische Gesellschaft als luxuriös und sittlich gefährdet. 1755 veröffentlichte er den Discours sur l’origine et les fondements de l’inégalité parmi les hommes. In Montmorency entstanden zwischen 1756 und 1762 seine wichtigsten Werke: Julie oder Die neue Heloise, Émile und Vom Gesellschaftsvertrag.

Rousseau lebte zeitlebens materiell unsicher. Er verdiente Geld als Musik- und Hauslehrer, später vor allem als Notenkopist. Einnahmen erhielt er außerdem durch die erfolgreichen Veröffentlichungen von Julie oder Die neue Heloise und Émile. Pensionen von Ludwig XV., Friedrich II. und Georg III. lehnte er ab, unter anderem aus Sorge um seine Unabhängigkeit. Seine autobiografischen Schriften, besonders Die Bekenntnisse, schildern sein Leben offen, einschließlich eigener Verfehlungen. In seiner Arbeitsweise formte er Gedanken häufig nachts im Bett, diktierte sie morgens und notierte spontane Einfälle unterwegs sogar auf Spielkarten. Dadurch verband er unmittelbare Gefühle mit theoretischer Darstellung und entwickelte einen rhetorisch wirkungsvollen, bis heute gut lesbaren Stil.

Mensch, Ungleichheit und Gesellschaft

In seiner Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen erklärt Rousseau die soziale Ungleichheit aus der Vergesellschaftung des Menschen und aus der Entstehung des Privateigentums. Sobald Menschen sich miteinander vergleichen, entstehen Neid, Missgunst, Schadenfreude, Übervorteilung und Interessenkonflikte. Arbeitsteilung ermöglicht nach Rousseau, dass einige wenige die Erträge der Arbeit vieler aneignen und autoritäre Staatswesen zum Schutz ihres Besitzes organisieren. Berühmt ist seine Formulierung: „Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich einfallen ließ zu sagen: dies ist mein und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der wahre Gründer der bürgerlichen Gesellschaft.“

Im hypothetischen Naturzustand ist der Mensch frei, weitgehend unabhängig und friedlich. Sein grundlegender Trieb ist die Selbstliebe (amour de soi), die auf Selbsterhaltung und Bedürfnisbefriedigung gerichtet ist. Hinzu kommt das Mitleid (pitié), ein Gattungsgefühl, das Rousseau auch Tieren zuschreibt. Vernunft, Einbildungskraft und Gewissen sind im Naturzustand noch nicht entwickelt. Der Mensch ist daher nicht im moralischen Sinn „brav“, sondern lebt naturgemäß und „naturgehorchend“.

Mit der Gesellschaft entstehen Abhängigkeit, Konkurrenz und die amour propre, also eine auf Anerkennung und Rang bezogene Selbstliebe. Der Mensch beurteilt sich vor allem durch die Augen anderer, will den ersten Platz einnehmen und gibt sein Eigeninteresse als Allgemeininteresse aus. Vernunft, bewusstes Mitleid und moralische Reflexion erwachen zwar, doch die kulturellen Errungenschaften können die Mängel der Gesellschaft auch verdecken.

Der Artikel stellt Rousseaus Annahmen teilweise den Ergebnissen moderner Forschung gegenüber. Menschen werden demnach erst durch andere Menschen zu Menschen; ohne laufende Kommunikation können sie ihre geistige und körperliche Gesundheit nicht aufrechterhalten. Die Vorstellung eines vollständig guten oder vollständig bösen menschlichen Naturzustands gilt ebenfalls als überholt: Biologische und psychologische Anlagen ermöglichen sowohl Aggression als auch Mitgefühl und werden durch Situationen und moralische Regeln beeinflusst.

Die Vernunft ist für Rousseaus Ethik nicht die wichtigste Grundlage. Leidenschaft und Intuition ergreifen die Initiative; die Vernunft kann vor allem Vor- und Nachteile unterscheiden. Das Gewissen beziehungsweise die „angeborene Liebe zum Guten“ bezeichnet bei Rousseau eine vorreflexive emotionale und empathische Fähigkeit, eine Art moralischen Instinkt. Gut handelt der Mensch, wenn er seine Selbstliebe mit dem Gemeinwohl verbindet.

Politische Philosophie

Rousseaus politische Hauptfrage lautet, wie ein freies Individuum beim Eintritt in die Gesellschaft seine Freiheit bewahren kann. Im Gesellschaftsvertrag beginnt er mit dem Satz: „Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten.“ Im Unterschied zu Thomas Hobbes beschreibt Rousseau den Naturmenschen als friedlich, autark und nicht von Habgier, Ruhmsucht, Luxus oder dauernder Konkurrenz bestimmt.

Die Einführung des Privateigentums beendet nach Rousseau die natürliche Unabhängigkeit. Der Mensch wird von anderen abhängig, als Herr oder als Knecht. Eigentum führt zu Klassenbildung, künstlichen Leidenschaften, Ehrgeiz und der „Sucht, sein Glück auf Kosten anderer“ zu machen. Es entsteht ein schlechter Gesellschaftszustand, in dem Herrschaft und Unterdrückung die Freiheit zerstören.

Der Gesellschaftsvertrag soll eine rechtmäßig geordnete Gemeinschaft schaffen. Jeder Bürger unterordnet sich ihm freiwillig. Grundlage ist der Gemeinwille (volonté générale), der auf das Wohl des ganzen Volkes gerichtet ist. Der Bürger wird zum Citoyen, also zum politisch verantwortlichen Bürger. Der Staat darf Gesetze erlassen, die den unantastbaren Willen des Volksganzen ausdrücken. Rousseau wollte das Volk umfassend in die Politik einbeziehen; seine Theorie der Volkssouveränität begründet die Legitimität allgemeiner Wahlen und von Volksentscheiden.

Rousseau unterscheidet dabei natürliche Unabhängigkeit von bürgerlicher Freiheit. Die Lösung des Konflikts zwischen individuellen Interessen und Gemeinwohl soll durch allgemeinverbindliche Gesetze gelingen. Zugleich hält Rousseau eine Republik, in der alle Bürger ihre privaten Interessen tatsächlich dem Gemeinwillen unterordnen, unter den zeitgenössischen Bedingungen für weitgehend illusorisch. Seine Theorie entzog der feudalen Königs- und Adelsherrschaft eine Legitimationsgrundlage und wirkte langfristig auf Politologie, Verfassungsrecht und Soziologie. Sie beeinflusste unter anderem Immanuel Kant und wurde von Maximilien de Robespierre aufgenommen; Rousseau gilt neben Voltaire als wichtiger Wegbereiter der Französischen Revolution.

Pädagogik

Rousseaus pädagogisches Hauptwerk Émile oder über die Erziehung beschreibt die fiktive Erziehung eines Jungen vom Kindesalter bis zu seiner Heirat mit 25 Jahren. In der Kindheit wird Émile weitgehend von schädlichen kulturellen Einflüssen abgeschirmt. Rousseau nennt dies natürliche und negative Erziehung: Wie eine Pflanze unter günstigen Umweltbedingungen von selbst wächst, soll sich auch die ursprüngliche Natur des Kindes möglichst selbst entfalten. Direkte Einflussnahme soll bis zur Entwicklung des Urteilsvermögens vermieden werden; viele Lerngelegenheiten entstehen in der freien Natur.

In der Jugend, die Rousseau mangels eines besseren Begriffs „zweite Kindheit“ nennt, steht die Bildung des moralischen Urteils im Mittelpunkt. Émile soll durch Selbsttätigkeit, Versuch und Irrtum lernen. Der Erzieher lenkt jedoch die Situationen so, dass Émiles Wille mit dem Willen des Erziehers übereinstimmt. Die Erziehung wirkt daher „hinter seinem Rücken“: Der Zögling soll sich frei fühlen, während der Erzieher die Lernumgebung bestimmt. Rousseau fasst dieses Paradox zusammen: „Laßt ihn immer im Glauben, er sei der Meister, seid es in Wirklichkeit aber selbst.“

Eine weitere Grundregel lautet: „Zeit verlieren und nicht gewinnen.“ Gemeint ist, dass kindliche Entwicklung nicht durch vorzeitigen Leistungsdruck beschleunigt werden soll. Der selbsttätige und zugleich sozialisierte Mensch bildet die Grundlage für den im Gesellschaftsvertrag erwähnten Gesetzgeber.

Rousseaus pädagogische Überlegungen beziehen sich fast ausschließlich auf Jungen. Frauen schreibt er angeblich geringere kognitive Fähigkeiten zu und beschränkt ihre Bildung auf eine untergeordnete Geschlechterrolle im Patriarchat. Außerdem versuchte er, pädagogisches Handeln von der Sprache her zu begründen; damit bereitete er sprachtheoretische Auffassungen späterer Denker wie Hamann, Herder und Humboldt vor. Seine Pädagogik beeinflusste unter anderem Pestalozzi, Montessori und Ellen Key.

Musik, letzte Jahre und Wirkung

Rousseau war auch als Komponist und Musiktheoretiker bedeutend. Le devin du village (1752) begründete nach Darstellung des Artikels die Opéra comique und wurde in ganz Europa erfolgreich. Im Buffonistenstreit unterstützte Rousseau mit seiner Lettre sur la musique française die italienische Musik und kritisierte die französische Oper, insbesondere die Tragédie lyrique und Jean-Philippe Rameau. Mit dem Melodram Pygmalion (1770, Musik von Coignet) schuf er eine Grundlage des Theatermelodrams. Sein Dictionnaire de musique machte ihn zu einem der meistzitierten Ästhetiker des 18. Jahrhunderts.

Nach den Verboten von Émile und Gesellschaftsvertrag im Jahr 1762 floh Rousseau. Er erhielt in Neuchâtel Asyl und Bürgerrecht durch Friedrich den Großen und lebte in Môtiers. Nach Steinwürfen gegen sein Haus zog er 1765 auf die St. Petersinsel im Bielersee, wo er botanische Studien betrieb, eine Flora Petrinsularis zusammenstellte und an einer Verfassung für Korsika arbeitete. 1766 und in der ersten Hälfte von 1767 lebte er überwiegend in England, zunächst bei David Hume, mit dem er sich nach einem fingierten Brief von Horace Walpole zerstritt. 1768 heiratete er Thérèse Levasseur. Ab Juni 1770 lebte er wieder geduldet in Paris.

Seit etwa 1762 verschärften sich Rousseaus Ängste und Abwehrhandlungen. Infolge von Verunglimpfungen und Verfolgungen nahmen sie teilweise wahnhafte Züge an; 1770 sah er sich in einem Brief nahezu nur noch von Feinden umgeben. Seine letzten Werke waren Rousseau juge de Jean-Jacques (1772–1775), das Dictionnaire des termes d’usage en botanique (1774) und die unvollendeten Rêveries du promeneur solitaire (1776–1778). Die Träumereien verbinden Gegenwartsmomente, autobiografische Rückblicke und Naturstimmungen und gelten als Vorbereitung der Romantik.

Rousseau starb am 2. Juli 1778 in Ermenonville, wahrscheinlich an einem Schlaganfall. Zunächst wurde er auf der Île des peupliers im Schlosspark begraben. Am 11. Oktober 1794 überführte der Nationalkonvent seine sterblichen Überreste in das Pariser Panthéon. Seine zwischen 1765 und 1770 verfassten Bekenntnisse erschienen postum 1782–1790 und wurden wegen ihrer Offenheit und Selbstkritik bekannt. Nach Rousseau wurde außerdem die Pflanzengattung Roussea Sm. und damit die Pflanzenfamilie der Rousseaceae benannt.

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