Zum Inhalt springen
L

Das Video kommt von YouTube: erst beim Abspielen verbindet sich die Seite mit YouTube (Google).

Zen-Buddhismus – Warum sollten wir zur Ruhe kommen? | Sternstunde Religion | SRF Kultur

SRF Kultur Sternstunden31:09 731.830 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.

Transkriptautomatisch erstellt · 172 Zeilen
Herunterladen
  1. [Musik] Guten Tag. Gehe auf einem Bergpfad mit 99 Kurven geradeaus. Mit solchen Sätzen meditiert man im
  2. Zenbuddhismus und ja, sie sind verwirrend, aber mein heutiger Gast ist Zennmeister und Jesuit Niklaus Brandschen. Er weiß, wie man auf einem
  3. solchen Pfahrt mit 99 Kurven gerade ausgeht oder Herr Branschen? Ganz ganz einfach, Schritt um Schritt, Atemzug um Atemzug
  4. und dann kommt man gerade aus und dann kommt man auf den Gipfel, dann kommt man zum Ziel. Was ist denn der Sinn dieser sogenannten
  5. Kans dieser doch oft sehr unverständlichen, ja, fast schon paradoxen Sätzen? Koran helfen einem aus der Illusion des
  6. Getrenntseins herauszukommen. Wir trennen ja gerne Subjekt, Objekt, innen, außen, ich, Welt. Und die Tatsache ist, dass alles eins ist,
  7. verbunden, vernetzt, verschwistert. Das bisschen die Bäume, die verbinden sich unter der Erde. Das weiß das Wetter.
  8. Denken wir an den Schmetterlingsseffekt. Ein Schmetterling löst, verändert das Wetter aus und so sind wir verbunden vernetzt eins.
  9. Und sen will durch diese komischen Sätze hindurch auf diese Einheit hin uns in Bewegung bringen. Mhm. Jetzt sitzen wir hier ja auch in
  10. einem Zenmeditationsraum im Badschönbrunn im Lasalhaus. Sie haben das mitbegründet, haben das ganz lange auch geleitet. Das vergangene Jahr hat
  11. uns geprägt durch Stille, vielleicht auch Innerlichkeit. Im Grunde genommen wäre das doch eine extrem gute Zeit, um Zen zu üben, oder? Außer wenn es jetzt
  12. eben von außen aufgedrückt ist. Sie sagen mit Recht im Grunde genommen. Und für viele ist es auch so. Für viele ist diese auferlegte
  13. Auszeit. eine Chance, dass sie weniger Reisen mehr Zeit haben, mehr Zeit haben für die Pflege der Innerlichkeit. Es gibt die
  14. anderen, für die ist das sehr schwierig, diese Zeit der Isolation, die Unsicherheit, die Probleme, die damit verbunden sind, auch häuslicher Art,
  15. finanzieller Art. Aber es gibt andere, die sagen, in dieser in dieser Zeit habe ich mehr zu mir gefunden. Das finde ich ganz spannend, was Sie jetzt ansprechen,
  16. weil genau den Eindruck habe ich auch, es gibt doch die Stille, die einem auch reicher macht, z.B. eben wenn man hier für längere Zeit schweigt eben und dann
  17. die Stille, die viele Leute auch zu heiße erlebt haben, die mit Einsamkeit verbunden wird. Das ist eine qualitative Differenz.
  18. Ja, es gibt verschiedene Qualitäten der Stille. Also das einmal kann man unterscheiden zwischen Vereinsamung, einsam und Stille. Das ist nicht
  19. dasselbe. Allein sein heißt noch nicht bei sich sein. Es kann zur Vereinsamung führen. Allein sein kann aber auch zu sich
  20. führen. Und dann gibt es da noch einmal verschiedene Tiefen der Stille. Es gibt die sogenannte, ich nenne das gefühlte Stille, wenn alles so still ist, wenn
  21. wir zur Ruhe kommen, so wie jetzt hier in diesem Raum. Aber es gibt sozusagen noch eine Stille hinter der Stille,
  22. die wir nicht begreifen können, nicht erfassen können, die umfängt uns, die begreift und fasst uns, die ist größer. Und das ist das, was ich vorhin sagte,
  23. mit der Dimension, in die wir hinein reichen, im Schweigen, in der Übung, wo Einheit ist kein Kommen und kein gehen, kein vorher und kein nachher
  24. Raumfreiheit, Zeitfreiheit oder eben auch Stille. Und um diese Stille geht's im letzten, also um die Stille hinter der Stille
  25. letztlich sozusagen. Ja. Ja. Wie haben Sie denn für sich selber die Stille entdeckt als eben auch
  26. Schatz? Es braucht Zeit. Es braucht Zeit. Aber ich darf sagen, ich hatte eine gewisse Affinität zur Stille durch meine
  27. Herkunft in den Bergen. Sie kommen ja aus dem aus dem Dorf Rand im Mattatal im Walles, im Oberwalles und da gibt es Berge und
  28. wenn man sich bewegen will, kann man nur die Wände hoch, sozusagen die Hänge hoch und ich bin viel allein oder mit anderen unterwegs gewesen, Wanderungen gemacht.
  29. So wie ich schon anfang sagte, da habe ich Schritte machen gelernt, Schritt um Schritt, Atemzug und Atemzug. Da habe ich eine erste Affinität zur Stille
  30. bekommen. Jetzt ist doch die Stille ähm im Zenbuddhismus auch so wichtig, weil die Meditationsform auch ohne Gedanken, ohne
  31. Worte, ähm ohne Bilder gewissermaßen ist. Also es geht auch um ein radikales Nichts. Heißt das im Umkehrschluss, dass die dass die Sprache uns vor der
  32. Versenkung hindert? die Sprache nicht unbedingt, aber das Gerede und das Gedue und das Gehabe. Wenn ich darauf aus bin, ständig zu
  33. pala, zu reden, etwas zu tun und zu haben, dann komme ich keinen Schritt weiter, weil das eine andere
  34. Qualität ist. Das Meditieren lässt dieses Tun, das äußere Tun vorübergehend los, geht in die absolute Freiheit des
  35. Tuns, in das nicht tun, auch nicht sein. Und aus dieser Lehre, wie wir im Sinn sagen, Unendlichkeit schöpfen wir. Aus dem Nichts kommt etwas Neues.
  36. Ich habe mich gefragt, weil genau ja die Stille auch verschiedene Qualitäten ähm hat, was mögen Sie lieber, die Stille des frühen Morgens oder die Stille der
  37. Nacht? Interessant. Das habe ich mich nie gefragt. Äh beides hat seine seine
  38. Qualität. in der Früh äh wenn ich aufwache und etwa jetzt die Vögel höre, dann stört das eben diese Stille nicht, sondern
  39. unterstreicht sozusagen die Stille und der Abend in der Dämmerung, wenn die äh der Tag hinter mir liegt, ist auch ist auch okay. Stille ist dann keine
  40. Tageszeit gebunden und keine Nachtzeit. Wenn sie tief genug ist, können sie immer stiller sein. Aber was Sie jetzt gesagt haben, heißt
  41. nur der Mensch macht Lärm. Die Tiere machen keinen Lärm. Sehr gut gesagt. Ich denke, die Tiere bewegen sich, die machen
  42. Geräusche, das die pfeifen, das knackt, wenn sie laufen. Das ist nicht Lärm. Lärm entsteht, wenn wir etwas
  43. tun, was nicht so ganz uns in unserem Innersten entspricht, wenn wir herum wursteln, wenn wir hantieren. Aber ein ruhiges Arbeiten
  44. bricht die Stille nicht, stört die Stille nicht. Wenn ich hier im Haus, meditiere auch mit Gruppen und es wird etwa das Haus gereinigt, man hört so
  45. einen Besen irgendwo an einer Wand anippen, das gehört zum Tagesablauf. Aber Lärm entsteht oder wir empfinden
  46. etwas als Lärm, wenn es so hastig ist, gehetzt, unruhig, äh unmotiviert. Ja, es ist manchmal mühsam.
  47. Wenn man sie so reden hört, dann fragt man sich, suchen Sie sich die Freunde auch danach aus, wie gut sie mit ihnen schweigen können?
  48. Sie stellen Fragen nicht bewusst. Aber sicher ist, wenn ich das jetzt so zu mir nehme, Mhm.
  49. Äh ich schweige gerne beim Laufen z.B. mit Gruppen oder auch zu zweit immer fast immer auch eine Viertelstunde oder eine halbe Stunde ist Schweigen dabei.
  50. Mhm. Und das ihre Begleiter gut, weil sie sind ja Experte gut und das verbindet verbindet mehr als
  51. wenn ständig geredet wird. Das ist so ein eine Qualität, eine Schwingung der Verbundenheit wieder Stille als Qualität, die verbindet, die nachher das
  52. Gespräch verändert, dem Gespräch mehr Tiefe gibt, neue Wendungen gibt. Wenn Stille ja verbindet, dann müssten wir jetzt gewissermaßen ein stilles
  53. Gespräch führen, bestenfalls oder wenn wir uns miteinander verbinden wollen. Aber wir haben vorhin vor dem Beginn hier uns schon hingesetzt,
  54. waren in der Maske sehr ruhig, sehr still und das verbindet. Wir sind so verschieden, Frau Relin, sie sind ganz anders, ich bin ganz anders. Aber durch
  55. dieses Schweigen, diesen Raum, der verbindet auch entsteht Gemeinsamkeit und Einzigartigkeit. Mhm. Wir sind nicht nur eins, wir sind
  56. verschieden und dank der Erfahrung, der Einheit in Verschiedenheit auch einzigartig. Das erinnert mich dann wieder an das
  57. Koren von Vom Beginn. Ich habe mich eben gefragt, das ein stilles Gespräch führen, das ist ja auch schon etwas Paradoxes in in einem gewissen Sinne.
  58. Könnte das auch ein Choren sein? Oder ein ein ähm Zuschauer hat mir im Vorfeld auch geschrieben, was macht denn eigentlich einen Choransatz aus? Kann
  59. jeder einen solchen Satz produzieren oder wie erkennt man ein richtiges Chor? Das Leben ist voller Koran, voller spannungsgeladener Sätze.
  60. Z.B. Ich frage, ich sage jetzt ein anderes Korn. Was war ihr Angesicht bevor ihre Eltern geboren wurden? Wie waren sie vor der Zeit der Eltern? Und
  61. da merken Sie plötzlich, wenn Sie das lösen, dass etwas in ihnen ist, das unzerstörbar ist, das nicht an Zeit
  62. gebunden ist. Wie sagt, der übrigens von sehisten sehr ernst viel studiert wird, Meister Ecker hat. Es ist etwas in der Seele, das
  63. nicht geschaffen wurde und nicht zerstört werden kann. Das ist das, was bleibt, was ewig ist. Und das ist so ein ein Korn. Wie löse ich das? Wie erfahre
  64. ich, dass ich ewig bin? Aber wie lösen Sie das? Wie haben Sie das gelöst? Im stillen Sitzen
  65. oder auf Wanderungen offenbar auch. Jetzt sind Sie ja nicht nur Zenmeister, sondern sie sind auch jesuit. Was sehen Sie denn konkret als das Verbindende der
  66. christlichen Spiritualität und das Z? Weil für mich intuitiv denke ich an z.B. Gott als Fülle, wie er im Barock gefeiert wird mit doch auch einer
  67. verglichen jetzt mit mit dem Zen, wo wo wir eben wir zuvor besprochen haben, wo es auch um das Nichts geht, um die Lehre, das ist für mich ein Widerspruch.
  68. Es kann als Wier Widerspruch erscheinen, entweder oder. Aber im Sen gibt es eben nicht Widersprüche. Sie sind Philosophin. Sie kennen das
  69. Widerspruchsprinzip. Wie geht das? Was meinen Sie? Das ist vom ausgeschlossenen Dritten? Also entweder ja oder nein gewissermaßen.
  70. Ja, genau. Entweder ja oder nein. Mit Aristoteles. Im Sinn ist nicht entweder ja oder nein. Da ist und also ein Beispiel, da kommt
  71. einer zu einem zu einer Beerdigung und sagt, ist er tot? D sagt er ja. Kommt ein anderer. Lebt er? Und da kommt die Antwort: Ja.
  72. Mhm. oder ein anderes Wort. Am Ende der Zeiten wird es es groß geschrieben vergehen. Die Antwort ja, es vergeht. Alles vergeht. In einem anderen Choren
  73. heißt es, wenn die Zeit vorbei ist, wird es das Umfassende das Ganze auch verschwinden. Nein, es bleibt je nachdem. Je nachdem. Offensichtlich
  74. hat das Leben ein Ende. Es stirbt tot. Und dann aber und auch wieder das ist eine Herausforderung es zu erfahren. Es ist etwas was unzerstörbar ist. Es
  75. bleibt und insofern ja und nein. Und vielleicht noch der erste Jesuit, der nach Japan kam, Franz Safir, der hat lange diskutiert mit einem Senapt über
  76. Tod. und Auferstehung und so und der schreibt zurück der Franz eigenartig dieser Ninschit, so hieß der Mönch, der sagt manchmal ja, manchmal nein,
  77. aber er ist mein Freund. Jetzt haben Sie es aber elegant gelöst. Trotzdem, wenn Sie jetzt uns ein Beispiel geben möchten, wo genau Sie
  78. selber in ihrem auch lebensvollzugend ihrer ganzen Begegnung auch mit dem Zen, sie waren ja oft auch in Japan, wo sehen Sie denn konkret das Verbindende?
  79. Das Verbindende z.B. auch zum für mich als Jesuit ja, ist das totale radikale Ernstnehmen vom
  80. Detail. Also sehen bleibt nicht in der Innerlichkeit stecken. Ist doch ein Grund, warum wir mit offenen Augen
  81. meditieren. Wir schließen nicht ab. Wir äh ziehen uns nicht in die Innerlichkeit zurück bei der Übung. Ja, aber dann kaum ist die Übung fertig, stehen wir
  82. auf und stellen uns der Situation der Wirklichkeit. ganz großes Ernst nehmen von allem und jedem, von jedem Detail und das entspricht
  83. dem Ignatius von Loiola, der wirklich durch die lange Schulung auch durch eine tiefe Erfahrung, die ähnlich ist wie eine Snerfahrung
  84. überall und in allem Gott gefunden hat. Man kann Gott, sagt er, überall finden. Und ich sage pointiert, man kann Gott überall finden, sogar im Gebet.
  85. [Gelächter] Ja, das ist wunderbar. Jetzt frage ich mich trotzdem, sehen Sie nicht, dass es auch
  86. ein Problem gewissermaßen geben könnte von einer Vereinnahmung ähm vielleicht sogar von einer Form von Kolonialisierung von einer anderen
  87. Kultur. Das ist bestimmt ein Vorwurf, den Sie auch oft hören, weil Sie das so verbinden auch hier im Haus. Genau. Ich hole ganz kurz aus. Hier sind
  88. wir im Sendor im Meditationsraum. Den habe ich vor 15 Jahren eingerichtet bei einer Neupositionierung. Da kam ein französischer Mitbruder sah
  89. diesen Raum und sagte tja set an die Schamp an. Er wollte sagen, dass der Vorraum fürs eigentliche und dann sagte ich nün scham. Dieser Raum hat
  90. Gültigkeit in sich. für sich. Ja. Und dann imselben Haus, unter demselben Dach eine katholische Kapelle, das ordnen wir zu, aber es ist nicht
  91. sozusagen instrumentalisiert, dass Sen so als Instrument dient, um das Christentum aufzumöbeln. Da wehre ich mich dagegen,
  92. sondern es sind zwei Wirklichkeiten wie zwei Hände, nehmen wir mal Ost und West. Und die kommen zusammen.
  93. Nicht zwei, nicht eins ist die Formel 2 ein oder die Hände von Albrecht Dürel die betenden Händ mein kopierte H Motiv von Dürel und
  94. diese Hände sind so zum verblüffen ähnlich oder selbe wie das Gascho. Das Gcho. Gcho heißt wörtlich aneinander gelegte
  95. Hände. wird im Sinn immer wieder benutzt ein Ausdruck des Respekts der Achtung voreinander. Wenn ich mich vor ihnen verbeuge, ist das ein Ausdruck der
  96. Dankbarkeit, der Achtung. Und so diese Haltung, ob im Ost oder West vollzogen, ist menschlich. Und auf diesen Wegen, auf diesen
  97. einfachen Ausdrucksweisen begegnen wir uns nicht in der Theorie, da gibt's Unterschiede, aber im ganz alltäglichen Vollzug und in der Diskussion im
  98. intrareligen Dialog. Es gibt den gibt den interreligiösen zwischen Menschen und dann gibt es in
  99. uns eine Begegnung, einen Dialog. Da merkt man plötzlich, das kommt zusammen, das macht uns reicher und ganzer. Meine, der andere Teil meiner Seele, nämlich
  100. die östliche kommt zum Zug. Sie sagen ja oft, wenn sie darauf angesprochen werden, wie sie denn eigentlich zum Zen gekommen sind, dass
  101. sie eben nicht als frustrierter Priester zum Sen gekommen sind. Das ist ihnen offenbar sehr wichtig zu betonen. Weshalb liegt, weshalb ist dieser Aspekt
  102. Ihnen so wichtig? Also ich betone es, wenn die Menschen fragen, ja, warum hat dir etwas gefehlt in dem Kontext? Und da habe ich gesagt,
  103. nein, mir hat nichts gefehlt. So eher die Neugierde. Was tut sich auf der anderen Hälfte der Welt? Die Welt anders gesagt wächst zusammen. Ost
  104. und West begegnen sich. Jung hat noch vor wenigen, Säge Jung, Jahrzehnten gesagt: "Der Geist des Ostens steht vor der Tür. Heute steht er in unserem
  105. Zimmer und er sagte auch vielleicht ist es eine Infektion und vielleicht ein Heilmittel und da kann man jetzt schauen, probieren. Für mich war das ein
  106. Mittel, ein Heilmittel ganz zum Sie sprechen ja oft von Zen auch davon, dass es wie Bergsteigen sei. Da habe ich mich gefragt, was sieht man denn vom
  107. Zenngipfel aus? Das wissen Sie ja als Zennmeister. Also, der Vergleich ist die Übung. Die Übung ist sehr ähnlich. Früh aufstehen,
  108. in der Gruppe sich bewegen, Schritt um Schritt, Atemzug um Atemzug. Der Atem ist ganz wichtig. In einem Fall haben Sie Aussicht.
  109. Mhm. Im anderen Einsicht. Ja, das ist sehr schön. Ähm, sie erzählen
  110. aber sehr wenig darüber, wie Sie selber Priester geworden sind. Das hat eben auch mit dem Bergsteigen zu tun, sagen Sie jedenfalls. Hängt es hängt auch mit
  111. ihrem ältesten Bruder zusammen, der beim Bergsteigen verunfallt ist, oder? Ja, das war wie ich war damals 18. Das war ein unverschämt schöner Herbsttag.
  112. Ja, der Sar war aufgebaut im Dorf auf dem Platz und da kam mir so der Gedanke, was soll dieses Leben?
  113. Warum lebe ich, wozu? Und dann später habe ich festgestellt, dass auch Senbuddhisten oft durch den frühen Tod eines Bruders oder einer Mutter äh
  114. diesen Weg gefunden haben. Es sind so Schocktherapien, wo man sagt, ja, vielleicht ist ein anderer Weg für mich als der Übliche, der richtige. Und dann
  115. habe ich ihn gewählt und das hat sich bewährt. Es hat sich bewährt war, also das heißt aber dieses Schockerlebnis hat sie dahinführt, aber das ist ja die
  116. Entscheidung wirklich auch als Priester zu leben in in diesem Orden der Jesuiten auch zu bleiben. Das ist ja ein ziemlich langer Weg, oder?
  117. Es ist eine Entscheidung, die ich mit 22 getroffen habe und dann ist ein langer Weg des Vertraut werdens mit dem Geist der Signatius.
  118. äh durch Studien, durch spirituelle Praktiken. Dann meine ergänzende Studien waren Aufenthalte in Japan. Ja, es ist ein ein Weg äh der dahin führt, wo ich
  119. jetzt bin. Und mein Glück und da bin ich ewig dankbar. Mein Glück war, dass ein älterer Jesuit, der zuständig war, für mich gesagt hat, du könntest eigentlich
  120. nach Japan gehen. Und das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich bin gegangen und immer wieder und noch einmal und so hat das einen aus
  121. zwei wurde eins. Können sich erinnern, weshalb sie denn genau die Jesuiten, also weshalb Ignatius von
  122. Loyola? Weshalb diese dieser Orden und nicht ein anderer hätte es keine Ahnung die Frage ein ein Motiv war die Weltoffenheit des
  123. jesüten Ordens. Es die jetzt sehr gut zusammenpasst. Genau. Es gibt Klöster Mönche, die Mauern haben, Kotten, die sich eher
  124. zurückziehen, die warten, bis die Leute zu ihnen kommen, die betonen die Gastfreundschaft. Jesuiten ist ein apostolischer Orden.
  125. Wir warten nicht. Wir gehen zu den Leuten. Wir gehen zu den Leuten da, wo sie sind und holen sie da ab, wo sie sind.
  126. Ja, nun leben sie ja schon seit bald fünf Jahrzehnten hier eben in im Badschönbrunnen im Lasalhaus. Sie haben hier eben auch gelehrt und so weiter.
  127. Das Haus ist nicht nur speziell wegen diesem zuvor angesprochenen Brückenschlag zwischen christlicher Spiritualität und östlicher
  128. Spiritualität sozusagen, sondern auch aufgrund der Architektur. Man sieht es schon um uns herum, man nennt das auch harmonikale Bauweise. Und wenn ich das
  129. richtig verstanden habe, geht es darum, dass die Architektur auf den Menschen wirken soll, so wie Musik z.B. auch auf den Menschen wirkt.
  130. Merken Sie diese Wirkung? Oh ja. Wie wird es denn? Also einmal es wird mir auch nach 50 Jahren in diesem Haus nicht langweilig.
  131. Es ist nicht Kaserne, links und rechts Zimmer und mitteneingang. Es ist durchkomponiert. Es ist harmonikale Bauweise. Heißt der Architekt hatte ein
  132. Seiteninstrument im Büro. Zupfte, hörte, komponierte. Das klingt effektiv. Das also ist dieses Haus ein Musikstück? Ja. Kann man so sagen. Und wie klingt
  133. das? Es ist ein Instrument und wir bespielen es. Ja, also der einzelne bespielt es
  134. jeweils. Aber hören Sie hier auch Trompete raus? Ich habe nämlich gelesen, dass Sie Trompetenkonzerte mögen. Ah, das hat eine bestimmte Verbandnis,
  135. dass bei meiner Geburt der Vater Trompete gespielt hat. M äh wir haben gelegentlich Konzerte äh im großen Saal oben. Ja, das klingt,
  136. aber das klingt auch ohne Instrumente. Es ist das ist hörbar. Und dann kommt noch dazu, dass das Haus wie in die Landschaft hinein gebaut
  137. wurde mit zwei Armen. Es ist ein Kreis, aber nicht geschlossener Kreis. Geschlossener Kreis wäre Abschluss. Offener Kreis, das heißt, wir schließen
  138. uns nicht ab, sondern wir öffnen uns. Und dann gibt es Räume wie diese, die sind maximal geschlossen und die Hallen sind weit offen und auch hier öffnen und
  139. schließen innen und außen verbindet sich auch da eine Gemeinsamkeit zur Spiritualität des Sen und auf die Trompete noch zurückkommen,
  140. weil mich das noch interessiert hat, dieses, dass Sie dieses Blasinstrument offenbar auch äh so mögen. Sie haben selber auch Trompete zu lernen begonnen
  141. oder wie steht es darum? Ich habe auch Klavier zu lernen begonnen, aber noch rechtzeitig aufgegeben.
  142. Das heißt, sie haben es nicht weitergeführt. Ja, also sie werden uns kein Ständchen jetzt
  143. spielen. Schade. Ähm, ein anderer Punkt, der mich sehr interessiert an Ihnen, sie haben ja ähm dieses Buch auch geschrieben mit Hilfe
  144. ihres Tagebuchs. Sie haben ein lebenlang Tagebuch geschrieben. Ich bewundere das, weil ich das selber irgendwie bis jetzt nicht hingekriegt habe. Immer wenn ich
  145. mich hinsetze und etwas notieren möchte, befremdet mich das irgendwie? Ich entgleite mir da selbst. Dann habe ich mich gefragt, jetzt wo Sie das selber so
  146. lange gemacht haben, wie haben Sie das wirklich gemacht und waren Sie immer ganz ehrlich oder haben Sie da auch idealisiert?
  147. Schön, sie fragen sehr direkt. Also, ich lasse mich leiten von der jüdischen Dichterin Rose Ausländer. Der Tag ist mein Buch. Also Tagebuch. Der Tag ist
  148. mein Buch. Hier trage ich mein Leben ein, an dem ich mich erfreue, dass ich erleide. Alles Liebes und Leides, Freude und Mühe und Not trage
  149. ich ein. Und jetzt neuerdings, sie haben nach der Stimmung der Stille am Morgen und am Abend gefragt. Neuerdings schreibe ich das Tagebuch am Morgen,
  150. nachdem ich meditiert habe, gefrühstückt habe, setze ich mich hin, schaue auf den vergangenen Tag zurück und dann halte ich fest, was so war und es hilft mir
  151. dankbarer zu sein. Immer wieder kommt dann im Tagebuch: "Mein Gott habe ich Grund, dankbar zu sein" und schreibt dann: "Danke, danke, danke." Ich denke,
  152. dass ich morgen früh, wenn ich das Tagebuch schreibe, auch Bezug nehmen werde auf dieses unseres Gespräch und dann hoffentlich auch mit Danke. Ich
  153. hoffe, dass es dass es für Sie ein angenehmes Gespräch ist. Sie haben eben auch gesagt, es hilft Ihnen ähm bewusster zu leben. Das kann ich
  154. natürlich sehr gut verstehen. Ich habe mich dann gefragt, wenn Sie ja eben hier dieses Buch 2017 mit Hilfe dieses dieser Tagebuche geschrieben haben, wie war das
  155. für Sie? diesen kleinen Niklaus Branschen wieder zu wiederzutreffen gewissermaßen.
  156. Ich habe mir viel Zeit dafür genommen und bin so laufen gegangen und dann kamen so einzelne Szenen, manche habe ich im Buch festgehalten,
  157. wo ich mich wie von außen gesehen habe als ein Junge, der so und so und so gehandelt hat. Und dann merkst du, habe ich gemerkt, dass dieser Junge von
  158. damals in mir ist, der ist nicht weg. Z.B. habe ich sehr gerne bin ich sehr gerne über Zäune geklettert und und das ist geblieben. Ich klettere
  159. heute noch über Zäune, wenn wenn es irgendwie geht, wenn es sich schickt, wenn niemand zuschaut, solche Geschichten bleiben. Ich würde ja
  160. eigentlich gerne zuschauen, wie sie da einfach über diese über diese Zäune klettern. Aber das heißt, sie haben sich selber
  161. wieder erkannt in diesen alten Notizen. Ja. Ja. Ja. Es ist nicht so, dass ich einfach ganz anders bin als jetzt als ich war, sondern das ist alles in uns
  162. eingeflossen. Wir wir ruhen ja auf auf den Wurzeln der Vorfahren, aber auch auf den Wurzeln, die wir in jungen Jahren geschlagen
  163. haben. Die tragen uns genauso. Sie sind inzwischen 83 Jahre alt. Das ist eine ziemlich lange Lebenszeit. Haben Sie im Laufe der Dauer verstanden,
  164. was Zeit ist? Nein. Nein, das da da bin ich immer noch dran und ich habe viele Antworten, aber da
  165. hat Augustinus sich den Kopf zerbrochen und viele andere. Mein Zugang ist ein Wort von Angelos Silesius. Zeit ist wie Ewigkeit.
  166. und Ewigkeit wie Zeit. So du nur selber nicht machst einen Unterscheid. Mhm. Zeit ist wie Ewigkeit und Ewigkeit wie
  167. Zeit. Und wenn ich das so auf mich wirken lasse und dann stehe, dann komme ich in eine Präsenz hinein,
  168. wo diese gemessene Zeit und der Raum der Zeitfreiheit im erfüllten Augenblick zusammenkommen
  169. und dann bin ich präsent anwesend und ich hoffe Frau Rolin, dass ich für Sie genügend präsent war. Ich danke Ihnen ganz herzlich, Herr
  170. Branschen, für dieses schöne Gespräch. Schön. Ja, wir bleiben gleich beim Zen und nehmen Sie mit nach Japan, genauer
  171. gesagt nach Kyoto. Dort steht der bekannte und berühmte Dauci Tempel. Eine filmische Entdeckung oder vielleicht sogar Erleuchtung. Haben Sie einen
  172. schönen Sonntag. [Musik] Warum jetzt langt? Ja.

Zum Nachlesen