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Wissenschaft
Wissenschaft ist die Methodik des überprüfbaren Erkenntnisgewinns. Sie nutzt dazu die Arbeitsmittel Beobachtung, Experiment, Analyse, Theorie, Veröffentlichung, …
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Begriff und Kennzeichen
Wissenschaft bezeichnet sowohl die systematisch gesammelten, bewahrten, gelehrten und weiterentwickelten Erkenntnisse einer Epoche als auch die Methodik des überprüfbaren Erkenntnisgewinns. Zu ihren Arbeitsmitteln gehören Beobachtung, Experiment, Analyse, Theorie, Veröffentlichung, Kritik, Überprüfung, Überarbeitung und Weiterentwicklung. Veraltete Wissensstände können später selbst zum Gegenstand der Wissenschaftsgeschichte werden.
Wissenschaftliches Wissen bezieht sich auf Natur, Technik, Gesellschaft oder Denken und wird in Begriffen, Maßbestimmungen, Gesetzen, Hypothesen und Theorien geordnet. Eine Einzelwissenschaft behandelt einen begrenzten Gegenstandsbereich und kann sich in theoretische, angewandte und weitere Teildisziplinen gliedern. Aussagen und Verfahren sollen rational begründet, kommunizierbar und intersubjektiv nachvollziehbar sein, also von verschiedenen Menschen geprüft und verstanden werden können.
Eine allgemein akzeptierte Definition und eine völlig trennscharfe Grenze zwischen Wissenschaft, Pseudowissenschaft und Nichtwissenschaft gibt es nicht. Dieses Abgrenzungs- oder Demarkationsproblem ist ein wichtiges Thema der Wissenschaftsphilosophie. Das Bundesverfassungsgericht definiert wissenschaftliche Tätigkeit als „alles, was nach Inhalt und Form als ernsthafter planmäßiger Versuch zur Ermittlung der Wahrheit anzusehen ist“. Diese Definition berücksichtigt allerdings Gesichtspunkte wie Neuigkeitswert, Hintergrundwissen und gesellschaftliche Bedeutung nicht vollständig.
Karl Popper betrachtete die Falsifizierbarkeit als wesentliches Abgrenzungskriterium: Eine wissenschaftliche Aussage muss grundsätzlich durch mögliche Beobachtungen oder Prüfungen widerlegt werden können. Dieses Kriterium gilt als notwendig, aber nicht als hinreichend und wurde vielfach diskutiert und weiterentwickelt. Hoyningen-Huene grenzt Wissenschaft durch ihren höheren Grad an Systematizität vom Alltagswissen ab. Seine neun Dimensionen sind Beschreibung, Erklärung, Voraussage, Verteidigung von Wissensansprüchen, kritischer Diskurs, epistemische Vernetzung, Vollständigkeitsideal, Gewinnung neuen Wissens und Repräsentation von Wissen.
Da Theorien meist nur in bestimmten Anwendungsbereichen und dort häufig nur näherungsweise gelten, ist Wissenschaft ein multifaktorielles Konzept. G. Münster beschreibt sie als gemeinschaftliches Unternehmen, das auf Grundlage anerkannten Hintergrundwissens rational akzeptierbare, empirisch oder theoretisch prüfbare Erkenntnisse gewinnt, deren Bedeutung über einen Einzelfall hinausgeht, und diese der Gemeinschaft vermittelt.
Forschung, Prüfung und Lehre
Forschung beginnt mit einer Frage, die aus früheren Untersuchungen, einer Entdeckung oder dem Alltag entstehen kann. Die Frage wird genau beschrieben und ein größeres Forschungsproblem häufig in überschaubare Teilprobleme zerlegt. Diese können nacheinander oder parallel bearbeitet werden. Forschende dürfen ihre Methode grundsätzlich frei wählen. Entscheidend ist, dass daraus eine Theorie mit objektiven, intersubjektiv prüfbaren und nachvollziehbaren Aussagen über einen allgemeinen Sachverhalt entsteht und dass Kontrollversuche stattfinden.
Nach der Bearbeitung wird die Untersuchung möglichst lückenlos dokumentiert. Ein Manuskript nennt die verwendeten Quellen und Methoden, beschreibt Experimente und Kontrollexperimente samt Versuchsaufbau, hält beobachtete Phänomene wie Messungen oder Interviews fest und enthält gegebenenfalls statistische Auswertungen. Außerdem stellt es die Theorie und deren Überprüfung dar. Andere Forschende sollen die Arbeit dadurch nachvollziehen und erneut prüfen können.
Das Manuskript wird bei einem Verlag, einer Fachzeitschrift oder einer Konferenz eingereicht. Nach einer ersten Prüfung durch die Herausgabe begutachten häufig mehrere Fachleute die Arbeit im wissenschaftlichen Peer-Review. Dieses Verfahren kann anonym erfolgen. Die Gutachtenden prüfen Vollständigkeit, Nachvollziehbarkeit, Auswertung und Schlussfolgerungen; anschließend können Fehler verbessert werden. Nach der Veröffentlichung kann die Fachgemeinschaft die Ergebnisse weiter überprüfen, kritisieren und als Ausgangspunkt für neue Fragen verwenden. Fachkonferenzen, Seminare, Institutsbesuche, internationale Projekte und digitale Kommunikation unterstützen den laufenden Austausch.
Lehre vermittelt Studierenden Forschungsmethoden und den aktuellen Forschungsstand. Dies geschieht durch Lehrbücher sowie durch Vorlesungen, Übungen, Tutorien, Seminare und Praktika. Im Rahmen der Freiheit der Lehre organisieren Lehrende solche Veranstaltungen und Prüfungen grundsätzlich selbstständig.
Werte und Verantwortung
Wissenschaftliche Arbeit orientiert sich an mehreren Grundwerten:
• Eindeutigkeit: Zentrale Begriffe werden möglichst genau, einfach und verständlich definiert.
• Transparenz: Quellen, Methoden und die Entstehung der Ergebnisse werden möglichst vollständig offengelegt.
• Objektivität: Fakten und Schlussfolgerungen sollen unabhängig von der Person gelten; Scheinkorrelationen, also nur scheinbare Zusammenhänge, sind zu vermeiden.
• Überprüfbarkeit: Andere müssen Aussagen validieren und verifizieren können. Scheitert eine Prüfung wissenschaftlich nachweisbar, ist die Arbeit zu korrigieren oder zurückzuziehen; dies entspricht dem Prinzip der Falsifizierung.
• Verlässlichkeit: Beschriebene Zusammenhänge sollen über den angegebenen oder einen hinreichend langen Zeitraum stabil bleiben.
• Offenheit und Redlichkeit: Ein Thema soll neutral und ehrlich behandelt, Selbstkritik geübt und ein möglicher Auftraggeber genannt werden.
• Neuigkeit: Wissenschaftliche Arbeit soll einen Erkenntnisfortschritt bringen.
Das auf Aristoteles zurückgeführte Ideal einer völlig autonomen, voraussetzungs- und wertfreien Forschung ist praktisch nicht vollständig erreichbar. Schon die Wahl eines Forschungsgegenstands kann von persönlichen oder gesellschaftlichen Einschätzungen beeinflusst sein. Popper bezeichnete Wertefreiheit als Paradoxon: Forschung dürfe von Zielen wie Wahrheitssuche, Problemlösung und Verminderung von Leid geleitet sein, müsse aber eigene und fremde Ergebnisse kritisch prüfen. Sozialkonstruktivismus, Poststrukturalismus und verschiedene Formen des Relativismus bezweifeln stärker, dass von kulturellen Prägungen unabhängiges, wertfreies Wissen erreichbar ist. Richard Feynman kritisierte als „Cargo-Kult-Wissenschaft“ eine nur äußerlich methodische Forschung, die Ergebnisse unkritisch übernimmt und dadurch wissenschaftliche Integrität verliert. Massenvernichtungswaffen, Gentechnik und Stammzellenforschung verstärkten im 20. Jahrhundert die Diskussion über wissenschaftsethische Grenzen.
Gute wissenschaftliche Praxis verlangt neben Fachwissen auch persönliche Tugenden: Staunen und Begeisterung fördern Neugier und Kreativität; Bescheidenheit hilft, eigene Fehler und fremde Leistungen anzuerkennen. Ausdauer ist nötig, weil Ergebnisse oft erst nach jahrelanger Arbeit entstehen. Eine dienende Haltung umfasst Beiträge für die Gemeinschaft, die Förderung des Nachwuchses und Peer-Reviews. Hinzu kommen Korrekturbereitschaft, Zusammenarbeit sowie Verantwortung für mögliche Folgen in Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt.
Fächer und Einteilungen
Wissenschaften werden nach Gegenstand, Methode und Zweck gegliedert. Nach Arno Anzenbacher stehen Formalwissenschaften wie Logik und Mathematik den Realwissenschaften gegenüber. Zu den Realwissenschaften gehören Naturwissenschaften wie Astronomie, Chemie und Physik sowie Kulturwissenschaften. Die Kulturwissenschaften umfassen Sozialwissenschaften, etwa Politikwissenschaft, Rechtswissenschaft und Soziologie, sowie Geisteswissenschaften wie Geschichts-, Kunst-, Literatur- und Musikwissenschaft. Die Wirtschaftswissenschaften werden unter anderem in Betriebswirtschaftslehre und Volkswirtschaftslehre gegliedert; die Volkswirtschaftslehre umfasst Mikroökonomie und Makroökonomie.
Verbreitet ist besonders die Unterscheidung zwischen Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften. Natur- und Sozialwissenschaften werden oft als empirische Wissenschaften bezeichnet, weil sie Erkenntnisse auf Erfahrungen und Beobachtungen stützen. Den Geisteswissenschaften werden sie nach Gegenstand und Methode gegenübergestellt. Andere Einteilungen unterscheiden theoretische Wissenschaften einschließlich Grundlagenforschung von praktisch angewandten Wissenschaften oder Erfahrungswissenschaften von rationalen Vernunftwissenschaften.
Bereits Aristoteles gliederte im 4. Jahrhundert v. Chr. Wissenschaft in theoretische, praktische und poietische, also herstellende, Bereiche. Die Einzelheiten der im Artikel wiedergegebenen aristotelischen Einteilung sind jedoch als gänzlich unbelegt gekennzeichnet. Wissenschaftsklassifikationen dienen vor allem der Organisation von Fakultäten und Fachbereichen, der Ordnung von Veröffentlichungen und der internationalen Statistik. Beispiele sind die Dewey Decimal Classification, die Universelle Dezimalklassifikation und die 2002 von der OECD festgelegten Fields of Science and Technology (FOS). Wegen fortschreitender Spezialisierung und neuer, disziplinübergreifender Forschungsfelder gibt es keine einheitliche, dauerhaft stabile Einteilung.
Institutionen und Wissenschaftsbetrieb
Wissenschaft findet traditionell an Universitäten und anderen Hochschulen statt, außerdem an Akademien, Behörden, privat oder öffentlich finanzierten Instituten, Beratungsunternehmen und in der Wirtschaft. In Deutschland fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft projektbezogene Forschung. Fraunhofer-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren, Max-Planck-Gesellschaft und Leibniz-Gemeinschaft betreiben mit Finanzierung von Bund und Ländern eigene Institute. Vergleichbare Förderorganisationen sind in Österreich der Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) und die Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) sowie in der Schweiz und Frankreich nationale Forschungsfonds.
Formell steht wissenschaftliche Tätigkeit auch außerhalb akademischer oder industrieller Einrichtungen allen offen und ist durch die Forschungsfreiheit geschützt. Berufliche, öffentlich finanzierte Forschung verlangt jedoch meist ein abgeschlossenes Studium. Für leitende Positionen und öffentliche Förderanträge werden häufig Promotion, Professur und meist Habilitation vorausgesetzt. In den USA tritt an die Stelle der Habilitation das Tenure-Track-System. Die 2002 in Deutschland eingeführte Juniorprofessur sollte ein ähnliches Modell ermöglichen; ein echter Tenure Track mit zugesicherter Dauerstelle bei entsprechenden Leistungen bleibt laut Artikel jedoch die Ausnahme. Wegen der geringen Zahl dauerhafter Stellen trägt besonders der wissenschaftliche Nachwuchs ein hohes berufliches Risiko.
Wissenschaftsforschung untersucht die wissenschaftliche Praxis empirisch; dazu gehört die Scientometrie, die Wissenschaft mit quantitativen Verfahren misst. Evaluationen können auf dieser Grundlage Entscheidungen beeinflussen. Die Wissenssoziologie erforscht gesellschaftliche Fragen des Wissenschaftsbetriebs und die Beziehungen zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft.
Politik, Macht und gesellschaftlicher Einfluss
Wissenschaft und Politik beeinflussen einander. Politik legt Rahmenbedingungen, Finanzierung und Möglichkeiten der Anwendung fest; wissenschaftliche Erkenntnisse prägen umgekehrt politische Entscheidungen. Digitale Revolution, globale Erwärmung und COVID-19-Pandemie haben diese Beziehung im 21. Jahrhundert besonders sichtbar gemacht. Jürgen Kocka sieht im stärkeren öffentlichen Engagement von Forschenden eine Demokratisierung, verlangt aber, Selektivität offenzulegen, konkurrierende Ansätze anzuerkennen und auch in Konflikten differenziert abzuwägen.
Jutta Allmendinger betont, dass besonders Sozial- und Geisteswissenschaften bei gesellschaftlich wichtigen Fragen kaum unpolitisch sein können. Sie nennt beim menschengemachten Klimawandel einen Expertenkonsens von 99 Prozent und hält gemeinsames öffentliches Engagement von Forschenden nicht grundsätzlich für einen Verstoß gegen wissenschaftliche Integrität. Christian Thomsen verweist auf Citizen Science oder Bürgerwissenschaft, bei der Wissenschaft und Zivilgesellschaft gemeinsam Forschungsfragen bearbeiten. Zugleich warnt er vor groben Vereinfachungen, die Glaubwürdigkeit kosten können. Gil Eyal stellt dieser positiven Sicht eine wachsende Wissenschaftsskepsis bis hin zu wissenschafts- und aufklärungsfeindlichen Haltungen gegenüber.
Die Erzeugung, Weitergabe und Aufnahme von Wissen ist ein Machtfaktor. Wissenschaftliche Beobachtung bleibt selektiv und perspektivgebunden; bestimmte Sichtweisen können andere Möglichkeiten des Wissensgewinns ausschließen. Erkenntnis können außerdem psychische Widerstände, Ängste, Traumata oder gesellschaftliche Tabus behindern. Solche Barrieren werden unter anderem als blinde Flecken, Rezeptionssperren oder Semmelweis-Reflex bezeichnet.
Eine Leitwissenschaft ist ein Fach, das sich selbst als führend versteht und von einflussreichen Kreisen in Politik, Wirtschaft und Kultur entsprechend anerkannt wird. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit war dies die Theologie, im 18. Jahrhundert die Philosophie. Im 20. und 21. Jahrhundert erheben unter anderem Soziologie, Physik, Biologie, Ökonomie und Neurowissenschaften entsprechende Ansprüche.
Kritik richtet sich außerdem gegen wirtschaftlichen Lobbyismus. Sinkende öffentliche Finanzierung kann Hochschulen von Drittmitteln privater Geldgeber abhängig machen. 2016 wurden etwa 1.000 zeitweise privat finanzierte Lehrstühle gezählt, teilweise mit geheimen Verträgen. Ein 2011 öffentlich gewordener Vertrag zwischen der Deutschen Bank, der Humboldt-Universität und der TU Berlin räumte der Bank weitreichende Mitspracherechte ein, etwa bei der Besetzung von Professuren. Solche Fälle zeigen mögliche Konflikte zwischen Finanzierung, Forschungsfreiheit, Transparenz und Glaubwürdigkeit.
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