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Lernen
Lernen, zu unterscheiden nach dem Grad seiner behördlichen Anerkennung · Formales Lernen · Informelles Lernen · Nichtformelles Lernen.
Inhalt6 Abschnitte
Grundbegriff und Bedeutung
Lernen bezeichnet eine relativ überdauernde Veränderung des Verhaltens oder Kenntnisstandes sowie die Aneignung oder Veränderung eines Verhaltenspotenzials, also einer Fähigkeit oder Disposition. Diese Veränderung entsteht durch Sinnesverarbeitung, Erleben, Einsicht und Erfahrung, also durch Auseinandersetzung mit der Umwelt oder mit sich selbst.
Lernen kann absichtlich stattfinden, dann spricht man von intentionalem Lernen. Es kann aber auch beiläufig oder unbewusst geschehen, etwa beim inzidentellen oder impliziten Lernen. Der Lernzuwachs kann intellektuell, körperlich, charakterlich oder sozial sein. Aus lernpsychologischer Sicht ist Lernen ein Prozess relativ stabiler Veränderung des Verhaltens, Denkens oder Fühlens aufgrund von Erfahrung, Einsicht und verarbeiteter Wahrnehmung.
Für Menschen und Tiere ist Lernfähigkeit eine Grundvoraussetzung, um sich an Lebensbedingungen anzupassen, in der Umwelt sinnvoll zu handeln und sie gegebenenfalls zu verändern. Beim Menschen ermöglicht Lernen außerdem ein reflektiertes Verhältnis zu sich selbst, zu anderen und zur Welt. Lernergebnisse sind nicht immer sprachlich ausdrückbar; solches nicht ausdrücklich formulierbares Wissen heißt implizites Wissen. Maschinelles Lernen oder Lernen in neuronalen Netzen unterscheidet sich vom menschlichen kognitiven Lernen: Es ist geist- und gedankenlos und beruht auf Algorithmen.
Forschung und biologische Grundlagen
Die Forschung zum Lernen ist interdisziplinär. Mit Lernen befassen sich unter anderem Anthropologie, Ethnologie, Ethologie, Kognitionswissenschaft, Künstliche Intelligenz, Neuroinformatik, Computational Neuroscience, Neurowissenschaften, Pädagogik, Philosophie, Psychologie und Schulpädagogik. In Anwendungsbereichen spielen außerdem Betriebswirtschaftslehre, Politikwissenschaft, Rechtswissenschaft, Spielpädagogik und Verkehrspädagogik eine Rolle.
Biologisch beruht Lernen auf Veränderungen im Nervensystem. Eine zentrale Grundlage ist die Assoziation von Sinneseindrücken und bereits Gelerntem. Solche Assoziationen entstehen durch Bildung oder Verstärkung von Synapsen, also Verbindungen zwischen Nervenzellen, wenn zwei Neuronen oder Neuronengruppen gleichzeitig aktiv sind. Diese Veränderbarkeit heißt neuronale Plastizität und gilt grundsätzlich als altersunabhängig. Wenn Fähigkeiten nicht genutzt werden, können entsprechende synaptische Verbindungen schwächer werden oder verloren gehen.
Die Speicherung hängt vom Gedächtnis ab. Im Ultrakurzzeitgedächtnis werden Informationen als elektrische Impulse verarbeitet und mit Vorwissen verknüpft; nach maximal 20 Sekunden gehen sie verloren, wenn die Impulse abklingen. Im Kurzzeitgedächtnis spielt die frühe Phase der Langzeit-Potenzierung eine Rolle. Für das Langzeitgedächtnis werden zusätzliche zelluläre Mechanismen angenommen, etwa Veränderungen des Zytoskeletts und eine Vermehrung von Synapsen. Eric Kandel erhielt für Forschung zu Lernprozessen im Gehirn den Medizinnobelpreis 2000.
Anatomisch gelten Hirnareale im Papez-Neuronenkreis als wichtig für Lernen. Besonders der Hippocampus ist bedeutsam: Dort werden beim Lernen Engramm-Zellen rekrutiert, die Erinnerungen durch Synapsen zu anderen Engramm-Zellen speichern. Häufig aktivierte Synapsen werden gestärkt und so vor Abbau geschützt. Schwache, selten aktivierte Synapsen können durch Gliazellen abgebaut werden; beteiligt sind unter anderem die Komplementproteine C1q und C3 sowie Mikroglia. Ob übermäßige C1q-Markierung, Komplementaktivierung oder Mikroglia-Aktivität zu krankhaftem Vergessen, etwa Demenz, führen, ist nicht geklärt.
Psychologische Sicht auf Lernprozesse
Zum Lernbegriff gehören nicht nur der Lernprozess selbst, sondern auch Gedächtnis, Abruf und Anwendung des Gelernten, also Lerntransfer. Lernen ist mehr als Speichern: Es umfasst Wahrnehmung und Bewertung der Umwelt, Verknüpfung mit Erfahrungen und das Erkennen von Regelmäßigkeiten. Die verbreitete Vorstellung fester Lerntypen gilt wissenschaftlich als überholt; sinnvoller ist der Begriff Lernpräferenzen, weil Menschen bestimmte Lernweisen bevorzugen können.
Lernprozesse bauen auf bisher Gelerntem auf. Häufig beginnt Lernen mit einer Lernnotwendigkeit, etwa einer Störung in einem gewünschten Ablauf oder einer von außen vorgegebenen Anforderung. Danach werden Möglichkeiten erprobt, Hindernisse zu überwinden; dabei kann Lernwiderstand auftreten. Anschließend wird die Bedeutung des Gelernten ausgehandelt und die eigene Deutungsbasis umstrukturiert. Lernen kann daher als Anpassung an veränderte Bedingungen verstanden werden, bei der alte Handlungsmuster korrigiert und neue aufgenommen werden.
Verschiedene Modelle beschreiben Lernprozesse. Kolbs Lernzyklus führt vom Experimentieren über weitere Stadien zur Abstraktion, die wieder neues Experimentieren ermöglicht; kritisiert wurde daran, dass die soziale Bedeutungsaushandlung zu wenig berücksichtigt werde. Phil Race betont Rückmeldung durch erfahrenere Lernende. Miller, Galanter und Pribram beschrieben in den 1960er Jahren ein Modell mit Grundzügen einer Kontrollschleife.
Eine wichtige Bedingung erfolgreichen Lernens ist soziale Kontingenz: Lehr- oder Bezugspersonen reagieren zeitnah und angemessen auf das Verhalten Lernender. Für Kleinkinder ist dies besonders beim Spracherwerb wichtig. Reed, Hirsh-Pasek und Golinkoff zeigten 2017 experimentell, dass schon eine 30-sekündige Unterbrechung der Eltern-Kind-Interaktion durch einen Handyanruf das Wortlernen zweijähriger Kinder signifikant beeinträchtigte, obwohl die Mütter die Wörter gleich oft wiederholten. Entscheidend ist also nicht nur die Menge, sondern auch die Qualität der Interaktion.
Arten des Lernens und Verlernens
Lernen kann nach mehreren Kriterien unterschieden werden. Nach der Art des gelernten Verhaltens gibt es etwa motorisches Lernen für Bewegungsabläufe, verbales Lernen für sprachliche Inhalte, Metalernen für Lernstrategien und Sozialisation für soziale Normen. Nach der Komplexität unterscheidet man einfache Anpassungen wie Sensitivierung und Habituation sowie assoziatives Lernen, bei dem Ereignisse verbunden werden. Beim S-S-Lernen werden zwei Reize verbunden, beim S-R-Lernen ein Reiz mit einer Reaktion. Bekannte Formen sind klassische Konditionierung und operante Konditionierung. Komplexere Formen sind Lernen durch Einsicht, Lernen lernen und strukturelles Lernen.
Nach der Rolle des Lernenden unterscheidet man unter anderem inzidentelles, intentionales, entdeckendes, selbstbestimmtes, expansives und widerständiges Lernen. Enkulturation bezeichnet das Erlernen kultureller Normen, Werte und Verhaltensweisen; sie geschieht teils bewusst, teils unbewusst. Eltern, andere Erwachsene und Gleichaltrige wirken darauf ein. Kinder und Jugendliche lernen oft leichter und nachhaltiger von Gleichaltrigen als von Erwachsenen. Lernhindernisse können Lernwiderstand, überholtes Vorwissen, Vorurteile oder starke Bindung an andere kulturelle Normen sein.
Verlernen bedeutet, dass eine Fertigkeit, Kompetenz oder ein Wissen teilweise oder vollständig verloren geht, zum Beispiel eine nicht mehr verwendete Sprache oder eine sportliche Reaktionsfähigkeit. In sozialen, intellektuellen und emotionalen Zusammenhängen wird Verlernen auch Extinktion, Auslöschen, Schwächung oder Verminderung von Verhalten genannt. In Erziehung oder Therapie kann versucht werden, unerwünschtes Verhalten abzubauen, indem es nicht mehr verstärkt oder beachtet wird. C. D. Williams konnte 1959 lang anhaltendes Schreien eines Kindes reduzieren, indem lautes Weinen nicht mehr beachtet wurde. Ängste können in der Therapie ebenfalls durch Extinktion abgebaut werden. Strafen gelten nach Tausch und Tausch nicht als geeignete Modelle für den Abbau von Sozialverhalten.
Pädagogische Modelle und Lernformen
In der Pädagogik wird Lernen nach Lernorten, Methoden und Ablauf betrachtet. Planmäßiges Lernen geschieht mit Lehrmethoden im Bildungswesen, etwa in Schule, Erwachsenenbildung oder E-Learning. Auch wenn ein Rahmen vorgegeben ist, muss das Individuum seinen Lernprozess letztlich selbst organisieren. Klaus Holzkamp entwickelte das Modell des expansiven Lernens, das von den Eigeninteressen der lernenden Person ausgeht und Lernwiderstand besonders beachtet. Lebenslanges Lernen bezieht die ganze Lebensspanne ein. Soziales Lernen, Globales Lernen und Interkulturelles Lernen sind besondere Ansätze mit eigenen Bildungs- und Erziehungszielen. Organisationales Lernen beschreibt angeleitete Veränderungsprozesse in Unternehmen oder Organisationen.
Nach behördlicher Anerkennung unterscheidet man formales, informelles und nichtformelles Lernen. Formales Lernen findet als Lehrer-Schüler-Beziehung innerhalb des Schulsystems statt und umfasst Bildung und Erziehung. Informelles Lernen entsteht durch Erfahrungen in alltäglichen Lebenssituationen außerhalb des formalen Bildungswesens. Nichtformelles Lernen findet in einer formalen Lernumgebung statt, ist aber nicht formell anerkannt.
Nach Häufung und Intensität gibt es episodisches, kumulatives, massiertes und verteiltes Lernen. Episodisches Lernen ist eine Verhaltensänderung infolge eines Ereignisses; Ereignisse werden im episodischen Gedächtnis gespeichert, einem Teil des expliziten Gedächtnisses. Kumulatives oder sinnvolles Lernen zielt darauf, Inhalte vollständig zu verstehen und mit vorhandenem Wissen zu verbinden. Es grenzt sich vom Auswendiglernen ab, das auf originalgetreue Wiedergabe ohne inhaltliches Verständnis zielt. Die Frage, ob Lernen massiert oder verteilt stattfinden soll, wird seit wenigstens 1885 diskutiert. Verteiltes Lernen unterstützt das Behalten, massiertes Lernen kann das Lernen von Neuem und besonders das Umlernen erleichtern; optimale Abstände hängen vom Lernstoff ab.
Arbeitsformen sind unter anderem Projektlernen, programmiertes Lernen und E-Learning. Projektlernen ist durch komplexe Aufgaben, Lebensweltbezug, Interdisziplinarität, mehrdimensionales Lernen, gemeinsame Planung und Ziel- sowie Prozessorientierung geprägt. Programmierter Unterricht wurde stark vom Behaviorismus und besonders Burrhus Frederic Skinner beeinflusst; technische Konzepte dazu wurden in Deutschland ab den 1970er Jahren entwickelt. E-Learning bezeichnet rechnergestütztes Lernen, heute vor allem mit Hilfe des Internets; Mobile Learning oder M-Learning gewinnt durch Smartphones an Bedeutung.
Methoden, Spiel und Politik
Lernmethoden sind didaktische Maßnahmen, die Lernen effizienter machen sollen. Sie unterstützen, fördern und optimieren Lernprozesse und helfen, Wissen und Können als neue Kompetenzen zu erwerben. Mehrdimensionales Lernen verbindet mehrere Lernverfahren und aktiviert verschiedene Lernpotenziale des Lernenden.
Dialogisches Lernen entsteht in einem gleichberechtigten Dialog, der auf gerechtfertigten Argumenten beruht und nicht auf Machtansprüchen. In westlichen Kulturkreisen gilt das Sokratische Gespräch mit der Mäeutik häufig als Ursprungsform. Lernen im Spiel gilt als ursprüngliche Lernform bei höher entwickelten Tieren und Menschen. Spiel ist nicht zweckorientiert, aber wichtig für höhere kognitive Fähigkeiten; Kinder entdecken durch Spielen die Welt. Auch Humor wird als bedeutsam für Lernen genannt. Auswendiglernen richtet sich auf originalgetreue Wiedergabe und beruht vor allem auf häufiger Wiederholung, kann aber durch spezielle Lerntechniken unterstützt werden.
Auch in der Politikwissenschaft wird Lernen untersucht. Politische Akteure können Taktiken und Strategien im Umgang mit Gegnern lernen oder in Bezug auf Problemlösungen dazulernen. Seit den 1990er Jahren wurden solche Ansätze stärker ausdifferenziert. Politisches Lernen betrifft Strategien, etwa Koalitionen bei Abstimmungen. Instrumentenbezogenes Lernen verbessert bestehende Politikinstrumente wie Förderungen oder Steuersätze. Soziales Lernen betrifft politische Ziele und Annahmen über die Wirkung von Instrumenten. Reflexives Lernen bezieht sich auf Lernmechanismen selbst, zum Beispiel internationale Netzwerke zum transnationalen Politiklernen. Diese Lernformen treten oft miteinander verbunden auf.
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