Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Literatur
Als Literatur bezeichnet man seit dem 19. Jahrhundert den Bereich aller mündlich (etwa durch Versformen und Rhythmus) oder schriftlich fixierten …
Inhalt5 Abschnitte
Begriff und Grundbedeutungen
Literatur bezeichnet seit dem 19. Jahrhundert im weiten Sinn den Bereich aller mündlich oder schriftlich fixierten sprachlichen Zeugnisse. Dazu gehören etwa mündlich überlieferte Epen, durch Versformen und Rhythmus geprägte Texte, Fachliteratur und schriftlich notierte Musik wie Partituren. Üblicherweise sind mit Literatur veröffentlichte Schriften gemeint.
Im engeren Sinn bezeichnet Literatur sprachliche Kunstwerke, denen eine besondere künstlerische Bedeutung zugeschrieben wird. Sie gehört damit zu den Gattungen der Kunst und wird von Trivialliteratur abgegrenzt, deren künstlerische Qualität als geringer bewertet wird. Die Gesamtheit der veröffentlichten Schriften eines Fachgebiets oder zu einem bestimmten Thema heißt Schrifttum. Nur eingeschränkt und nicht über den Buchhandel zugängliche Veröffentlichungen werden als graue Literatur bezeichnet.
Die heutige Unterscheidung zwischen einem weiten Bereich sprachlicher Überlieferung und einem engeren Feld literarischer Kunstwerke entstand erst im Laufe des 19. Jahrhunderts. Zuvor stand Literatur vor allem für Gelehrsamkeit und Wissenschaften. Die modernen Literaturbegriffe sind daher nicht zeitlos und eindeutig, sondern spiegeln die Diskussionen der vergangenen etwa zweihundert Jahre wider.
Entstehung des modernen Literaturbegriffs
Zwischen etwa 1730 und 1830 veränderten Literaturzeitschriften, Rezensionen und später Literaturgeschichten ihren Gegenstandsbereich. Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein wurde unter Literatur hauptsächlich die Wissenschaft verstanden. Wissenschaftliche Journale, besonders in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, besprachen zunächst die Arbeiten anderer Wissenschaftler. Im Laufe des 18. Jahrhunderts wandten sie sich zunehmend den belles lettres, also den „schönen Wissenschaften“ und der „schönen Literatur“, zu. Dadurch erreichten sie ein größeres Publikum.
Zwischen 1730 und 1770 rückte in deutschen literarischen Journalen die nationale Dichtung in den Mittelpunkt. Dramen, Romane und Gedichte wurden schrittweise zu einem gemeinsamen Diskussionsfeld, obwohl sie zuvor unter keinem einheitlichen Oberbegriff zusammengefasst waren. Die Literaturkritik wollte aus der modischen und internationalen Belletristik Werke auswählen, die als hohe Kunst der jeweiligen Nation gelten konnten.
Ein frühes Beispiel ist Johann Christoph Gottscheds Vorrede zum Sterbenden Cato von 1731. Die deutsche Gelehrsamkeit forderte eine deutsche Poesie nach Regeln, die auf die Aristotelische Poetik zurückgeführt wurden. Die Kritik richtete sich auch gegen die Oper, die damals in der Poesie den Ton angab. Eine der Oper entgegengesetzte Vers-Tragödie sollte durch die Einhaltung poetischer Regeln wissenschaftlich besprechbar und national bedeutsam werden.
Mitte des 18. Jahrhunderts öffnete sich der Poesiebegriff zugleich für den Roman. Samuel Richardsons Pamela, or Virtue Rewarded von 1740 gab dem neuen Drama wichtige Vorgaben und lenkte die Literaturkritik auf den Roman. Dieser war zuvor eher den zweifelhaften Historien als der Poesie zugerechnet worden. Nun wurde er in die Poesie aufgenommen, während Oper, Ballett, Kantate und Oratorium aus dieser engeren Definition ausgeschlossen blieben.
Kriterien und Funktionen literarischer Werke
Der moderne Literaturbegriff verbindet mehrere, historisch unterschiedlich entstandene Kriterien. Literaturstudenten lernen Methoden der Textanalyse aus Poetik, Rhetorik und Textinterpretation. Diese Methoden suchen in literarischen Texten tiefere kulturelle Bedeutungen und tragen dazu bei, Werke zu bewerten und einen literarischen Kanon festzulegen.
Ästhetik und kunstvolle Sprachbeherrschung: Die Vorstellung besonders schöner Texte stammt aus der antiken und frühneuzeitlichen Poesiediskussion. Im 18. Jahrhundert stritten Regelpoetiker, die Schönheit durch feste Gesetze bestimmen wollten, mit Vertretern eines Geschmacksurteils. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entwickelte sich daraus die wissenschaftliche Debatte der Ästhetik. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Konzentration auf Schönheit kritisiert. Kunst sollte auch soziale Wirklichkeit und gesellschaftliche Missstände schonungslos darstellen können. Darauf reagierte man entweder mit erweiterten ästhetischen Konzepten oder mit einer Zurückweisung der Forderung nach einer eigenen ästhetischen Wahrheit.
Fiktionalität und gesellschaftliche Relevanz: Die Bedeutung von Fiktionalität, also der Gestaltung erfundener Sachverhalte, wurde vor allem durch die Romandiskussion wichtig. Pierre Daniel Huet schlug in seinem Traktat über den Ursprung der Romane von 1670 vor, Romane über ihre Fiktionalität zu verstehen und ähnlich wie theologische Gleichnisse zu interpretieren. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde die Suche nach einer tieferen Bedeutung zur zentralen Aufgabe der Literaturwissenschaft. Sie ermöglichte Interpretation, neue Bewertungen und Diskussionen über die Bedeutung von Texten für Nation, Geschichte und Gesellschaft. Im 19. und 20. Jahrhundert konnte daraus auch die Forderung nach politischem Engagement entstehen.
Literarischer Stil und Subjektivität: Die belles lettres sollten sich durch Stil von minderwertigen Volksbüchern und pedantischer Wissenschaftlichkeit unterscheiden. Romane und Memoiren wurden wichtige Formen eines persönlichen Stils. Im frühen 19. Jahrhundert wurde die individuelle Perspektive des Autors und die subjektive Wahrnehmung der Wirklichkeit zu einem zentralen Gegenstand. Deshalb fordert der Literaturunterricht bis heute subjektive Stellungnahmen der Schülerinnen und Schüler und die Auseinandersetzung mit der Subjektivität von Autoren.
Strukturelle Komplexität: Im 20. Jahrhundert untersuchten Strukturalismus und Poststrukturalismus, besonders in den 1960er bis 1990er Jahren, die Komplexität literarischer Werke. Als besonders anspruchsvoll gelten Texte mit mehreren, möglicherweise widersprüchlichen Bedeutungsebenen, intensiver Auseinandersetzung mit Traditionen und komplexen Bezügen zu anderen Texten. Die Postmoderne wandte sich zunehmend auch dem Trivialen und den bisherigen Ansprüchen an literarische Kunst zu.
Literatur, Öffentlichkeit und Nation
Die öffentliche Literaturkritik differenzierte die Belletristik in hohe und niedrige Bereiche. Zur hohen, der Besprechung würdigen Literatur zählte die „wahre“ oder „schöne Literatur“, später auch „Höhenkammliteratur“. Die kommerziell erfolgreiche, aber nicht öffentlich diskutierte Produktion wurde als Trivialliteratur abgewertet. Dadurch konnte die Literaturkritik entscheiden, welche Werke öffentliche Aufmerksamkeit verdienten. Skandalöse oder politische Stoffe, die im frühen 18. Jahrhundert noch in wissenschaftlichen Journalen behandelt worden waren, konnten nun aus gehobenen Debatten ausgeschlossen werden.
Mit der Wende zum 19. Jahrhundert entstanden Literaturgeschichten und nationale Philologien wie Germanistik, Romanistik und Anglistik. Literatur wurde in nationale oder regionale Literaturen gegliedert, nach literarischen Gattungen geordnet und historisiert. Die Komparatistik untersucht Literaturen vergleichend. Literaturgeschichten schufen für die Vergangenheit nationale Großepochen wie Mittelalter, Renaissance und Barock. Dabei entstand eine teilweise lückenhafte und nachträglich produzierte Entwicklungslinie; vor 1730 bleibt die deutsche Literaturgeschichte in der Darstellung vielfach fragmentarisch.
Im 19. Jahrhundert wurde Literatur in den westlichen säkularen Nationen zu einem neuen Bildungs- und Debattengegenstand. Sie übernahm teilweise Funktionen, die zuvor Religion und Theologie besessen hatten. Dafür mussten literarische Werke öffentlich aufführbar oder intim lesbar sein, tiefere Bedeutung tragen, gesellschaftliche Streitfragen zulassen und im Bildungssystem durch Fachleute behandelt werden. Das Drama eignete sich besonders zur öffentlichen Inszenierung, die Lyrik zum subjektiven Erleben.
Literatur wird dabei zirkulär und arbiträr definiert: Als Literatur gilt, was die Menschheit besonders beschäftigt beziehungsweise was die Literaturdiskussion anerkennt. Deshalb bleibt der literarische Kanon, also die Auswahl besonders anerkannter Werke, umstritten. Literaturwissenschaft und Literaturkritik legen in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen fortwährend neu fest, welche Texte und welche Perspektiven Bedeutung gewinnen.
Das Konzept nationaler Literaturen verbreitete sich von Europa aus weltweit, ist aber problematisch. Es ist häufig unklar, ob sich die jeweiligen Traditionen tatsächlich national entwickelt haben. Der internationale Markt der Belletristik lässt sich nicht ohne Weiteres in nationale Linien aufteilen, und außereuropäische Traditionskonzepte sind in den europäischen Literaturgeschichten nur unzureichend berücksichtigt. Auch für Zeiten vor 1750 werden spätere Literaturbegriffe rückwirkend auf frühere Texte angewandt.
Gattungen, Literaturarten und digitale Literatur
Literatur wird nach Formen, Themen, Qualitätsvorstellungen, Sprachen, Nationen und Adressaten eingeteilt. Zu den genannten Literaturarten gehören unter anderem Belletristik, Fachliteratur, Sachliteratur, Gebrauchsliteratur, Erbauungsliteratur, Genreliteratur, Horror-, Unterhaltungs-, Tendenz-, Frauen-, Mädchen- sowie Kinder- und Jugendliteratur. Weitere übergreifende Bezeichnungen sind Nationalliteratur und Weltliteratur. Trivialliteratur bezeichnet dabei Literatur, der eine vergleichsweise geringe künstlerische Qualität zugeschrieben wird.
Die literarischen Gattungen werden traditionell in drei Hauptbereiche gegliedert:
- Epik umfasst erzählende Formen wie Anekdote, Autobiografie, Ballade, Epos, Erzählung, Essay, Fabel, Kurzgeschichte, Legende, Märchen, Novelle, Parabel, Roman, Sage, Schwank und Verserzählung.
- Dramatik umfasst Komödie, Schauspiel, Tragödie und Tragikomödie.
- Lyrik umfasst unter anderem Elegie, Haiku, Hymne, Lautpoesie, Lied, Ode, Prosagedicht, Sonett, visuelle Poesie und digitale Poesie.
Auch das Internet verändert den Literaturbegriff. Es bietet Sammlungen und digitale Bibliotheken wie Projekt Gutenberg-DE, Project Gutenberg, DigBib.org und Zeno.org. Online-Literaturdatenbanken katalogisieren aktuelle und ältere Bestände. Literatursoftware hilft, eigene Literatursammlungen nach Merkmalen zu ordnen und Suchergebnisse aus Datenbanken zu übernehmen. Buchmessen wie die Leipziger und die Frankfurter Buchmesse gehören zum institutionellen Umfeld der Literatur.
Im Internet wird Literatur nicht nur bereitgestellt, sondern auch erzeugt. Beispiele sind digitale Poesie, Weblogs und kollaboratives Schreiben. Digitale Literatur wird durch technische, ästhetische und kommunikative Aspekte geprägt, kann zeitliche und räumliche Distanzen überbrücken und multimediale Elemente verbinden. Elektronische Medien befinden sich zudem in ständiger Veränderung. Als Beispiel nennt der Artikel The Mongoliad von Neal Stephenson und seinem Team: Eine Autorengemeinschaft schrieb interaktiv an einem Roman, ergänzt durch eine E-Publishing-Plattform mit Videos, Bildern, einem Wiki und einem Diskussionsforum.
Unter den Bedingungen des Internets werden die Grenzen zwischen Literatur und darstellenden Künsten sowie zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit durch eine „performative Wende“ relativiert. Das Erscheinen eines Textes im Internet kann als Handlung ähnlich einer Theateraufführung verstanden werden. Bei Netzliteratur, etwa beim Schreiben in Chatrooms, liegen Verfassen, Erscheinen und Lektüre zeitlich fast unmittelbar beieinander.
Lernvideos zu Literatur
9:04
Literatur der Aufklärung | musstewissen Deutsch
musstewissen Deutsch · 460.031 Aufrufe
4:30
Die Literatur im Realismus I musstewissen Deutsch
musstewissen Deutsch · 360.656 Aufrufe
6:20
Faust: Der Tragödie erster Teil - Zusammenfassung / Inhaltsangabe - Deutsch Literatur / Abitur
Die Merkhilfe · 343.042 Aufrufe
6:58
Expressionismus - Literaturepoche einfach erklärt - Merkmale, Literatur, Geschichte, Vertreter
Die Merkhilfe · 309.194 Aufrufe