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Indigene Völker
Land- und Ressourcenkonflikte. Bearbeiten. Häufig umstrittene Fragen sind die Rechte an Landbesitz, teils umfassender an ganzen Landflächen. Viele indigene …
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Begriff und zentrale Merkmale
Indigene Völker sind Bevölkerungsgruppen, die sich als Nachkommen der Menschen verstehen, die ein bestimmtes Gebiet bereits vor Eroberung, Kolonisierung oder Staatsgründung durch Fremde bewohnten. Sie haben eine enge emotionale, wirtschaftliche und/oder spirituelle Bindung an ihren Lebensraum und eine eigene ethnisch-kulturelle Identität mit eigenen sozialen, politischen und kulturellen Traditionen. Häufig sind sie oder waren sie politisch und gesellschaftlich an den Rand gedrängt; dies heißt Marginalisierung.
Die von José Martínez-Cobo entwickelte und 1996 von Erica-Irene Daes präzisierte UN-Arbeitsdefinition nennt vier Merkmale: zeitliche Priorität bei Besiedlung oder Nutzung eines Territoriums; freiwillige Bewahrung kultureller Besonderheiten etwa in Sprache, Gesellschaftsorganisation, Religion, spirituellen Werten, Produktionsweisen und Institutionen; Selbstidentifikation als eigenständige Gemeinschaft sowie Anerkennung durch andere; und die Erfahrung von Unterdrückung, Marginalisierung, Enteignung, Ausschluss oder Diskriminierung. Diese Merkmale müssen nicht in jedem Fall gleich stark zutreffen. Eine starre, ausschließende Definition wird von vielen indigenen Vertretern und der früheren UN-Arbeitsgruppe abgelehnt.
Auch wenn eine frühere Marginalisierung weitgehend überwunden ist, kann die Selbstidentifikation als indigen fortbestehen, etwa bei den Inuit in Grönland. Entscheidend ist außerdem der kollektive Charakter: Indigene Völker sind soziale Gesellschaften, nicht bloß einzelne Personen. Ihre Rechteforderungen betreffen deshalb überwiegend Kollektivrechte, besonders soziale Menschenrechte.
Abgrenzung zu ähnlichen Bezeichnungen
Ureinwohner oder Urbevölkerung sind relativ die ersten Bewohner eines Gebiets. Dafür muss nur das Kriterium der zeitlichen Priorität erfüllt sein; die weiteren Merkmale indigener Völker, etwa kulturelle Unterscheidung, Selbstidentifikation und Unterdrückungserfahrung, sind nicht erforderlich.
„Eingeborene“ entspricht sprachlich dem Wort „indigen“, wird wegen kolonialer oder romantisierender Nebenbedeutungen aber wenig verwendet. Der Duden kennzeichnet „Eingeborener“ als diskriminierend und empfiehlt „einheimische“ oder „indigene Bevölkerung“.
„Naturvölker“ wird teilweise als Synonym benutzt, ist in der modernen Ethnologie jedoch weitgehend abgelehnt. Der Begriff ist unscharf, kann abwertend wirken und geht auf die Gegenüberstellung angeblich „primitiver und kulturloser“ Gruppen mit „zivilisierten Kulturvölkern“ zurück. Er kann zudem das romantisierende Bild des „edlen Wilden“ fördern. „Indigen“ ist dagegen eine völkerrechtlich geprägte politische Kategorie und sagt nichts über die Lebensweise aus: Viele Indigene leben heute westlich geprägt. Umgekehrt gelten etwa brasilianische Quilombolas, Nachkommen afrikanischer Sklaven, oder viele traditionell lebende Ethnien Afrikas nicht unbedingt als indigene Völker, weil sie in ihren Ländern keine Minderheit sind. Als möglichst wertfreie Umschreibung für traditionell lebende Gruppen wird „lokale Gemeinschaften“ genannt.
Nationale Minderheiten und Volksgruppen sind ebenfalls nicht automatisch indigene Völker. Bei indigenen Gruppen sind die ursprüngliche Gebietsbindung, Verdrängung sowie ein größerer kultureller und sozialer Abstand zur Mehrheitsgesellschaft wichtig. Nationale Minderheiten können auch später zugewandert sein oder selbst eine frühere Bevölkerung überlagert haben. In Deutschland sind Dänen, Friesen, Sorben sowie Sinti und Roma deutscher Staatsbürgerschaft gesetzlich als nationale Minderheiten anerkannt; daraus folgt nicht, ob sie indigen sind.
Kulturen, Religionen und weltweite Verbreitung
Indigene Kulturen überlieferten ihr Wissen meist mündlich und entwickelten in lokalen Gemeinschaften viele unterschiedliche Mythen, Weltanschauungen und Religionen. Ethnische Religionen haben keine heiligen Schriften und keine Religionsstifter und missionieren nicht. Häufig besteht ein spiritueller Bezug zur natürlichen Umwelt; allmächtige Götter, strenger Monotheismus und feste religiöse Institutionen sind selten. Alltag und Religion werden meist nicht getrennt. Viele dieser Weltanschauungen sind wandelbar: Persönliche Erfahrungen können aufgenommen und fremde Vorstellungen übernommen werden. Heute ist nahezu keine indigene Religion ohne Einflüsse von Weltreligionen.
Mythenforschung beschreibt bei älteren mythischen Vorstellungen eine umfassende Wirksamkeit von Geistern oder Göttern, eine enge emotionale Verbundenheit mit der Welt und ein zyklisches Zeitbewusstsein, das den Jahreslauf der Natur ritualisiert. Kolonialismus und christliche Missionierung beeinflussten traditionelle Weltanschauungen stark. Trotzdem bestanden viele lokale Religionen fort oder verbanden sich mit fremden Einflüssen zu synkretistischen Mischreligionen. Beispiele sind die Rātana-Kirche der Māori, die Geistertanzbewegung der Prärie-Indianer, Peyotismus in Nordamerika und Laestadianismus bei den Sámi.
Zur Zahl indigener Menschen gibt es unterschiedliche Angaben: Eine Studie von 2012 schätzte 500 Millionen Angehörige indigener und isoliert lebender Völker; an anderer Stelle wird die Gesamtzahl auf etwa 350 Millionen geschätzt. Die größte Dichte indigener Völker wird für Neuguinea angegeben: einmal 832 Völker mit jeweils eigener Sprache, außerdem über 1000 Völker, davon in Papua-Neuguinea über 770. Besonders für Asien und Afrika sind die Zahlen unsicher, weil Regierungen teilweise die gesamte Bevölkerung als indigen ansehen, während Ethnologen weiterhin unterdrückte Gruppen als indigene Völker unterscheiden. Die UN machte mit dem Internationalen Jahr 1993, den internationalen Jahrzehnten 1994–2004 und 2005–2014 sowie dem jährlichen Aktionstag am 9. August auf ihre Lage aufmerksam.
Land, Ressourcen und bedrohte Sprachen
Landrechte gehören zu den wichtigsten Konfliktfeldern. Viele indigene Völker verstehen Land als kollektives, innerhalb von Familien, Abstammungsgruppen, Erblinien oder Clans verwaltetes und vererbtes Recht. Damit sind jeweils ausgehandelte Nutzungs- und Durchquerungsrechte anderer Gruppen verbunden. Das Land gilt grundsätzlich als unveräußerlich. Bei Nomaden und Halbnomaden können die beanspruchten Flächen wegen jahreszeitlicher Ortswechsel groß sein.
Dem steht besonders in modernen Industrie- und liberal geprägten Gesellschaften die Vorstellung von individuellem Privateigentum gegenüber. Rohstoffabbau, Großstaudämme, Atomtests, Atommüllendlager und andere Vorhaben geraten deshalb oft mit indigenen Landansprüchen in Konflikt. Ein großer Teil der weltweiten Uran-, Erdöl-, Gold- und Kohleförderung findet in Gebieten indigener Völker statt. Auf Bougainville führte ein Bürgerkrieg um eine Kupfermine der Rio Tinto Group zu etwa 10.000 Todesopfern.
Auch Naturschutzgebiete können Vertreibungen verursachen, wenn indigene Gruppen von ihrem angestammten Land entfernt werden. Zugleich können indigene Managementformen als Vorbild dienen: Der WWF zeichnete 2011 einen samischen Verein in Nordschweden für das Management des Laponia-Welterbeparks aus; als weiteres Beispiel wird der Parque Indígena do Xingu in Brasilien genannt. Reservate und Gebiete mit Sonderrechten bestehen unter anderem in Kanada, den USA, Südamerika und Australien. Ihre bloße rechtliche Ausweisung erlaubt jedoch keine Aussage über die ökologische Lage oder die Lebenssituation ihrer Bewohner.
Kolonisierung zielte oft auf Assimilation und schwächte indigene Sprachen. Da Sprache für den Erhalt einer Kultur wesentlich ist, wurden viele dieser Sprachen gezielt verdrängt. Besonders betroffen sind indigene Sprachen Amerikas, Australiens und Asiens. Je nach Schätzung sind im 21. Jahrhundert 50 bis 90 Prozent aller lebenden Sprachen ernsthaft gefährdet oder vom Verschwinden bedroht.
Rechte, Selbstbestimmung und Isolation
Der Begriff „indigene Völker“ ist eng mit politischen Menschenrechtsansprüchen verbunden. Bei den Vereinten Nationen befassen sich der Expertenmechanismus für die Rechte indigener Völker, der UN-Sonderberichterstatter für die Rechte indigener Völker und das Ständige Forum für indigene Angelegenheiten mit diesen Fragen.
Zentrale Forderung indigener Organisationen ist die verbindliche und uneingeschränkte Anerkennung ihrer Menschenrechte, insbesondere des Selbstbestimmungsrechts. Dieses ist in den ersten Artikeln der beiden wichtigsten verbindlichen Menschenrechtsdokumente, der Internationalen Pakte über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte sowie über bürgerliche und politische Rechte, anerkannt. Selbstbestimmung bedeutet nicht automatisch Sezession oder die Gründung eines eigenen Staates. Sie umfasst jedoch insbesondere die freie Verfügung über Land und Ressourcen.
Deshalb ist umstritten, ob indigenen Gruppen völkerrechtlich der Status eines „Volkes“ zusteht. Staaten befürchten bei einer solchen Anerkennung unter anderem Kontrollverlust über Rohstoffe oder Sezession. Dies wird als Streit um das kleine „s“ beschrieben: „indigenous peoples“ bedeutet Völker, „indigenous people“ Menschen. Die UN-Erklärung über die Rechte der indigenen Völker wurde am 13. September 2007 als Resolution 61/295 verabschiedet. Eine weitere Hauptforderung ist die Ratifizierung des Übereinkommens Nr. 169 der Internationalen Arbeitsorganisation. Für industrielle Vorhaben auf indigen genutzten oder bewohnten Gebieten wird freie, vorherige und informierte Zustimmung, Free, Prior and Informed Consent, gefordert; auf den Philippinen ist dies bereits gesetzlich umgesetzt.
Mehr als hundert indigene Gruppen leben weltweit isoliert, meist wegen katastrophaler Erfahrungen mit der Außenwelt. Der Grad der Isolation unterscheidet sich; manche Gruppen haben Kontakt zu Nachbarn oder lassen gelegentlich Behörden oder Forschende zu. Rodung, Bergbau, Straßenbau und Goldsucher können ungewollte Kontakte und Vertreibungen verursachen. Besonders gefährlich sind Krankheiten, gegen die isolierte Menschen oft keine wirksame Immunabwehr besitzen. Viele solcher Gruppen leben in den Regenwäldern Perus und Brasiliens; auf den Andamanen leben die Sentinelesen und Jarawa in unterschiedlichen Graden der Isolation.