Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Weltanschauung
Weltanschauungen sind teils soziokulturell bestimmt, also traditionsgebunden, teils geprägt durch transkulturelle philosophische oder religiöse Vorstellungen, …
Inhalt5 Abschnitte
Grundbegriff und Abgrenzungen
Eine Weltanschauung ist die Gesamtheit persönlicher Wertungen, Vorstellungen und Sichtweisen, mit denen Menschen die Welt, die eigene Rolle in ihr, die Gesellschaft und teilweise den Sinn des Lebens deuten. Sie bildet eine grundlegende kulturelle Orientierung von Einzelpersonen, Gruppen und Kulturen. Werden solche Überzeugungen bewusst reflektiert, geordnet und zu einem zusammenhängenden Ganzen verbunden, spricht man von einer geschlossenen Weltanschauung oder einem Glaubenssystem. Solche Systeme können von Gruppen, Gesellschaften oder mehreren Kulturen geteilt werden, etwa in großen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften.
Weltanschauungen können traditionsgebunden und soziokulturell geprägt sein, aber auch auf transkulturellen philosophischen oder religiösen Vorstellungen sowie auf spirituellen und esoterischen Geheimwissenschaften beruhen. Claude Lévi-Strauss bezeichnete die ganzheitlichen und mythischen Deutungen naturangepasster Kulturen als „Wildes Denken“. Auch einzelwissenschaftliche Erkenntnisse können Weltanschauungen bestimmen und verändern.
Der Begriff „Weltsicht“ ist weiter gefasst: Er umfasst neben persönlichen Wertungen und Sinnfragen auch gesellschaftliche und physikalische Erklärungsmuster. Eine Weltanschauung kann einen absoluten und ausschließlichen Wahrheitsanspruch erheben; zugleich weist der Begriff darauf hin, dass andere Meinungen möglich sind. Häufig verbindet sie Vorstellungen aus Naturwissenschaft, Philosophie, Religion, Politik, Wirtschaft, Natur, Kultur, Brauchtum und Moral.
„Ideologie“ wird oft gleichbedeutend verwendet. Eine strenge Trennung ist nicht möglich. In Literatur, Philosophie und Soziologie bezeichnet „Weltanschauung“ eher eine ganzheitliche, weniger theoretisch ausgearbeitete Sicht auf Welt und Mensch. Eine Ideologie will die Welt zusätzlich erklären und beeinflussen. Die Unterscheidung zwischen „guten Weltanschauungen“ und „bösen Ideologien“, die besonders durch Karl Marx geprägt wurde, kommt vor allem in der deutschen Literatur vor. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird „Ideologie“ häufig abwertend für manipulative oder wissenschaftlich unzureichend begründete Ideensysteme benutzt.
Vom Weltbild, von Philosophie und Religion ist die Weltanschauung im engeren Sinn ebenfalls zu unterscheiden. Sie bezeichnet eher prinzipielle und normativ oder durch Gesinnung bestimmte Grundlagen, aus deren Anwendung ein Weltbild entsteht. Religionen liefern eine transzendente Erklärung des Weltganzen; Weltanschauungen können weltimmanente Gesamtsichten sein. Philosophische Disziplinen wie Metaphysik, Ethik und Erkenntnistheorie untersuchen einzelne Grundfragen systematisch. Allerdings enthalten auch sogenannte naturwissenschaftliche Weltanschauungen oder Weltbilder normative und metaphysische Voraussetzungen und sind daher nicht vollständig voraussetzungslos.
Entwicklung des Begriffs
Das Wort „Weltanschauung“ erscheint zuerst in Immanuel Kants Kritik der Urteilskraft von 1790, und zwar in der Analytik des Erhabenen. Bei Kant bezeichnete es zunächst allgemein die Fähigkeit, die vielfältige Welt ästhetisch anzuschauen und begrifflich zu erfassen. Eine zentrale systematische Bedeutung hatte der Begriff bei ihm noch nicht.
Ab etwa 1800 wurde „Weltanschauung“ in der Romantik wichtiger. Gegen den als übertrieben empfundenen Rationalismus der Aufklärung stellte die Romantik einen ganzheitlichen und integrierenden Zugang. Bei Friedrich Schelling (1799) und Novalis (vor 1801) wird der Begriff im Zusammenhang mit innerer Erfahrung und persönlicher Anschauung verwendet. Dadurch verschob sich seine Bedeutung: Weltanschauung wurde zunehmend als persönliches Bild der Welt verstanden, das nicht nur aus rationalem Wissen, sondern auch aus Erfahrung und Gefühl entsteht. Friedrich Schleiermacher bezeichnete 1813 die Weltanschauung als die Steigerung aller Eindrücke zu einem vollständigen Ganzen des Bewusstseins. Sie sollte ein Bildungsprozess sein, in dem Wissen über Naturwissenschaft und Geschichte persönlich integriert wird.
Johann Wolfgang Goethe stellte die Anschauung, die den organischen Zusammenhang des Ganzen erfassen soll, dem bloßen intellektuellen Zerlegen einzelner Teile gegenüber. In der Goethe-Rezeption des frühen 20. Jahrhunderts wurde dieses „schauende Denken“ teilweise als besonders deutsche Erkenntnisweise gedeutet. Zugleich kritisierten Jacob Burckhardt und andere die bürgerliche Mode, sich eine oberflächliche „Weltanschauung“ zusammenzustellen und mit ihr andere zu belehren. Rudolf Eisler verwies den Begriff sogar auf „Philosophie“ oder setzte ihn sprachkritisch mit dem individuellen Sprachgebrauch gleich.
Im frühen 20. Jahrhundert wurden philosophische und religiöse Wahrheitsansprüche stark relativiert. Georg Simmel erklärte Wahrheit 1907 zu einem „Verhältnisbegriff“ und sprach 1918 von „Lebensanschauung“. Wilhelm Windelband wollte noch einen festen Rahmen des Weltbildes aus der allgemeinen Gesetzmäßigkeit der Dinge ableiten. Heinrich Rickert verlagerte die Frage dagegen auf die Geltung von Werten und verstand Kultur als Wertebeziehung.
Wilhelm Dilthey entwickelte in seiner Weltanschauungslehre von 1919 eine Typologie. Weltanschauungen entstehen nach seinem Hauptsatz nicht aus bloßem Denken, sondern aus Lebensverhalten, Lebenserfahrung und der Struktur der psychischen Gesamtheit. Sie bleiben wegen der Endlichkeit des Menschen perspektivisch und können in einem „Kampf der Weltanschauungen“ aufeinandertreffen. Karl Jaspers untersuchte 1919 Verhaltensweisen des Subjekts und verschiedene Weltbilder als „statische Elemente“. Diese können in existenziellen Situationen wie Leiden, Kampf und Tod zerbrechen.
Karl Mannheim analysierte 1929 in Ideologie und Utopie weltanschauliche Kämpfe sozialhistorisch. Sein „totaler Ideologiebegriff“ bezeichnet die „totale Bewusstseinsstruktur eines ganzen Zeitalters“. Die Wissenssoziologie sollte die Abhängigkeit von sozialer Lage und historischer Perspektive sichtbar machen und dadurch eine Selbstkorrektur des Denkens ermöglichen. Sigmund Freud behandelte 1932 den Anspruch von Weltanschauungen kritisch; Theodor W. Adorno erklärte 1962–63 die „Liquidation der Weltanschauung“ zur Aufgabe der Philosophie. Romano Guardini prägte zwischen 1923 und 1964 die Begriffe „katholische Weltanschauung“ und „christliche Weltanschauung“.
Politisierung und Folgen im 20. Jahrhundert
In den 1920er und 1930er Jahren wurde „Weltanschauung“ besonders in rechtskonservativen und nationalistischen Kreisen sehr häufig verwendet. Armin Mohler unterschied sie von Philosophie: Philosophie sei Teil des alten geistigen Gehäuses des Abendlandes, Weltanschauung dagegen ein Ergebnis dessen Zerfalls. In ihr könnten Denken, Fühlen und Wollen nicht mehr klar getrennt werden. Oswald Spengler deutete in Der Untergang des Abendlandes (1918) die Geschichte von Kulturen als Kampf von Weltanschauungen. Diese seien kollektiv geteilte Ansichten über Gestalt und Sinn der Welt sowie über die Bestimmung des Menschen und bestimmten den gesamten Werdegang einer Kultur.
Martin Heidegger kritisierte 1938 in Die Zeit des Weltbildes die neuzeitliche Vergegenständlichung der Welt durch technisch-wissenschaftliches Denken. Wenn die Welt zum Bild werde, mache sich der Mensch zum Maß und zur Richtschnur alles Seienden. Der Kampf der Weltanschauungen werde dadurch zu einem Einsatz von Berechnung, Planung und „Züchtung“ aller Dinge. Diese Kritik richtete sich nicht nur gegen den Nationalsozialismus, sondern gegen die gesamte abendländische Metaphysik.
Der Nationalsozialismus bezeichnete sich selbst ausdrücklich als Weltanschauung und nicht als Ideologie. Der Begriff wurde in Hitlers Mein Kampf (1925) und Alfred Rosenbergs Mythus des 20. Jahrhunderts (1930) verwendet. 1934 ernannte Hitler Rosenberg zum Beauftragten für „geistige und weltanschauliche Schulung und Erziehung“ der NSDAP. Eine Weltanschauung sollte nicht nur übernommen, sondern gelebt werden. Dadurch erschien sie als Grundlage der Wahrnehmung selbst und entzog sich scheinbar jeder Kritik. Der Nationalsozialismus beanspruchte, als „totale Weltanschauung“ alle Lebensbereiche zu bestimmen: durch Propaganda sollten Zweifelnde überzeugt, Gegner und Menschen mit abweichenden Überzeugungen bis hin zur physischen Vernichtung bekämpft werden.
Nach 1945 war der Begriff wegen dieser nationalsozialistischen Verwendung wissenschaftlich und philosophisch belastet. Diese Einschätzung setzte sich besonders in den 1950er und 1960er Jahren durch. In der Soziologie verlor „Weltanschauung“ seine analytische Bedeutung. Niklas Luhmann untersuchte Sinn als Mittel zur Reduktion von Komplexität und zur Fortsetzung von Kommunikation; Jürgen Habermas richtete den Blick eher auf gelingende Interaktion und Diskurs. Die Soziologie betrachtet daher zunehmend Kommunikationsprozesse und intersubjektive Wahrheit statt statischer Weltanschauungen. Verwendet wird der Begriff dort noch, wo es um Ideologiekritik geht, etwa in der Tradition Karl Mannheims.
Im akademischen Sprachgebrauch ist „Weltanschauung“ heute nahezu verschwunden, bleibt aber in der Alltagssprache erhalten. Hans Blumenberg deutete den Begriff rückblickend als Ergebnis von Erlebnissen und „absoluten Metaphern“, die eine übersichtliche Welt suggerieren und zu Dogmen werden können. In Alternativmedizin, anthroposophischer Pädagogik und Heilkunde sowie in Teilen der Esoterik bleibt ein ganzheitlicher Weltanschauungsbegriff verbreitet.
Politik, Gesellschaft und psychologische Wirkung
Weltanschauungen erfüllen eine Funktion für die persönliche Lebensbewältigung und können gesellschaftlich verbindlich werden. Sie stiften Identität und soziale Zugehörigkeit, indem sich Gruppen über gemeinsame Vorstellungen und die Abgrenzung von anderen definieren. Kulturelle Leitideen prägen daher das Leben einer Gemeinschaft und machen Weltanschauungen zu einer politischen Frage. Dabei entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen der sozialen Verbindlichkeit von Werten und Normen einerseits und der persönlichen Freiheit des Individuums andererseits.
Thomas Hobbes entwickelte vor dem Hintergrund des englischen Bürgerkriegs eine politische Theorie, die religiöse und weltanschauliche Kämpfe aus der Öffentlichkeit zurückdrängen sollte. Der Souverän sollte absolut und autonom handeln; der Bürger sollte in öffentlichen religiösen und weltanschaulichen Fragen schweigen, um einen neuen Bürgerkrieg zu verhindern. Der Staat sollte den Naturzustand, den „Krieg aller gegen alle“ (Bellum omnium contra omnes), überwinden. Der Bürger hatte deshalb als Staatsbürger absolut zu gehorchen, durfte als Privatmann aber ein freies Gewissen behalten. Der Staat verlor seine Legitimation, wenn er den Naturzustand nicht beenden konnte.
Jean-Jacques Rousseau kritisierte 1750 in der Abhandlung über die Wissenschaften und die Künste den technischen und zivilisatorischen Fortschritt als moralischen Rückschritt. Nach der Französischen Revolution von 1789 kehrten idealistische und teilweise utopische Ansprüche in die Politik zurück, besonders in der Proklamation der Universalität der Menschenrechte. Die politischen Kämpfe wurden nun weniger religiös und stärker im Namen höherer Ideale geführt.
Im deutschen Idealismus galt der Staat als Ausdruck der sittlich-moralischen Vernunft und als Mittel zur Verwirklichung von Freiheit. Hegel sah in Recht, Gesellschaft und Staat eine dialektische Verwirklichung des Geistes. Marx und Engels kritisierten, dass diese idealistische Philosophie die gesellschaftliche Realität in Preußen verfehle. Sie wollten aus einer materialistischen Analyse der bestehenden Verhältnisse eine Gesellschaftstheorie entwickeln. Marx’ wissenschaftlicher Materialismus sollte die materiellen Bedingungen verändern und die Befreiung von Unterdrückung ermöglichen. Das Proletariat konnte nach dieser Theorie durch Klassenbewusstsein die historische Aufgabe der Befreiung übernehmen. Ideologien verdecken nach Marx Herrschaftsverhältnisse; ein verändertes Bewusstsein kann daher zur Veränderung dieser Verhältnisse beitragen.
Die gemeinsame Weltanschauung einer Gruppe kann außerdem psychologisch zur Identitätsbildung und zur Lenkung großer Menschenmengen eingesetzt werden. Massenkommunikation, soziale Entwurzelung und Entindividualisierung erweiterten seit dem 19. Jahrhundert die Möglichkeiten politischer Manipulation. Michel Foucault beschrieb den Übergang von äußerem Zwang zu einer verinnerlichten Kontrolle durch soziale Werte und Gruppenzugehörigkeit. Eine Weltanschauung kann so als innere Kontrollinstanz wirken: Gesellschaftliche Erwartungen erscheinen dem Einzelnen als vernünftig, normal und freiwillig gewählt.
Rechtliche Bedeutung und internationale Verbreitung
Im deutschen Grundgesetz wird Weltanschauung als Gegenstück zur Religion behandelt. Artikel 3 Absatz 3 verbietet Benachteiligung oder Bevorzugung wegen des Glaubens sowie religiöser oder politischer Anschauungen. Artikel 4 Absatz 1 erklärt die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses für unverletzlich. Aus dieser Vorschrift wird geschlossen, dass Religion und Weltanschauung grundsätzlich gleich zu behandeln sind. Nach Artikel 140 GG gilt außerdem Artikel 137 Absatz 7 der Weimarer Reichsverfassung fort: Den Religionsgesellschaften werden Vereinigungen gleichgestellt, die sich die gemeinschaftliche Pflege einer Weltanschauung zur Aufgabe machen. Eine vollständig trennscharfe Abgrenzung zwischen Religion und Weltanschauung ist deshalb rechtlich nicht erforderlich.
Der österreichische Oberste Gerichtshof definierte Weltanschauung als „Leitauffassung vom Leben und von der Welt als einem Sinnganzen sowie zur Deutung des persönlichen und gemeinschaftlichen Standorts für das individuelle Lebensverständnis“. Sie sei kein wissenschaftliches System, sondern eine persönliche Deutungsauffassung von „Grundstruktur, Modalität und Funktion des Weltganzen“. Eine politische Überzeugung kann unter den Diskriminierungsgrund „Weltanschauung“ fallen, wenn sie über einzelne politische Fragen hinausgeht und bei einer Gesamtbetrachtung einer Weltanschauung entspricht.
Das deutsche Wort „Weltanschauung“ ist in vielen Sprachen ein Lehnwort oder Germanismus. Im Englischen sind „worldview“, „world outlook“ und „Weltanschauung“ verbreitet. Entsprechungen finden sich unter anderem im Niederländischen als wereldbeeld oder wereld-beschouwing, im Dänischen und Norwegischen als verdensanskuelse, im Schwedischen als världsåskådning und im Spanischen als Cosmovisión. Im Japanischen steht 世界観 für eine Verbindung der Zeichen „Welt“ und „Ansehen“; 人生観 verbindet „Mensch“, „Leben“ und „Ansehen“ und kann im Alltag auch „virtuelle Welt“ bedeuten. Im Französischen heißt es la weltanschauung.