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Matthieu Ricard: Vom Wissenschaftler zum buddhistischen Mönch | Sternstunde Philosophie | SRF Kultur

SRF Kultur Sternstunden57:24 4,3 Mio. Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.

Transkriptautomatisch erstellt · 376 Zeilen
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  1. Er hat eine glänzende Karriere als Molekulargenetiker aufgegeben zugunsten eines Kenlebens in einem Kloster in Nepal. Er landet mit seinen Büchern
  2. regelmäßig Bestseller. Er ist ein enger Vertrauter und Übersetzer des Dalai Lama und Neuropsychologen haben ihn zum glücklichsten Menschen der Welt erklärt.
  3. Matthieu Ricard. Der buddhistische Mönch nimmt sich Zeit für ein Gespräch mit mir hier in Paris, wo er aufgewachsen ist. Bonjour monsieur.
  4. Bonjour Monsieur R. Wenn ich so glücklich werden möchte wie Sie, womit sollte ich heute noch anfangen?
  5. Sie können die glücklichste Frau der Welt werden, wenn Sie das Glück dort suchen, wo es sich befindet. Das Problem ist oft, dass man ihm den
  6. Rücken kehrt. Man wünscht sich das Glück, aber man wendet sich von ihm ab. Man möchte nicht leiden, aber oft läuft man auf das Leiden zu.
  7. Doch was ihre Einleitung betrifft, es waren nicht die Neurowissenschaftler, die mich den glücklichsten Menschen der Welt nannten, es waren die Journalisten.
  8. Einen solchen Scherz würde sich die Wissenschaft nicht erlauben. Warum ist es ein Witz?
  9. Das stammt aus einem Dokumentarfilm eines australischen Fernsehsenders, der gedreht wurde, während wir in Madison mit Richard Davidson die Auswirkungen
  10. der Meditation auf das Gehirn studierten. Insbesondere wenn Meditierende wie ich und manche andere über die altruistische
  11. die nächsten Liebe meditierten. werden gewisse Bereiche des Gehirns intensiv aktiviert, viel intensiver als das, was die Neurowissenschaft bisher
  12. hatte messen können. Das betraf vor allem mich und ein gutes Dutzend weitere Meditierenden Männer, Frauen, Mönche und Leihen aus Ost und
  13. West. An mir war also nichts besonderes und es ging auch nicht ums Glück, sondern um das Mitgefühl und die altruistische
  14. Liebe. Und in diesem Dokumentarfilm heißt es nun im Kommentar: "Dieser Mensch ist vielleicht der glücklichste der Welt." Daraus hat eine englische
  15. Tageszeitung eine Schlagzeile gemacht und die hat sich dann überall verbreitet. daran ist also nichts Wissenschaftliches
  16. aber interessant ist ja schon, dass in diesen Studien an der University of Winconsin unter diesem Professor Richard Davidson, da wurde schon klar, dass eben
  17. in ihrem Hirn ganz spezielle Dinge ablaufen. Man sieht auch, dass die wirklich die Morphologie, die Struktur des Hirns sich verändert haben. Der
  18. Mandelkern war offenbar kleiner, der ist zuständig für die Regulierung der Angst. Also offenbar hat Meditation doch enorme Effekte auf das menschliche Gehirn.
  19. ganz bestimmt und die ist nicht nur bei mir, sondern bei allen, die ihren Geist trainieren. Am Anfang wurden diese Studien natürlich
  20. an Personen gemacht, die zwischen 10 000 und 60.000 Stunden meditiert hatten. Da sieht man tatsächlich funktionale und strukturelle Veränderungen in
  21. Hirnregionen, die ihr Volumen und ihre Dichte verändern. Man stellt auch physiologische Veränderungen fest, etwa eine Stärkung
  22. des Immunsystems. Was aber vielleicht für die Menschheit noch interessanter ist, ist der Umstand,
  23. dass man gesehen hat, dass vier ja sogar schon zwei Wochen Meditation von täglich 30 Minuten, z.B. will über das Mitgefühl bereits das soziale Verhalten stärken,
  24. Entzündungsreaktion vermindern und auch, wie sie gesagt haben, bereits nach zwei Wochen ein wenig die Größe des Mandelkerns verringern, der mit Angst
  25. und Zorn mit Angriffs und Fluchtreflexen, also mit instinktiven Regungen zu tun hat.
  26. Man sieht also, dass es keine 50.000 Stunden Meditation braucht. Man stellt sehr schnell Veränderungen fest. Aber trotzdem ist es Arbeit. Man müsste
  27. also doch meditieren. Sie sagen jetzt vielleicht nicht so lange wie sie, aber man müsste meditieren. Nehmen wir mal an, man könnte diese Veränderung des
  28. Gehirns auch erreichen mit einer kleinen Operation. Würden Sie sagen, das ist auch zulässig oder gilt hier der Weg ist das Ziel?
  29. Das wäre eine zu starke Vereinfachung. Eine Operation von was? Einen Teil des Gehirns amputieren. Es ist nur ein Gedankenspiel.
  30. Wenn sie einen Teil des Gehirns herausschneiden, kommt das nicht gut heraus. Im Allgemeinen sind die Folgen katastrophal.
  31. Es geht ja nie nur um einen kleinen Teil des Gehirns. Die wichtigste Eigenschaft des Gehirns ist, dass zwischen seinen Regionen ein
  32. ständiger, durchgehender und synchroner Austausch stattfindet. Es gibt im Gehirn keinen Kontrollposten. Es gibt kein Ich als Kommandostelle.
  33. Es gibt nicht eine Region für das Mitgefühl oder für das Glück. Alles ist miteinander vernetzt. Für jeden Gemütszustand, für jede Art
  34. des Denkens, für die Angst, den Torn, die Überraschung, die Freude, die Traurigkeit, das Mitgefühl, der Empathie, ist es immer ein Zusammenspiel
  35. von Regionen, die miteinander in eine entsprechende Beziehung treten. Darum ist die Idee, dass man da Elektroden einsetzen könnte, unmöglich.
  36. Es braucht ein umfassendes Einüben der Funktion des gesamten Bewusstseins. Man merkt, wenn man ihnen zuhört, dass sie die Materie ganz genau kennen, sie
  37. sind ja eigentlich auch ursprünglich Naturwissenschaftler und wenn wir über Ihren Weg sprechen, dann ist es ja tatsächlich so, dass sie eine große
  38. Karriere aufgegeben haben als Molekulargenetiker. Sie haben am Institut Pasteur studiert, promoviert bei einem Nobelpreisträger
  39. und irgendwann war es soweit, dass sie gesagt haben, jetzt ist hier fertig. Mein Weg geht hier nicht weiter, sondern mein Weg geht weiter in Nepal und sie
  40. haben ihre Sachen gepackt. Wie ist es dazu gekommen? Ja, ich spreche lieber vom Kofferpacken als von Verzicht,
  41. denn verzichten, das bedeutet so etwas w eine Tür zu knallen in Bettel hinschmeißen. Mir gefällt das Bild von der Reise besser. Man ist in einem Tal,
  42. steigt auf einen Hügel, entdeckt ein neues Tal und steigt dahinter. Man entdeckt etwas Neues. Es ist aber nicht so, dass man das vorherige Teil negiert,
  43. gering geschätzt oder darauf verzichtet hätte. Es folgt einfach eine neue Etappe im Leben. Was mich zu meinem Schritt bewegte, war
  44. folgendes: In meiner Jugend hatte ich viel Glück, dank meinem Vater, einem Philosophen, und meiner Mutter, einer Malerin, sowie
  45. meinem Onkel, einem Entdecker. Ich selbst machte klassische Musik. Es gab die Wirkungsstätten bedeutende Wissenschaftler. So lernt sich eine
  46. Reihe von Persönlichkeiten kennen, die eine jede in ihrem Bereich große Kapazitäten waren. Große Mathematiker, große Künstler.
  47. Doch merkwürdigerweise gab es keine Entsprechung in dem Sinne, dass z.B. ein großer Mathematiker auch ein guter Mensch sein musste. Unter 100 Gärtnern,
  48. 100 Musikern und 100 Philosophen fand man überall gleich viel äußerst warmherzige, sympathische wie auch sehr schwierige Menschen. Da gab es keinen
  49. Zusammenhang. Als ich hegen nach Indien aufbrach, um den großen spirituellen Lehrern zu
  50. begegnen, die aus dem besetzten Tibet geflohen waren, kam es mir vor, als gäbe es da 20 Sokrates, 20 Franz von Asis, die in unserer Zeit lebten. Da fand ich
  51. die vollkommen Übereinstimmung zwischen dem, was sie lehren und dem, was sie leben. Ein großer spiritueller Lehrer, der
  52. wütend ist, das geht nicht. Der Botschafter muss gleichzeitig die Botschaft sein. Zu jeder Zeit muss diese Person das verkörpern, was sie vertritt
  53. und was sie lehrt. Das ist inspirierend. Man bemüht sich nicht einfach, Klavier zu spielen wie eine bestimmte Person.
  54. Man strebt danach möglichst das zu werden, was diese Person ist. Das heißt, gerufen hat sie eigentlich nicht eine Theorie oder die der Wunsch
  55. auszusteigen, sondern es waren Personen, die sie begeistert haben. Aussteigen. Das tut man aus einer Welt, in der man keine Befriedigung findet, wo
  56. man das tägliche Streben nach Reichtum, Macht und Ruhm satt hat, weil es keine Erfüllung bringt.
  57. Bei mir war es viel mehr eine positive Inspiration. Ich fand Menschen, welche die Weisheit, das
  58. Mitgefühl, die innere Freiheit und eine Wachheit verkörperten. Und das hat mich mehr inspiriert als das Studium der bakteriellen Zellteilung.
  59. Nichts gegen die bakterielle Zellteilung. Aber mir schien ein besserer Mensch zu werden, dass er ein besserer Gebrauch
  60. meiner Existenz und ihr Vater, sie haben ihn schon erwähnt, er war Philosoph, er war in
  61. Frankreich eine ganz wichtige intellektuelle Stimme. Jean François Rövel ist gestorben 2006. Sie haben mit ihm zusammen auch ein Buch geschrieben,
  62. das ein fulminanter Erfolg in Frankreich und später in vielen anderen Ländern war. der Mönch und der Philosoph, ein Dialog zwischen Vater und Sohn, auch ein
  63. Dialog zwischen Buddhismus und Abendland und dieser Vater schreibt hier im Vorwort, sie erwähnen es später auch in ihren Büchern, dass er eigentlich am
  64. Anfang auch enttäuscht war, bis sogar ein klein bisschen verärgert. War das schwierig für sie als Sohn damit umzugehen, dass ihr Vater von der
  65. großartigen Karriere seines Sohnes geträumt hat? Er war nicht böse, aber enttäuscht und traurig.
  66. Er fand, das sei eine Verschwendung, aber er hatte die Größe daraus, kein Drama zu machen, denn ich mag keine Dramen. Er war also
  67. überhaupt nicht glücklich. Er hat sich sogar bei einem Freund ausgeweint. Er glaubte, dass ich daran sei, mein Leben zu verpfuschen. Doch sehr bald sagte er,
  68. du bist 26, du kannst dein Leben selber wählen. Wenn man daran denkt, was Eltern sich für ihre Kinder wünschen. Man sieht
  69. heute so viele Eltern, die beunruhigt oder traurig sind, weil ihre heranwachsenden Kinder nicht wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen und
  70. sich in alle möglichen Exzesse stürzen oder unmotiviert sind. Doch bald hat mein Vater begriffen, dass ich erfüllt war von einer großen Freude
  71. und Begeisterung für das, was ich machte. Er sah, dass ich mich mit der Erhaltung von Texten beschäftigte und in meinem neuen Leben aufblühte.
  72. Was können sich wohlwollende Eltern besseres wünschen? Von nun an war er sehr beruhigt und wir waren nie böse aufeinander.
  73. Er schreibt es auch im Vorwort des Buchs. Die einzigen Wolken, die über unsere Beziehung hinwegzogen, waren jene des
  74. indischen Monséon und ihre Mutter. Ihre Mutter war, sie haben schon erwähnt, Künstlerin. Andre
  75. Bröton hat sie erwähnt in gewissen Manifesten. Sie sind überhaupt in einer sehr künstlerischen Familien aufgewachsen. Sie haben Igor Strawinski
  76. persönlich kennengelernt. Viele Louis Buuel ging in ihrem Haus ein und aus. Viele ganz ganz berühmte Persönlichkeiten, die sie auf ihrem Weg
  77. angetroffen haben. Wenn wir jetzt überlegen, Sie hätten ein anderes Leben gehabt, denken Sie, das alles hat eigentlich dazu geführt, dass Sie diesen
  78. Weg gegangen sind? War das hilfreich für Sie? sich so zu entwickeln oder denken sie ganz egal wie sie aufgewachsen wären, dieser innere Ruf hätte sie
  79. sozusagen zu ihrem Entscheid gebracht. Es heißt ja, der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien kann das
  80. Wetter in Europa verändern. Jedes Ereignis im Leben rüttelt am Gleichgewicht oder ist eine Wegkreuzung.
  81. Nachdem ich nun 40 Jahre im Himalaya gelebt habe, ist es äußerst schwer zu sagen, ob ich da wäre, wo ich bin, wenn damals etwas anders gelaufen wäre. Das
  82. war nicht vorauszusehen. Ich weiß nur, dass mich damals die Dokumentarfilme über die großen tibetischen Meister, die ich als
  83. 20-jähriger sah, außerordentlich inspirierten. Ich glaube nicht, dass meine Vergangenheit dabei eine große Rolle
  84. spielte. Vielleicht lag es in meiner Natur, dass mich diese Bilder unglaublich inspirierten und ich den Wunsch verspürte, diese Meister
  85. kennenzulernen. Welchen Einfluss die Bekanntschaft mit Philosophen und Künstlern hatte, da gibt
  86. es nicht zwingend einen Zusammenhang. Ich hätte ein Arbeitersohn sein können. Ich wollte Medizin studieren, habe dann aber Naturwissenschaften studiert. Ich
  87. glaube, es lag an der Kraft dieser Bilder, dass ich Mönch geworden bin, unabhängig von meiner sozialen Herkunft. Wenn ich die gleichen Gene und die
  88. gleiche mentale Veranlagung gehabt hätte, hätten mich diese Bilder auf jeden Fall inspiriert. Aber das sagt sich jetzt so. Doch hätte
  89. ich dann auch die Gelegenheit gehabt in einem bestimmten Augenblick diese Bilder zu sehen? Jedes Ereignis hat seinen Platz im Leben. Man kann die Geschichte
  90. nicht umschreiben. Ich weiß nicht, was geschehen wäre. Der Buddhismus und sie sind heute buddhistischer Mönch, kennt ja die Idee
  91. der Reinkarnation. Gibt es auch so etwas wie die Idee der Vorherbestimmung oder sind wir überhaupt frei darin, was aus uns wird?
  92. Die Frage ist viel komplexer, als es den Anschein macht. Das Wort Reinkarnation ist kulturell sehr befrachtet.
  93. Es herrscht die Vorstellung, dass eine Persönlichkeit ein Ego von einer Existenz zur anderen springt. Im Buddhismus gibt es das Ego im Jetzt
  94. nicht. So kann es sich auch nicht reinkarnieren. Das Bewusstsein ist ein dynamischer
  95. Fluss von mentalen Ereignissen. Es gibt keine Wesenheit im Zentrum dieses Flusses, das einzelnes losgelöstes Ich wäre.
  96. Da gibt es also kein Individuum, das sich reinkarniert. Die eigentliche Frage ist folglich, die nach dem Wesen des Bewusstseins.
  97. Das anerkennen heute sogar Philosophen, Phänomenologen und Neurowissenschaftler, auch wenn sie durchaus ihre eigenen Hypothesen und Vorstellungen haben. Das
  98. Bewusstsein als eine Tatsache, die aber von einer rein reduktionistischen physikalischen Warte aus kaum zu erklären ist.
  99. Sie stehen da im Clinch mit jeden Philosophen, die sagen, dass dies eine unzulässige Vereinfachung sei.
  100. Die Frage ist sehr offen und weilreichend. Der Buddhismus sagt, dass das Universum ohne Anfang und Ende ist und die Erscheinungen nicht aus dem
  101. Nichts kommen können, dass eine stetige Transformation stattfindet und nicht eine Schöpfung aus dem Nichts.
  102. Desgleichen, was das Bewusstsein betrifft, kann dieses nicht aus dem Nichts entstehen und auch nicht ins Nichts zurückfallen.
  103. Alles befindet sich in einer Kontinuität. Das ist alles recht kompliziert. Ich wollte gerade sagen, ich kann das
  104. eigentlich gar nicht denken. Wir sind doch gar nicht in der Lage etwas zu denken, was nie angefangen hat und nie aufhört.
  105. Im Gegenteil, sogar der Philosophont Russell sagt, dass ein Universum ohne Anfang zwar eine schwierige Vorstellung, aber durchaus nicht unvereinbar sei mit
  106. der Logik. Was logisch schwer vorstellbar ist, ist ein Universum, das angefangen hat. Komm drauf an, ob man einen Gott setzt.
  107. Ja, aber woher soll der kommen? Gottes Im Buddhismus heißt es auch eine Million von Ursachen kann nicht zur Existenz bringen, was nicht existiert. Denn mit
  108. dem Begriff des Nichts versucht man zu fassen, was die Abwesenheit der Welt der Erscheinungen wäre. Das ist eine intellektuelle
  109. Betrachtungsweise. Die Abwesenheit der Welt der Erscheinungen ist eine Vorstellung. Das Konzept der Abwesenheit kann nicht eine
  110. Ursache sein. Man kann also sagen, eine erste Ursache kann es logisch nicht geben, denn eine Ursache ohne Ursache macht keinen Sinn.
  111. Eine Ursache, die alle Ursachen enthält, müsste dauernd die Gesamtheit der Welt erschaffen.
  112. Die Buddhisten führten, als sie noch keine Beziehung zum Christentum und zum Islam hatten, eine große logische Diskussion mit der hinduistischen
  113. Metaphysik, um diesen Begriff der ersten Ursache zu dekonstruieren und seine Unlogik zu beweisen. Und Logiker wie Bertrand Russell sind der gleichen
  114. Ansicht. Der Buddhismus geht noch weiter, weil er sagt, das Problem ist nicht vom nichts zu etwas wirklich existierendem
  115. überzugehen. Der Buddhismus sagt ähnlich wie die antike Physik: "Die Welt der Erscheinungen sind Ereignisse, nicht
  116. Dinge, sondern Beziehungen." Die Welt tritt wohl in Erscheinung. Sie ist aber in Wahrheit nicht so festgefügt, wie wir sie wahrnehmen. Sie entbehrt der
  117. eigentlichen Existenz, aber sie erscheint. Das ist gar nicht so unvereinbar mit der antiken Physik. Denn in der antiken Physik gibt es die
  118. Dualität zwischen Partikel und Welle. Eine Welle ist überall. Ein Partikel hat ihren Ort. Eine Erscheinung kann also nicht
  119. wesensmäßig Partikel und Welle sein, weil die beiden unvereinbar sind. Die Erscheinung erscheint als dieses und erscheint als jenes, aber es entbehrt
  120. der eigentlichen Existenz. Das mag etwas kompliziert sein, aber der Buddhismus kennt das Problem der Schöpfung nicht, weil die Welt der
  121. Erscheinungen keine feste Realität besitzt. Sie sind ein enger Vertrauter und Übersetzer seiner Heiligkeit des Dalai
  122. Lama. Er wird in diesen Tagen 80 Jahre alt werden und der Dalai Lama giltet ja als erleuchtete ein sogenannter Bodisatwa.
  123. Was heißt es erleuchtet zu sein? Ich bin nicht sein Berater, sondern sein Schüler und sein Übersetzer.
  124. Erleuchtet oder erweckt, es heißt, der Buddha war kein Prophet und kein Heiliger, sondern ein Erweckter. Es heißt, er sei aus dem Schlaf der
  125. Unwissenheit erwacht. Die Unwissenheit bedeutet nicht etwa, das Telefonbuch nicht auswendig zu kennen. Die Unwissenheit ist eine
  126. Verzerrung der Realität, nämlich zu denken, dass die unbeständigen Erscheinungen beständig
  127. sein, dass sie eine eigentliche Existenz besäßen, zu denken, dass es ein einzelnes selbständiges Ich im Fluss des Bewusstseins gäbe.
  128. Dies alles ist eine Verzerrung der Realität. Diese Verzerrung kann allmählich zum Leiden führen. Die Erweckung oder Erleuchtung ist auch
  129. ein vollkommenes Wissen und dieses geht einher mit einer Ausmerzung der sogenannten geistigen Gifte. Warum Gifte?
  130. Weil sie unser Leben und jenes der anderen vergiften. Hass, Habsucht, Neid und Eifersucht, Hochmut und Arroganz, Gedankenlosigkeit,
  131. all dies führt unvermeidlich ins Leiden. Die Erweckung bedeutet also vom Zustand des Schlafes, wo man der Sklave all dieser negativen Gemütszustände ist, zur
  132. inneren Freiheit zu gelangen. Freiheit der Erkenntnis, des vollkommenen Freiseins von Hass, von Harbsucht, Neid und so weiter.
  133. Das ist Erweckung, der Zustand vollkommenen Wissens von Klarheit und Erleuchtung, die nicht getrübt ist von Wolken des Unwissens.
  134. Und wie merkt man, dass man erleuchtet ist? Man sagt, das sei offenkundig. Nehmen wir an, der Himmel seit 100 Jahre
  135. lang von Wolken bedeckt. Und eines Tages fegt der Wind die Wolken weg. Blauer Himmel, Sonnenschein. Das ist offenkundig.
  136. Wenn keine Spur von Hass herrscht, von Hochmut, von Neid, dann sind das die Zeichen. Daran ist nichts geheimnisvolles. Es ist
  137. der Höhepunkt der Ausmerzung von Unwissenheit und geistigen Giften. Und wir alle haben ja die Gelegenheit im Buddhismus unser Karma äh zu verbessern.
  138. Also in dieser ganzen in diesem Leben, in dem wir drin stecken, sie mich an diesem Karma zu arbeiten, so dass wir eigentlich dann im nächsten
  139. Leben vielleicht auf einer höheren Stufe reinkarniert werden. Wobei es ist nicht das nächste Leben, weil sie ja eben sagen, es ist keine Seelenwanderung.
  140. Aber korrigieren Sie mich, wenn ich es falsche. Sie haben auch die Vorbestimmung angesprochen, damit es nicht ein
  141. Schicksal gemeint, das von einem göttlichen Wesen beschlossen wurde. Das Karma ist lediglich das Gesetz von Ursache und Wirkung.
  142. Wenn ich etwas in die Luft werfe, fällt es wieder herunter. Werfe ich einen Stein in die Höhe, fällt er mir auf den Kopf.
  143. Wenn ich vergesse, dass ich den Stein geworfen habe, frage ich, warum ist mir ein Stein auf dem Kopf gefallen?
  144. Das Karma ist das Gesetz von Ursache und Wirkung von Intentionen, also ob ich eine böse Absicht habe oder eine gute. Es gibt die gewöhnlichen Gesetze von
  145. Ursache und Wirkung, die Schwerkraft z.B. Wenn ich etwas fallen lasse. Beim Karma geht es um Ursache und Wirkung im Zusammenhang mit Glück und Leid. Diese
  146. Zustände werden größtenteils durch unsere guten oder bösen Absichten verursacht. Es geht also um einen Teilbereich der Gesetze von Ursache und
  147. Wirkung, der mit Glück und Leid und deren Ursachen zu tun hat. Es handelt sich also nicht um eine Vorbestimmung, sondern um die Folgen der Vergangenheit.
  148. Von allem, was ich in der Vergangenheit getan habe, trage ich heute die Folgen. Aber nichts ist mir auf immer vorbestimmt. Ich selbst bin der
  149. Architekt meiner Zukunft. Jeden Tag stehe ich am Scheideweg. Gehe ich hinauf, hinunter, nach rechts oder nach links?
  150. Die Frage ist also nicht die nach all den künftigen Leben, sondern nach diesem Leben. Ein besserer Mensch zu werden bedeutet in erster Linie das Wohl der
  151. anderen zu gewährleisten und deren Leiden zu lindern durch Altruismus und Mitgefühl. Und es ist auch das beste Mittel, dass wir selbst in unserem
  152. Dasein aufblühen, denn die Jagd nach einem egoistischen Glück funktioniert nicht. Sie haben in diesem Buch ähm übers Glück
  153. stellen Sie sehr schön da, was es alles braucht, um eine glücklichere Existenz zu leben vor einem buddhistischen Hintergrund. Wobei es kein Buch ist, bei
  154. dem es allein um den Buddhismus geht, sondern es soll auch eine Anleitung sein, etwas zum zum von Buddhismus zu lernen, wenn man selber nicht Buddhist
  155. ist. Aber wenn man dieses Glück jetzt im heutigen Leben für sich realisieren möchte, dann ist es eigentlich gar nicht mehr so sehr das Ziel sozusagen für
  156. spätere Existenzen das Karma zu verbessern, sondern es geht immer auch um unser Leben, dass wir heute glücklich sind.
  157. Es geht um beides. Wenn Sie die Ursachen des Leidens vermeiden wollen, gilt dies heute, für morgen, für ein ganzes Leben. [Musik]
  158. Und wenn Sie sich vorstellen, dass es noch weitere Leben geben wird, so gilt das auch für alle kommenden Leben. Es ist immer eine Frage von Ursache und
  159. Wirkung. Die einen Handlungen, Gedanken oder Worte bringen Leiden für andere oder für uns selbst. Die anderen bringen Glück. Das ist ein ewiges Gesetz.
  160. Ich bin buddhistischer Mönch und bin damit glücklich und ich halte mich an meine
  161. geistigen Lehre. Und dieses Buch, wie auch das neue Buch über den Altruissmus, an dem ich 5 Jahre
  162. gearbeitet habe und das demnächst auch auf Deutsch herauskommt, hat ein Mensch geschrieben, der sowohl Wissenschaftler als auch buddhistischer
  163. Mönch ist. Ich habe dabei versucht, ein möglichst breites Spektrum abzudecken und alles zu prüfen, was über das Glück geschrieben wurde aus philosophischer,
  164. naturwissenschaftlicher, soziologischer, psychologischer Sicht. In diesem Buch über den Altruismus führe ich an einer Stelle auch die Sichtweise
  165. des Buddhismus an, aber es ist kein Buch über den Buddhismus. Es wurde von einem Menschen geschrieben zu einem großen Thema, das Glück oder der Altruismus.
  166. Ich habe mich in allen Disziplinen umgesehen nach den interessantesten Elementen über die Ursachen des Glücks. Eines der größten Missverständnisse
  167. scheint mir zu sein, das Glück sei identisch mit dem Vergnügen. Vergnügen ist gut und recht, aber es gewährt keineswegs das Glück. Nehmen wir
  168. eine überaus angenehme Situation, etwa eine heiße Dusche nach einer Bergtour. äußerst angenehm, aber stünden wir 24 Stunden unter einer heißen Dusche, wäre
  169. das überhaupt nicht mehr angenehm. Das Vergnügen wechselt, ist flüchtig, nützt sich ab und es ist nicht dasselbe wie das Glück. Das Glück ist eine
  170. Seinsweise, die sich aus einem Zusammenspiel von Eigenschaften ergibt, der altruistischen Liebe, der inneren Freiheit, der Seelenstärke, dem inneren
  171. Frieden. Etwas, was schon John Stewart Mill im Vergleich zu Jeremy Bentham immer herausgestrichen hat, dass es beim Glück oder beim Wohlergehen diese
  172. verschiedenen qualitativen Abstufungen gibt. Aber was mich sehr interessiert ist, sie haben sich ja immer auch für die Tiere eingesetzt und gesagt, sie
  173. haben dazu auch Bücher geschrieben. Ähm, der Umgang mit den Tieren ist ihnen wichtig, dass wir fair umgehen mit Tieren, dass wir Tiere das Wohl der
  174. Tiere auch mit einbeziehen. Müssen denn die Tiere in dieser ganzen Kette des wiedergeboren werden, zuerst auch ein Mensch werden oder kann ein Tier direkt
  175. auch erleuchtet werden oder steigen alle auf langsam in diesem Radia die Menschen?
  176. Alle Lebewesen mit einem Bewusstsein sind aus der Sicht des Buddhismus bese Wesen und sie sind wesensmäßig gleich wie Buddha.
  177. Es gibt keinen Unterschied. Sie haben lediglich mehr oder weniger Möglichkeiten, dieses Wesen zur Geltung zu bringen.
  178. Es ist wie mit einem Goldklumpen, der im Boden vergraben liegt. Man muss ihn ausgraben, waschen und polieren, damit er in vollem Glanz erstrahlt.
  179. Dafür braucht es eine Unterweisung. Man muss darüber nachdenken, meditieren, sie verinnerlichen. Tiere sind Lebewesen, die diese
  180. Eigenschaft besitzen, aber nicht die Möglichkeit haben, sie zur Geltung zu bringen.
  181. heißt also, dass die menschliche Existenz außerordentlich wertvoll ist, weil sie möglich macht, dass man dank der intellektuellen Fähigkeiten einen
  182. Weg der Verwandlung gehen, Unterweisungen umsetzen und die Erleuchtung erlangen kann. Dabei ist aber zu sagen, dass die Tiere keineswegs
  183. untergeordnete Wesen sind, mit denen man machen kann, was man will. Hier stoßen wir auf einen enormen ethischen Zwiespalt in unserer Zeit. Wir
  184. haben zwar beachtliche Fortschritte auf dem Gebiet der Menschenrechte erzielt, der Wert des Menschenlebens ist praktisch unbegrenzt, weil
  185. unverhandelbar. Das menschliche Leben darf man nicht vermarkten, wie zu Zeiten der Sklaverei. Und auch wenn solches noch vorkommt, ist
  186. es weltweit verboten. Die Achtung der Menschenrechte ist also nicht verhandelbar.
  187. Hingegen weiß man aus der Evolutionslehre, dass es eine kontinuierliche Entwicklung gibt und dass diese Lebewesen Schmerz empfinden
  188. und am Leben bleiben und nicht leiden wollen. Trotzdem messen wir den Tieren keinerlei Wert an sich zu, außer einem
  189. kommerziellen. besteht also ein enormer ethischer Widerspruch zwischen der totalen Achtung
  190. vor dem menschlichen Leben und der Abwertung des tierischen Lebens zur bloßen Handelsware.
  191. Es werden jedes Jahr 65 Milliarden Tiere zu Land und tausend Milliarden Meerestiere getötet. Zu unserem Verzehr, zu unserem Vergnügen für unsere
  192. Bekleidung. Von daher dürfen wir uns wohl kaum als eine Zivilisation mit einer kohenten Ethik betrachten, wenn wir diese Frage nicht lösen. Sie leben
  193. gänzlich vegan. Gewiss. Welche Regeln gibt es sonst, die Sie als Mönch befolgen müssen?
  194. Der Grund, warum ich vegan lebe, ist, weil ich kein Leiden essen will. Ich will mich nicht ernähren vom Leiden und vom Tod anderer. Umso weniger als dies
  195. gar nicht nötig ist und allen schadet. zuerst in Tieren, dann aber auch der Umwelt. Die Fleischproduktion ist mit 15% die
  196. zweitgrößte Quelle von Treibhausgasen, die zur Klimaerwärmung beitragen, gleich nach den Behausungen und noch vor dem Verkehr.
  197. Sie verschärft die Armut, weil 700 Millionen Tonnen Getreide aus Südamerika und Afrika in die reichen Länder verfrachtet werden.
  198. Sie schadet auch der menschlichen Gesundheit. Wir sehen also alle verlieren dabei.
  199. Aber es würde mich interessieren, welche anderen Regeln befolgen Sie als als Mönch? Was gehört für Sie dazu? Wie ist Ihr Leben ausgestaltet? Nach welchen
  200. Regeln müssen Sie ihren Alltag gestalten? Vegetarier oder Veganer zu sein ist keine monastische Regel, sondern eine
  201. persönliche Entscheidung. In unserem Kloster verwenden wir zwar keine tierischen Produkte, aber das ist keine Vorschrift.
  202. Hingegen gibt es grundlegende Regeln nicht nur für Mönche, sondern für jeden Buddhisten, z.B. nicht zu töten, nicht zu lügen, wie auch sonst jede einfache
  203. und natürliche ethische Regel. [Musik] Ich
  204. persönlich habe das Mönchsleben gewählt, um die Freiheit zu finden. Wenn ich eine Familie hätte, könnte ich mich nicht für Jahre in die Berge zurückziehen, weil
  205. ich den meinen Unrecht hätte. Ich habe also diese Freiheit gewählt, aber das ist eine sehr besondere Wahl. Man braucht überhaupt nicht Mönch zu werden,
  206. um den geistigen Pfad zu beschreiten. Zwei meiner wichtigsten Lehrer waren keine Mönche und hatten Familie. Das Mönchsleben ist zwar keine Kleinigkeit,
  207. aber es ist eine persönliche Entscheidung. Man kann den buddhistischen Weg in seiner Gesamtheit gehen, bis zur Erleuchtung, ohne Mönig
  208. zu werden. Die meisten meiner Freunde im Westen, die sich drei, sechs oder 9 Jahre zurückgezogen haben, sind im Allgemeinen keine Mönche oder Nonnen.
  209. Der Buddhismus ist für mich so etwas wie auch ein Blick ins Innere, eine Vertiefung und es gibt immer auch einen anderen Blick, den sie interessiert hat,
  210. nämlich der Blick durch die Linse. Sie sind nämlich auch Fotograf und sie sind ein so guter Fotograf, dass einer der ganz großen Fotografen des 20.
  211. Jahrhunderts Henri Cartier Brüöson sie schlussendlich eigentlich zu seinem Freund auch gemacht hatte, hat Ihnen auch ein Buch gewidmet.
  212. Wie ist dieser Blick durch die Linse entstanden für Sie? Weshalb sind Sie Fotograf geworden und was bedeutet Ihnen das Fotografieren?
  213. Zuerst ging es mir vor allem darum, die Schönheit dessen zu dokumentieren, was ich sah. Die Schönheit derer, denen ich begegnete, die innere Schönheit meiner
  214. geistigen Lehre, um sie zu dokumentieren, aber auch die Schönheit der Natur, um in Bezug auf die menschliche Natur
  215. etwas Hoffnung zu verbreiten. Wir tendieren sehr dazu, nur die Schattenseiten der menschlichen Natur zu sehen und zu sagen, wie grundschlecht
  216. und egoistisch der Mensch sei. Das ist natürlich reine Ideologie, denn keine wissenschaftliche Studie hat jede Hypothese des universellen Egoismus
  217. gestützt. Um also die Hoffnung zu verbreiten, dass wir in uns das Potenzial zur Güte und
  218. zum Altruismus haben, muss man Gesichter zeigen, welche diese Liebe und dieses Mitgefühl ausdrücken. Und auch um die Harmonie der Natur zu zeigen, weil ja
  219. die große Herausforderung unserer Zeit das Umweltproblem ist. Wir entscheiden heute über das Schicksal der künftigen Generationen. Bei der Geschwindigkeit,
  220. mit der wir heute vorangehen, werden bis 2050 30% der Arten verschwunden sein, die Menschen zu inspirieren und zu entzücken
  221. von der Schönheit der Natur und von der Schönheit derer, die dieses Mitgefühl und diese Weisheit ausstrahlen. Das bedeutet Hoffnung zu geben. Dafür habe
  222. ich diese Bilder gemacht. Ich möchte gerne ein Bild mit Ihnen ansehen, das mich sehr berührt hat. Sie ist aus ihrem Klosteren
  223. in Nepal. Was sehen wir hier? Was machen diese Mönche? Das ist der Schluss einer großen Feier, die a Tage und acht Nächte ohne
  224. Unterbrechung dauert. Also diese Mönche schlafen nicht dazwischen.
  225. Tagsüber von 7 Uhr morgens bis 7 Uhr abends sind alle 500 Mönche des Klosters zugegen und in der Nacht wechseln sie sich gruppenweise ab. Man schläft jede
  226. Nacht etwa 3 Stunden. Am letzten Tag gibt es draußen vor dem Kloster eine Prozession, wie man hier sieht. Leider wurde jetzt dieses Kloster durch das
  227. Erdbeben in Nepal stark beschädigt. Man wird es größtenteils wieder aufbauen müssen.
  228. Das wollte ich Sie auch noch fragen. Dieses furchtbare Erdbeben oder die mehreren Erdbeben, die sich ergeben haben in Nepal fast 9000 Todesopfer
  229. gefordert haben, viele Dörfer sind zerstört. Wie ist das für Sie als Buddhist? Im Christentum war das immer ein großes Thema, das sogenannte
  230. Theodeproblem. Wie kann man Gott rechtfertigen? Angesichts so furchtbare Ereignisse, wenn Gott doch allmächtig, allgütig und allwissend ist, müsste er
  231. das verhindern können. Wie geht ein Buddhist mit solchen furchtbaren Ereignissen um?
  232. Ein Buddhist hat kein Problem mit dieser Frage. Das ist das natürliche Gesetz von Ursache und Wirkung. Da ist niemand, der beschlossen hat, dass diese Wesen leiden
  233. sollten. Das ist ein Naturereignis. Leider geschehen Erdbeben oft. Hingegen wird der Buddhist sein Mitgefühl in die Tat umsetzen.
  234. Ich selbst habe insgesamt 5 Jahre Einsamkeit in Einederlein verbracht und versucht mich in Mitgefühl zu üben. Nun könnte man sagen, diese fünf Jahre
  235. bringen der Menschheit nicht viel. Aber wenn man dann das, was man eingeübt hat, versucht in den Dienst der anderen zu stellen, dann ist das doch von Nutzen.
  236. Ich habe vor etwa 15 Jahren zusammen mit dem Ab des Klosters die Organisation Karuna Sechen ins Leben gerufen. Karuna heißt Mitgefühl und wir pflegen heute
  237. 120.000 Patienten pro Jahr in verschiedenen Kliniken, die wir in Tibet, Nepal und Indien gebaut haben. 25 000 Kinder gehen in Schulen, die wir
  238. gebaut haben. Wir haben in Nepal eine Klinik mit 50 Personen und dazu noch Mönche, die sich ihnen angeschlossen haben. Und beim Erdbeben konnten unsere
  239. Leute 178 000 Personen in 450 Dörfern Hilfe leisten. Jede dieser rund 180.000 Personen erhielt Nahrungsmittel für zwei Wochen,
  240. ärztliche Hilfe und Schutzzelte. Als nächstes gehen wir nun an den Wiederaufbau der Schulen und andere Einrichtungen.
  241. Wir handeln also auch langfristig, um den Erdbebenopfern in den Dörfern rund um Katmandu zu helfen.
  242. Sie haben mich jetzt mehrere mal darauf aufmerksam gemacht, dass in vielerlei Hinsicht der Buddhismus im Grunde genommen den anderen Religionen
  243. vielleicht vorzuziehen ist, weil es dieses Gottes Problem nicht gibt. Es gibt kein Theodise Problem. Es gibt kein Problem mit dem Anfang und dem Ende des
  244. Universums. Tatsächlich haben ja viele Philosophen das auch so gesehen. Schopenhauer war einer, der den Buddhismus als bessere Religion sich
  245. vorgestellt hat, dem Christentum vorzuziehen. Und Nietzsche schlussendlich hat auch gesagt, Gott ist tot. Deswegen ist eigentlich die
  246. Religion des Buddhismus eine Religion ohne Gott und eine bessere Religion. Ist für sie der Buddhismus überhaupt eine Religion oder ist es eine Philosophie?
  247. Auch Einstein sagte, dass ihn unter den Religionen der Buddhismus am meisten anziehe. Ich finde es einen großen Irrtum zu behaupten, dass eine Religion
  248. den anderen überlegen sei. Wie auch der Dalai Lama sagt, keine Religion und keine Spiritualität wird je alle zufriedenstellen.
  249. Wenn alle Restaurants der Welt das gleiche Gericht anbieten würden, gingen die Leute nicht oft ins Restaurant. Die verschiedenen Spiritualitäten und
  250. Religionen entsprechen den verschiedenen Bedürfnissen und Veranlagungen der Menschen. Man soll seinen eigenen Weg gehen in vollem Respekt für die anderen
  251. Menschen und deren Religionen, die ihren Veranlagungen besser entsprechen. Ist der Buddhismus eine Religion oder nicht?
  252. Der Dalalama pflegt zu sagen, die Philosophen nennen den Buddhismus eine Religion, welche die Philosophie ausschließt. Und die Religionen sagen,
  253. der Buddhismus ist eine Philosophie, welche die Religion ausschließt. Der Buddhismus befindet sich also vielleicht weder da noch dort, aber das
  254. erlaubt ihm eine Brücke zu schlagen. Der Buddhismus ist ein Weg der Verwandlung. Er führt vom Leiden zur Befreiung, vom Leiden, vom Unwissen zur Erleuchtung,
  255. vom Egoismus zum Mitgefühl. Wenn wir mal bei diesem Bild der Speisekarte bleiben und sagen, es gibt sowas wie eine Speisekarte der
  256. Religionen, dann werden die Gerichte des Buddhismus zur Zeit sehr oft konsumiert. Ein gutes Beispiel dafür ist die sogenannte Achtsamkeitsbewegung
  257. Mindfulness. Das ist ein großer Trend, unter anderem inspiriert von John Kabat Zin, dem Amerikaner, der diese ganze Bewegung eigentlich losgetreten hat oder
  258. transformiert hat. Und in vielen Firmen werden mittlerweile Achtsamkeitskurse angeboten, unter anderem beim IT-Unternehmen SAP. Wir sehen einen
  259. Ausschnitt aus dem Film Die neue Achtsamkeit, den die Sternstunde Religion heute morgen gezeigt hat. Die Besonderheit des Kurses, den wir
  260. hier eingeführt haben, ist, dass der halt das sehr gut erklärt. Warum ist es im Business Kontext hilfreich? Und der neue Punkt hier ist, dass mit diesen
  261. Trainings, die wir anbieten, basierend auf Mindfulness, die emotionale Intelligenz gesteigert wird und daraus leitet sich der Business Case ab. Warum
  262. ist das fürs Unternehmen gut und warum ist es gleichermaßen für den Mitarbeiter gut? Achtsamkeit bei SAP hier in Deutschland,
  263. ich meine, der Peter hat es in den USA angefangen. Mir war das wichtig nach Deutschland zu bringen, weil es mehrere Merkmale hat, die uns sehr helfen werden
  264. in der Zukunft. Ähm, ich will nicht sagen, dass hier eine schlechte Stimmung ist, aber es ist doch eine Umbruchssituation, die Stress und
  265. Druck bei den Leuten verursacht. Und da verspreche ich mir von diesen Achtsamkeitstrainings einen anderen Umgang mit dieser
  266. Situation. Wenn die Leute über diese Achtsamkeitstrainings in der Lage sind in Konfliktsituationen oder
  267. Stresssituationen auf ihr gesamtes Potenzial zuzugreifen, weil sie nicht mehr blockiert sind, dann sind sie effektiver im Berufsalltag. Sie können
  268. mehr erreichen, sie können mehr leisten, dass wir das auch mit diesem Argument verkaufen können und nicht nur sagen, wir machen irgendwie was Gutes, was
  269. schönes, was edles, sondern es ist auch knallhart betriebswirtschaftlich sinnvoll. Da bin ich felsen fest davon überzeugt. Mirika, hat das für Sie noch
  270. etwas zu tun mit dem Kern des Buddhismus, mit dieser Idee der Meditation, die so wichtig ist?
  271. John Kabazin, einer meiner Freunde, hat mit diesen Übungen der Stressminderung durch Achtsamkeit im Krankenhausmilieu angefangen.
  272. Vor 35 Jahren stellte er in Spitern fest, die Leute litten sehr unter Stress und zwar sowohl Patienten wie Pflegepersonal.
  273. Er glaubte, diese Art von Intervention könnte ihr Leiden lindern. Das Programm dauerte 8 Wochen. Gemeinsam entspannten sich die Leute, machten etwas Yoga und
  274. atmeten in Achtsamkeit. Das löste ihre Ängste und ihren Stress. Da herrschte natürlich immer auch die gute Absicht, das Leiden zu lern.
  275. Das wurde zu einem weltweiten Erfolg und es ist sicher von großem Nutzen. Aber natürlich kann niemand behaupten, dass dies die Essenz des Buddhismus sei. Es
  276. ist eine sehr nützliche Technik, die aus dem Buddhismus stammt, die aber nicht für den ganzen Buddhismus steht. Im Krankenhausmilieö ist das
  277. unproblematisch, denn es geht ja darum, Leiden zu lindern. Wenn sie nun in einem Unternehmen das lindern, was diese Leute nannten, nämlich Stress, Spannungen,
  278. gut, aber er sprach auch von Effizienzsteigerung. Sie sehen, das kann verschiedenen Zwecken dienen.
  279. Ich habe einen Freund, der etwa 100 führende Leute von großen Firmen befragte, die sich zu einer Achtsamkeitsmeditation begeben hatten.
  280. Zu Beginn sagten sie, sie fürchteten, Zeit zu verlieren und weniger effizient zu sein, aber dann geschah, was sie nicht erwarteten. Ihre menschlichen
  281. Beziehungen verbesserten sich und ebenso ihre Urteilskraft, weil sich ihr Horizont weitete. Nun riskiert aber die Achtsamkeit, die
  282. einfach im Dienste der Firma steht, ihrer Komponente der rechten Gesinnung beraubt zu werden. Man kann sich ja auch einen achtsamen
  283. Söldner vorstellen, der mit seinem Gewehr schießt. Er ist voll und ganz bei sich. Er hat seine Gefühle unter Kontrolle. Er urteilt nicht, denn er
  284. tötet alle. Er kann auch ein Psychopath sein. Man muss also unbedingt von der Achtsamkeit in der rechten Gesinnung
  285. sprechen. Denn einen Söldner mit rechter Gesinnung, das gibt es nicht und auch einen Psychopathen mit rechter Gesinnung
  286. nicht. Ich habe neulich bei großen amerikanischen Firmen gesprochen, welche die
  287. Achtsamkeit praktizieren und ich sagte ihnen: "Bitte führt von Anbeginn weg diese Komponente der rechten Gesinnung ein und denkt nicht, dass ich diese
  288. automatisch einstellen wird." Ja, machen. Das heißt, es geht eigentlich nicht darum, einfach ein bisschen ruhig zu werden und effizienter zu sein,
  289. vielleicht besser schlafen zu können, sondern sollte immer gekoppelt sein an altruistische Momente. Das wiederum ist für mich steht für mich
  290. in einer gewissen Spannung zur Interpretation des Buddhismus, wie wir ihn auch immer wieder hier diskutieren in unseren breiten Graden. Max Weber,
  291. der große Soziologe, hat mal gesagt, Buddhismus ist eine Theorie der Weltverneinung. Er ist zwar sehr edel, aber ist
  292. eigentlich sehr apolitisch. Würden Sie sagen, er hat den Buddhismus vollkommen falsch verstanden? Das ist eine Verdrehung.
  293. Wer hat das gesagt? Max Weber. Im 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts herrschte ein totales
  294. Missverständnis in Bezug auf den Buddhismus. Weber fand ih nihilistisch, gleichgültig der Welt gegenüber. Dabei betrachet der Buddhismus den Nilismus
  295. als einen schweren Irrtum, also eine totale Verzehrung dessen. Buddhism.
  296. Nun, er war sicher sehr klug auf seinem Gebiet, aber er hat den Buddhismus nicht verstanden. Der Buddhismus spricht ja von der Realität als etwas, das
  297. erscheint, das also nicht das Nichts ist, das aber der eigentlichen Existenz entbehrt. Er ist also auch nicht der nackte Realismus, denn die Erscheinungen
  298. manifestieren sich, entdehren aber der eigentlichen Existenz. Es ist also weder Nichelismus noch Realismus. Andererseits gibt es auch niemals die
  299. Gleichgültigkeit gegenüber der Welt, denn der Kern, das Herz des Buddhismus, ist nicht die Achtsamkeit, sondern das Mitgefühl. Es ist die Weisheit und die
  300. altruistische Liebe. Wie die beiden Flügel eines Vogels. Wissen und Weisheit und die altruistische Liebe, das ist doch keine Gleichgültigkeit der Welt
  301. gegenüber. Mhm. Für sie ist das ja auch sehr wichtig, weil Sie glauben, man kann tatsächlich auch ein Stück weit die Welt, die Ökonomie, die Politik
  302. verändern zum Guten hin, wenn wir gewisse Ideen des Buddhismus übernehmen. Das ist eine Initiative auch des Mein anderen Life Institutes, eine
  303. Initiative, die auch seine Heiligkeit der Dal Lama gegründet hat. Sie sitzen da im Beirat. Es gibt ein neues Buch Mitgefühl in der Wirtschaft. Das haben
  304. Sie zusammen mit Tanja Singer herausgegeben. Da kann man nachlesen, was das für Sie heißt, in einem altruistischen Sinn äh wirtschaftlich
  305. tätig zu sein. Glauben Sie tatsächlich, das ist sozusagen ein Weg, mit dem wir die ganze die ganze Art und Weise wir zusammenlebend transformieren können?
  306. Es ist nicht der Buddhismus, es ist das Mitgefühl. Das Mitgefühl ist nicht das Eigentum des Buddhismus. Mitgefühl und Altruismus sind viel grundlegender. Die
  307. Religionen, der Buddhismus, das Christentum, der Islam, das Judentum, sie alle propagieren die Liebe auf einer zweiten Ebene. Auf der ersten Ebene
  308. wendet sich die Liebe an alle Menschen. Sein sie Buddhisten oder nicht, Christen oder Agnostiker oder Atheisten. Wir alle haben das Bedürfnis, Liebe und
  309. Mitgefühl zu geben und zu bekommen. Das ist an keine Religion gebunden. ist ein Grundbedürfnis jedes Menschen.
  310. Müsste man nämlich die wirtschaftlichen Probleme mit dem Buddhismus lösen, käme man nirgendwohin. Der Altruismus ist etwas ganz anderes. Das ist ganz einfach
  311. die rechte Gesinnung. Die rechte Gesinnung ist selbstverständlich der Kern des Buddhismus, aber auch des Christentums und jeder anderen Religion.
  312. Lassen wir also die Religion beiseite. Warum ist der Altruismus heute so wesentlich? Weil wir Mühe haben, drei Zeitvorstellungen unter einen Hut zu
  313. bringen. Die Kurzfristigkeit der Wirtschaft. Alles geht schnell, Tage, Monate, der Abschlüsse am Jahresende. Dann die Mittelfristigkeit, die
  314. Lebensqualität. Was mache ich aus meinem Leben? Wie erlebe ich meine Lebensqualität als Frustration oder als Entfaltung? Und schließlich die
  315. Langfristigkeit. Sie ist eine neue Herausforderung für die Menschheit, weil es um das Schicksal der kommenden Generation geht.
  316. Vor 10 000 Jahren gab es zwischen einer und 5 Millionen Menschen auf der Welt. Das war unproblematisch. Heute sind wir 7 Milliarden und unsere wissenschaftlich
  317. und technischen Möglichkeiten auf die Umwelt einzuwirken, haben sich verzehnfacht. Wenn aber Umweltexperten mit Ökonomen reden, sprechen sie nicht
  318. die gleiche Sprache. Was in 50 Jahren geschehen wird, interessiert der Ökonom nicht. Es braucht also ein Konzept, um das Kurz, das Mittel und das
  319. Langfristige miteinander zu verbinden. Das einzige funktionierende Konzept ist der Altruismus. Wenn wir die Mitmenschen vermehrt in
  320. unsere Erwegungen einbeziehen, schaffen wir die sogenannten Caring Economics, das heißt eine solidarische Wirtschaft der rechten Gesinnung. Wir können die
  321. Armut aus dem Reichtum herausbekämpfen und uns den gemeinsamen Gütern widmen der Qualität der Luft, der Meere und der Umwelt.
  322. Der Homoökonomikus, der nur seine eigenen Interessen verfolgt, kann dies nicht mehr tun. Mit mehr Altruismus verbessern wir das Zusammenleben, die
  323. Gerechtigkeit, vermindern das soziale Gefälle und kümmern uns vermehrt um die kommenden Generationen. Mhm. Diese Vision, die Sie haben, teilen
  324. Sie auch ein Stück weit mit Ernst Fair, der eben dieses Homoökonomikus Modell immer wieder kritisiert hat und für den Altruismus einsteht, der forscht an der
  325. Universität Zürich. Aber wie kriegen sie die Leute zu diesem Umdenken, von dem sie träumen?
  326. Es ist ganz anders. Ernst fair hat ja gezeigt, dass dreiviertel der Menschen bereit wären mitzumachen. Das Problem ist, wenn es keine Regulierung gibt,
  327. werden die Profiteure das System missbrauchen. Auch wieder Menschen, die das wir müssen also ein geeignetes Klima
  328. schaffen, damit die Menschen, die bereit sind mitzumachen und einander zu vertrauen, dies tun können. Es braucht also Regulierungen und Leitplanken.
  329. Ein anderer deutscher Ökonom Dennis Snower, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, spricht von diesen Caring Economics. Er sagt, dass
  330. der Homo Economicus die Armut niemals aus dem Reichtum heraus besiegen kann. Das große Problem aber ist nun einmal das soziale Gefälle. Dieses hat in den
  331. letzten 30 Jahren in allen OECD-Ländern zugenommen. Der Altruismus ist auch der einzige Weg, um der Umweltproblematik zu begegnen. Der Egoismus kann dieses
  332. Problem nicht lösen. In 100 Jahren werden weder sie noch ich mehr hier sein. Wenn uns die künftigen Generationen egal sind, gibt es freilich
  333. kein Umweltproblem. Es ist eine reine Frage von Egoismus oder Altruismus. Die großen Ökonomen wie Josef Steiglitz, der von der Ungleichheit spricht, pläieren
  334. für eine humanere, altruistischere Wirtschaft. Das ist nicht nur ein nobler Gedanke, sondern eine Notwendigkeit. Die egoistische Wirtschaft kann die Probleme
  335. unserer Zeit nicht lösen. Und trotzdem beginnt es ja bei jedem Individuum und ich habe kürzlich von Ihnen auf Twitter dieses diesen Tweet
  336. gesehen. Da sagen Sie 10 Sekunden einer Meditation ist so etwas wie 10 Sekunden Parfüm zu riechen. 10 Sekunden Meditation pro Tag, das wird
  337. ja wahrscheinlich nicht reichen. Was empfehlen Sie den Menschen, wenn sie jetzt eine Empfehlung abgeben können? Was sollen sie in ihrem Leben ändern,
  338. damit sich die Welt schlussendlich verändert? Idealerweise sollte man täglich 5 se Stunden meditieren. Diese 10 Sekunden
  339. sind nicht meine Erfindung. Das sagt einer meiner Freunde. Er heißt Jade Meng, arbeitet bei Google und hat das Projekt Search Inside yourself
  340. aufgebaut. Er ist Meditationslehrer im Google Unternehmen bei diesen gehetzten Leuten, wie man sich vorstellen kann. Er hat sich gefragt, was man da machen
  341. könne. 10 Sekunden. Das hört sich ja idiotisch an, aber es ist viel schlauer als es aussieht. Stellen Sie sich vor, jede Stunde halten Sie für 10 Sekunden
  342. inne, nur 10 Sekunden. Sie fallen niemandem um den Hals, weil es ja nicht immer gut ankommt, besonders auf der Straße. Aber während 10 Sekunden fragen
  343. Sie sich, ist dieser Mensch wohl glücklich? Ist jener gesund? Hat eher ein erfülltes Leben? Ist eher frei von Hürden und Leiden? Und auch jene, die
  344. ihm teuer sind. Das denken Sie aufrichtig 10 Sekunden lang und eine Stunde später wieder dasselbe.
  345. Sie sagen 10 Sekunden, das wirkt doch nicht. Doch öffnen Sie mal eine Parfumflasche 10 Sekunden lang und verschließen Sie sie dann wieder. Der
  346. Duft bleibt 10 Minuten lang in der Luft. Wenn Sie es oft genug wiederholen, bleibt der Duft vielleicht für immer. Es löst in ihnen eine andere Geisteshaltung
  347. aus, wohlwollender, altruistischer. Wenn Sie 10 Sekunden lang aufrichtig das Wohl eines Mitmenschen gewünscht haben, werden sie ihn danach nicht gleich
  348. urfeigen. Sie werden ein wenig in diesem Wohlwollen verharen. Es ist also eine Methode, einen Fluss in Gang zu halten, der den ganzen Tag
  349. andauert. Wer das ausprobiert hat, hat festgestellt, dass man das während der Arbeit machen kann und dass man die
  350. anderen anders wahrnimmt und sich die Beziehungen verbessern. Das ist etwas für die hektische moderne Welt. Wenn man aber ernsthaft meditieren will, ist eine
  351. halbe oder eine ganze Stunde besser und bisweilen auch eine Zeit des Rückzugs. Da verändert man sich viel tiefgreifender.
  352. Es gibt etwas anderes, was mich sehr interessiert, dass Sie auch an verschiedenen Stellen beschreiben. Sie sagen, man soll auch aufhören dauernd
  353. seine Gefühle rauszulassen. Buddha spricht ja davon, dass die Gefühle wie eine Affenhade herumtanzen, wenn wir uns nicht bemühen, die Gefühle irgendwie zu
  354. zähmen. Und sie sagen an einer Stelle auch, wir sollten uns irgendwie überlegen, ob es eigentlich so eine gute Sache ist, immer zu sagen, Streit ist
  355. klärend. Wir müssen auch mal unsere Gefühle rauslassen. Wie genau ist ein achtsamer Umgang mit den eigenen Gefühlen?
  356. Buddha und der Buddhismus haben nie gesagt, dass man Gefühle unterdrücken soll. Wir müssen unterscheiden zwischen destruktiven Gefühlen, die uns betrüben
  357. und leiden schaffen und den Gemütszuständen, welche glücklich machen. Z.B. der Zorn, die Animosität, die Eifersucht. Sie schaffen Leiden für
  358. sich selbst und für die Mitmenschen. Sie sollen also nicht zulassen, dass die Eifersucht ihren Geist erfasst. Wenn sie aber altruistische Liebe
  359. empfinden, soll diese im Gegenteil ihren ganzen Geist erfassen. Man sollte also unterscheiden zwischen Emotionen, welche das eigene
  360. Wohlbefinden und das der anderen fördern und jenen, die das Wohlbefinden zerstören. Die Gift sind für das eigene Wohlbefinden und das der anderen. Diese
  361. Emotionen müssen wir eliminieren. In der Tat hat es eine Zeit lang geheißen, wenn man eine große Wut hat,
  362. soll man sie nicht unterdrücken, man soll sie rauslassen. Nun haben Wissenschaftler gezeigt, dass dies nicht stimmt. Man wird dadurch viel
  363. jellzorniger, öfter und stärker. Man steigert sein zorniges Verhalten. Man soll es auch nicht unterdrücken wie eine Zeitprojekte.
  364. Der Buddhismus empfiehlt, wie etwa auch die kognitive Verhaltenstherapie, einen intelligenten Dialog mit den Emotionen.
  365. Was kann ich tun, damit die Emotion aufsteigt und dann verfliegt? Ein Vogel ähnlich, der am Himmel vorbeizieht, ohne eine Spur zu hinterlassen?
  366. Wir haben damit die Emotion weder unterdrückt noch explodieren lassen, sondern es verstanden, dass sie sich in dem Augenblick löst, da sie aufkommt,
  367. anstatt unseren Geist zu stürmen. Es ist eine viel intelligentere Art mit den Gefühlen umzugehen, indem wir sie verfliegen lassen, bevor sie uns zum
  368. Sklaven machen. Ich habe sie am Anfang unseres Gesprächs gefragt, was ich mit womit ich anfangen kann, wenn ich so glücklich werden
  369. möchte wie Sie. Zum Schluss, Monsieur Rickard, womit soll ich heute noch aufhören, wenn ich glücklich werden möchte?
  370. Im besten Fall sollten sie ihre Mitmenschen glücklich machen. Das ist der beste Weg mit dem Glück der anderen auch uns selbst glücklich zu machen.
  371. Zuallererst aber vermeiden sie es unter allen Umständen die anderen leiden zu lassen. Vielen Dank, Monsieur Rica, für dieses
  372. Gespräch. Merci. Merci. Ja, und mit diesem Gespräch verabschieden wir von der Sternstunde Philosophie uns in die
  373. Sommerpause. In den nächsten 7 Wochen öffnen wir für Sie unsere Schatztruhe und zeigen Ihnen unsere tiefgründigsten und aufregendsten Gespräche der letzten
  374. 12 Monate noch einmal. Am 30. August begrüße ich Sie wieder in unserem Zürcherstudio zu neuen Sternstunden. Ihnen allen jetzt aber einen schönen
  375. Sommer. [Musik]
  376. Scheiße. M.

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