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David Steindl-Rast: Was ist der Sinn des Lebens? | Sternstunde Religion | SRF Kultur

SRF Kultur Sternstunden52:25 767.953 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.

Transkriptautomatisch erstellt · 381 Zeilen
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  1. Er gilt als einer der bekanntesten spirituellen Lehrer der Gegenwart. Er ist Benediktiner-Mönch, Zen-Meister
  2. und nennt die Dankbarkeit sein Lebensthema: Bruder David Steindl-Rast.
  3. Wir besuchten ihn im Kloster nahe Salzburg. Willkommen zur "Sternstunde Religion".
  4. Mit Untertiteln von SWISS TXT Danke, dass du uns hier empfängst, im Kloster.
  5. Hier ist man per Du, deswegen spreche ich dich als Du an. Du wirst in diesem Jahr 98 Jahre alt.
  6. Wie schaust du selber zurück auf fast 100 Jahre Erdgeschichte? Wenn ich auf die Entwicklung der Welt
  7. während meines Lebens zurückschaue, dann sehe ich:
  8. Das Wesentlichste, das sich verändert hat, ist, dass die Ehrfurcht verloren vergangen ist.
  9. In meiner Kindheit konnte man das einfach voraussetzen. Man hat gar nicht darüber nachgedacht.
  10. Das war vorausgesetzt. Das war das Wasser, in dem wir als Fische geschwommen sind,
  11. dass man vor dem Leben Achtung hat. Und man hat von Gott gesprochen.
  12. Ich bin nicht dafür, von Gott zu sprechen. Das führt nur zu Missverständnissen.
  13. Aber ich erzähle das. In meiner Jugend hat praktisch jeder hier und da von Gott gesprochen.
  14. Und wenn Gott erwähnt wurde, hat man das gemeint, was uns als Menschen verbindet und wovor man Ehrfurcht hat.
  15. Das ist ja spannend, was du sagst. Du bist 1926 in Wien geboren.
  16. Dann wurdest du später eingezogen im Zweiten Weltkrieg, hast acht Monate dort gedient und bist dann untergetaucht.
  17. Du sagst aber trotzdem, in deiner Zeit gab es mehr Ehrfurcht vor dem Leben,
  18. ausgerechnet in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Das ist, wie ich sage, im Laufe meines Lebens zusammengebrochen.
  19. Und zusammengebrochen ist es erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Wenn man Hitler hört, spielt er ja immer darauf an.
  20. In jeder seiner Reden erwähnt er Gott. Und das ist damals nicht so irgendwie aufgefallen.
  21. Uns, die gegen ihn waren, ist aufgefallen, dass er das eben als Mittel verwendet.
  22. Wir haben uns darüber geärgert. Aber für die Massen war das völlig angepasst.
  23. Wenn heute jemand Gott erwähnt in einer politischen Rede, wundert man sich: "Wovon redet denn der?"
  24. Wenn du das so skizzierst, dann klingt das nicht, als würdest du optimistisch auf unsere Welt schauen.
  25. Weshalb konntest du denn so alt werden? Ich glaube, mit Optimismus oder Pessimismus hat das nichts zu tun.
  26. Sondern? - Ich möchte kein Pessimist sein. Aber ich möchte auch kein Optimist sein.
  27. Denn die Pessimisten sagen, wie es heisst, dass sie ja selber Optimisten sind, nur mit besserer Information.
  28. Also ich möchte Realist sein. - Mhm. Und Realist mit Hoffnung.
  29. Und Hoffnung im spirituellen Sinn ist etwas ganz anderes als Hoffnungen, die man hegt.
  30. Die Hoffnungen beziehen sich immer auf etwas, das man sich vorstellen kann.
  31. Aber Hoffnung ist Offenheit für Überraschung. Das ist meine Definition von Hoffnung:
  32. Offenheit für Überraschung. Das Überraschende ist immer etwas, das man sich nicht vorstellen kann.
  33. Also ich kann mir nicht vorstellen, wie es in dieser verfahrenen Welt, in der wir heute leben,
  34. überhaupt weitergehen kann. Ich kann es mir nicht vorstellen. - Aber ...
  35. Aber ich bin voll Hoffnung, dass es weitergehen wird, weil immer wieder Überraschungen kommen.
  36. Und das ist auch in meinem eigenen Leben so, dass immer wieder Überraschungen gekommen sind.
  37. D.h., Bruder David ist voll unkonkreter Hoffnung. Das trägt ihn weiter. - Ja.
  38. Konkrete Hoffnung ist ja gar keine Hoffnung. Das sind ja nur Hoffnungen, und die werden immer zerschlagen.
  39. Mhm. - Das wissen wir aus Erfahrung. Wenn ein langes Leben wie meines etwas zeigt,
  40. dann, dass Hoffnungen früher oder später zerschlagen werden. Aber wenn Hoffnungen zerschlagen werden,
  41. schenkt uns das Leben etwas Besseres. Und das habe ich auch gelernt: Lebensvertrauen.
  42. Jeder Tag in meinem Alter ist ein Geschenk. Man wundert sich, dass man noch einmal aufwacht.
  43. Aber jeder Tag vermehrt das Vertrauen ins Leben. Denn es zeigt immer wieder, dass, wenn etwas schiefgeht,
  44. das Leben damit plant und noch etwas Besseres zu geben hat und noch etwas Besseres.
  45. Ich habe davor auch gefragt, ob du eine Ahnung hast, weshalb du so alt wurdest.
  46. Denn du hast dich ja viel mit dem Buddhismus beschäftigt und mit anderen Religionen.
  47. Im Buddhismus gibt es diese Haltung des Anfängergeistes, dass man Dinge jedes Mal so tut, als würde man sie das erste Mal tun.
  48. Ich führe auch dieses Gespräch, als hätte ich noch eines geführt. Wir haben auch noch nie ein Gespräch geführt.
  49. Und das soll dazu führen, dass der Alltag nicht abnutzt in einer Gewohnheit
  50. und dass man sich eine Ursprünglichkeit erhalten kann. Ich nehme das Altwerden einfach als ein Geschenk des Lebens hin,
  51. das zugleich Gabe und Aufgabe ist. Aber einen Grund dafür zu finden, das liegt mir nicht sehr nahe.
  52. Aber wenn du das schon so sagst, Olivia, ein kindliches Gemüt oder einen kindlichen Geist
  53. habe ich immer gehabt. Ich kann jetzt noch wie ein Kind spielen und mich freuen.
  54. Ich glaube ... Na, vielleicht ist es auch nicht so allgemein.
  55. Vielleicht ist es schon besonders. Aber das ist eigentlich auch ein Geschenk des Lebens.
  56. Dieses Bewusstmachen dieses Wunders Leben kann man gut machen, wenn man zurückgezogen in einem Kloster lebt.
  57. Ich lebe in keinem Kloster. Ich führe einen regulären Alltag,
  58. gehe in mein Büro, mache Sendungen. Die meisten Leute da draussen, die uns zuschauen, leben so wie ich.
  59. Wie können sie diese Haltung in ihr Leben einbauen? Aufs Leben hinzuhorchen, Augenblick für Augenblick,
  60. und dem Leben zu antworten, ist ein Grundsatz, der überhaupt nicht von den Lebensumständen abhängt.
  61. Wenn du z.B. in der Früh aufwachst und deinen Tagesplan anschaust, kannst du das mit der Haltung tun:
  62. "Aha, das und das schenkt mir heute das Leben." "Das und das verlangt das Leben von mir."
  63. Du hast ein Gegenüber, das Leben ist dein Gegenüber. Es lebt dich. Du lebst ja nicht.
  64. Wenn wir uns fragen, ob wir das Leben haben oder ob das Leben uns hat,
  65. hat das Leben entschieden uns. Und trotzdem können wir uns dem Leben gegenüberstellen.
  66. Es ist etwas sehr Geheimnisvolles eigentlich, sehr tief. Wir sind das Leben, das Leben lebt uns,
  67. und wir sind im Dialog mit dem Leben. Und wir müssen immer hinhorchen.
  68. Denn wir können ja auch unseren ganz eigenen Weg gehen, einfach taub und schlafwandlerisch.
  69. Das ist auch möglich. Man leidet dann nur als Menschen. Aber das gesunde Menschenleben ist, dass wir hinhorchen:
  70. "Was will das Leben jetzt von mir?", und es dann tun. Aber immer auch zugleich: "Was schenkt mir jetzt das Leben?"
  71. Das Leben schenkt uns in jedem Augenblick so viel mehr, als wir erwarten oder erwarten dürften.
  72. Du sprichst immer wieder vom Leben, als wäre es ein Subjekt. "Was will das Leben von mir?" - Ja, ja.
  73. Was heisst das, was ist das Leben für dich? Dahinter steht mein Verständnis vom Leben.
  74. Es i s t ein Subjekt. Es ist unser grosses Du.
  75. Und es ist das Es, das geheimnisvolle Es, das alles gibt.
  76. Es gibt das und das, es gibt sogar mich. Was ist dieses Es? - Mhm.
  77. Es ist völlig geheimnisvoll. Es ist das Herzstück des Lebens, die Mitte des Lebens.
  78. Und wir stehen auch ständig im Dialog. Wenn du dir das vergegenwärtigst, wenn du über dein Leben nachdenkst,
  79. ist dein Leben ja nicht eine Reihe von zusammenhängenden Episoden. Du weisst, du hast eine Lebensgeschichte.
  80. Und dass diese Geschichte eine Geschichte ist, setzt voraus, dass du sie jemandem erzählst.
  81. Eine Geschichte wird erzählt. - Auch sich selber. Du erzählst sie dir selber
  82. und erzählst sie aber auch jemand anderem. Denn du stehst diesem grossem Du gegenüber,
  83. das ich das Leben nenne. Man kann es auch, sehr vorsichtig,
  84. und ich würde es kaum erwähnen, Gott nennen. Wieso hast du grosse Zurückhaltung, es Gott zu nennen?
  85. Weil das Wort Gott so missbraucht und so missverstanden wird, dass es nur zu weiteren Missverständnissen führt.
  86. Ausser man weiss genau, mit wem man spricht. Und in einem Interview ist das nicht der Fall.
  87. Weil man nicht weiss, wer zuhört. - Ja, ja. Aber man kann es das grosse Geheimnis des Lebens nennen,
  88. das grosse Geheimnis im Herzen des Lebens. Wir können selber eigentlich nur "Ich" sagen,
  89. weil es ein Du gibt. Und diesem Du wollen wir unsere Lebensgeschichte erzählen.
  90. Und kein menschliches Du versteht es. Je mehr man jemanden liebhat,
  91. umso mehr will man ihm seine Lebensgeschichte mitteilen. Und umso schmerzlicher ist es auch,
  92. das können alle Menschen nachvollziehen, dass immer etwas übrigbleibt.
  93. Irgendwo bleibt die Grenze des Sagbaren. - Genau. Und das erkläre ich mir, das verstehe ich in dem Sinne,
  94. dass unser eigentliches Du nicht n e b e n den anderen, sondern i n allen anderen ist.
  95. Und diese alle anderen umfassende Du ist eben dieses grosse Geheimnis, mit dem wir in Beziehung stehen als Mensch.
  96. Wenn du jetzt von der Lebensgeschichte sprichst, schauen wir doch ganz kurz zurück in deine eigene Lebensgeschichte.
  97. Du hast in Wien Anthropologie und Psychologie studiert. Du hast auch in Psychologie promoviert.
  98. Du bist dann deiner Familie in die USA nachgereist, 1952 ins Kloster Mount Saviour nahe New York eingetreten.
  99. Ich habe in einem alten Interview von dir gehört, wie du gesagt hast: Damals hättest du entschieden, ins Kloster einzutreten,
  100. weil du Zeit haben wolltest, dich den wichtigsten und letzten Fragen zu widmen.
  101. Das stimmt. - Was waren denn diese Fragen? Oder: Sind sie dieselben Fragen geblieben?
  102. Ich glaube schon. Die Fragen habe ich ja nicht formuliert,
  103. sondern es ist eine fragende Haltung dem Leben gegenüber. Und da gibt es viele verschiedene fragende Haltungen.
  104. Ein Wissenschaftler spezialisiert sich auf Fragen, die auch das Leben betreffen, aber sein bestimmtes Fach.
  105. Und jeder Mensch hat seine bestimmten Fragen. Aber mein Interesse, wie ich gesagt habe,
  106. war immer auf das Grosse gerichtet, auf das Letzte, immer noch mehr, noch tiefer und noch zusammenfassender.
  107. Schon von Anfang an. Um dich damit zu beschäftigen, hast du dich teilweise zurückgezogen,
  108. hast insgesamt zehn Jahre als Eremit, also Einsiedler, gelebt. Erzähl mal etwas darüber.
  109. Ich kann mir vorstellen, für die Leute heutzutage, die ständig vor dem Bildschirm sind, sich ablenken usw.,
  110. wäre das eine krasse Konfrontation, plötzlich nichts mehr zu haben. Ja, ja. - Etwas, das sie nach aussen bringt.
  111. Ja, ja. Ich war lange Zeit in einem Kamaldulenser-Kloster in Big Sur in Kalifornien.
  112. Und das ist sehr schön gelegen und sehr abgelegen und eine wunderschöne Gegend.
  113. Und dort sind immer wieder Leute da, die auf Einkehrtage kommen. Und wenn Leute zum ersten Mal gekommen sind,
  114. haben wir ihnen immer gesagt: "Bleiben Sie nur ein, zwei Tage und schauen Sie sich's einmal an."
  115. Manchmal haben Leute gesagt: "Nein, ich möchte für eine Woche kommen." Und nach dem dritten Tag
  116. sind sie in Panik abgefahren und haben gesagt: "Diese Stille ertrage ich nicht." - Ja.
  117. Also da hast du vollkommen recht. - Du lachst. Aber zur Balance, zur Ausgewogenheit
  118. sollte jeder Mensch schauen, was er braucht. Und irgendwann am Tag sollte er eine kurze Zeit finden.
  119. Es brauchen ja nur ein paar Minuten sein. Viele Leute finden eine halbe Stunde morgens oder abends.
  120. Oder manche können sich das in der Mittagspause einteilen. Einfach still sein, einfach die Gedanken kommen und gehen lassen
  121. und nicht anhängen, einfach frei sein. Es ist natürlich noch immer ein kleiner Prozentsatz,
  122. aber viele Menschen entdecken auch, dass man in Klöster gehen kann in unserer Welt
  123. und dort eine kurze Zeit verbringen kann. Eine Woche oder ein paar Tage oder auch länger.
  124. Das ist schon hilfreich. Was, würdest du sagen,
  125. hat diese Zeit in der Einsiedelei in dir bewirkt? Platon spricht davon.
  126. Auch Plotinus, glaube ich. "Allein mit dem Alleinigen." - Mhm.
  127. Wenn man es in Worte fassen könnte, wäre es schon nicht mehr das Richtige.
  128. Einfach eine Konfrontation mit dem grossen Geheimnis des Lebens. Aber nicht irgendwo anders, sondern im Zähneputzen,
  129. im Gehen, im Sitzen, im Vor-sich-hin-Träumen. Das ist spannend, weil gewisse Leute würden sagen,
  130. so ein Rückzug ist eine Realitätsflucht. Und du würdest sagen, es ist gerade das Gegenteil.
  131. Natürlich. - Es ist Konfrontation. Genau das Gegenteil.
  132. Es ist eine Konfrontation mit der Wirklichkeit. Das andere ist eine Flucht vor der Realität.
  133. Aber es ist ein enormer Luxus. Und wir wissen das ja auch,
  134. wie dankbar wir sein müssen im Kloster. Der Gründer von meinem Kloster in Amerika hat immer gesagt:
  135. "Glaubt nicht, dass ihr so besonders seid." "Im Gegenteil: Die anderen können das in der Welt tun."
  136. "Ihr braucht ein Kloster." - Ja. Ich spreche das auch deswegen an:
  137. Die meisten Leute, die uns zuhören und zuschauen, die Menschen insgesamt, streben nach Besitz.
  138. Die wollen eine Wohnung, ein Auto. Sie wünschen sich eine Familie, Mann, Frau, was auch immer.
  139. Und ich habe in deiner Biografie gelesen, dass du zeitweise, glaube ich, zwölf Kinder haben wolltest.
  140. Ja, ja. Kannst du dir erklären, warum das für dich an Reiz verloren hat?
  141. Eigentlich kann ich meine Entscheidung, wenn man das so nennen kann, ins Kloster zu gehen,
  142. ganz genau auf ein Erlebnis zurückführen. Und davon habe ich auch schon mehrmals erzählt.
  143. Gleich nach dem Krieg ... Es muss 1946 gewesen sein. - Mhm.
  144. Da war ich gerade 20. - Mhm. Da war ich in den Sommerferien in Salzburg bei Freunden.
  145. Ich habe wunderschön gelebt mitten in der Altstadt mit einer Girlfriend ...
  146. Und das war das erste Mal, dass die Salzburger Festspiele wieder stattgefunden haben.
  147. Und ich habe Zugang gehabt zu amerikanischen Zigaretten. Ich habe selber nicht geraucht und konnte dadurch überall hinein.
  148. Man brauchte nur aus der Tasche dieses Kamel herausschauen lassen. Und ich bin mit meiner Girlfriend in die Felsenreitschule gegangen.
  149. Das war dort, wo die Festspiele waren. Wir waren uns so sicher,
  150. wir haben in der Garderobe unsere Kleider abgegeben. Dann sind wir zum Parterre gegangen,
  151. und ich habe dieses Kamel herausschauen lassen. Und ich habe gesagt zum Usher ...
  152. Ich weiss nicht, wie man auf Deutsch sagt. Der Platzanweiser. - Ah ja.
  153. Zu dem sagte ich: "Haben Sie vielleicht einen leeren Platz?" "Ja, selbstverständlich."
  154. Und schon sind wir vorne gesessen. Also es war eine herrliche Zeit. - Mhm.
  155. Aber ich habe dann zurückgeblickt auf meine Jugend. Und wir waren sehr, sehr glücklich
  156. trotz Krieg, trotz unserer gefallenen Freunde. Ich habe mehr Freunde gehabt,
  157. die im Krieg umgekommen sind, als noch gelebt haben. Trotzdem war's wirklich eine freudige Jugend.
  158. Und in dieser Zeit habe ich mich damals gefragt, warum. Und da ist mir die Antwort klargeworden:
  159. Weil wir den Tod ständig vor Augen gehabt haben. Diesen Satz habe ich in der Regel des Heiligen Benedikt gelesen.
  160. Wir haben alles gelesen, wovon wir gewusst haben, dass die Nazis nicht wollten, dass wir es lesen.
  161. Und die Regel des Heiligen Benedikt war auch so was. Das war ja nur ein ganz kleines Büchlein.
  162. Und darin ist ein Satz: "Den Tod allezeit vor Augen haben."
  163. Und als ich das gelesen habe, damals schon, hat mich das bewegt.
  164. Das war unsere Situation. Und jetzt habe ich darauf zurückgeblickt und mir gesagt:
  165. "Darum waren wir so glücklich." Denn das hat uns im Augenblick leben lassen.
  166. Und im Augenblick zu leben, ist die einzige Möglichkeit, glücklich zu sein.
  167. Denn sonst strebt man ja immer nur den Glück nach oder bedauert, dass man das Glück nicht mehr hat.
  168. Aber der einzige Augenblick, wo man glücklich sein kann, ist der gegenwärtige Augenblick.
  169. Und so mussten wir leben. Drum waren wir wirklich glücklich inmitten aller Schwierigkeiten.
  170. Das ist mir damals klargeworden. Und weil ich es mit dem Satz vom Heiligen Benedikt verbunden habe,
  171. habe ich mir damals schon gedacht: "Eigentlich sollte ich Mönch werden, sonst geht's bergab."
  172. Ich wollte aber nicht. Das hat mir sonst gar nicht so gepasst.
  173. Du bist ja aufgewachsen in einem katholisch geprägten Umfeld mit deiner Mutter, deinen zwei Brüdern.
  174. Die Eltern haben sich früh getrennt. Du hast früh Literatur gelesen.
  175. Du hast früh Rilke gelesen. - Und auch eine katholische Schule. Ja. - Die hat mir sehr viel gegeben.
  176. Die Neulandschule in Wien. - Mhm. Der bin ich ewig dankbar. - Mhm.
  177. Und wie du sagst: Wir waren schon drauf eingestellt, das war eine Möglichkeit.
  178. Aber ich bin dann doch sieben Jahre lang davongelaufen. Dann habe ich Kunst studiert.
  179. Weil ich mich interessiert habe für Kinderkunst, habe ich dann Psychologie studiert und Völkerkunde.
  180. Primitivkunst und Kinderkunst, das hat alles zusammengehängt. Immer wieder habe ich ein Alibi gefunden.
  181. Und dann bin ich nach Amerika, wie du auch schon gesagt hast, weil meine Familie eben drüben war.
  182. Ich war aber drüben sehr unglücklich. Der Kulturschock war entsetzlich für mich.
  183. Ich wollte ja gar nicht hinüber. Ich bin ja nur wegen meiner Familie hinüber.
  184. Mir hat's gar nicht gefallen. Und das hat sicher auch dazu beigetragen.
  185. Das Kloster, das ich dann entdeckt habe, war noch weitaus näher an dem, was ich aus Europa gekannt habe.
  186. Es wurde auch von einem Europäer gegründet. Ich habe einem Freund gesagt:
  187. "Weisst du, wenn ich im Mittelalter gelebt hätte, wäre ich ein Benediktiner geworden."
  188. "Aber die Benediktinerklöster, die ich in Österreich kenne, haben schon eine tausendjährige Tradition."
  189. "Und ich möchte die Regel des Heiligen Benedikt leben." "Ich möchte zurückkommen auf das Ursprüngliche."
  190. Und da hat der gesagt: "Komisch, ich habe gerade irgendwo gelesen,
  191. dass in Elmira, New York, ein Kloster gegründet wurde." "Die wollen zurückkommen auf die ursprüngliche Regel."
  192. Ich habe es mir sofort am nächsten Tag angeschaut. Nach weniger als einem Tag dort habe ich entschieden: "Das ist es."
  193. Genau. Aber du hast jetzt zuvor gesagt, dass du die Benediktregel gelesen hast.
  194. Und von diesem Zeitpunkt an hast du diesen Satz, "den Tod vor Augen haben",
  195. ein bisschen als Mantra, glaube ich, durch dein Leben mitgetragen. Und ich, als jetzt doch noch relativ junger Mensch,
  196. habe das Gefühl, vor mir ist der Horizont noch relativ offen. Ich überlege mir, welche Pläne ich noch machen soll,
  197. wie ich mein Leben auch nutzen soll. Wie geht es dir als bald 98-jähriger Mensch?
  198. Welche Pläne machst du dir? Machst du dir grössere Pläne, Tag für Tag?
  199. Wie gehst du damit um? - Manchmal muss man Pläne machen. Z.B.: Unser Interview
  200. musste ich schon einen Monat früher in den Kalender eintragen. Aber meistens ist nichts drinnen, sondern es kommt Tag für Tag.
  201. Aber für mich gilt eigentlich immer noch, was auch für mein jüngeres Ich und sicher auch für dich gilt:
  202. Wenn wir uns fragen, was wir jetzt weitermachen sollen, kommt immer zuerst die Frage: "Was würde mich wirklich freuen?"
  203. Mhm. - Das ist das Wichtigste. Und das mache ich immer noch.
  204. "Was würde mich morgen wirklich freuen?" Aber es ist halt schon mehr Gewohnheit geworden.
  205. Ich brauche das nicht ausdrücklich fragen. Das Zweite ist: "Kann ich es?"
  206. Wir wünschen uns manchmal etwas, das wir gar nicht können. Fallschirmspringen oder so irgendwas.
  207. Und die dritte Frage, und die ist die wichtigste, ist: "Wozu bietet mir jetzt das Leben Gelegenheit,
  208. auf das hinzugehen, was mich am meisten freut?" Und dieses Hinhören, dieses Hinhorchen
  209. ist was ganz Wichtiges. Ich habe einmal eine Geschichte gelesen.
  210. Wenn sie nicht wahr ist, ist sie gut erfunden. Jemand hat das gehört und hat gesagt:
  211. "Was ich mir am meisten wünschen würde, ist, am Meer zu sitzen, zu lesen und sonst wenig zu tun zu haben."
  212. "Und wie frage ich also jetzt nach, was mir das Leben als Gelegenheit, dorthin zu kommen, bietet?"
  213. Er hat also die Anzeigen für Berufe in den Zeitungen gelesen und ist Leuchtturmwächter geworden.
  214. Die kleinen ... - Das ist ein kreativer Umgang. Es sind die kleinen Dinge, die man beachten muss,
  215. so kleine Schritte auf das hin, was einen am meisten freut. Das erinnert mich an etwas.
  216. Vor einigen Jahren war der berühmte amerikanische Psychiater Irvin Yalom in dieser Sendung.
  217. Er hat viel mit sterbenden Patienten gesprochen. Und er hat sich Gedanken darüber gemacht oder das zusammengefasst,
  218. was für diese Leute ein wertvolles Leben ausgemacht hat. Hören wir ihm kurz zu!^,
  219. In meiner Therapie verwende ich eine Art Gleichung: Je mehr ungelebtes Leben in uns drinnen ist,
  220. desto grösser ist der Horror vor dem Tod. Anders gesagt:
  221. Je mehr wir bedauern, was wir nicht gelebt haben, desto mehr fürchten wir den Tod.
  222. Wenn wir so ein Gespräch hätten und ich Sie fragen würde, was Sie an Ihrem Leben bereuen,
  223. würden Sie wohl auf einige Dinge stossen. Und wenn Sie solche Dinge gefunden haben,
  224. würde ich Ihnen eine weitere therapeutische Frage stellen: "Nehmen wir an, dass wir uns in ein, zwei Jahren wieder treffen."
  225. "Können Sie mir sagen, was für weitere Dinge Sie in dieser Zeit anhäufen werden, die Sie bereuen?"
  226. Je nach Ihrer Antwort frage ich Sie dann in diesem Therapiegespräch: "Was können Sie tun,
  227. um in den nächsten zwei Jahren so zu leben, dass Sie nichts bereuen?"
  228. Anders gesagt: "Leben Sie das Leben, das Sie leben möchten, und häufen Sie keine Dinge an, die Sie bereuen werden!"
  229. Wir haben das jetzt gerade gehört. Wie viel unausgeschöpftes Leben gibt es denn in dir,
  230. würdest du sagen? In dieser Hinsicht habe ich, ehrlich gesagt, nichts zu bereuen.
  231. Was ich bereue, ist, Menschen beleidigt zu haben, enttäuscht zu haben,
  232. immer völlig unabsichtlich. Das tut mir leid.
  233. Denn je älter ich werde, umso klarer sehe ich: Das Einzige, worauf es ankommt, ist,
  234. liebenswürdig zueinander zu sein und einander Freude zu machen. Jeden Tag, wenn ich die Augen aufschlage, bete ich,
  235. dass ich die Gelegenheit habe, jemandem Freude zu machen. Das ist schon das Wichtigste.
  236. Ich habe das auch deswegen mitgebracht, weil ich daran Folgendes interessant finde:
  237. Ich merke als junger Mensch, der noch sein Leben vor sich hat, dass es vielen Menschen so geht, dass sie Angst haben,
  238. das Leben auszuschöpfen, zu bereuen, etwas nicht gemacht zu haben. Gerade du verzichtest ja auf viele Dinge,
  239. auf die ich z.B. nicht verzichte. Hattest du nie diese Angst,
  240. dass du etwas nicht erlebst in diesem Leben, dass dir etwas entgeht?
  241. Na ja, wenn wir dankbar leben, dann sind wir so dankbar für das, was uns geschenkt ist.
  242. Da haben wir keine Zeit und Energie, darüber nachzudenken, was wir sonst noch wollten.
  243. Aber das ist eine Einstellungssache. Wenn wir darüber nachdenken, wie wir das Leben ausschöpfen könnten,
  244. ist das ja so, wie wir es uns vorstellen. Das Leben hat immer andere Pläne.
  245. Wir sollten denken: "Was bietet mir das Leben?" Das ist das Entscheidende: "Was bietet mir das Leben jetzt?"
  246. Und das muss man ausschöpfen. Das, was hier erwähnt wurde,
  247. ist mir in meiner Kindheit schon aufgefallen. Ich habe es auch ausdrücklich ausgesprochen.
  248. Wenn man sich z.B. auf die Ferien wirklich, wirklich freut nutzt man jeden Tag, auch wenn es regnet usw.
  249. Wenn dann die Ferien zu Ende sind, ist es leichter, als wenn man sich immer was anderes gewünscht hätte,
  250. wenn man es nicht ausgeschöpft hätte. Das ist mir damals schon aufgefallen.
  251. Das gilt nicht nur für die Ferien, sondern eben für das ganze Leben. Sprechen wir jetzt auch ein bisschen über den Tod.
  252. Du hast in einem der Bücher gesagt: "Wir Menschen sollten darauf hinwachsen,
  253. am Schluss des Festmahls des Lebens nach vielen Leckerbissen einen Stein zu verschlingen, der den Tod symbolisiert."
  254. Das hast du irgendwo geschrieben. - Ja, ja. Wie kommst du auf den Stein? Weshalb ist der Tod der Stein?
  255. Das war im Zusammenhang mit einer Geschichte aus dem Evangelium,
  256. der sog. Versuchung Jesu. Und die Geschichte erzählt,
  257. dass Jesus in der Wüste war und 40 Tage gefastet hat. Und als er hungrig war, hat der Versucher ihm gesagt:
  258. "Wenn du der Sohn Gottes bist, dann sag doch zu diesen Steinen, dass sie Brot werden."
  259. Die Steine, die so herumliegen, schauen aus wie Brotlaibe, wenn man Hunger hat.
  260. Und Jesus antwortet darauf: "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein,
  261. sondern von jedem Wort aus Gottes Mund." Und da habe ich dann gesagt:
  262. "Offensichtlich sind die Steine in diesem Zusammenhang auch ein Wort aus Gottes Mund."
  263. "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern auch von jedem Wort aus Gottes Mund."
  264. Und das zeigt, dass alles ein Wort aus Gottes Mund ist, auch die Steine,
  265. also alles Angenehme und auch alles Unangenehme. Und wir sollten uns darauf vorbereiten,
  266. dass sich hier und da in einem Rosinenbrot eine Rosine als Stein herausstellt, wenn wir darauf beissen.
  267. Das kommt ja öfters im Leben vor. Und am Ende kommt dann der Tod,
  268. das Sterben, das wir eigentlich nicht wollen. Unser ganzer Leib lehnt sich dagegen auf.
  269. Und da sollten wir dann schon so in Übung sein, dass wir auch hier wissen:
  270. Auch dieser grosse Stein ist ein Wort aus Gottes Mund. D.h., wie blickst du deinem eigenen Sterben entgegen?
  271. Ich habe Angst vor dem Drum und Dran. Mhm. - Das Kranksein.
  272. Und das Hilflossein. Und sich vielleicht nicht mehr verständlich machen können.
  273. All die Dinge, die so damit zu tun haben. Vor dem Aufhören dieses physischen Lebens
  274. habe ich keine Angst. Alles Wichtige in unserem Leben
  275. gehört ja nicht dem physischen Bereich an. Wenn du ein Haus dein Heim nennst, ist "Heim" nicht etwas Physisches.
  276. Wenn du übersiedelst, wird das andere dein Heim. Das ist nicht was Physisches.
  277. Oder Treue, Verantwortungsbewusstsein, das sind nicht physische Dinge.
  278. Und im Laufe des Lebens fühlt man sich mehr und mehr in diesem Bereich zu Hause.
  279. Wenn dann das Haus weg ist, weil du stirbst, der Leib weg ist, dann übersiedelst du.
  280. Wie das geht, habe ich keine Ahnung. Das wissen wir nicht, das gehört dazu.
  281. Aber dass mit dem Tod nicht alles aus ist, das wissen wir eigentlich.
  282. Denn vieles gehört uns zu, und wir gehören vielem zu, was eben nicht sterben kann.
  283. Treue kann nicht sterben als solche. Sogar Liebe kann nicht sterben.
  284. Was ist es denn an Bruder David, das nicht sterben wird? Das Selbst.
  285. Also ich verstehe das so: Wir alle, jeder und jede von uns, können "Ich" sagen,
  286. und trotzdem sind wir ganz verschieden voneinander. Aber wenn wir betonen wollen, wer wir sind,
  287. sagen wir: "Ich selbst". Mhm. - Und das ist mehr.
  288. Und dieses Selbst ist unser eigentliches Sein. Und das Selbst ist nur eines.
  289. Es hat nicht einmal eine Mehrzahl in der deutschen Sprache. Man kann nicht von "Selbsten" sprechen.
  290. Wir sind also viele Ichs und ein Selbst. Und dieses Selbst ist nicht physisch.
  291. Und das Selbst überlebt. Wie das ist, weiss ich nicht.
  292. Aber ich kenne mich ja nicht nur als Ich, leiblich, sondern auch als Selbst, als Ganzes, als mit allen Menschen verbunden,
  293. als mit allen Tieren verbunden, als mit der Schöpfung verbunden. Dort bin ich eigentlich zu Hause.
  294. Das ist sicher nachvollziehbar, nicht? Es geht, weil diese Selbsterfahrung eben auch an der Leiblichkeit hängt
  295. und an dieser Kombination von diesem Selbst und Ich. Aber du klingst sehr zuversichtlich, dass diese Veränderung ...
  296. Na ja, dem Selbst tut es nichts an, aber das Ich ist weg. Und das ist in meiner gegenwärtigen Erfahrung sehr unangenehm.
  297. Wir wissen eben nicht, wie's dann ausschaut. Aber das gehört dazu.
  298. Das Wichtigste für uns ist ja das Selbst. Und dass das nicht verloren geht,
  299. können wir auch gewissermassen wissen, weil das, was nicht physisch ist, eben nicht sterben kann.
  300. Wir erleben es nur, wir können nur darüber nachdenken, weil wir eben ein Hirn haben usw.
  301. Genau, man weiss da auch nie, ob es nicht nur existent ist, weil wir darüber nachdenken, oder?
  302. Das ist die andere Frage. (Skeptisch) Mmh ... Na ja!
  303. Dann hätten wir's ja erfunden, dass es nicht unser Leben ist, dass es nicht unser Leben ist.
  304. Der Irrtum kommt daher, dass wir glauben, dass unser Hirn die Gedanken erzeugt.
  305. Aber das wird auch selbst von der Wissenschaft ja mehr und mehr hinterfragt.
  306. Genau. Ich möchte das nicht vertiefen, sondern auf einen anderen Punkt in den letzten 10 Min. kommen,
  307. auf die Dankbarkeit, die du zuvor genannt hast. Ich habe zu Beginn gesagt, das ist ja ein Lebensthema für dich.
  308. Du hast sozusagen eine "Bewegung" rund um die Dankbarkeit gegründet. Du warst bei der wohl bekanntesten Talkmasterin der Welt,
  309. bei Oprah Winfrey, zu diesem Thema. Du hast einen TED-Talk zu diesem Thema gemacht,
  310. der schon über 3,5 Mio. Aufrufe hat. Viel mehr! - (Lachend) Ja.
  311. Tut mir leid, wenn ich da untertreibe. Kannst du mir erklären,
  312. weshalb Dankbarkeit für dich so ein wichtiges Thema geworden ist? Wir kennen alle irgendjemanden,
  313. der alles hat, was er braucht, und todunglücklich ist. Das sind immer die undankbaren Menschen.
  314. Und wir kennen auch Menschen, die wirklich leiden und ein schwieriges Leben haben und vor Freude strahlen.
  315. Das kennst du sicher. - Mhm. Und dann fragen wir uns, warum.
  316. Sie sind dankbar. Also Glück und Freude im Leben hängt nicht in dem Sinn davon ab,
  317. dass wir alles haben, sondern dass wir dankbar sind. Die Dankbarkeit ist der Schlüssel zur Freude.
  318. Dann lass uns noch ganz kurz, jetzt gegen Ende, Viktor Frankl zuhören.
  319. Der war ein österreichischer Psychiater. Er ist bekannt geworden durch "... trotzdem Ja zum Leben sagen".
  320. Er hat vier KZ-Aufenthalte überlebt, die Existenzanalyse begründet, die Logotherapie.
  321. Ich habe einen kleinen Ausschnitt. - Ja. Ich war am 27. April 1945
  322. aus meinem letzten KZ in Kaufering, etwa 40 km entfernt von München, befreit worden von texanischen Truppen.
  323. Und ich habe dann hier in München ein paar Wochen warten müssen, bis ich auf halbwegs legalem Wege nach Wien zurückkehren konnte.
  324. Und ich erinnere mich, dass ich das Gefühl hatte: Jetzt ist ein grosses Ende qualvoller Jahre,
  325. aber zugleich ein grosser Anfang von etwas, das kaum vorhersehbar war.
  326. Und als ich daran gedacht habe, was mich in Wien erwartet, sobald ich zurückkommen kann,
  327. hat mich natürlich eine gewisse Beklemmung erfasst. Ich wusste ja nicht, wer überhaupt noch auf mich warten wird.
  328. Und es hat tatsächlich niemand auf mich gewartet. Und ich habe ein Gefühl gehabt:
  329. Entweder nimmt angesichts der Umstände einen Strick und hängt sich auf.
  330. Oder es gibt irgendwelche Ressourcen in einem, die einen davon abhalten.
  331. Das war mein bedingungsloser Glaube an einen letzten Sinn, der uns zwar verborgen sein mag, aber er ist da.
  332. Dieser Sinn lässt sich nun auf dreifache Weise erfüllen. Entweder schöpferisch,
  333. indem wir ein Werk schaffen, indem wir eine Tat setzen. Oder aber erlebend,
  334. indem wir die Schönheit der Natur, die Güte eines Menschen erleben oder einen Menschen liebend, ihn in seinem innersten Wesen erleben.
  335. Und drittens: Wo es notwendig ist, wo die Ursache eines Leidens sich nicht mehr beseitigen lässt,
  336. kommt es auf Folgendes an: Mit welcher Haltung, mit welcher Einstellung
  337. nehmen wir dieses Leiden auf uns? Mit Tapferkeit und in Würde.
  338. Du hast genickt, als du jetzt diesen Einspieler angeschaut hast. Frankl spricht vom bedingungslosen Glauben an einen Sinn,
  339. auch wenn er verborgen ist. Würdest du das bestätigen,
  340. dass dann auch die Dankbarkeit und die Frage nach dem Sinn primär eine Frage der Haltung ist?
  341. Braucht man dafür eine entsprechende Einstellung? Da hast du vollkommen recht, Olivia.
  342. Das ist eine Haltungsfrage. Es steht noch etwas hinter dem, was Viktor Frankl hier sagt.
  343. Hinter Dankbarkeit liegt ja noch etwas. Und das ist Lebensvertrauen. - Mhm.
  344. Wenn wir dem Leben vertrauen, brauchen wir gar nicht ausdrücklich an Dankbarkeit denken
  345. oder das Wort auch in den Mund nehmen. Lebensvertrauen ist das Entscheidende.
  346. Und wenn wir dem Leben nicht vertrauen, ist alles schon sinnlos und zu Ende, nicht?
  347. Das ist deshalb so beeindruckend bei jemandem wie Frankl mit so einer Biografie,
  348. dass er diese Haltung in sich aufrechterhalten kann. Du hast zuvor gesagt, du verehrst ihn. Weshalb?
  349. Eben, weil er durchgehalten hat und das Lebensvertrauen behalten hat trotz dieser Schicksalsschläge.
  350. Das Ärgste war ja: Er hat es nur so kurz erwähnt,
  351. aber er kommt nach Wien zurück und findet niemanden mehr vor. Genau. Es sind alle weg.
  352. Trotz all dieser Schicksalsschläge hat er das Lebensvertrauen nicht verloren.
  353. Und das würde ich jedem Menschen am meisten wünschen: Lebensvertrauen.
  354. Wenn es gar keinen anderen Grund mehr gibt, ist es ja die Hölle auf Erden, nicht dem Leben zu vertrauen.
  355. Aber sag mal, gab es für dich in deinem Leben Momente, wo das Lebensvertrauen verloren hast für einen Moment?
  356. Es wird immer wieder herausgefordert, immer wieder, auch durch kleine Dinge wird es herausgefordert.
  357. Zum Beispiel? Durch Schmerzen.
  358. Auch natürlich überhaupt durch die Wege der Menschen, wie Menschen sich benehmen können, dass so etwas möglich ist.
  359. Mhm. Das Lebensvertrauen wird schon immer wieder herausgefordert.
  360. Aber wenn ich mir vorstelle, dem Leben nicht mehr zu vertrauen, worauf soll ich denn dann vertrauen?
  361. Dann verliert ja alles den Sinn. - Mhm. Es geht einfach nur darum, dass man sieht: "So geht's nicht."
  362. "Ohne Lebensvertrauen geht's nicht." Das wissen wir, das können wir erleben.
  363. Also versuchen wir, Lebensvertrauen zu schüren, es aufzubauen, zu pflegen.
  364. Also Lebensvertrauen für sich pflegen. Als letzte Frage vor dem Ende dieses Gesprächs:
  365. Was würdest du denn Menschen empfehlen oder raten, wie sie es herausfinden,
  366. was der richtige und wichtige Weg in ihrem Leben ist? Wie sie Lebensvertrauen lernen können?
  367. Mhm. Durch Dankbarkeit, weil die ist ja ein Ausdruck des Lebensvertrauens.
  368. Jeden Augenblick hinzuschauen: "Was schenkt mir jetzt das Leben?" Allein, dass ich atmen kann, dass ich lebe,
  369. das habe ja nicht ich verursacht, gekauft, mir irgendwie ausgesucht. Das Leben lebt mich.
  370. Wie soll ich ihm dann nicht vertrauen? Damit beenden wir nun das Gespräch.
  371. Vielen Dank, Bruder David Steindl-Rast. Du hast über den Tod gesprochen.
  372. Und da würde ich schon noch etwas dazufügen. Mhm.
  373. Das ist ein Satz, den ich nicht weiter ausführen möchte, aber der von Otto Mauer stammt.
  374. Das war ein sehr berühmter Prediger in Wien in meiner Jugend, der Künstlermessen gehalten hat.
  375. Da konnte man alle berühmten Künstler sehen. Manche Leute sind nur dort in die Kirche gegangen,
  376. weil sie die berühmten Künstler sehen wollten. Und der hat ein sehr tiefsinniges Wort geprägt:
  377. "Der Mensch stirbt nicht am Tod, sondern an ausgereifter Liebe." Mhm.
  378. Und das ist schon etwas, was man nicht weiter breittreten sollte, aber sich überlegen.
  379. Dann haben wir nun dem Leben und dem Gespräch noch etwas hinzugefügt. Vielen Dank. - Danke dir, Olivia.
  380. Wofür seid ihr in eurem Leben dankbar? Schreibt es in die Kommentare.
  381. Wenn ihr noch mehr solche Gespräche sehen wollt, abonniert die Glocke. Und hier drüben findet ihr noch mehr inspirierende Gedanken.

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