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Deficit spending

Haushaltstechnisch handelt es sich beim „deficit spending“ um einen Überschuss der Staatsausgaben über die Staatseinnahmen der öffentlichen Haushalte ( …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee der Defizitfinanzierung
  2. 2. Keynes’ Erklärung der Krise
  3. 3. Nachfrage, Produktion und Zinsen
  4. 4. Functional Finance
  5. 5. Kritik und Probleme

Grundidee der Defizitfinanzierung

Deficit spending, auf Deutsch Defizitfinanzierung, bezeichnet in der Haushalts- und Konjunkturpolitik eine Politik, bei der der Staat sich stärker verschuldet, um zusätzliche Nachfrage zu erzeugen. Das kann direkt durch staatlich vergebene Investitionen geschehen oder indirekt durch Steuersenkungen und Transferleistungen. Ziel ist vor allem, in Rezessionen die Wirtschaft anzukurbeln; deshalb spricht man auch von Anschubfinanzierung.

Haushaltstechnisch bedeutet deficit spending, dass die Staatsausgaben höher sind als die Staatseinnahmen. Es entsteht also ein Haushaltsdefizit. Dieses Defizit soll in einer Lage der Unterbeschäftigung, also bei Arbeitslosigkeit, einen Nachfrageeffekt auslösen. Idealtypisch sollen die dadurch entstehenden Staatsschulden später in einer Expansions- oder Hochkonjunkturphase durch Haushaltsüberschüsse wieder ausgeglichen werden. Diese Vorgehensweise heißt antizyklisch, weil der Staat in schlechten Zeiten stützt und in guten Zeiten spart.

Keynes’ Erklärung der Krise

Nach der Konjunkturtheorie von John Maynard Keynes kann ein Rückgang von Investitionen und Kreditaufnahme, etwa wegen überhöhter Realzinsen in einer Deflation, zu einem schweren Einbruch der Güternachfrage führen. Die Ersparnis muss nach dieser Sichtweise im gleichen Maß sinken wie die Kreditaufnahme. Das geschieht in der Krise durch sinkende Einkommen.

Bei Keynes hängt die Ersparnis von der Höhe der Einkommen ab. Wenn Verschuldung und Ersparnis zurückgehen, erzwingt die Konjunktur entsprechend niedrige Einkommen. Weil die Sparquote meist niedrig ist, sinken die Einkommen um ein Vielfaches des Rückgangs von Investitionen und Verschuldung. Wenn der Staat sich verschuldet, kann die Ersparnis der Privathaushalte in genau diesem Umfang steigen. Dadurch steigen die privaten Einkommen entsprechend der Sparquote um ein Vielfaches des Staatsdefizits.

Die Sparquote bestimmt dabei den Multiplikatoreffekt der Staatsverschuldung auf das Volkseinkommen. Der Multiplikatoreffekt bedeutet, dass eine zusätzliche Ausgabe nicht nur einmal wirkt, sondern über Einkommen, Konsum und Produktion weitere Nachfrage auslöst. Nach Keynes ist der Rückgang privater Investition und Kreditaufnahme die Ursache der Krise. Deshalb soll der Staat sich verschulden, bis sich die Geschäftsaussichten verbessern und private Investitionen sowie private Verschuldung wieder zunehmen.

Nachfrage, Produktion und Zinsen

Eine höhere staatliche Nachfrage erhöht die Gesamtnachfrage. Dadurch steigt auch das Gesamtangebot, weil Unternehmen mehr produzieren. Die Ausweitung der Produktion erhöht das Volkseinkommen. Höhere Einkommen führen wiederum zu mehr Nachfrage nach Konsumgütern, was erneut die Produktion steigen lässt. Das ist der beschriebene Multiplikatoreffekt.

Auf dem Kapitalmarkt kann es in diesem Modell zu einem Zinsanstieg kommen. Höhere Zinsen können die Nachfrage nach Investitionsgütern senken. Dieser teilweise Verdrängungseffekt heißt partielles Crowding-out: Staatliche Kreditaufnahme verdrängt teilweise private Investitionen. Das Modell setzt dabei voraus, dass die Notenbank das Geldangebot bei wachsender Wirtschaft nicht erhöht. John Hicks, der Urheber dieses Modells, widersprach dieser Annahme jedoch von Anfang an.

Richard Ferdinand Kahn, ein enger Mitarbeiter von Keynes, veröffentlichte bereits 1931 einen Essay zum Multiplikator. Er betonte, dass das Bankensystem in einer Krise immer zusätzlichen Kredit schaffen könne, ohne dass die Zinsen steigen und private Investitionen gehemmt werden. Voraussetzung ist allerdings, dass die Zentralbank eine bessere Beschäftigungslage und Konjunktur nicht mit einer restriktiveren Kreditpolitik beantwortet. Sonst wäre jede Maßnahme für mehr Beschäftigung vergeblich, sogar das bloße Warten auf eine Erholung der Weltwirtschaft.

Functional Finance

Das Konzept des deficit spending geht auf Keynes zurück. Keynes beschrieb besonders die Situation eines Gleichgewichts bei Unterbeschäftigung in der schweren Krise der Weltwirtschaftskrise. In dieser Zeit sprach er sich deutlich für staatliche Konjunkturstimulierung durch kreditfinanzierte höhere Staatsausgaben aus, zum Beispiel in seinem Open Letter To President Roosevelt von 1933.

Umstritten ist, inwieweit Keynes deficit spending auch gegen gewöhnliche Wirtschaftszyklen empfahl. Eine spätere neukeynesianistische Theorie ist die Functional Finance von Abba P. Lerner. Danach soll der Staat durch eine kontinuierliche antizyklische Wirtschaftspolitik den Wirtschaftszyklus glätten und Ziele wie Vollbeschäftigung erreichen. Ein wirtschaftspolitisches Konzept, das auf diese Theorie zurückgeht, ist die Globalsteuerung.

Kritik und Probleme

Kritiker werfen dem deficit spending Strukturblindheit vor. Damit ist gemeint, dass bestimmte Wirtschaftszweige einseitig begünstigt werden können, zum Beispiel die Bauwirtschaft oder die Rüstungsindustrie. Außerdem wird kritisiert, dass hohe Staatsausgaben zu Überschuldung und Inflation bei gleichzeitiger Stagnation führen können; diese Verbindung heißt Stagflation.

Ein weiterer Einwand betrifft Verdrängungseffekte, auch Crowding-out-Effekt genannt. Bei einem als begrenzt vorgestellten Kapitalangebot könnten steigende Staatsausgaben die Kreditzinsen erhöhen. Dadurch würden nichtstaatliche Investitionen verdrängt. Der Artikel weist allerdings darauf hin, dass es sich hierbei teilweise um einen Trugschluss handelt.

Kritiker bezweifeln außerdem, dass eine solche Fiskalpolitik Wirtschaftskrisen grundlegend bekämpfen kann. In der Vergangenheit sei ein Abbau des öffentlichen Schuldenstandes in Zeiten besserer Konjunktur so gut wie nie beobachtet worden; günstigstenfalls kam es zu einer geringeren Neuverschuldung. Als Erklärung wird unter anderem die Public-Choice-Theorie genannt, die politisches Verhalten ökonomisch erklärt. In Verbindung mit dem Medianwählertheorem ergibt sich die Annahme, dass Politiker offensichtliche direkte Steuererhöhungen vermeiden, um ihre Wiederwahl nicht zu gefährden.

Ein weiterer Kritikpunkt sind Wirkungsverzögerungen, auch Verzögerungseffekt genannt. Zwischen dem Bedarf an Fiskalpolitik und ihrer tatsächlichen Wirkung kann Zeit vergehen. Eine ursprünglich antizyklische Maßnahme kann deshalb erst in der nächsten Konjunkturphase wirken und dann prozyklisch werden, also die aktuelle Entwicklung zusätzlich verstärken. Zugleich kann schon die Ankündigung konjunkturpolitischer Maßnahmen die Marktstimmung schnell verändern, Vorsichtskassen verringern und Investitionen anregen.

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