Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Anglizismus

Als Anglizismus bezeichnet man einen sprachlichen Ausdruck, der durch Kopie aus dem Englischen in eine andere Sprache eingeflossen ist.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Grundidee
  2. 2. Formen im Deutschen
  3. 3. Häufigkeit und Entwicklung
  4. 4. Langfristige Übernahme und Anpassung
  5. 5. Kontroversen und internationale Perspektive

Begriff und Grundidee

Ein Anglizismus ist ein sprachlicher Ausdruck, der durch Kopie aus dem Englischen in eine andere Sprache gelangt. Er kann alle Ebenen des Sprachsystems betreffen: Lautung (Aussprache), Formenlehre, Syntax (Satzbau), Semantik (Bedeutung), Wortschatz, Sprachgebrauch und Sprachebenen wie Fachsprache, Alltagssprache oder Slang.

Wird ein Ausdruck regelmäßig gebraucht und dadurch als Wort, neue Wortbedeutung oder Satzkonstruktion in der übernehmenden Sprache üblich, gilt er als Fremdwort, Lehnwort oder Lehnprägung. Der Begriff schließt alle englischen Varianten ein; Einflüsse aus dem britischen Englisch heißen auch Britizismen, solche aus dem amerikanischen Englisch Amerikanismen.

Nach der Übernahme können Ausdrücke eine eigene Bedeutung entwickeln. Scheinanglizismen sind daher keine einfach übernommenen englischen Wörter: Sie werden außerhalb des Englischen mit englischen Sprachelementen gebildet oder weichen in ihrer Bedeutung vom Englischen ab. Der Gebrauch kann sich zwischen Generationen verändern; besonders die Jugendsprache wechselt ihre Ausdrücke schnell.

Formen im Deutschen

Am häufigsten erscheinen Anglizismen im Deutschen im Wortschatz.

  • Wortentlehnungen übernehmen englische Lexeme und passen sie unterschiedlich stark an Aussprache, Schreibung und Grammatik an. Beispiele sind „die Killer“ und „des Internets“; auch Kürzungen wie fesch aus fashionable kommen vor.
  • Lehnübersetzungen übertragen die einzelnen Bestandteile, etwa brainwashing → „Gehirnwäsche“.
  • Lehnübertragungen übersetzen die Idee einer Wortbildung, etwa skyscraper → „Wolkenkratzer“ statt des erwartbaren „Himmelskratzer“.
  • Lehnbedeutungen erweitern ein vorhandenes deutsches Wort um eine Bedeutung aus dem Englischen, zum Beispiel „Held“ als „Theaterheld“ nach hero.
  • Scheinanglizismen sind Bildungen wie Handy, Basecap oder Service Point. „Oldtimer“ bezeichnet im Deutschen ein altes Auto; im Englischen heißt dies vintage car, veteran car oder classic car. Oldtimer bezeichnet dort allgemein einen alten Menschen.

Auch Satzbau, Formen, Schreibung und Aussprache können beeinflusst werden. Lehnsyntax ist englischer Satzbau, der im Deutschen nicht üblich ist. Bei englischen Verben kommen Formen wie geprinted und vereinzelt er printed vor. Weitere Erscheinungen sind englische Transkriptionen, c statt K wie in Holocaust statt Holokaust, englisch beeinflusste Kommasetzung, Leerzeichen oder Bindestriche in Zusammensetzungen sowie die englische Aussprache nichtenglischer Wörter oder Namen. Als unidiomatisch nennt der Artikel etwa „Ich denke“ statt „Ich meine/glaube/nehme an“, „Hab eine gute Zeit!“ statt „Viel Spaß!“ und „in 2020“ statt „2020 / im Jahr(e) 2020“.

Häufigkeit und Entwicklung

Untersuchungen der Universität Bamberg auf Grundlage der Zeitung Die Welt zeigen für 1994 bis 2004 eine Zunahme: Die Verwendung englischer Substantive verdoppelte sich, auch Verben wurden häufiger, während Adjektive zwar häufiger wurden, aber schnell wieder verschwinden können. Im untersuchten Zeitraum wurden aus den drei Wortarten insgesamt ungefähr gleich viele Wörter entlehnt; Substantive bleiben jedoch im Durchschnitt länger im Gebrauch.

Der Gebrauch von Anglizismen nahm in zehn Jahren um den Faktor 1,7 zu. Besonders stark wuchs der Bereich Wirtschaft, vor allem Marketing und Vertrieb. Wissenschaft und Technik bilden eine Ausnahme mit einer Abnahme um den Faktor 1,6. Zugleich nahm die Entlehnungshäufigkeit gegenüber 1954–1964 ab: Es werden also mehr Anglizismen verwendet, aber die Übernahme neuer Wörter verlangsamt sich möglicherweise wegen eines Sättigungsprozesses.

In einem Korpus von 1995–2004 mit 381191 Lemmata waren 13301 = 3,5 % Anglizismen. Von rund 10,3 Millionen Token, also einzelnen Wortformen, waren 52647 = 0,5 % Anglizismen. Darunter waren 12726 Substantive (95,68 %; 48190 Token = 91,53 %), 307 Adjektive (2,30 %; 1654 Token = 3,14 %), 255 Verben (1,92 %; 2371 Token = 4,50 %) und 13 Adverbien (0,10 %; 432 Token = 0,82 %).

Langfristige Übernahme und Anpassung

Für die langfristige Entwicklung werden Herkunftswörterbücher genutzt. Sie erfassen nur einen begrenzten, etymologisch besonders interessanten Teil des Wortschatzes; deshalb ist unklar, wie weit ihre Trends für die gesamte Sprache stehen. In Körners Untersuchung von Duden. Das Herkunftswörterbuch 2001 fanden sich unter 16781 datierbaren Stichwörtern 5244 Entlehnungen und 519 datierbare Anglizismen.

Die beobachteten englischen Entlehnungen stiegen von 1 im 11. Jahrhundert über 2 im 16., 10 im 17., 60 im 18. und 143 im 19. Jahrhundert auf 303 im 20. Jahrhundert. Aufsummiert ergaben sich 519. Im 20. Jahrhundert machten Anglizismen 3,1 % des gesamten erhobenen Wortschatzes und 9,9 % der Entlehnungen aus. Untersuchungen zu Der Spiegel, Quelle-Katalogen und der österreichischen KLEINEN ZEITUNG beschreiben den Übernahmeprozess ebenfalls mit dem Piotrowski-Gesetz.

Ältere Entlehnungen passen sich oft an deutsche Gewohnheiten an: Aus dem älteren Cakes wurde Keks. Jute wird heute gewöhnlich [ˈjuːtə] ausgesprochen, während ältere Wörterbücher noch [ʤuːt] angeben.

Kontroversen und internationale Perspektive

Nicht allgemein akzeptierte englische Einflüsse, besonders aus Jargon oder Jugendsprache, werden als Neudeutsch oder abwertend als Denglisch bezeichnet. In einer repräsentativen Umfrage von 2003 verstanden weniger als 10 % der Befragten einige von zwölf gebräuchlichen englischen Werbeslogans; acht der zwölf Unternehmen änderten ihre Slogans später. 2008 störten sich 39 % der Befragten einer Umfrage der Gesellschaft für deutsche Sprache an englischen Lehnwörtern. Die Ablehnung war besonders hoch bei Menschen, die Englisch weder sprechen noch verstehen konnten: 58 % bei den über 59-Jährigen und 46 % bei ostdeutschen Teilnehmenden.

Kritik richtet sich auch gegen englische Berufsbezeichnungen wie Area-Manager, Facility-Manager, Key Account Manager und Case Manager. Andere Stimmen sehen keine Bedrohung: Rudolf Hoberg verwies 2013 auf etwa 3,5 % Anglizismen gegenüber 20 % anderen Fremdwörtern in der letzten Duden-Ausgabe. Karl-Heinz Göttert nannte weniger als zwei Prozent des deutschen Wortschatzes und wandte sich gegen Sprachpurismus. In Deutschland gibt es seit Mitte des 20. Jahrhunderts keine aktive Sprachpolitik gegen Anglizismen; Frankreich begrenzt sie unter anderem mit der Loi Toubon von 1994.

Englisch entwickelte sich im 20. Jahrhundert zur lingua franca und beeinflusst dadurch viele Sprachen. Für das Russische wurden 1980–2004 insgesamt 549 datierbare Erstübernahmen von Anglizismen ermittelt; auch dieser Prozess folgt laut Artikel dem Piotrowski-Gesetz. Zur Entwicklung in anderen Sprachen weist der Artikel selbst auf fehlende Informationen hin.

Weiterlesen

Englische Sprache Die englische Sprache (Eigenbezeichnung: [ˈɪŋɡlɪʃ]) ist eine ursprünglich in England beheimatete germanische Sprache, die zum westgermanischen Zweig gehört. Syntax Die Syntax behandelt Sätze nicht nur als eine Aneinanderreihung von Wörtern, sondern arbeitet eine zugrundeliegende Satzstruktur heraus, die neben der … Semantik In einem engeren Sinn behandelt die Semantik die Bedeutung vor allem sprachlicher Zeichen, wie Sätzen, Satzteilen, Wörtern oder Lexemen. Sie ist dann Teil der … Fremdwort Fremdwörter sind Wörter, die entweder aus altsprachlichen („fremden“) Wortelementen (besonders griechischen und lateinischen) „bei Bedarf neu gebildet“, … Britisches Englisch Britisches Englisch (British English; kurz BE oder BrE) ist die Bezeichnung für die Varietät der englischen Sprache, wie sie auf den britischen Inseln … Amerikanisches Englisch Amerikanisches Englisch (englisch American English [əˈmɛɹɪkən ˈɪŋɡlɪʃ], kurz AE oder AmE) ist die Standardvarietät der englischen Sprache, die in den … Scheinanglizismus Als Scheinanglizismus (auch Pseudoanglizismus) werden in der Linguistik Wörter in der deutschen oder einer anderen Sprache bezeichnet, die lexikalische … Wortschatz Als Wortschatz (Mehrzahl Wortschätze), auch Vokabular, Lexikon oder Lexik genannt, bezeichnet man die Gesamtheit aller Wörter. Damit kann gemeint sein:. Lexem Das Lexem repräsentiert das sprachliche Wissen, das mit einem Wort insgesamt verbunden ist, also das Wissen darüber, welche syntaktischen Eigenschaften und … Flexionsmorphem Im Deutschen sind die Flexionsmorpheme gebundene Morpheme, d. h. Morpheme, die nicht alleine ein Wort bilden können (nicht wortfähig sind). Beispiel: Das … Falscher Freund Englische falsche Freunde ; undertaker, Unternehmer, Bestatter (beachte aber: undertaking = Unternehmen) ; warehouse, Warenhaus, Lager(halle), Großmarkt ; website … Flexion In der Grammatik bezeichnet Flexion (lateinisch flexio ‚Biegung'), deutsch auch Beugung oder (österreichisch) Biegung, eine Änderung in der Form eines …