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Arbeitslosigkeit
Unter Arbeitslosigkeit versteht man in der Volkswirtschaftslehre das Fehlen von erwerbsorientierten Beschäftigungsmöglichkeiten für einen Teil der …
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Was ist Arbeitslosigkeit?
Arbeitslosigkeit ist in der Volkswirtschaftslehre das Fehlen von erwerbsorientierten Beschäftigungsmöglichkeiten für einen Teil der arbeitsfähigen und beim bestehenden Lohnniveau arbeitsbereiten Personen. Das statistische Gegenstück sind die offenen Stellen. Markttechnisch ausgedrückt ist Arbeitslosigkeit der Überschuss des Arbeitsangebots über die Arbeitsnachfrage auf dem Arbeitsmarkt, auf dem sich der Preis der Arbeit, der Lohn, bildet. Arbeitslosigkeit setzt eine marktwirtschaftliche Arbeitsgesellschaft voraus: Menschen, die ihren Lebensunterhalt nicht aus eigenen Produktionsmitteln bestreiten können (Lohnarbeiter), entstanden mit Bauernbefreiung, Bevölkerungsexplosion und industrieller Revolution. Die daraus folgende soziale Frage führte ab dem 18. Jahrhundert zu staatlichen Sozialsystemen und Beschäftigungspolitik; die Arbeiter organisierten sich in Gewerkschaften und Arbeiterparteien. Arbeitslosigkeit ist eines der zentralen Probleme der Wirtschaftspolitik: Innerhalb des magischen Vierecks ist ein hoher Beschäftigungsstand das Ziel. Es gilt als verfehlt, solange deutliche Unter- oder Überbeschäftigung herrscht; erst bei Vollbeschäftigung (unter der noch geringfügige Arbeitslosigkeit möglich ist) gilt es als erreicht. Vollständig beseitigt ist Arbeitslosigkeit erst bei Markträumung auf dem Arbeitsmarkt.
Arten und Begriffe der Arbeitslosigkeit
Man unterscheidet folgende Arten: Friktionelle Arbeitslosigkeit entsteht beim Übergang zwischen Arbeitsstellen, ist kurz und auch bei Vollbeschäftigung unvermeidlich. Saisonale Arbeitslosigkeit ergibt sich aus Klimabedingungen (z. B. Landwirtschaft im Winter, Freizeitparks) oder Nachfrageschwankungen (z. B. Gastronomie in der Nebensaison). Konjunkturelle Arbeitslosigkeit folgt Konjunkturschwankungen: Im Abschwung entlassen Unternehmen bei fehlenden Absatzmöglichkeiten Kräfte und stellen sie im Aufschwung wieder ein. Strukturelle Arbeitslosigkeit entsteht aus dauerhaften Strukturkrisen oder Ungleichgewichten zwischen Angebots- und Nachfragestruktur; dazu zählen merkmalsstrukturelle Arbeitslosigkeit (Qualifikation der Arbeitslosen passt nicht zu den Anforderungen, englisch mismatch), sektorale Arbeitslosigkeit (Schrumpfung einzelner Wirtschaftszweige), technologische Arbeitslosigkeit (Ersatz von Arbeitskräften durch Maschinen, Rationalisierung) sowie institutionelle Arbeitslosigkeit durch arbeits- und sozialrechtliche Regelungen (z. B. hohes Arbeitslosengeld ohne Anreiz zur Aufnahme wenig besser bezahlter Arbeit, Hochlohnpolitik, Tarifverträge mit besserem Kündigungsschutz für Ältere). Regionale Arbeitslosigkeit entsteht durch fehlende räumliche Mobilität oder regionale Qualifikationsmängel. Als Sockelarbeitslosigkeit (Bodensatzarbeitslosigkeit) bezeichnet man den Anteil, der selbst unter günstigsten konjunkturellen Bedingungen nicht abgebaut wird; er besteht aus friktioneller und struktureller Arbeitslosigkeit und ist vor allem in Schwellenländern niedrig. Versteckte (verdeckte) Arbeitslosigkeit ist der in Statistiken nicht erfasste Anteil, vor allem die stille Reserve – Arbeitslose, die sich nicht bei Behörden registrieren lassen (z. B. mangels Leistungsanspruch) – sowie Personen in Arbeitsbeschaffungs- oder Umschulungsmaßnahmen und unterbeschäftigte Kräfte oder Beschäftigte in sogenannten Bullshit Jobs. Begrifflich gilt: Wer in den Niederlanden nur 1 Stunde pro Woche beschäftigt ist, gilt nicht mehr als arbeitslos. Die Nationale Armutskonferenz lehnt den Begriff „arbeitslos“ ab und empfiehlt „erwerbslos“, da es viele nicht bezahlte Arbeitsformen gibt.
Statistische Messung und Abgrenzung
Die Messung von Arbeitslosigkeit setzt eine bestimmte Theorie des Arbeitsmarktes voraus; die Messkategorien richten sich nach dem Zweck der Erhebung. Da Arbeitslosigkeit international unterschiedlich definiert wird, sind nationale Statistiken nur eingeschränkt vergleichbar; in den meisten europäischen Ländern gibt es daher eine Statistik nach nationaler und eine nach internationaler (ILO-)Definition. Nach SGB III und ILO-Konzept gelten Personen als arbeitslos bzw. erwerbslos, die ohne Arbeit sind, dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen und Arbeit suchen (§ 138 Abs. 1 SGB III). Die SGB-Arbeitslosenquote fällt höher aus als die ILO-Erwerbslosenquote, weil Altersabgrenzung, aktive Arbeitssuche, Verfügbarkeit, das Einstunden-Kriterium und die Teilnahme an Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik unterschiedlich definiert sind: Nach ILO gilt als erwerbstätig, wer mindestens eine Stunde pro Woche arbeitet, nach SGB III liegt die Schwelle bei über 15 Wochenstunden. Im September 2016 lag die Erwerbslosenquote in Deutschland bei 3,8 %, die Arbeitslosenquote bei 5,9 %.
Wirtschaftstheoretische Erklärungsansätze
Neoklassischer Ansatz: Dauerhafte unfreiwillige Arbeitslosigkeit sei in einer freien Gesellschaft nicht möglich; Ursachen seien staatliche Marktbeschränkungen (Zwangsabgaben für Arbeitslosenkassen, Mindestlöhne, gesetzliche Vorschriften), die Arbeitskosten erhöhen. Ein Marktungleichgewicht könne nur durch Sinken der Arbeitskosten (Lohn, Lohnnebenkosten) oder Verringerung des Arbeitsangebots abgebaut werden. Ein Prozent weniger Lohn führe zu 0,5 bis 2 Prozent mehr Beschäftigung – diese Zahl heißt Elastizität der Arbeitsnachfrage (z. B. verarbeitendes Gewerbe Deutschland 0,96, Großbritannien 1,85, Industrie USA 1,92). Empfehlungen: Öffnungsklauseln in Tarifverträgen gegen Lohn-Rigiditäten, Lohnabstandsgebot (das Arbeitslosengeld muss Aufnahme gering bezahlter Arbeit lohnend machen), flexiblere Arbeitszeiten und Abbau von Arbeitsmarktregulierungen (schwächerer Kündigungsschutz, befristete Verträge). Keynesianischer Ansatz: Arbeitslosigkeit entsteht durch mangelnde Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen. Löhne sind nicht nur Kosten, sondern auch Kaufkraft; Lohnsenkungen reduzieren daher die Massenkaufkraft und führen allein noch zu keinen Neuanstellungen. Weitere Argumente: Löhne sind rigide (Tarifverträge, Widerstand der Arbeitnehmer), der Lohn setzt Anreize (Effizienzlohntheorie), der Arbeitsmarkt ist regional und sektoral segmentiert, und Arbeit ist ein nachrangiger Markt – die Nachfrage nach Arbeit wird von der Gesamtnachfrage abgeleitet. Keynesianer empfehlen antizyklische Fiskalpolitik, die Österreichische Schule dagegen Steuersenkungen. Konjunkturelle Arbeitslosigkeit entsteht durch temporären Nachfragemangel in Rezessionen; staatliche Ausgabenprogramme scheiterten in den 1970er Jahren laut manchen Ökonomen daran, dass Politiker die Programme bei Besserung nicht beendeten. Die Beveridge-Kurve gibt weiteren Aufschluss über Ursachen. Makroökonomisch wurde lange versucht, Arbeitslosigkeit durch höhere Inflation zu senken (Phillips-Kurve; Zitat von Helmut Schmidt und Bruno Kreisky: „Lieber fünf Prozent Inflation als fünf Prozent Arbeitslosigkeit“) oder durch Verringerung des Erwerbspersonenpotenzials (längere Schulzeit, Frühverrentung, Vorruhestand, großzügige Invaliditätsregeln wie in den Niederlanden) – dies erwies sich als zu teuer, da Frührentner und Invaliden aus den Beitragskassen finanziert werden. Marxistische Betrachtung: Arbeitslosigkeit sei für den Kapitalismus notwendig; durch den Zwang zu maximalem Mehrwert stoße das Kapital Arbeiter aus, Rationalisierung und technischer Fortschritt verringern das Bedürfnis nach Arbeit. Die Arbeitslosen bilden die „industrielle Reservearmee“, auf die das Kapital zugreifen kann und die ein Druckmittel gegen Beschäftigte ist. Je größer nach Marx der gesellschaftliche Reichtum, desto größer die Arbeitslosenarmee – das „absolute, allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation“. Zum technischen Fortschritt: Manche Reformer sehen darin einen wesentlichen strukturellen Grund der Massenarbeitslosigkeit; seit Mitte der 1970er Jahre sei die Zahl neu geschaffener Arbeitsplätze im Aufschwung kleiner als die der vernichteten. So sagte Dieter Balkhausen 1978 voraus, dass sich bis Ende der 1980er 50 Prozent der Arbeitsplätze in Deutschland durch Mikroelektronik verändern würden; auch Norbert Wiener (1947) und André Gorz sehen durch Automatisierung die Vollbeschäftigung als Illusion.
Geschichte der Arbeitslosigkeit
Adam Smith ging 1776 davon aus, dass freigesetzte Arbeitskräfte durch Marktwachstum wieder Beschäftigung finden; Thomas Robert Malthus sah 1820 steigende Geburtenraten als Hauptursache und forderte staatliche Beschäftigung (Straßen-, Brücken-, Kanalbau) sowie Begrenzung des Bevölkerungswachstums. David Ricardo sah 1821 in Maschinen die größte Gefahr durch Rationalisierung, die Arbeitslosigkeit kann, muss aber nicht entstehen. Erste statistische Erhebungen in Deutschland kamen 1877 von den Gewerkschaften, systematisch ab 1892; der Begriff Arbeitslosigkeit setzte sich im Deutschen mit der Großen Depression in den 1890er Jahren durch. Frankreich erfasste 1896 erstmals Arbeitslose statistisch. Arbeitslosenversicherung gab es ab 1920 zuerst in Österreich (34 % Versichertenanteil), Dänemark (22 %), Großbritannien (20 %) und Belgien (18 %); in Deutschland kam sie erst 1927. Zwischen 1890 und 1914 lag die Arbeitslosenquote in Deutschland im Durchschnitt bei etwa 2,6 %. John Maynard Keynes zeigte 1936 in der „Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“, dass wegen unflexibler Löhne und unvollkommener Kapitalmärkte dauerhafte unfreiwillige Arbeitslosigkeit ohne antizyklische Wirtschaftspolitik entstehen kann. Bei Hitlers Machtübernahme im Januar 1933 gab es 6,3 Millionen Arbeitslose; durch Konsum- und Investitionsförderung sank die Zahl bis Oktober 1934 auf 2,4 Millionen, wobei der Anteil nicht registrierter Arbeitsloser von 20 % auf 41 % stieg. In planwirtschaftlichen Systemen herrschte offiziell Vollbeschäftigung; in der DDR war das Recht auf Arbeit seit 1974 in der Verfassung verankert, die Arbeitslosenversicherung entfiel 1978. Tatsächlich bestand verdeckte Arbeitslosigkeit: qualitativ (Unterbeschäftigung unterhalb der Qualifikation) oder quantitativ (nur Teilzeit ausgeschöpfte Qualifikation). Eine Frühjahr-1990-Befragung ergab für 1989 1,385 Millionen verdeckt Arbeitslose (15 % Quote); das Ifo-Institut schätzte die Arbeitszeitnutzung auf nur 15 bis 30 %. Die Arbeitsproduktivität der DDR lag bei weniger als der Hälfte der westdeutschen. Erwerbslosenproteste: Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden Erwerbslosenräte; in der Weltwirtschaftskrise erzwangen Proteste in den USA den „New Deal“. In Deutschland blieben Proteste ohne soziale Kehrtwende; die letzte große Welle waren die Montagsdemonstrationen 2004 gegen die Agenda 2010, in der Finanzkrise ab 2007 protestierten Erwerbslose vor allem in Spanien, Griechenland und Italien.
Folgen der Arbeitslosigkeit
Ökonomisch entstehen Opportunitätskosten: Jeder Erwerbslose könnte – bei vorhandenen Arbeitsplätzen – zum Bruttoinlandsprodukt beitragen, trägt aber zugleich nicht mehr zu Sozialbeiträgen bei und bezieht stattdessen Leistungen. Hohe Arbeitslosigkeit kann die politische Stabilität mindern (höhere Sozialkosten und Steuerdruck, abnehmende Solidarität, Zuwachs für politischen Extremismus). Psychosozial zählt Arbeitslosigkeit zu den Ereignissen mit den nachhaltigsten negativen Auswirkungen auf die Lebenszufriedenheit; die klassische Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ von Paul Lazarsfeld, Marie Jahoda und Hans Zeisel wurde vielfach bestätigt. Mögliche Folgen sind psychische und gesundheitliche Probleme, Entqualifizierung, Isolation und Verarmung; besonders betroffen sind ältere Arbeitslose und alleinstehende Männer. Mögliche psychische Folgen sind Hoffnungslosigkeit, Selbstzweifel, Resignation, Depressionen, Suchterkrankungen und erhöhte Suizidneigung. Das Robert Koch-Institut fand einen schlechteren Gesundheitszustand bei Arbeitslosen (mehrfach erhöhte Wahrscheinlichkeit einer schlechten Gesundheitseinschätzung je nach Dauer). Krankenkassendaten zeigen: arbeitslose Männer verbringen mehr als doppelt so viele Tage im Krankenhaus wie berufstätige, arbeitslose Frauen 1,7-mal so viele; die Sterblichkeit steigt mit der Dauer der Arbeitslosigkeit, wobei die Kausalität in solchen Studien oft unsicher ist. Bei mehr als 2 Jahren Arbeitslosigkeit steigt das Sterblichkeitsrisiko auf das 3,8-fache; einer US-Untersuchung (HRS, 2006) zufolge haben Arbeitslose zwischen 51 und 61 ein rund 2,5-faches Risiko für Schlaganfälle und Herzinfarkte. Frauen bewältigen die gesundheitlichen Folgen besser als Männer, u. a. weil es alternative Lebensgestaltungen gibt und Arbeitslosigkeit oft mit Schwangerschafts- und Erziehungszeiten zusammenfällt. Kinder arbeitsloser Eltern sind in Intelligenz- und Sprachentwicklung benachteiligt und haben schlechtere Bildungschancen – vor allem bei wenig gebildeten Eltern; gebildetere Eltern können die Probleme besser kompensieren. Nach Viktor Frankl kann eine „Arbeitslosigkeitsneurose“ mit Apathie entstehen, wenn Beruf fälschlich mit dem Lebenssinn gleichgesetzt wird. Eine Studie über 28 OECD-Länder zeigte: Arbeitslosigkeit macht weniger unglücklich in Gesellschaften mit toleranterer Einstellung zur Arbeitslosigkeit; der Effekt beruht auf sozialem Druck durch die gesellschaftliche Norm zu arbeiten. Nach SOEP-Umfragen 2005 korrelierte zunehmende Arbeitslosigkeitsdauer negativ mit Gewissenhaftigkeit und positiv mit Neurotizismus.
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