Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Das Wesen des Christentums (Feuerbach)

Es handelt sich um die zentrale Schrift seiner Religionskritik und damit um eine äußerst wichtige Veröffentlichung der Religionsphilosophie des 19. Jahrhunderts …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Werk und Grundgedanke
  2. 2. Menschliches Bewusstsein und Gattung
  3. 3. Religion als Projektion
  4. 4. Göttliche Eigenschaften und menschliches Selbstbild
  5. 5. Wichtige Ausgaben

Werk und Grundgedanke

„Das Wesen des Christentums“ ist die zentrale religionskritische Schrift Ludwig Feuerbachs. Das Werk erschien 1841 bei Otto Wigand in Leipzig und gehört zu den wichtigen Veröffentlichungen der Religionsphilosophie des 19. Jahrhunderts. Feuerbach entwickelt darin seine Projektionstheorie Gottes und erläutert sein Verständnis von Humanismus und Christentum.

Nach der Projektionstheorie überträgt der Mensch seine eigenen Wesensmerkmale auf Gott und verehrt sie anschließend als Eigenschaften eines selbstständigen, außerhalb seiner existierenden Wesens. Der Mensch erkennt dabei zunächst nicht, dass sein Gottesbild eine Vergegenständlichung seines eigenen Wesens ist. Deshalb ist die Erkenntnis Gottes für Feuerbach letztlich Selbsterkenntnis des Menschen.

Menschliches Bewusstsein und Gattung

Feuerbach geht davon aus, dass Tiere zwar bewusste Lebewesen sind, aber offenbar keine Religion besitzen. Der entscheidende Unterschied besteht für ihn darin, dass der einzelne Mensch sich selbst im Verhältnis zur Gattung, also zur Menschheit als Ganzem, betrachten kann. Damit steht Feuerbach in der Tradition Hegels.

Denken und Sprechen bezeichnet er als „Gattungsfunktionen“. Sie sind auf Gemeinschaft ausgerichtet, können aber auch von einem einzelnen Menschen allein ausgeübt werden. Dabei ist der Mensch „zugleich Ich und Du“: Er kann sich gedanklich an die Stelle eines anderen setzen und sich selbst zum Gegenstand seiner Betrachtung machen. Tiere bleiben dagegen auf das unmittelbar Gegebene beschränkt. Eine Raupe, die auf bestimmten Pflanzen lebt, kann diese Pflanzen zwar von anderen unterscheiden, denkt aber nicht über ihren begrenzten Lebensbereich hinaus.

Das menschliche Bewusstsein ist demgegenüber grundsätzlich unbeschränkt. Seine zentralen Wesensbestimmungen sind Vernunft, Wille und Liebe. Gerade weil der Mensch über diese als unbegrenzt gedachten Fähigkeiten verfügt, kann er beim Nachdenken über Gegenstände auch seine eigene reale Endlichkeit und Beschränktheit erkennen. Allerdings neigt der Einzelne dazu, seine persönlichen Grenzen für Grenzen der ganzen Menschheit zu halten: Was er selbst nicht begreift, erklärt er dann auch für andere Menschen als unbegreiflich.

Religion als Projektion

Feuerbach veranschaulicht seine Theorie zunächst am Gefühl. Musik ist für ihn ein „Monolog des Gefühls“: Wer kein Gefühl für Musik besitzt, nimmt sie lediglich als Geräusch wahr. Entsprechend kann nur derjenige etwas Religiöses erkennen, der ein religiöses Gefühl in sich trägt. Das Religiöse entsteht somit im Menschen selbst, während der äußere Gegenstand, der dieses Gefühl auslöst, austauschbar ist. In diesem Sinn ist das Gefühl gegenüber dem orthodoxen Glauben „atheistisch“: Es verneint einen gegenständlichen, außerhalb des Menschen bestehenden Gott und wird sich selbst zum Gott. Dasselbe Prinzip gilt laut Feuerbach für jede andere Kraft, Fähigkeit, Tätigkeit oder Wirklichkeit.

Höhere Wesen, die Menschen sich vorstellen, erhalten stets Merkmale, die aus dem menschlichen Wesen stammen. Der Gegenstand des Menschen ist daher sein eigenes, zum Gegenstand gemachtes Wesen. Wie ein Mensch denkt und empfindet, so stellt er sich seinen Gott vor. Er verlegt sein Wesen zunächst nach außen und betet es dort an, bevor er es als sein eigenes erkennt.

Die Religion räumt zwar ein, dass Menschen Gott mit menschlichen Wesensmerkmalen beschreiben. Sie deutet dies jedoch nicht als Aussage über Gottes tatsächliches Wesen: Der Mensch könne sich Gott nur mithilfe der ihm bekannten Eigenschaften vorstellen. Zugleich muss der Gläubige annehmen, dass sein Gottesbild der Wirklichkeit Gottes entspricht; andernfalls wäre der Glaube beliebig. Wer an der Wahrheit seines Gottesbildes zweifelt, muss nach Feuerbach deshalb schließlich auch die Existenz Gottes bezweifeln.

Da das Existieren für den Menschen das Höchste ist, denkt er Gott als existierenden Gott. Gott gilt als das Größte, das man sich vorstellen kann, doch auch diese Größe wird nach menschlichen Maßstäben bestimmt. Feuerbach verdeutlicht das mit dem Gedanken, dass ein Vogel sich Gott mit Flügeln vorstellen würde, weil für ihn nichts größer wäre als das Fliegen. Ebenso entsprechen die Götter menschlicher Gesellschaften ihren eigenen Lebensformen und Wertvorstellungen: Ein Gott wohnt erst in einem Tempel, seit Menschen in Häusern wohnen. Für die alten Germanen war der Krieg die höchste Tugend, weshalb ihr höchster Gott der Kriegsgott Odin war.

Göttliche Eigenschaften und menschliches Selbstbild

Entscheidend sind für Feuerbach nicht das göttliche Subjekt, sondern dessen Prädikate, also die ihm zugeschriebenen Eigenschaften wie Liebe, Weisheit und Gerechtigkeit. Diese Eigenschaften sind der eigentliche Gegenstand der Verehrung. Weil mehrere Prädikate in einem einzigen göttlichen Subjekt verbunden werden, gerät das jedoch in Vergessenheit. Ein wahrer Atheist wäre für Feuerbach daher nur jemand, dem auch Liebe, Weisheit und Gerechtigkeit nichts bedeuten.

Religionen erklären die Übereinstimmung zwischen menschlich geschätzten und göttlichen Eigenschaften häufig damit, dass der Mensch lediglich einige der unendlich vielen Eigenschaften Gottes erkennen könne. Aus religiöser Sicht gelten die menschlichen Zuschreibungen deshalb nicht als Anthropomorphismen. Ein Anthropomorphismus ist die Übertragung menschlicher Eigenschaften auf Götter. Feuerbach kehrt das übliche Verhältnis jedoch um: Eine Eigenschaft ist nicht göttlich, weil Gott sie besitzt; vielmehr wird sie Gott zugeschrieben, weil sie selbst als göttlich und vollkommen gilt. Ohne sie erschiene Gott als mangelhaft.

Das zeigt sich auch an religiösen Bedürfnissen. Nach Feuerbach kompensierten Mönche ihre Keuschheit durch die Verehrung der Jungfrau Maria, die für sie so wichtig wurde, dass sie beinahe die Stelle Gottes einnahm.

Im Bild eines unendlich guten Gottes erkennt der Mensch zugleich seine eigene Begrenztheit. Bei der Verehrung macht er sich klein und gesteht ein, dass er im Gegensatz zu Gott nur begrenzt gut, liebend oder weise ist. Gott zeigt ihm damit, was er noch nicht ist, aber sein soll und folglich auch sein kann; ein Sollen ohne Können wäre für Feuerbach lächerlich. Weil Gott jedoch nur die nach außen übertragenen menschlichen Eigenschaften verkörpert, bestätigt der Mensch zugleich seine eigene Fähigkeit zum Guten, solange er Gott als das Gute verehrt.

Auch Gottesbilder verändern sich mit dem menschlichen Selbstverständnis. Der Israelit überließ nach Feuerbach Gott sämtliche Entscheidungen; das Gesetz regelte sogar das Waschen und Essen. Der Christ entscheidet solche Äußerlichkeiten dagegen selbst. Er nimmt damit in sich zurück, was der Israelit nach außen in Gott verlegt hatte. In der Geschichte wandelt sich Gott folglich danach, welche Fähigkeiten der Mensch sich selbst zuschreibt und welche er auf ein von der Phantasie geschaffenes Subjekt überträgt.

Wichtige Ausgaben

Die Erstausgabe erschien als „Das Wesen des Christenthums“ 1841 bei Otto Wigand in Leipzig. Wilhelm Bolin gab das Werk 1903 in Stuttgart als Band 6 von „Ludwig Feuerbachs Sämmtliche Werke“ neu heraus; im selben Jahr erschienen Feuerbachs „Erläuterungen und Ergänzungen zum Wesen des Christenthums“ als Band 7. Eine Reclam-Ausgabe von 1994 enthält ein Nachwort von Karl Löwith und trägt die ISBN 3-15-004571-1.

Lernvideos zu Das Wesen des Christentums (Feuerbach)

Weiterlesen

Ludwig Feuerbach Ludwig Andreas Feuerbach (* 28. Juli 1804 in Landshut, Kurfürstentum Bayern; † 13. September 1872 in Rechenberg bei Nürnberg) war ein deutscher Philosoph, … Religionskritik Karl Popper, der Begründer des Kritischen Rationalismus, betrachtete die Wirkung der christlichen Religion prinzipiell positiv: Der Mensch verdanke „zahlreiche … Religionsphilosophie In der psychoanalytischen Theorie von Sigmund Freud ist die Religion ein Produkt unbewusster psychologischer Mechanismen, die aufgrund des zwischen … Projektionstheorie Die Projektionstheorie ist eine atheistische Erklärung über den Sinn von Religion und Gott. Inhaltsverzeichnis. 1 Ludwig Feuerbach; 2 Paul Tillich; 3 Zitate … Humanismus Dieser Artikel behandelt den Humanismus als Weltanschauung epochenübergreifend. Zum Humanismus im engeren Sinne siehe Renaissance-Humanismus sowie … Christentum Das Christentum ist eine Weltreligion, die aus dem Judentum hervorging und sich ab dem 4. Jahrzehnt n. Chr. über Judäa hinaus ausbreitete. Religion Geschichte konkreter Religionen · Afrikanische Religionen · Bahaitum · Buddhismus · Christentum · Daoismus · Hinduismus · Islam · Jainismus … Gattung (Biologie) Die Gattung (auch das Genus) bezeichnet in der Biologie (einschließlich Virologie und Palichnologie) eine Rangstufe innerhalb der Hierarchie der biologischen … Vernunft Vernunft bezeichnet in der modernen Verwendung ein durch Denken bestimmtes geistiges menschliches Vermögen zur Erkenntnis. Der Schlaf der Vernunft gebiert … Liebe Der Sufismus wird oft als die Religion der Liebe bezeichnet. Gott im Sufismus wird in den Hauptbegriffen „der Liebende“ und „Geliebte“ genannt, wobei der … Musik Musik kann neben körperlichen Reaktionen auch seelische Empfindungen oder Assoziationen unterschiedlicher Art und Intensität hervorrufen. ... Da sich der … Gott Im Verständnis von Mythologien, Religionen und Glaubensüberzeugungen wird einem Gott oder mehreren Göttern besondere Verehrung zuteil und es werden ihnen unter …