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Humanismus

Dieser Artikel behandelt den Humanismus als Weltanschauung epochenübergreifend. Zum Humanismus im engeren Sinne siehe Renaissance-Humanismus sowie …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Begriff
  2. 2. Antike Grundlagen und Renaissance
  3. 3. Neuhumanismus und Bildungsmodell
  4. 4. Gesellschaft, Wissenschaft und Recht
  5. 5. Moderne Humanismuskonzepte
  6. 6. Kritik und Gegenwartsfragen

Grundidee und Begriff

Humanismus bezeichnet seit dem 18. Jahrhundert verschiedene, teils gegensätzliche geistige Strömungen. Gemeinsam ist ihnen eine grundsätzlich optimistische Einschätzung, dass Menschen zu einer besseren Form des Lebens gelangen können. Humanistische Konzepte entwerfen deshalb meist ein Gesellschafts- und Bildungsideal: Jeder Mensch soll seine Persönlichkeit und Fähigkeiten möglichst gut entfalten können. Zugleich kritisieren sie Verhältnisse, die dies verhindern.

Die Inhalte unterscheiden sich jedoch stark, weil die Vorstellungen vom Menschen verschieden sind. Als verbindendes Merkmal alter und neuer Ansätze gilt oft der Anthropozentrismus: Der Mensch und seine Besonderheit stehen im Mittelpunkt, nicht Gott, die Natur als Ganzes oder technische Systeme.

Friedrich Immanuel Niethammer verwendete das Wort „Humanismus“ erstmals 1808. Er verteidigte eine an der griechischen Klassik orientierte Bildung gegen eine rein praktisch-technische Ausbildung. Im 19. Jahrhundert entstand außerdem der engere kulturhistorische Gebrauch für die Bildungsbewegung der Renaissance; Karl Hagen verwendete ihn 1841, Georg Voigt prägte ihn mit seinem Werk von 1859. Im traditionellen Verständnis gehört zur humanitas sowohl menschenfreundliche Gesinnung als auch sprachlich-literarische Bildung.

Antike Grundlagen und Renaissance

Die antike Grundlage ist der römische Begriff humanitas. In der frühen Bedeutung meint er Mitgefühl und eine milde, wohlwollende Haltung, die den Menschen von tierischer Grausamkeit unterscheidet. Cicero verband damit außerdem Bildung. Für ihn gehören hohe sprachliche Ausdrucksfähigkeit, Beredsamkeit, Höflichkeit und philosophische Charakterbildung zusammen. Tugenden wie Milde, Gerechtigkeit, Würde und Freigebigkeit sollten ausgebildet werden. Damit verschmolzen Menschenfreundlichkeit und Bildung zu einem Ideal des vollendeten Menschentums.

Der Renaissance-Humanismus war im 15. und 16. Jahrhundert eine Bildungsbewegung, die sich von Mittelalter und Scholastik abgrenzte und sich an der antiken Literatur, Philosophie und Kunst orientierte. Er ist von der Renaissance zu unterscheiden: Renaissance meint den umfassenden kulturellen, wissenschaftlichen und sozialen Wandel, Humanismus die Bildungsbewegung darin. Humanisten wollten durch die studia humanitatis – besonders Grammatik, Rhetorik, Dichtung, Geschichte und Moralphilosophie – Wissen und Tugend verbinden. Sie hielten klassische Vorbilder für überzeitlich maßgebend.

Die Bewegung verbreitete sich von Italien in Europa. Griechische Handschriften gelangten besonders nach dem Untergang Konstantinopels 1453 verstärkt nach Italien; der Buchdruck erleichterte die Verbreitung humanistischer Werke. Als humanistae bezeichnete man Gelehrte, die als Gräzisten, Latinisten, Dichter und Redner arbeiteten und sich an Cicero und Quintilian orientierten. Erasmus von Rotterdam war der einflussreichste Humanist der frühen Neuzeit; 1514 gab er in Basel erstmals eine Quellenedition des griechischen Neuen Testaments heraus. Humanistische Einflüsse prägten auch Melanchthons protestantische Bildung und das Schulwesen der Jesuiten. Im Verlauf des 16. Jahrhunderts verlor der Renaissance-Humanismus an Bedeutung.

Neuhumanismus und Bildungsmodell

Im 18. und 19. Jahrhundert erhielt die humanistische Tradition durch den deutschen Neuhumanismus neuen Auftrieb. Im Unterschied zur stärker römisch geprägten französischen Tradition stand nun vor allem die griechische Antike im Mittelpunkt. Johann Joachim Winckelmann erklärte 1755 die „edle Einfalt und stille Größe“ griechischer Kunst zum Vorbild; dabei verband sich das Schöne mit dem Guten im Ideal der Kalokagathia.

Johann Gottfried Herder verbreitete den Begriff Humanität. Er leitete aus Vernunft und menschlicher Schwäche die Notwendigkeit von Bildung und gegenseitiger Hilfe ab und kritisierte Sklaverei, Ausbeutung, Kolonialismus und Rassismus. Wilhelm von Humboldt entwickelte das theoretische Konzept neuhumanistischer Bildung und setzte es während der Preußischen Reformen in Lehrplänen und bei der Gründung der Berliner Universität um. Das Studium der Griechen sollte die Persönlichkeit intellektuell, ethisch und ästhetisch bilden. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts prägte dieses Ideal Gymnasien und Hochschulen im deutschsprachigen Raum, wurde aber wegen des zunehmenden Bedarfs an moderner und beruflicher Qualifikation kritisiert.

Der „Dritte Humanismus“ um Werner Jaeger knüpfte im 20. Jahrhundert daran an. Sein Schlüsselbegriff war Paideia, die griechische Idee der Formung des Menschen durch Kultur und Bildung. Jaeger verstand alle echte Bildung als „Bildung des Menschen zum Menschen“. Seine angestrebte breite Wiederbelebung der griechischen Bildungstradition setzte sich jedoch nicht durch.

Gesellschaft, Wissenschaft und Recht

Seit dem Ende des 16. Jahrhunderts verstanden sich viele Humanisten als Teil einer Republik der Gelehrten, einer grenzüberschreitenden Gemeinschaft geistig Unabhängiger. Kennzeichen waren Latein als Gelehrtensprache, Briefkultur und bürgerliche Lebensformen. Bildung sollte persönliche Entwicklung fördern, aber auch zum Dienst für die Allgemeinheit und für Berufe befähigen.

Humanismus und neuzeitliche Naturwissenschaften standen in einem spannungsreichen Verhältnis: Humanistische Lehrpläne enthielten zunächst kaum Naturwissenschaften, während Naturforscher sich nicht mit Fragen des Humanen befassen wollten. Dennoch unterstützte der Humanismus die Wissenschaft durch die Erschließung antiker Werke etwa von Euklid, Archimedes und Galen sowie durch philologische Methoden wie Textkritik und Vergleich. Latein prägte die naturwissenschaftliche Terminologie; später förderte die Verwendung der Volkssprachen die Verbreitung wissenschaftlicher Schriften.

Für das moderne Völkerrecht wurde Hugo Grotius wichtig. Sein Werk De jure belli ac pacis entwickelte auf erasmischen Ideen und der spanischen Spätscholastik Grundlagen einer neuen Rechtsordnung. Naturrecht meint dabei Recht, das aus der menschlichen Natur und Vernunft abgeleitet wird. Grotius verband Natur- und Völkerrecht und erklärte: „Das Naturrecht ist so unveränderlich, daß es selbst von Gott nicht verändert werden kann.“

In der DDR wurde marxistisch geprägter „realer Humanismus“ als Massenangelegenheit verstanden: Bestehendes solle durch Besseres ersetzt und der Gegensatz von Geist und Materie überwunden werden. In der Bundesrepublik engagieren sich unter anderem die 1961 gegründete Humanistische Union für Menschen- und Bürgerrechte sowie der 1993 gegründete Humanistische Verband Deutschlands für Menschenrechte, Frieden, Gleichberechtigung, Weltlichkeit, Selbstbestimmung, Solidarität und Toleranz.

Moderne Humanismuskonzepte

Neuere Auffassungen verstehen Humanismus häufig nicht als historische Bildungsbewegung, sondern als Programm für gegenwärtige gesellschaftliche Probleme. Walter Rüegg unterscheidet unter anderem idealistischen, liberaldemokratischen, marxistischen, integralen katholischen, biblizistischen protestantischen und existenzialistischen Humanismus.

Karl Marx setzte Kommunismus mit atheistischem Humanismus gleich. Die Aufhebung des Privateigentums sollte menschliche Selbstentfremdung überwinden. Kommunismus verstand er als „vollendeter Naturalismus Humanismus, als vollendeter Humanismus Naturalismus“.

Jean-Paul Sartre entwickelte 1945 in L’existentialisme est un humanisme den existentialistischen Humanismus. Sein Grundsatz lautet: Die Existenz geht der Essenz voraus. Menschen besitzen keine vorgegebene Bestimmung, sondern entwerfen sich durch freie Entscheidungen selbst und tragen deshalb Verantwortung für das, was sie werden. Das Leben hat nach Sartre nicht a priori Sinn; Menschen schaffen ihre Moral und ihr Vorbild durch ihr Handeln.

In der Humanistischen Psychologie von Abraham Maslow und Carl Rogers ist Selbstverwirklichung das Ziel der Persönlichkeitsentwicklung. Fähigkeiten und Talente sollen sich entfalten; das angeborene Streben nach Selbsterfüllung gilt als konstruktive Kraft. Erich Fromm sah Entfremdung als Krankheit des modernen Menschen und stellte dem Besitz-, Macht- und Konsumstreben die Entwicklung von Vernunft, Liebe und persönlichem Wachstum entgegen. Julian Huxleys evolutionärer Humanismus fasst biologische, soziale und anorganische Entwicklung als Evolution auf und sieht Menschen als fähig an, Evolution etwa durch Gentechnik mitzugestalten, betont aber die Fehleranfälligkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse. Daisaku Ikeda schlug einen universalen Humanismus vor, der östliche und westliche Tradition verbinden soll.

Kritik und Gegenwartsfragen

Der Begriff Humanismus wird wegen seiner vielen und teilweise widersprüchlichen Verwendungen als unpräzise kritisiert. Volker Reinhardt beschränkt den eigentlichen Humanismus auf die europäische Kulturbewegung von 1350 bis 1550 und hält spätere Gleichsetzungen mit „humanitär“ für unhistorisch. Klassische humanistische Bildung wurde außerdem als wirklichkeitsfern kritisiert. Gegen die Idealisierung der Antike wandten sich unter anderem Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, Hans Blüher, Egon Friedell und Eliza Marian Butler: Das idealisierte Bild Griechenlands sei nicht mit historischen Forschungsergebnissen vereinbar.

Martin Heidegger forderte, den Humanismus aufzugeben, weil er den Menschen als vernünftiges Subjekt nicht tief genug erfasse. Helmuth Plessner betonte, Vorstellungen von Menschlichkeit seien geschichtlich und kulturell bedingt und könnten keine allgemeine Geltung beanspruchen. Michel Foucault bestritt ein überhistorisches Wesen des Menschen und objektive universelle Menschenrechte; er sah im Humanismus eine Denkweise, die Machtverhältnisse verdecken könne. Christliche Kritik richtet sich gegen den anthropozentrischen und weltlichen Ansatz; Karl Barth und Rudolf Bultmann stellen dem die Ausrichtung des Menschen auf Gott und Gnade gegenüber.

Für eine Gegenwartsbedeutung soll Humanismus nach August Buck nicht bloß antike Modelle kopieren. Jörn Rüsen fordert unter anderem, das menschliche Inhumanitätspotential zu berücksichtigen, Menschen- und Bürgerrechte offen weiterzuentwickeln, kulturelle Vielfalt anzuerkennen und Natur wieder in das Selbstverständnis des Menschen einzubeziehen. Neue Herausforderungen stellen Transhumanismus und Posthumanismus: Der Transhumanismus will den Menschen als unvollendetes Evolutionsprodukt technisch oder gentechnisch optimieren; der Posthumanismus erwartet, dass künstliche Intelligenzen und Roboter den Menschen als Triebkräfte der Evolution überholen. Der Prohairesihumanismus von Thomas Keuthen stellt dagegen die verantwortete, überlegte menschliche Wahl in digitalen soziotechnischen Systemen in den Mittelpunkt; Technik soll Wahl ermöglichen und absichern, nicht ersetzen.

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