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Liebe

Der Sufismus wird oft als die Religion der Liebe bezeichnet. Gott im Sufismus wird in den Hauptbegriffen „der Liebende“ und „Geliebte“ genannt, wobei der …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundbedeutung und Formen
  2. 2. Ausdruck und Symbole
  3. 3. Historischer Wandel
  4. 4. Liebe in Religionen
  5. 5. Wissenschaftliche Erklärungen
  6. 6. Gesellschaft und Kultur

Grundbedeutung und Formen

Liebe bezeichnet stärkste Zuneigung und Wertschätzung. Im engeren, verbreiteten Sinn ist sie ein starkes Gefühl inniger und tiefer Verbundenheit mit einer Person oder Gruppe. Sie geht über Zweck und Nutzen einer Beziehung hinaus und zeigt sich meist in tätiger Zuwendung. Liebe kann bestehen, ohne erwidert zu werden. Besonders für Heranwachsende ist liebende Zuwendung unabdingbar; völliger Liebesmangel kann bei Kindern zu Hospitalismus führen. Besitzdenken, Eifersucht, freiwillige Abhängigkeit und die Aufgabe der eigenen Autonomie bis zur Hörigkeit gelten dagegen als Fehlentwicklungen der Liebesfähigkeit.

Liebe unterscheidet sich von Verliebtheit: Verliebtheit richtet ihr sehnsüchtiges Begehren vor allem auf das Wohl der verliebten Person selbst, Liebe dagegen auf das Wohl der geliebten Person oder Sache, auch über den Eigennutz hinaus. Als Gegenbegriffe kommen je nach Zusammenhang Hass oder, als Abwesenheit von Liebe, Gleichgültigkeit infrage.

Die deutsche Sprache fasst sehr unterschiedliche Beziehungen unter demselben Wort zusammen. Dazu gehören Selbstliebe, Partnerliebe, familiäre Liebe, Freundesliebe, Nächsten- und Feindesliebe, Gottesliebe sowie die Liebe zu Tieren, Natur, Tätigkeiten, Ideen oder Gemeinschaften. Partnerliebe kann heterosexuell oder homosexuell sein. Neben der häufig mit Ehe und Monogamie verbundenen exklusiven Zweierbeziehung gibt es polygame und polyamore Modelle. Überhöhte oder krankhafte Eigenliebe wird Narzissmus genannt. In mystischen und philosophischen Auffassungen erscheint außerdem eine „objektlose Liebe“ als bedingungslose Grundhaltung.

Altgriechische Begriffe verdeutlichen wichtige Unterschiede: Philía meint Freundes- und Bruderliebe, Agápe selbstlose, fördernde Liebe einschließlich Nächsten- und Feindesliebe, Éros leidenschaftliche Liebe zu einem schönen Körper, einer schönen Seele oder höheren Zielen, und Storgē Verwandtschaft oder vertraute Liebe, besonders zwischen Eltern und Kind. Spätere Typologien ergänzen Ludus als spielerisch-sexuelle, Mania als besitzergreifende und Pragma als vernunftgeleitete Liebe. Caritas bezeichnet im christlichen Zusammenhang Gottes Liebe zu den Menschen sowie die Liebe zu sich selbst und zum Mitmenschen.

Als Beziehung zwischen Personen beruht Liebe auf wechselseitiger Anerkennung: Die Beteiligten behandeln einander nicht als Besitz, sondern erkennen und fördern sich gegenseitig. Bei Axel Honneth ist Liebe neben Recht und Solidarität eines von drei Mustern intersubjektiver Anerkennung. Emotionale Zuwendung und Wohlwollen vermitteln Selbstvertrauen, bestätigen positive Eigenschaften und unterstützen dadurch die Bildung einer stabilen Identität.

Ausdruck und Symbole

Liebe und Verliebtheit können sich nonverbal durch Blicke, Mimik, Unruhe oder Körperhaltung zeigen. Gegenseitige Liebe wird häufig durch Zärtlichkeit, Küssen, Berührungen, Händchenhalten oder körperliche Vereinigung ausgedrückt. Zu den sprachlichen Formen zählen Komplimente, Kosewörter und Kosenamen wie „Liebling“ oder „Schatz“. Konventionelle Formen sind Liebeserklärung, Liebesbrief, Verlobung und Verlobungsring.

Die „hohe Minne“ des Mittelalters verehrte eine unerreichbare Frau ohne erfüllte körperliche Beziehung; Walther von der Vogelweide stellte ihr die körperlich erfüllte „nidere minne“ gegenüber.

Das Herz (♥) steht als Ideogramm für das emotionale Herz und besonders für romantische Liebe. Ein von Amors Pfeil durchbohrtes oder zerbrochenes Herz symbolisiert Liebeskrankheit. Die Verbindung von Herzform und Liebesmetapher entstand am Ende des Mittelalters; das bekannte Zeichen entwickelte sich im 15. Jahrhundert und wurde im 16. Jahrhundert in Europa populär.

Der irische Claddagh-Ring steht durch Hände, Herz und Krone für Freundschaft, Liebe und Loyalität und wurde in seiner heutigen Form erstmals im 17. Jahrhundert hergestellt. Amor beziehungsweise der griechische Eros wird als geflügeltes Kind mit Pfeil und Bogen dargestellt; seine Pfeile lassen Götter und Menschen Liebe empfinden. Weitere Symbole sind die rote Rose, die schon mit Aphrodite verbunden wurde, und der Schwan, der unter anderem monogame Liebe, Treue, Reinheit und Loyalität verkörpert.

Historischer Wandel

Vorstellungen von geschlechtlicher Liebe hängen von Epoche und Gesellschaft ab. In der griechischen Antike war gleichgeschlechtliche Liebe nicht religiös tabuisiert; die männerzentrierte Kriegergesellschaft begünstigte sie. Erst im Hellenismus entwickelten sich stärker heterosexuelle Ehenormen. In Rom wurde die Ehe vor allem als Rechtsgeschäft und Mittel zur Zeugung legaler Erben verstanden. Starke emotionale Bindungen konnten als Gefahr für die männliche Tugend, die virtus, und für staatsbürgerliche Pflichten gelten. In der christlichen Spätantike förderte die Unterdrückung von Sexualität sublimierte Formen der Erotik und asketische Lebensweisen; zugleich erhielt die Gottesliebe Vorrang.

Bis zum 10. Jahrhundert wurde die Ehe unter christlichem Einfluss zur religiösen Institution. Im frühen Mittelalter galten nicht institutionell gebundene sexuelle Beziehungen als Sünde. Erst seit dem späten 11. und 12. Jahrhundert entstanden wieder Ausdrucksformen, die antiken und heutigen Vorstellungen von Liebe ähneln. Mystische Ideen einer liebenden Begegnung mit Gott und Christus, die Wiederentdeckung antiker Liebesstoffe und höfische Romane bereiteten dafür den Weg, zunächst vor allem in den Oberschichten.

Renaissance und Reformation werteten sinnliche Liebe wieder auf. Martin Luther betrachtete Geschlechtlichkeit als Teil der Schöpfung und Liebe als Naturmacht. Sinnlichkeit und seelische Liebe sollten in der Ehe verbunden sein, blieben aber durch die Lehre von der Erbsünde belastet. Gleichzeitig verbreiteten sich vor- und außereheliche Beziehungen; seit dem 14. Jahrhundert nahm die Prostitution zu. Mit der kapitalistischen Geldwirtschaft wurde die Verbindung von Liebe, Ehe und Sinnlichkeit schwieriger. Die ersten Heiratsanzeigen von 1695 in England gelten als Zeichen einer Kommerzialisierung der Ehe.

Seit etwa 1500 etablierten sich an Höfen Kurtisanen, später auch das von der Kirche geduldete Mätressentum. Französische Klassik und deutscher Sturm und Drang überhöhten absolute, besitzergreifende Liebe zum tragischen Gegenstand. Die europäische Romantik von etwa 1795 bis 1848 erhob vollkommene Liebe bis zur Vorstellung völliger Verschmelzung mit dem geliebten Menschen. Spätere Literatur kritisierte diese Überhöhung. Die bürgerliche Literatur des 19. Jahrhunderts vertrat teilweise das Ideal der Liebesehe, etwa E. Marlitt; gemeint war dabei eine vernünftige, an den Tugenden des Partners orientierte Liebe und nicht unbedingt eine Leidenschaft, die soziale Grenzen überwindet.

Liebe in Religionen

Polytheistische Religionen verehrten häufig besondere Liebesgottheiten, etwa Aphrodite und Eros in Griechenland sowie Venus und Amor in Rom. Monotheistische Religionen entwickelten umfassende Lehren über Gottes Liebe, die Liebe des Menschen zu Gott und die Nächstenliebe.

Im Judentum bezeichnet ahava zwischenmenschliche Liebe und die Liebe zwischen Gott und seiner Schöpfung; chesed bedeutet etwa „liebende Güte“. Die Thora gebietet: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (Lev 19,18) und fordert, Gott „mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft“ zu lieben (Dtn 6,5). Liebe zwischen Ehepartnern gilt als wesentlicher Bestandteil des Lebens. Das Hohelied kann sowohl als Liebeslied als auch als Metapher für die Beziehung Gottes zu seinem Volk gelesen werden.

Im Christentum ist Liebe ein Kernthema. Jesus verbindet im Doppelgebot die Liebe zu Gott mit der Liebe zum Nächsten. Paulus nennt Liebe die wichtigste und bleibende Gabe. In 1 Kor 13,4–7 beschreibt er sie unter anderem als geduldig, freundlich, nicht neidisch, nicht selbstsüchtig und nicht nachtragend; sie freut sich an der Wahrheit, erträgt, vertraut, hofft und duldet. Der erste Johannesbrief fasst zusammen: „Gott ist Liebe.“ Thomas von Aquin definiert Liebe als Ausrichtung auf das Wohl des anderen. Diese Auffassung schließt die von Jesus geforderte Feindesliebe ein. Augustinus unterscheidet Liebe von Lust und versteht die Gottesliebe als Weg zum Frieden.

Im Islam gehört Liebe zu einer universellen Gemeinschaft der Gläubigen. Al-Wadud, „der Liebende“, ist einer der 99 Namen Gottes; Ar-Rahman und Ar-Rahim bezeichnen Gott als den Barmherzigsten. Menschen, die Muslime nicht verfolgen, sollen mit Birr, „tiefer Güte“, behandelt werden; derselbe Ausdruck beschreibt die Liebe und Freundlichkeit von Kindern gegenüber ihren Eltern. Im Sufismus steht ‘Ischq, die göttliche Liebe, im Mittelpunkt. Die Welt gilt als Spiegel göttlicher Schönheit, Gott als „der Liebende“ und „der Geliebte“. Durch Liebe soll der Mensch zu seiner ursprünglichen Reinheit und Gnade zurückfinden.

Wissenschaftliche Erklärungen

In der Biologie ist Liebe nicht definiert und daher keine biologische Kategorie. Emotionale Prozesse sind naturwissenschaftlich nur schwer zu untersuchen, und ihre biochemischen Grundlagen gelten als noch nicht ausreichend bekannt. Forschung zur Verliebtheit zeigt jedoch hohe Aktivität in Gehirnbereichen, die auch an Trieben beteiligt sind. Länger anhaltende Verliebtheit, auch Limerenz genannt, weist möglicherweise auf neuroendokrine Vorgänge hin.

Mehrere Botenstoffe werden mit typischen Erlebnissen der Verliebtheit verbunden: Dopamin mit Euphorie, Adrenalin mit Aufregung, Endorphin und Cortisol mit Glücksgefühl und Wohlbefinden. Die sexuelle Lust steigt; Testosteron sinkt dabei bei Männern und steigt bei Frauen. Zugleich fällt der Serotoninspiegel stark ab. Dies kann irrationales Verhalten und verringerte Hemmschwellen begünstigen. Nach einigen Monaten setzt Gewöhnung ein; laut WHO beendet das Gehirn diesen „Rauschzustand“ spätestens nach 24 bis 36 Monaten. Die Aussagen zu menschlichen Pheromonen und zur evolutionsbiologischen Funktion der Liebe sind im Artikel jedoch unsicher beziehungsweise überarbeitungsbedürftig. Evolutionsbiologisch könnte Liebe mit Sexualität, Partnerwahl und Brutfürsorge zusammenhängen und Paarbeziehungen stabilisieren. Ob monogam lebende Tiere Liebe empfinden, bleibt unbeantwortet.

Die Psychologie untersucht unterschiedliche Liebesformen und die Folgen von Liebesentzug. Robert J. Sternbergs Dreieckstheorie erklärt Liebe durch drei Komponenten: Intimität, Leidenschaft und Verpflichtung. Ihre unterschiedliche Stärke ergibt Formen von Freundschaft bis zur „vollkommenen Liebe“, bei der alle drei stark ausgeprägt sind.

Die von John Bowlby entwickelte und von Cindy Hazan und Phillip Shaver auf romantische Beziehungen übertragene Bindungstheorie nimmt an, dass frühkindliche Bindungsmuster auch spätere Partnerschaften prägen. Sie unterscheidet bei Erwachsenen vor allem sichere, unsicher-ambivalente und unsicher-vermeidende Bindung. Diese Stile beeinflussen Nähe, Trennungsangst und Beziehungsstabilität. John Alan Lee unterscheidet als primäre Liebesstile Eros, Ludus und Storge sowie als sekundäre Stile Mania, Pragma und Agape. Die Psychiatrie behandelt unter anderem den „Liebeswahn“ im Zusammenhang mit paranoischen Vorstellungen.

Gesellschaft und Kultur

Die Soziologie untersucht Liebe als Emotion, Kulturmuster, Intimsystem und nicht-kognitive Form kommunikativer Praxis. Zu ihren Themen zählen Partnerwahl, Familie, Paartherapie, romantische und elterliche Liebe sowie Zusammenhänge zwischen Liebe, Gewalt und Macht. Wichtig ist auch die Unterscheidung zwischen gegenseitiger und einseitiger Liebe; ein Spezialfall der einseitigen Liebe ist die „unglückliche Liebe“.

Niklas Luhmann beschreibt Liebe in Liebe als Passion (1982) als gesellschaftliche Semantik und „symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium“. In einer modernen, funktional ausdifferenzierten Gesellschaft bewegen sich Menschen zwischen vielen Rollen und Lebensbereichen. Dadurch werden persönliche Verständigung und die Bestätigung einer individuellen Identität schwieriger. Liebe soll eine Kommunikation ermöglichen, in der ein Mensch den anderen als ganze, einzigartige Person annimmt. Peter Fuchs nennt dies „wechselseitige Komplettannahme im Modus der Höchstrelevanz“. Das Intimsystem kann zur Vorform der Familie werden, die Reproduktion und Sozialisation übernimmt. Liebe macht dabei das unwahrscheinliche Ereignis erwartbar, dass zwei Menschen unter Millionen einander finden und dauerhaft zusammenleben.

In Literatur und Kunst gehört Liebe zu den wichtigsten Themen. Minnesang stellte häufig unerfüllte Liebe, die Verehrung einer Frau oder erotische Erfahrungen dar. Schäferdichtung der Renaissance und des Barock schilderte oft einen leidenden Liebenden und eine abweisende Geliebte. Shakespeares Romeo und Julia gilt als klassisches Liebesdrama; daneben ist der Liebesroman ein verbreitetes Genre.

Auch Musik, Film und bildende Kunst behandeln Liebe in vielen Formen. Balladen, Liebeslieder, Opern, Operetten und Musicals kreisen häufig um Partnerliebe; christliche Musik außerdem um Gottes- und Nächstenliebe. Bekannte Opern zu diesem Themenfeld sind Mozarts Don Giovanni, Wagners Tristan und Isolde, Verdis La Traviata und Bizets Carmen. Im Film entwickelte sich der Liebesfilm zum Massengenre; genannte Beispiele sind Casablanca, Vom Winde verweht und Titanic. In der bildenden Kunst erscheint das Motiv unter anderem in Gustav Klimts Der Kuss von 1909 und René Magrittes Serie Die Liebenden von 1928.

Lernvideos zu Liebe

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