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Religion
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Grundbegriff und Bedeutung
Religion ist ein Sammelbegriff für viele unterschiedliche Weltanschauungen. Ihre Grundlage ist meist der Glaube an transzendente Kräfte, also an überirdische, übernatürliche oder übersinnliche Wirklichkeiten, und häufig auch an heilige Objekte. Im Deutschen meint Religion sowohl die persönliche Religiosität einzelner Menschen als auch die gemeinsame Tradition einer Religionsgemeinschaft.
Religiöse Lehren sind meist nicht wissenschaftlich beweisbar. Sie beruhen auf Glauben an Mitteilungen von Religionsstiftern, Propheten, Schamanen oder anderen Vermittlern oder auf intuitiven und individuellen Erfahrungen. In vielen Religionen heißen solche Mitteilungen oder Erfahrungen Offenbarung. Religion kann Werte prägen, Verhalten und Denken beeinflussen und politische, ökonomische oder psychologische Funktionen erfüllen. Dadurch kann sie Orientierung geben, birgt aber auch das Risiko religiöser Ideologien.
Die heutige Religionswissenschaft sieht Religion nicht mehr einfach als überall und immer vorhandenes menschliches Grundbedürfnis. Der moderne Religionsbegriff gilt selbst als historisch entstandenes Konzept, dessen heutige Bedeutung je nach Forschung ins 17., 18. oder 19. Jahrhundert datiert wird. Trotzdem lassen sich in vormodernen Kulturen fast überall Phänomene finden, die mit dem modernen Begriff Religion beschrieben werden können.
Definitionen und zentrale Elemente
Es gibt keine allgemein anerkannte Definition von Religion, sondern viele Definitionsversuche. Substantialistische Definitionen fragen nach dem Wesen der Religion, etwa nach ihrem Bezug zum Heiligen, Transzendenten oder Absoluten. Funktionalistische Definitionen fragen danach, welche Rolle Religion für Menschen und Gesellschaften erfüllt, zum Beispiel Sinnstiftung, Gemeinschaftsbildung oder Krisenbewältigung.
Detlef Pollack beschreibt Religion als symbolisch und kommunikativ organisierte Praxis der Kontingenzbewältigung, die auf der Unterscheidung von Immanenz und Transzendenz beruht. Immanenz meint die erfahrbare Welt; Transzendenz meint das, was darüber hinausgeht. Religion liegt demnach vor, wenn Transzendenz durch Rituale, Gebete, Schriften, Bilder, Erfahrungen oder andere Formen in der Welt präsent gemacht wird, ohne ganz verfügbar zu werden.
Gerd Theißen definiert Religion in Anlehnung an Clifford Geertz als „ein kulturelles Zeichensystem, das Lebensgewinn durch Entsprechung zu einer letzten Wirklichkeit verheißt“. Geertz versteht Religion als Symbolsystem, das starke und dauerhafte Stimmungen und Motivationen schafft, indem es eine allgemeine Seinsordnung formuliert und diese als wirklich erscheinen lässt. Religion ist damit ein Sinn- und Orientierungssystem sowie eine Weise, Krisen zu deuten oder zu bewältigen.
Als häufige Elemente des Religiösen gelten der Glaube an übernatürliche Kräfte wie Seelen, Ahnen, Geister, Götter oder Gesetzmäßigkeiten wie Dao und Dharma, Antworten auf Grundfragen des Lebens und Ausdrucksformen wie Gebet, Ritus, Opfer, Askese, Ekstase, Meditation und Mystik. Viele Religionen geben Antworten auf Fragen nach Herkunft, Sinn, Leid, Glück, Tod und dem letzten Ziel des Menschen.
Geschichte und heutige Verbreitung
Die ältesten archäologischen Spuren religiösen Ausdrucks werden in Bestattungen und späteren Grabbeigaben gesehen. Sie lassen sich ab etwa 120.000 Jahren v. Chr. im Mittelpaläolithikum sowohl bei Homo sapiens als auch beim Neandertaler nachweisen. Ab ca. 40.000 v. Chr. werden die Hinweise durch künstlerische Skulpturen, Malereien und Musikinstrumente deutlicher. Welche religiösen Inhalte genau damit verbunden waren, bleibt aber unsicher.
Viele heutige Religionen haben Wurzeln in vorgeschichtlicher Zeit. Andere historische Religionen existieren nicht mehr und sind schwer zu rekonstruieren, weil schriftliche Überlieferungen fehlen oder lückenhaft sind. Selbst bei antiken Religionen mit vielen Texten, etwa bei Griechen und Römern, ist die tatsächliche Kultpraxis oft nur teilweise bekannt.
In der Neuzeit verlor die institutionalisierte Religion in vielen westlichen Gesellschaften an Macht. Natur- und Geisteswissenschaften gewannen Autorität in Fragen, die früher oft religiös bestimmt waren, etwa Evolution, Ethik und Recht. Die Trennung von Kirche und Staat wird als Säkularisierung bezeichnet. In Europa nahm besonders seit dem späten 19. Jahrhundert der gesellschaftliche Einfluss des Christentums ab. Gleichzeitig blieben Religionen weltweit wichtig: Islam, Christentum und Buddhismus gewannen außerhalb Europas an Bedeutung; in Afrika nahm im 20. Jahrhundert der Einfluss von Christentum und Islam stark zu.
Gegenwärtig zeigen Studien in vielen europäischen Ländern rückläufige Besucherzahlen religiöser Einrichtungen. Zugleich wenden sich vor allem junge Menschen weltweit wieder häufiger religiösen Ausdrucksformen zu. Religion kann außerdem zur nationalen, politischen oder ethnischen Identität beitragen, ohne dass dies immer mit stärkerer traditioneller Frömmigkeit verbunden ist. Auch politisierte Religion und Fundamentalismus werden als wichtige moderne Trends beschrieben.
Zahlen und wissenschaftliche Erforschung
Die weltweit größten Religionen nach Zahl der Anhänger sind Christentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus, Daoismus, Sikhismus, Judentum, Bahaitum und Konfuzianismus. Religionen, die nicht auf bestimmte Kulturen oder Regionen begrenzt sind, gelten als Weltreligionen. Die genaue statistische Erfassung ist schwierig, weil Staaten unterschiedliche Methoden verwenden und Religionsfreiheit nicht überall besteht. Außerdem ist oft unklar, ob bloße Zugehörigkeit, kulturelle Herkunft oder aktive Glaubenspraxis gezählt wird.
Für ca. 2006 nennt adherents.com etwa 2100 Millionen Christen, 1500 Millionen Muslime, 1100 Millionen Säkulare oder Nichtreligiöse, 900 Millionen Hindus und 376 Millionen Buddhisten. Britannica Online nennt für denselben Zeitraum etwa 2200 Millionen Christen, 1387 Millionen Muslime, 776 Millionen Säkulare oder Nichtreligiöse, 876 Millionen Hindus und 386 Millionen Buddhisten. Die Abweichungen zeigen, dass solche Zahlen nur vorsichtig verwendet werden sollten.
In Deutschland wurden 2014 unter anderem 26 Millionen Nichtreligiöse (32 %), 24,2 Millionen Angehörige der Römisch-Katholischen Kirche (30 %), 23,4 Millionen Angehörige evangelischer Landeskirchen (29 %) und 4 Millionen Muslime (5 %) angegeben. Laut Eurobarometer glaubten 2005 in der damaligen Europäischen Union 52 % an Gott, 27 % an eine spirituelle Kraft oder höhere Macht, 18 % weder an Gott noch an eine spirituelle Kraft und 3 % waren unentschlossen.
Religion wird wissenschaftlich unter anderem durch Religionswissenschaft, Religionsgeschichte, Religionssoziologie, Religionspsychologie, Religionsphilosophie, Religionsethnologie und Theologie untersucht. Dabei ist die Definition des Gegenstands schwierig: Eine zu enge Definition schließt wichtige Formen aus, eine zu weite wird ungenau. Naturwissenschaftliche Ansätze untersuchen zum Beispiel neurologische Grundlagen religiöser Erfahrungen, die Evolution religiöser Vorstellungen oder Zusammenhänge zwischen Religion, Gesundheit und Lebensdauer. Die Befunde zu Gesundheit und Lebensdauer sind unterschiedlich: US-amerikanische Studien stützen solche Zusammenhänge häufiger, europäische Studien weniger.
Begriffe, Formen und Institutionen
Religionen unterscheiden sich stark in ihren Gottesvorstellungen. Monotheistische Religionen verpflichten ihre Anhänger mehrheitlich zur Verehrung eines einzigen höchsten Gottes. Polytheistische Religionen gehen von mehreren Göttern aus. Pantheistische Vorstellungen sehen Gott oder das Göttliche als identisch mit der Gesamtheit der Welt. Einige Forscher bezeichnen Religionen wie Buddhismus oder Jainismus in einem bestimmten Sinn als atheistisch, weil sie nicht auf einen oder mehrere Götter ausgerichtet sind; viele lehnen diese Anwendung des Begriffs aber ab, wenn die Gottesfrage gar keine zentrale Rolle spielt.
Viele Religionen enthalten eine Kosmologie, also Vorstellungen über Entstehung und Ordnung der Welt, sowie eine Eschatologie, also Lehren von den letzten Dingen. Dazu gehören Fragen nach Tod, Seele, Jenseits, Himmel, Hölle, Reinkarnation, Nirwana, Apokalypse, Ragnarök oder Reich Gottes.
Viele Religionen kennen religiöse Spezialisten, die Lehren überliefern, Rituale ausführen oder zwischen Mensch und Gottheit vermitteln. Dazu gehören Seher, Propheten, Priester, Pastoren, Prediger, Geistliche, Mönche, Nonnen, Magier, Druiden, Medizinmänner und Schamanen. Ihr Status kann formell oder unabhängig, bezahlt oder unbezahlt sein. Manche Religionen haben dagegen keine speziell autorisierten Vermittler.
Spiritualität bezeichnet das geistliche Erleben und den bewussten Bezug zum Glauben, im Unterschied zur Dogmatik als festgelegter Lehre. Zu religiösen Riten gehören Gebet, Meditation, Taufe, Gottesdienst, religiöse Ekstase, Opfer, Liturgie, Prozessionen und Wallfahrten. In der Religionsgeschichte kam es häufig zu Schismen, also Spaltungen, und zu Synkretismus, also zur Vermischung religiöser Praktiken und Ideen.
Ethik, Gesellschaft, Kunst und Recht
Viele Religionen enthalten ethische Wertesysteme. Sie bestimmen, was als richtig oder falsch, gut oder böse gilt, und wie Gläubige handeln oder teilweise denken sollen. Solche Regeln sollen das Zusammenleben ordnen, Menschen dem religiösen Ziel näherbringen und dem Einzelnen einen moralischen Rahmen geben. Viele Religionen fordern Barmherzigkeit; im Islam gehört dazu zum Beispiel die Zakat, ein fester Anteil des Einkommens für soziale Zwecke. Religion kann Frieden fördern, etwa durch Mitgefühl, Vergebung oder Feindesliebe, aber sie kann auch zur Begründung von Gewalt missbraucht oder als Ursache religiös begründeter Gewalt kritisiert werden.
In den abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam hängen ethische Lehren oft mit Offenbarung, Gesetz und Endzeitvorstellungen zusammen. Die jüdische Ethik stützt sich auf Thora, Talmud und Halacha; zentral ist die Nächstenliebe aus Levitikus 19,18. Christliche Ethik verbindet Glauben und moralische Lebensführung; wichtige Tugenden sind Glaube, Liebe und Hoffnung, bekannt ist besonders die Feindesliebe. Islamische Ethik ist stark an Gebote für viele Lebensbereiche gebunden; wichtig ist die kollektive Verantwortung, „Das Rechte gebieten und das Verwerfliche verbieten“.
In Religionen indischen Ursprungs wie Buddhismus, Hinduismus, Sikhismus und Jainismus werden Handlungen mit ihren Folgen im gegenwärtigen und künftigen Leben verbunden. Zentral sind Karma, also die Folgen des Handelns, und Dharma als Weltprinzip. Ein wichtiges Ideal ist Ahimsa, Gewaltlosigkeit, die auch Tiere und theoretisch Pflanzen einbezieht. Die praktische Umsetzung ist aber je nach Religion und Lebensform unterschiedlich.
Religion beeinflusst auch Kunst, Recht und Wirtschaft. Viele Kunstformen hatten ursprünglich religiöse Funktionen; Sakralbauten, Bilder, Kultgegenstände, Ornament und Kalligrafie wurden religiös geprägt. Zugleich konnten Religionen Kunst einschränken, etwa durch Bilderverbote oder Blasphemievorwürfe. Rechtssysteme wurden und werden ebenfalls religiös beeinflusst, etwa durch die Scharia in muslimischen Ländern. Im Bereich Wirtschaft wird unter anderem diskutiert, wie Religion, Kreativität und ein spiritueller Erlebnismarkt zusammenhängen.
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