Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Religionsphilosophie
In der psychoanalytischen Theorie von Sigmund Freud ist die Religion ein Produkt unbewusster psychologischer Mechanismen, die aufgrund des zwischen …
Inhalt6 Abschnitte
Aufgabe und Formen der Religionsphilosophie
Religionsphilosophie untersucht philosophisch die Erscheinungsformen, den theoretischen Gehalt und die praktische Bedeutung von Religionen. Sie fragt systematisch und rational, was Religion ausmacht, ob religiöse Aussagen sinnvoll und begründbar sind und welche Bedeutung Religion für das menschliche Leben besitzt. Sie kann Religion verständlich machen, ihre Sprache analysieren oder ihre Ansprüche kritisch prüfen.
Hermeneutische Ansätze betrachten eine Religion möglichst aus ihrer Innenperspektive. Andere Ansätze prüfen ihre Geltungsansprüche. Reduktionistische Ansätze erklären Religion durch externe Faktoren wie Lebenswillen, Triebkonflikte oder evolutionsbiologische Mechanismen und betrachten sie häufig als ersetzbar. Ob allgemeine Aussagen über Religion möglich sind, ist umstritten: Ludwig Wittgenstein kritisiert das „Streben nach Allgemeinheit“, William James betont die „Vielfalt der religiösen Erfahrung“.
Winfried Löffler unterscheidet fünf Grundtypen: Analyse religiöser Lebens- und Weltgefühle; Suche nach dem Wesen der Religion; Analyse religiöser Sprache; Klärung des Verhältnisses religiöser und anderer Erklärungen; Untersuchung der Vernünftigkeit oder Unvernünftigkeit von Religion, einschließlich Gottesbeweisen und Theodizee.
Religionswissenschaft beschreibt und erklärt Religion historisch und empirisch, ohne über ihre Wahrheit zu entscheiden. Zu ihr gehören unter anderem Religionsgeschichte, Religionspsychologie und Religionssoziologie. Theologie bezieht sich jeweils auf eine bestimmte Religion, systematisiert und vertritt deren Glaubensinhalte. Die Religionsphilosophie ist dagegen nicht rein empirisch, und ihre Antwort auf die Vernünftigkeit des Glaubens bleibt grundsätzlich offen. In der Theologie gilt letztlich der Glaube, in der Religionsphilosophie die Vernunft als Prüfmaßstab.
Religion, Transzendenz und religiöse Praxis
Bei der Definition von Religion stehen sich essentialistische und funktionalistische Ansätze gegenüber. Essentialistische Definitionen suchen ein gemeinsames Wesen, etwa den Bezug auf Gott oder Götter, den Glauben an übermenschliche Wesen oder eine erfahrbare heilige Sphäre. Ihre Verallgemeinerbarkeit ist umstritten. Funktionalistische Definitionen fragen stattdessen nach psychischen oder gesellschaftlichen Funktionen, etwa Stabilisierung; dagegen wird eingewandt, Religion könne auch destabilisieren.
Franz von Kutschera versteht Religion als einen Komplex aus Lehren und Anschauungen, Normen, Haltungen, Praktiken, Gefühlen, Sprache, Symbolen, Gemeinschaften und Institutionen, dessen Bezugspunkt das Transzendente ist. Religiöse Anschauungen umfassen Annahmen, also Aussagen über einen Gegenstand, und Sichtweisen, also subjektive Weisen seines Erfahrens. Sie deuten Welt und Leben im Zusammenhang einer größeren, letztlich maßgeblichen Wirklichkeit.
Offenbarung gibt religiösen Erfahrungen einen bestimmten Inhalt. Sie kann als geschichtliches Handeln eines personalen Gottes oder als von Sehern erkannte ewige Wahrheit verstanden werden. Religionen weisen außerdem einen Weg zum Heil, etwa als Befreiung aus Not, Erlösung von Schuld, Überwindung der Gottesferne oder Erlangung ewigen Lebens.
Normen und Haltungen regeln das Verhältnis zum Transzendenten und zu Mitmenschen; häufig ist die Gesinnung wichtiger als einzelne Vorschriften. Religiöse Gefühle umfassen Liebe, Ehrfurcht, Vertrauen, Scheu und Furcht. Religiöse Sprache beschreibt Transzendentes weniger begrifflich genau, als dass sie seine Lebensbedeutung durch Metaphern, Bilder und Gleichnisse verdeutlicht. Im Kult wird der Glaube gemeinschaftlich in festgelegten Worten und Handlungen ausgedrückt, etwa durch Opfer, Gedächtnisfeiern oder Feiern wichtiger Lebensereignisse. Religion ist deshalb grundsätzlich ein soziales Phänomen, das sich in Gemeinschaften und Institutionen ausprägt.
Immanenz bezeichnet gewöhnlich den Bereich alltäglicher Erfahrung, Transzendenz die größere, nur teilweise zugängliche Wirklichkeit, von der das Immanente abhängig gedacht wird. Religion beantwortet damit besonders praktische und existentielle Fragen nach unbedingten Werten, der Verbindung von Moral und Glück, dem Sinn des individuellen Lebens, des Leidens und der Geschichte.
Gottesbild der theistischen Tradition
Theistische Traditionen verstehen Gott als Schöpfer. Creatio originans oder creatio ex nihilo bezeichnet die Erschaffung des Universums aus dem Nichts, entweder in einer anfangslosen Zeit oder zusammen mit der Zeit. Creatio continua bedeutet, dass Gott die Welt fortwährend im Sein erhält. Creatio evolutiva bezeichnet die Hervorbringung qualitativ neuer Formen aus Vorhandenem, besonders die Übergänge von unbelebter Materie zu Leben, Bewusstsein und Selbstbewusstsein. Ob darwinistische Prinzipien dafür vollständig ausreichen, ist umstritten. Creatio nova meint in der christlichen Theologie die bereits beginnende und endgültige Erneuerung und Vollendung von Mensch und Welt.
Allmacht wird gewöhnlich so eingeschränkt, dass Gott alle widerspruchsfrei beschreibbaren Zustände verwirklichen kann. Damit wird das Paradox vermieden, ob Gott einen Stein schaffen könne, den er selbst nicht heben kann. Häufig gilt außerdem: Gott kann nichts bewirken, was seinem Wesen widerspricht, etwa sittlich Schlechtes tun, wenn er sittlich vollkommen ist.
Für Gottes Wirken in der Welt bestehen mehrere Modelle: Nach der Alleinursächlichkeit verursacht Gott jedes Ereignis unmittelbar. Das interventionistische Modell nimmt normalerweise innerweltliche Gesetzmäßigkeiten, aber gelegentliche direkte Eingriffe wie Wunder an. Die Prozesstheologie sieht Gott auf die Kooperation der seit Ewigkeit bestehenden Welt angewiesen; er wirke durch Überredung statt Zwang. Der „Open View of God“ verbindet Schöpfung aus dem Nichts mit freiwilliger Selbstbeschränkung: Gott bevorzugt Überredung, kann aber eingreifen. Nach der Zweitursachenlehre wirkt Gott ausschließlich durch geschöpfliche Ursachen.
Allwissenheit bedeutet formal: Für jeden wahrheitsfähigen Satz p weiß Gott, ob p wahr oder falsch ist. Ihre Vereinbarkeit mit menschlicher Willensfreiheit ist umstritten. Boethius versteht Gott als zeitlos, sodass er alles in ewiger Gegenwart erkennt. Luis de Molina unterscheidet natürliches Wissen über Notwendigkeiten und Möglichkeiten, freies Wissen über die wirkliche Welt und mittleres Wissen darüber, wie freie Geschöpfe sich in bestimmten Situationen entscheiden würden. Der Kompatibilismus erklärt Determinismus und Freiheit für vereinbar, sofern Handeln nicht erzwungen ist. Das Modell der offenen Zukunft nimmt an, dass auch Gott logisch nicht sicher wissen könne, wie echte freie Entscheidungen ausfallen.
Allgegenwart kann räumliche Lokalisierbarkeit, Durchdringung des gesamten Raumes oder völlige Raumlosigkeit Gottes bedeuten. Ewigkeit wird temporalistisch als unbegrenzte zeitliche Existenz eines teilweise veränderlichen Gottes oder eternalistisch als zeitlose, vollkommen unveränderliche Existenz verstanden.
Glaube und seine Begründung
„Glauben“ kann den Glaubensakt oder -zustand, den subjektiven Glauben (fides, qua creditur), oder den geglaubten Inhalt, den objektiven Glauben (fides, quae creditur), bezeichnen. Doxastischer Glaube ist ein Fürwahrhalten: Jemand glaubt, dass p. Im starken Sinn ist die Person überzeugt oder ordnet p die subjektive Wahrscheinlichkeit 1 zu; im schwächeren Sinn hält sie p für wahrscheinlicher als nicht-p. Fiduzieller Glaube bedeutet, jemandem oder an jemanden zu glauben, also begründet zu vertrauen. Religiöser Glaube setzt doxastisch die Existenz Gottes voraus, besteht seinem eigentlichen Gehalt nach aber im Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit, Güte oder Vorsehung und verpflichtet zu bestimmten Haltungen und Handlungen.
Begründungen theoretischer Vernünftigkeit verweisen auf bewährte Tradition und Autorität, betrachten religiöse Überzeugungen als nicht weiter begründungsbedürftig oder führen Gottesbeweise und religiöse Erfahrungen an. Außergewöhnliche Erfahrungen, gewöhnliche, aber religiös gedeutete Erlebnisse und die Gesamterfahrung können als Hinweise auf Transzendenz verstanden werden. Die Reformierte Erkenntnistheorie um Alvin Plantinga betrachtet bestimmte religiöse „Manifestationsmeinungen“ als mögliche basale Meinungen, die nicht erst aus anderen Überzeugungen abgeleitet werden müssen. Kritiker betonen jedoch die dabei vorausgesetzte religiöse Deutungspraxis.
Richard Swinburnes empirisches Kumulativargument behandelt Gottes Existenz als unsichere wissenschaftliche Hypothese. Zusammengenommen sollen etwa die Existenz und Ordnung des Universums, Bewusstsein, mögliche Wunder und die Feinabstimmung der Naturkonstanten eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 0,5 ergeben. Kritisiert werden seine spekulativen Wahrscheinlichkeitszuordnungen.
Praktische Begründungen fragen nach der vernünftigen Lebensführung. Immanuel Kant postuliert Gott und ein Fortleben nach dem Tod als Bedingungen dafür, dass Glückswürdigkeit und Glückseligkeit im „höchsten Gut“ zusammenfallen können. Blaise Pascals Wettargument empfiehlt, wegen des möglichen unendlichen Gewinns auf Gottes Existenz zu setzen. Dagegen wird eingewandt, eine aus Nutzenkalkül gewählte Überzeugung sei erkenntnistheoretisch und religiös problematisch.
Gottesbeweise, Erfahrungen und nichtkognitive Ansätze
Das ontologische Argument Anselms von Canterbury definiert Gott als „das, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann“. Weil wirkliche Existenz vollkommener sei als bloße Existenz im Verstand, solle Gott notwendig wirklich existieren. Immanuel Kant wendet ein, „Sein“ sei kein reales Prädikat und füge einem Begriff keine Eigenschaft hinzu. Im 20. Jahrhundert rekonstruierten unter anderem Charles Hartshorne, Kurt Gödel und Alvin Plantinga das Argument modallogisch.
Kosmologische Argumente schließen von der Welt oder ihren Phänomenen auf eine außerweltliche erste Ursache. Voraussetzungen sind unter anderem der Ausschluss eines unendlichen Regresses, ein einziger letzter Grund, seine Gleichsetzung mit Gott und das Prinzip vom zureichenden Grund. Kritisiert werden alle diese Übergänge, besonders der Schluss von einer ersten Ursache auf den Gott einer Religion.
Das teleologische Argument schließt aus scheinbar planvollen Naturstrukturen auf eine außerweltliche Intelligenz. Eine moderne Form ist das „fine tuning argument“: Die Bedingungen des Universums erscheinen äußerst fein abgestimmt. Die Evolutionstheorie erklärt biologische Entwicklung dagegen durch Mutation und Selektion ohne Zielsetzung. Beim Feinabstimmungsargument bleibt umstritten, ob die Wahrscheinlichkeiten möglicher Universumskonstellationen überhaupt abschätzbar sind.
Wunder werden entweder als Durchbrechungen von Naturgesetzen oder als göttliche Eingriffe in gesetzlich nicht festgelegte „Leerstellen“ verstanden. David Hume argumentiert, Irrtum oder Täuschung seien stets wahrscheinlicher als eine Verletzung von Naturgesetzen. Unerklärte Ereignisse könnten außerdem auf noch unbekannte natürliche Zusammenhänge hinweisen.
Nichtkognitive Deutungen behandeln religiöse Aussagen nicht als Tatsachenbehauptungen. Sie können Gefühle ausdrücken, Einstellungen hervorrufen oder nach Richard Bevan Braithwaite moralische Selbstverpflichtungen auf Verhaltensmaximen darstellen; religiöse Geschichten sollen diese Haltungen fördern. Dagegen wird eingewandt, Religion enthalte auch Wahrheitsansprüche über Welt, Lebenssinn und Geschichte. Wittgensteins Sprachspieltheorie versteht Religion als Lebensform mit eigenen Sprach- und Begründungsregeln; Kritiker bestreiten ihre Abgrenzbarkeit von Alltag, Wissenschaft und anderen Lebensbereichen. Søren Kierkegaard deutet Glauben als leidenschaftliche Entscheidung, die sich nicht rational begründen lasse und beim christlichen Paradox der Menschwerdung Gottes sogar gegen die Vernunft stehe. Kritiker halten rationale Gründe trotz des Wagnischarakters des Glaubens weiterhin für bedeutsam.
Formen der Religionskritik
Religionskritik bestreitet den kognitiven Sinn, die Wahrheit, die Begründung oder die positiven Folgen religiöser Überzeugungen oder erklärt sie aus gestörten Erkenntnisverhältnissen.
Der Logische Positivismus erklärte Sätze nur dann für sinnvoll, wenn sie logisch oder empirisch verifizierbar seien; Rudolf Carnap stellte deshalb religiöse Sprache unter Sinnlosigkeitsverdacht. Antony Flew verlangte Falsifizierbarkeit. Diese strengen Kriterien gelten weitgehend als überholt: Karl Popper wies darauf hin, dass sonst auch allgemeine Naturgesetze sinnlos wären; zudem enthalten selbst Wissenschaften nicht unmittelbar erfahrungsprüfbare Voraussetzungen.
Argumente für die Falschheit setzen entweder am Gottesbegriff oder an der Welt an. John N. Findlays „ontological disproof“ behauptet, Gott müsse notwendig existieren, es gebe aber nur logische Notwendigkeit und daher kein notwendig existierendes Wesen. Kritisiert wird, dass das Argument dann selbst nichts über die Existenz nichtlogischer Entitäten aussagen dürfte.
Das Theodizeeproblem fragt, wie physische Übel wie Krankheit und Naturkatastrophen sowie moralische Übel aus menschlichem Handeln mit einem gütigen Gott vereinbar sind. Man unterscheidet notwendige Übel um eines größeren Gutes willen von sinnlosen Übeln. Verteidigungen verweisen auf menschliche Freiheit („free will defence“), Strafe, Charakterbildung oder die Grenzen menschlicher Erkenntnis; wie überzeugend diese Antworten sind, bleibt umstritten.
Naturalistische und Projektionstheorien erklären Religion aus Angst, Evolution, Gehirnprozessen, gesellschaftlichen Verhältnissen oder unbewussten Wünschen. Ludwig Feuerbach versteht Gott als Projektion menschlicher Ideale, Karl Marx und Friedrich Engels Religion als Produkt entfremdender ökonomischer Verhältnisse, Sigmund Freud als Folge psychischer Mechanismen. Der Haupteinwand lautet, dass eine Erklärung der Entstehung einer Überzeugung noch nichts über ihre Wahrheit aussagt; sonst entsteht ein genetischer Fehlschluss.
Bertrand Russell und Antony Flew kritisieren fehlende Belege und sehen die Beweispflicht bei den Gläubigen („Presumption of Atheism“). Dagegen wird eingewandt, dass auch grundlegende weltanschauliche und alltägliche Überzeugungen nicht wissenschaftlich bewiesen sind.
Schädlichkeitskritik verweist unter anderem auf Verdammungsängste, Freiheitsbeschränkungen, gewaltsame Praktiken, Religionskriege, Terrorismus, Intoleranz und Behinderung wissenschaftlichen Fortschritts. Verteidiger nennen Kulturleistungen, humanitäres Engagement, Beiträge zu Wissenschaft und Menschenrechten sowie soziale Stabilisierung. Umstritten bleiben sowohl die empirische Gesamtbilanz als auch die Frage, ob Nützlichkeit überhaupt über Wahrheit entscheidet.