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Vernunft
Vernunft bezeichnet in der modernen Verwendung ein durch Denken bestimmtes geistiges menschliches Vermögen zur Erkenntnis. Der Schlaf der Vernunft gebiert …
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Begriff und Grundformen
Vernunft ist im modernen Sprachgebrauch das durch Denken bestimmte menschliche Vermögen zur Erkenntnis. Sie erschließt allgemeine Zusammenhänge, erkennt deren Bedeutung und stellt durch Schlussfolgerungen Regeln und Prinzipien auf. Davon wird häufig der Verstand unterschieden: Er erfasst einzelne Sachverhalte durch Beobachtung und Erfahrung und strukturiert Wahrnehmungen. In der Alltagssprache werden Vernunft und Verstand allerdings oft gleichbedeutend gebraucht.
Theoretische Vernunft bezeichnet den auf Erkenntnis und Wissenschaft gerichteten Gebrauch. Praktische Vernunft betrifft Handlungen, Werturteile und Moral; zu ihr gehört auch die Fähigkeit, den eigenen Willen anhand von Prinzipien zu bestimmen. Rationalität meint demgegenüber eine Form der Vernünftigkeit, die etwa auf wirtschaftliche Effizienz, Gerechtigkeit oder verständigungsorientierte Diskussion ausgerichtet sein kann.
Vernunft kann drei miteinander verbundene Bedeutungen haben: Erstens bildet sie einen systematischen Bezugsrahmen für Wissen und Erkenntnis. Zweitens bezeichnet sie vernünftiges Handeln und kann eine Ethik begründen, die sich nicht auf eine fremde Autorität beruft. Beispiele dafür sind das rechte Maß bei Aristoteles und der kategorische Imperativ bei Kant. Drittens kann Vernunft eine höhere Ordnung meinen, an der Mensch und Welt Anteil haben.
Entsprechend wird zwischen subjektiver und objektiver Vernunft unterschieden. Subjektive Vernunft ist das Vermögen eines einzelnen Menschen als „Vernunftwesen“. Als objektive Vernunft gilt ein die Welt ordnendes metaphysisches oder kosmologisches Prinzip, etwa Weltvernunft, Weltgeist, Logos oder Gott. Ob eine solche Weltvernunft existiert und wie sie beschaffen wäre, ist eine bedeutende Frage der Philosophiegeschichte.
Antike, Mittelalter und andere Traditionen
In der Antike unterschied Platon zwischen noesis und dianoia. Noesis ist das intuitive Schauen der Ideen und erkennt das Seiende in seinem Wesen; dianoia bezeichnet begriffliches, methodisches und schrittweise argumentierendes Erkennen.
Aristoteles unterschied den Logos, die denkende Vernunft als inneres Gespräch, von der Phronesis, der auf die Praxis gerichteten, handlungsleitenden Vernunft. Der Logos hilft, im Handeln das Mittlere der Tugend zu bestimmen. Der Mensch ist deshalb nicht nur ein Gemeinschaftswesen (zoon politikon), sondern auch ein Vernunftwesen (zoon logon echon). Den Nous verstand Aristoteles außerdem als allgemeines und unveränderliches Weltprinzip.
In der Stoa, die von Zenon begründet wurde, soll die Vernunft körperliche Triebe regulieren und ein ausgewogenes, von Affekten befreites und tugendhaftes Leben ermöglichen. Der Mensch ist Teil der Natur; vernünftig zu leben bedeutet daher, sich in deren kosmische Ordnung, den Logos, einzufügen.
Das europäische Mittelalter übersetzte noesis mit intellectus und dianoia mit ratio. Religion und Philosophie sollten zunächst miteinander verbunden werden. Augustinus zufolge verlangt Autorität Glauben und bereitet auf die Vernunft vor, während Vernunft zu Einsicht und Erkenntnis führt. Maßstab des Handelns war nun vor allem ein transzendenter göttlicher Wille. Petrus Damiani ordnete das Denken der göttlichen Autorität besonders stark unter und betrachtete die Philosophie als „Magd der Theologie“. Thomas von Aquin betonte dagegen, dass Irrtümer über die Welt auch zu falschen Vorstellungen von Gott führen könnten. Für ihn ist jedes Wollen schlecht, das von der Vernunft abweicht, unabhängig davon, ob diese richtig urteilt oder irrt.
In der Hochscholastik trennten Johannes Duns Scotus und Wilhelm von Ockham Glaubensüberzeugungen und Vernunft wieder stärker. Meister Eckhart und Martin Luther setzten intellectus mit Verstand und ratio mit Vernunft gleich; dabei galt der Verstand als Wesenserkenntnis gegenüber der schrittweise argumentierenden Vernunft als höheres Vermögen.
Verwandte Vorstellungen bestehen auch außerhalb Europas. Avicenna beschrieb in der islamischen Tradition die Vernunft als stetige Emanation, also als Hervorgehen aus Gott. Yoga und Zen betonen dagegen die Grenzen und Widersprüche der Vernunft und lehren Wege, sich von ihnen zu lösen.
Bildung, Aufklärung und Erkenntnisstreit
Nikolaus von Kues betrachtete Vernunft als besondere menschliche Fähigkeit, deren Kraft sich erst durch Bildung entfaltet. Wie ein geschulter Mensch aus Buchstaben Silben, Wörter und Sätze bildet, kann der Mensch natürliche Erkenntnisbilder zusammensetzen und trennen und daraus neue Erkenntniszeichen schaffen. In der Stufenfolge Sinne – Verstand – Vernunft bildet die Vernunft die höchste Ebene: Der Verstand ordnet die verschiedenen Sinneseindrücke, während die Vernunft das Ganze überschaut.
Die Einheit der Vernunft fasste Nikolaus von Kues als Dreiheit aus Erkennendem, Erkanntem und dem Vorgang des Erkennens. Der Intellekt vereinigt, was die schrittweise arbeitende Ratio trennt. Vernunft bedeutet dabei ein Ineinanderfallen der Gegensätze (Coincidentia oppositorum). Trotzdem bleibt sie begrenzt: Das Wesen Gottes ist für sie letztlich unzugänglich.
Die Aufklärung war von der Überzeugung geprägt, dass Vernunft Wahrheit ans Licht bringen und dogmatische Unterdrückung sowie bloßen Autoritätsglauben überwinden könne. Vernunftreligion sollte Freiheit und Wohlstand fördern. Der Rationalismus von Descartes, Spinoza und Leibniz verstand Vernunft als Grundlage eines „reinen“, von empirischer Erfahrung unabhängigen Erkennens. Durch sie sollten deduktive Erkenntnisse möglich sein, die ohne sinnliche Wahrnehmung gewonnen werden. Vernunft wurde dabei häufig mit Bewusstsein, Selbstbewusstsein oder Geist gleichgesetzt.
Der Empirismus, etwa bei David Hume, bestritt hingegen Erkenntnis a priori, also unabhängig von Erfahrung. Damit standen sich zwei Grundpositionen gegenüber: Für den Rationalismus liegt eine zentrale Erkenntnisquelle in der Vernunft selbst; für den Empirismus ist Erfahrung unverzichtbar.
Kant, Idealismus und Kritik
Immanuel Kant verband Ende des 18. Jahrhunderts Rationalismus und Empirismus in seiner kritischen Philosophie. Er bestimmte den Verstand als ein an Sinneseindrücke gebundenes und aposteriorisch, also auf Grundlage der Erfahrung, arbeitendes Erkenntnisvermögen. Die Vernunft ist dem Verstand übergeordnet: Sie prüft ihn, erkennt seine Beschränkungen und kann ihm Grenzen setzen.
Kant unterschied reine theoretische und praktische Vernunft. Theoretische Vernunft ist die Fähigkeit, Schlüsse zu ziehen, sich selbst zu prüfen und unabhängig von Erfahrung zu den apriorischen Vernunftideen Seele, Gott und Welt zu gelangen. Die Kritik der reinen Vernunft untersucht vor allem die Bedingungen und Grenzen der menschlichen Vernunft. Nach Kant stellt sie Fragen, die sie aufgrund ihrer eigenen Natur nicht vermeiden, aber auch nicht beantworten kann, weil diese ihre Fähigkeiten überschreiten. Praktische Vernunft setzt ethische Prinzipien, denen der Wille untergeordnet wird und die individuelles und gesellschaftliches Handeln leiten. Kant stellte außerdem der menschlichen Vernunft (intellectus ectypus) eine göttliche Vernunft (intellectus archetypus) gegenüber.
Hegel wollte sich mit Kants Begrenzung menschlicher Erkenntnis nicht abfinden. Er würdigte Vernunft als Grund der Freiheit, kritisierte Kant aber dafür, dem Subjekt nur Erkenntnis von Erscheinungen und nicht von den Dingen an sich zuzugestehen. Hegels absolute Vernunft ist das Vermögen, das Absolute in der Bewegung all seiner Momente zu begreifen. Sie verwirklicht sich in Geschichte und Natur als Zeitgeist und kehrt in ihre Einheit zurück. Weil sie keine Grenze habe und sich selbst erkenne, sei sie unendlich und absolut. Das Absolute ist für Hegel Gott beziehungsweise der absolute Geist; seine Erkenntnis gilt ihm als höchstes Ziel der Philosophie. Diese Verbindung von Vernunft und Geschichtsprozess wirkte besonders auf den Marxismus und verband Vernunft eng mit wirtschaftlichem, wissenschaftlichem, technischem und gesellschaftlichem Fortschritt.
Arthur Schopenhauer bestimmte dagegen den Verstand als Fähigkeit zur anschaulichen Erkenntnis und die Vernunft als Fähigkeit zum abstrakten, diskursiven Denken. Vernunft sei spezifisch menschlich, während auch höhere Tiere Verstand besitzen und teilweise mehrstufige Kausalzusammenhänge erfassen könnten. Da ihnen abstrakte Begriffe und Vorstellungen fehlten, könnten sie jedoch nicht vernunftmäßig denken. Schopenhauer warnte außerdem davor, dass Vernunft zum Organ leerer Spekulation werden könne.
Moderne Kritik und Verantwortung
Friedrich Engels beschrieb den Anspruch der Aufklärung, überlieferte Gesellschafts- und Staatsformen sowie traditionelle Vorstellungen als unvernünftig zurückzuweisen. Aberglaube, Unrecht, Privilegien und Unterdrückung sollten durch Wahrheit, Gerechtigkeit, natürliche Gleichheit und unveräußerliche Menschenrechte ersetzt werden.
Im 20. Jahrhundert stellte die Frankfurter Schule angesichts von Holocaust, Imperialismus und Industrialisierung die moderne Rationalität grundsätzlich infrage. Sie kritisierte einen durch Positivismus und Faktengläubigkeit geprägten Wissenschaftsbetrieb. Vernunft und Verstand seien zu Instrumenten der Unterdrückung geworden und hätten die in der Vernunft liegenden Kräfte zur Selbstbefreiung nahezu erstickt.
Jürgen Habermas stellte der „instrumentellen Vernunft“ von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer die „kommunikative Vernunft“ gegenüber. Sie entsteht zwischen Menschen in der Lebenswelt und beruht auf Herrschafts- und Gewaltfreiheit sowie gegenseitiger Anerkennung. Habermas fordert eine neue Stufe der Aufklärung und betrachtet das Projekt der Aufklärung als noch nicht vollendet.
Auch das Verhältnis von Vernunft und Glauben blieb ein Thema. Papst Johannes Paul II. behandelte es 1998 in seiner dreizehnten Enzyklika Fides et ratio aus römisch-katholischer Sicht. Papst Benedikt XVI. griff diese Gedanken in seiner Rede an der Universität Regensburg vom 12. September 2006 und in Aussagen zum katholischen Gottesbild auf.
Hans Jonas richtete Vernunft auf die Verantwortung für die Zukunft der Menschheit. Angesichts der Gefahr der Selbstvernichtung sei Selbsterhaltung die entscheidende vernünftige Forderung. In Das Prinzip Verantwortung formulierte er: „Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“
Neurowissenschaftliche Sicht
In den Neurowissenschaften wird Verstand mit fluider Intelligenz verbunden, also der Fähigkeit, logisch zu denken und Probleme zu lösen. Die dafür wichtigen neuronalen Strukturen befinden sich im dorsolateralen präfrontalen Cortex (DLPFC). Verletzungen dieses Hirnbereichs können zu „unintelligentem“ Verhalten führen: Betroffene halten beispielsweise an einem Verhalten fest, obwohl sich die Situation deutlich verändert hat.
Unter Vernunft versteht man hier Fähigkeiten, die für „vernünftiges Verhalten“ erforderlich sind. Dazu gehören das Abschätzen sachlicher und sozialer Folgen einer Handlung, das Festlegen erfahrungsgeleiteter Handlungsziele und die Kontrolle egoistischer Impulse. Die zugehörigen Strukturen werden vor allem im orbitofrontalen Cortex (OFC) verortet. Menschen mit Verletzungen dieses Bereichs zeigen häufiger „unvernünftiges“ Verhalten und gehen etwa trotz besseren Wissens große Risiken ein.
Daneben wird das Gehirn als Interpretationsorgan beschrieben, das eine stabile Vorstellung der Umwelt und der eigenen Lebenssituation erzeugen möchte. Es deutet die Welt und versucht, die unmittelbare Zukunft vorherzusagen, damit das Verhalten angepasst werden kann. Vernunft bedeutet in dieser Sicht die Fähigkeit, sich aufgrund individueller Erfahrungen an bestehende Umstände anzupassen.
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