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Ludwig Feuerbach | Religionskritik

Ethik-Abi by BOE11:16 106.016 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

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  1. Gibt es einen Gott oder hat der Mensch ihn nur erfunden? Diese Frage stellt sich der Religionskritiker Ludwig Feuerbach 1841 in seinem Werk „Das
  2. Wesen des Christentums“. Als Antwort entwickelt er seine berühmte Projektionstheorie, die spätere Religionskritiker
  3. wie Karl Marx, Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud nachhaltig beeinflusst hat. Ludwig Feuerbach (1804-1872) ist einer der berühmtesten Religionskritiker überhaupt.
  4. In seinem Hauptwerk „Das Wesen des Christentums“ (1841) entwickelt er eine fundamentale Religionskritik, in welcher er die christliche Religion - genauer die christliche Theologie und Philosophie
  5. - kritisiert. Vor seinem Philosophiestudium hat Feuerbach ein Jahr lang Theologie studiert.
  6. Seine hier erlangten theologischen Kenntnisse fließen ebenso in seine Religionskritik ein wie Gedanken der Aufklärung, Ideen seines Lehrers Georg Wilhelm Friedrich Hegel und
  7. das Werk Martin Luthers. Feuerbach schließt 1828 seine Promotion in Philosophie ab und habilitiert sich schon
  8. wenige Monate später. Ab 1829 lehrt er als Privatdozent an der Universität Erlangen.
  9. 1830 veröffentlicht er anonym seine religionskritische Schrift „Gedanken über Tod und Unsterblichkeit“. Auf Grund seiner religionskritischen Haltung kann Feuerbach seine Universitätslaufbahn
  10. nicht weiter fortsetzen und verfasst seine philosophischen Schriften später als Privatgelehrter auf dem Landsitz seiner Frau, von deren Einkünften er lebt.
  11. „Das Wesen des Christentums“ erscheint 1841 und macht ihn schlagartig berühmt. Das Werk sorgt für heftige Kontroversen.
  12. Seine sogenannte Projektionstheorie hat großen Einfluss auf spätere Religionskritiker, vor allem auf Karl Marx, Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud.
  13. Feuerbach entwickelt eine anthropologische Philosophie, die ihren Bezugspunkt ausschließlich im Diesseits hat.
  14. Seiner Ansicht nach soll man nur vom Menschen selbst ausgehen, nicht von einem göttlichen Wesen oder irgendeinem absoluten Prinzip.
  15. Diese anthropologische Perspektive nimmt er auch in Bezug auf Religion ein. Diese ist seiner Ansicht nach eindeutig menschlichen Ursprungs, eine Konstruktion des menschlichen
  16. Verstandes. Bei der Religion steht also kein höheres Wesen, sondern immer nur der Mensch im Mittelpunkt.
  17. Dementsprechend ist für Feuerbach die Theologie auch keine eigenständige Wissenschaft, sondern kann auf andere Wissenschaften zurückgeführt werden, die sich ebenfalls mit dem Menschen
  18. beschäftigen - etwa auf die Psychologie oder Anthropologie. Theologie - die Wissenschaft von Gott - ist seiner Ansicht nach Anthropologie - die Wissenschaft
  19. vom Menschen. Feuerbach prognostiziert mit dem Fortschreiten der Wissenschaft einen natürlichen Abfall
  20. des Menschen vom Glauben. Doch warum ist die Geschichte des Menschen immer mit einer göttlichen Vorstellung verbunden?
  21. Feuerbach erklärt Gott als eine Projektion des Menschen. Die Vorstellung von Gott ist dem menschlichen Geist entsprungen, Gott ist so beschaffen,
  22. wie ihn die Menschen sich wünschen. Gott existiert demnach nur in der Vorstellung, in der Einbildung des Menschen, und zwar als
  23. idealisiertes Abbild seiner selbst. In der Bibel heißt es: „Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde.“ Feuerbach verkehrt
  24. diese Aussage in ihr Gegenteil und kehrt damit den Schöpfungsprozess um. Nicht Gott schuf den Menschen, sondern der Mensch seinen Gott.
  25. „Was er (der Mensch) selbst nicht ist, aber zu sein wünscht, das stellt er sich in seinen Göttern seiend vor; die Götter sind die als wirklich gedachten, die in wirkliche Wesen
  26. verwandelten Wünsche des Menschen.“ (Bd. VIII, 250). Den Beweis hierfür sieht Feuerbach in den Eigenschaften, die Gott zugeordnet werden.
  27. Sie sind allesamt menschlicher Natur: Weisheit, Güte, Kraft, Gerechtigkeit, Liebe sind menschliche Eigenschaften.
  28. Feuerbach stützt seine Behauptung geschichtlich. Der historische Wandel der Götter- und Gottesbilder entspricht vollkommen dem Wandel der menschlichen
  29. Kultur und Menschenbilder. Die späteren Religionen betrachten dementsprechend die früheren als Götzendienst oder Aberglaube.
  30. Die Idee Gottes resultiert also aus dem Menschen selbst. Dieser macht sein eigenes Wesen in überhöhter Weise zu dem Gottes.
  31. Auf Gott werden dabei nur die positiven Eigenschaften des Menschen übertragen (Spiegelung). Negative Eigenschaften werden hingegen in ihr Gegenteil verkehrt (Komplementarität).
  32. Ist der Mensch endlich, so muss Gott unendlich sein; ist der Mensch unvollkommen, so muss Gott vollkommen sein; ist der Mensch zeitlich, so muss Gott ewig sein; ist der Mensch ohnmächtig,
  33. so muss Gott allmächtig sein; ist der Mensch sündhaft, so muss Gott heilig sein. So führt Feuerbach die Religiosität und das Göttliche allein auf den Menschen zurück.
  34. Religion ist nichts anderes als eine transzendierte Projektion menschlicher Wünsche und Bedürfnisse. Die Idee eines Gottes und anderer religiöser Vorstellungen (wie z.B. Wunder/ewiges Leben/
  35. unsterbliche Seele) sind nur das Ergebnis von Wunschprojektionen des Menschen. Religion entsteht also, weil der Mensch sein eigenes Wesen als fehlerhaft und beschränkt
  36. empfindet. In Gott kann er ein Wesen verehren, das fehlerlos und völlig unabhängig ist.
  37. Gottesverehrung lässt sich demnach auf psychologischer Ebene als menschlicher Kompensationsversuch für die eigenen Schwächen und Defizite deuten.
  38. Der unvollkommene Mensch erschafft sich ein vollkommenes Wesen als Gegenüber. Indem er jedoch einen Teil von sich auf ein nichtexistentes Wesen projiziert, entfremdet
  39. er sich von sich selbst. Und welche Konsequenzen soll der Mensch nun aus alldem ziehen?
  40. Für Feuerbach ist Religion kein Feind, der bekämpft werden muss, sondern ein Traum, aus dem der Mensch aufwachen soll, und eine Krankheit, die es zu heilen gilt.
  41. Der Mensch soll durchschauen, dass es sich bei der Vorstellung Gottes nur um eine Projektion seiner eigenen idealisierten Eigenschaften handelt.
  42. Es geht Feuerbach darum, den Gottesgedanken als Illusion zu enttarnen und zu entmystifizieren. Der Mensch soll erkennen, dass alles Übernatürliche natürliche Wurzeln hat und Gott nur eine
  43. Projektion menschlicher Wünsche und Hoffnungen ist. So kann sich der Mensch von der Religion emanzipieren.
  44. Diese ist laut Feuerbach nämlich nur ein Kindheitsstadium des menschlichen Selbstbewusstseins. Im Glauben an die Allmacht Gottes drückt sich beispielsweise der menschliche Wunsch
  45. aus, die Natur zu beherrschen. Im Glauben an einen liebevollen und fürsorglichen Gott der Wunsch nach einem respektvollen und
  46. solidarischen Zusammenleben. Der emanzipierte Mensch muss diese Wünsche als seine eigenen Wünsche erkennen, um sie
  47. als Orientierung für sein Handeln nutzen zu können. Religion führt laut Feuerbach zwangsläufig zu Gleichgültigkeit und Passivität, behindert
  48. Wissenschaft, Aufklärung, Mündigkeit und Freiheit, fördert Intoleranz gegen Nichtgläubige und verlagert die Verantwortung für das Leben weg vom Menschen.
  49. Denn der Glaube an Gott entfremdet Feuerbachs Ansicht nach die Menschen von sich selbst und verhindert, dass sie ihre wahren Interessen erkennen.
  50. Durch die Emanzipation von der Religion gewinnt der Mensch wieder Autonomie und Kontrolle über das Diesseits.
  51. Dann kann er auch den politischen Mächten, die ihre Macht auf Gott gründen, ihre Macht entziehen und selbst politische Verantwortung übernehmen.
  52. Feuerbach vertritt damit ein positives, sehr selbstbewusstes Menschenbild. Der eigentliche Gott des Menschen soll der menschliche Verstand sein.
  53. Denn dieser hat göttliche Eigenschaften, ist unsterblich und unbegrenzt. Anstatt sich mit religiösen Mythen zu beschäftigen, soll der Mensch sich auf seinen Verstand verlassen
  54. und nach der Wahrheit suchen. So kann er seine wahren Interessen erkennen und politisch mündig werden.
  55. Im Zentrum allen Denkens und Handelns steht also der Mensch. Die wichtigste Aufgabe des Menschen ist, seinen eigenen Verstand zu benutzen.
  56. Die wichtigste Aufgabe der menschlichen Gemeinschaft, für das Wohlergehen der Menschen zu sorgen. Damit vertritt Feuerbach einen radikalen Humanismus.
  57. Er schreibt: „Homo homini deus est.“ - „Der Mensch ist dem Menschen ein Gott.“ Ein wahrer Humanismus kann sich laut Feuerbach aber erst entfalten, wenn die ehemals Gott
  58. zugeschriebenen Eigenschaften wieder menschliche Ideale und Ziele einer humanen Lebensführung werden.
  59. Der Mensch soll für den Menschen das höchste Wesen werden, er soll vom Gottesfreund zum Menschenfreund werden.
  60. Das Prinzip der Moral ist für Feuerbach eine vom Gottes- und Jenseitsglauben befreite Liebe, eine Liebe zur menschlichen und nichtmenschlichen Natur.
  61. Es gibt einige Kritikpunkte, die man gegen Feuerbachs anthropologische Religionskritik vorbringen kann.
  62. Hier die wichtigsten drei. Zum einen ist sein Religionsbegriff recht einseitig.
  63. Feuerbach leitet sein Religionsbild aus dem Christentum ab und kritisiert demzufolge nur die christliche oder andere theistische Religionen.
  64. Erfahrungsreligionen wie zum Beispiel der Buddhismus bleiben von seiner Theorie unberührt. Somit wird Feuerbach der Differenziertheit und Komplexität des Phänomens Religion nicht
  65. wirklich gerecht. Das Christentum, das Feuerbach kritisiert, ist zudem sehr einseitig gezeichnet und umfasst
  66. nicht einmal alle Aspekte des christlichen Gottesbildes. Die Vorstellung eines richtenden, zornigen, ungerechten Gottes, wie er stellenweise im
  67. Alten Testament beschrieben wird, lässt sich mit einer Projektion wünschenswerter Eigenschaften nicht erklären.
  68. Zudem schließt die Existenz als Projektion eine tatsächliche Existenz nicht aus. Feuerbach kann nicht widerlegen, dass Gott jenseits meiner Wünsche und Illusionen tatsächlich
  69. existiert. Der deutsche Philosoph Eduard von Hartmann (1842-1906) brachte diese Kritik folgendermaßen
  70. auf den Punkt: “Es ist richtig, dass etwas darum noch nicht existiert, weil man es sich wünscht, aber das heißt nicht, dass darum etwas nicht existieren
  71. kann, weil man es sich wünscht. Wenn die Götter Wunschwesen sind, folgt daraus für ihre Existenz oder Nichtexistenz gar
  72. nichts.“ Bis heute konnte weder die Existenz noch die Nicht-Existenz eines Gottes bewiesen werden.
  73. Auf dem Gedenkstein zu Ehren Feuerbachs in Nürnberg stehen zwei berühmte Zitate von ihm: „Tue das Gute um des Menschen willen.“ Und: „Der Mensch schuf Gott nach seinem
  74. Bilde.“ Was hältst du persönlich von Feuerbachs Theorie?
  75. Ist Gott tatsächlich nur eine Projektion menschlicher Wünsche? Schreibe deine Meinung sehr gerne unten in die Kommentare.
  76. Mit dem Quizlet-Lernset „Ludwig Feuerbach (Klassische Religionskritik)“ kannst du dein Wissen jetzt überprüfen.
  77. Viel Spaß beim Lernen und bis bald!

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