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Ludwig Feuerbach
Ludwig Andreas Feuerbach (* 28. Juli 1804 in Landshut, Kurfürstentum Bayern; † 13. September 1872 in Rechenberg bei Nürnberg) war ein deutscher Philosoph, …
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Bedeutung und Lebensweg
Ludwig Andreas Feuerbach (28. Juli 1804 in Landshut – 13. September 1872 in Rechenberg bei Nürnberg) war ein deutscher Philosoph. Seine Kritik an Religion und Deutschem Idealismus machte ihn zu einer wichtigen intellektuellen Figur des Vormärz. Er deutete Religion als Anthropologie, also als Lehre vom Menschen, und vertrat eine auf das diesseitige menschliche Leben bezogene Ethik.
Feuerbach begann 1823 in Heidelberg protestantische Theologie zu studieren, wechselte 1824 in Berlin zur Philosophie und hörte dort zwei Jahre lang sämtliche Vorlesungen Georg Wilhelm Friedrich Hegels. 1828 promovierte und habilitierte er sich in Erlangen. Seine anonym erschienene Schrift Gedanken über Tod und Unsterblichkeit (1830) wurde wegen ihrer Religionskritik verboten; danach war seine akademische Laufbahn praktisch beendet.
Seit 1837 lebte er mit seiner Frau Bertha Löw in Bruckberg. Dort entstanden seine entscheidenden Werke, besonders Das Wesen des Christentums (1841), Vorläufige Thesen zur Reformation der Philosophie und Grundsätze der Philosophie der Zukunft (1843). 1848 hielt er im Heidelberger Rathaus Vorlesungen über das Wesen der Religion vor etwa 250 Zuhörern. Nach dem Bankrott der Bruckberger Porzellanfabrik zog er 1859 nach Rechenberg. Er trat 1869 der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) bei. Ein schwerer Schlaganfall am 20. Juli 1870 zerstörte sein geistiges Vermögen; er starb 1872 an einer Lungenentzündung.
Religion als Ausdruck des Menschen
Feuerbachs wichtigste Schrift ist Das Wesen des Christentums von 1841. Seine Religionskritik ist „kritisch-genetisch“: Sie will Religion nicht bloß als Unsinn oder Aberglauben abtun, sondern ihre menschliche Entstehung und ihren Inhalt erklären. Feuerbach wollte die Religion zunächst in ihrer Eigenart zu Wort kommen lassen: „Ich aber lasse die Religion sich selbst aussprechen; ich mache nur ihren Zuhörer und Dolmetscher, nicht ihren Souffleur.“
Religion ist für ihn „identisch … mit dem Bewusstsein des Menschen von seinem Wesen“. Der Mensch erlebt Fähigkeiten und Bedürfnisse wie Wille, Liebe, Herz, Empfindung oder Phantasie als mächtiger und umfassender als das einzelne Individuum. Er hypostasiert sie, das heißt: Er macht aus ihnen ein eigenständiges Wesen, setzt sie „aus sich hinaus“ und verehrt sie als Gott. Daher lauten Feuerbachs zentrale Sätze: „Die Religion ist die Reflexion, die Spiegelung des menschlichen Wesens in sich selbst“, „Gott ist der Spiegel des Menschen“ und „Gott ist das offenbare Innere, das ausgesprochene Selbst des Menschen.“
Religiöse Aussagen enthalten somit nach Feuerbach menschliche Werte in bildhafter Form. Beispielsweise bedeutet „Gott liebe den Menschen“: „Das Höchste ist die Liebe des Menschen“. Das „Geheimnis des leidenden Gottes“ besagt: „Leiden für andere ist göttlich“. Feuerbach verwendete selbst nicht den später häufig benutzten Begriff „Projektion“; ihm ging es nicht nur um einen Irrtum, sondern darum, den in religiösen Bildern verdeckten menschlichen Inhalt freizulegen und für das Zusammenleben nutzbar zu machen.
Schon zuvor hatte er einen persönlichen Gott und die Unsterblichkeit abgelehnt. In Gedanken über Tod und Unsterblichkeit erklärte er den Tod als vollständige Auflösung des Menschen und als Bedingung einer ungeteilten Bejahung des Lebens. In seiner aufklärerischen Kritik stellte er Religion und Wissenschaft als gegensätzliche Geisteshaltungen dar: Wissenschaft erkennt Vernunft und Naturgesetzlichkeit als Erkenntnisinstanz an; dogmatischer Glaube wehrt Einsprüche der Vernunft ab.
Sinnlichkeit, Natur und neue Philosophie
Feuerbach war zunächst Hegelianer und Idealist. Er vertraute auf eine allen Menschen gemeinsame Vernunft und meinte, sie könne Wirklichkeit begrifflich erfassen. Später wandte er sich gegen Hegels spekulative Philosophie. Diese setzt die Identität von Denken und Sein voraus: Das logisch-begriffliche Denken soll die Welt zutreffend darstellen und letztlich Selbstentfaltung eines Weltgeistes sein. Feuerbach nannte dies „rationale Theologie“, weil hinter dem absoluten Geist das christliche Gottesbild stehe.
Stattdessen forderte er eine „neue Philosophie“, die Sinnlichkeit anerkennt. Sinnlichkeit bedeutet hier das den Sinnen Gegebene, die konkrete Erfahrung von Menschen, Dingen und Natur. Sie ist für Feuerbach die „erste Wirklichkeit“; Denken darf nicht bei abstrakten Begriffen beginnen, sondern muss sich der objektiven Wirklichkeit stellen. Seine Formel lautet: „Die wahre Dialektik ist kein Monolog des einsamen Denkers mit sich selbst, sie ist ein Dialog zwischen Ich und Du.“ Erkenntnis entsteht, wenn das Ich auf ein anderes Wesen trifft, das Widerstand leistet und es zugleich über sich hinausführt.
Diese Philosophie ist Humanismus und Materialismus, weil sie nichts Übersinnliches oder Übernatürliches als Grundlage annimmt. Feuerbach lehnte jedoch einen platten Materialismus ab, der nur Materie gelten lässt. Seine Position wird deshalb „anthropologischer Materialismus“ genannt: Sie untersucht menschliche Phänomene vom Gesichtspunkt des menschlichen Lebens. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse akzeptierte er, betonte aber zugleich, dass das bewusste menschliche Wesen „dem Range nach“ das Erste sei. Mit dem Satz „der Mensch ist, was er isst“ verwies er zustimmend auf die Bedeutung von Ernährung, Stoffwechsel und körperlich-seelischem Wohlbefinden.
Auch in seiner Philosophiegeschichtsschreibung betonte Feuerbach Natur und Erfahrung. Er ließ die neuere Philosophie mit Francis Bacon beginnen, weil dieser systematisch gesammeltes Erfahrungswissen und Naturwissenschaften zur „Grundlage alles Wissens“ erhoben habe. Gegen den Dualismus, der Geist als primär und Natur als bloß sekundär behandelt, sprach er der Natur ein Eigenrecht zu.
Ethik und Willensfreiheit
Feuerbachs Ethik gründet auf dem angeborenen „Glückseligkeitstrieb“, dem Streben nach Wohlsein und Glück. Dieser sei der „Ur- und Grundtrieb alles dessen, was lebt und liebt, was ist und sein will“. Auch der Wille ist für Feuerbach wesentlich auf Wohlsein gerichtet: „Wille ist Glückseligkeitswille.“ Selbst scheinbar gegenteilige Haltungen, etwa Askese oder Selbstmord, deutete er noch im Verhältnis zu diesem Grundtrieb.
Das erste und einzige Prinzip der Moral lautet: Dem eigenen Recht auf Glückseligkeit entspricht das Recht des anderen auf Glückseligkeit. Gut und Böse sind keine metaphysischen Werte: „Es gibt kein anderes Kennzeichen für Bösesein als Übeltun, kein anderes für Gutsein als Wohltun.“ Moral beruht darauf, dass Menschen von Anfang an Güter des Lebens teilen müssen und dadurch Zusammengehörigkeit, Verträglichkeit und Gemeinschaftlichkeit entwickeln. Feuerbach wandte sich daher gegen Kants Pflichtethik, wenn sie Pflicht und Glückseligkeit als grundsätzlich getrennt behandelt.
Moral verlangt menschenwürdige materielle Lebensverhältnisse. Unter Bedingungen, in denen das zum Leben Notwendige fehlt, sei auch der Moral „aller Spielraum genommen“. Deshalb forderte Feuerbach: „Wollt ihr daher der Moral Eingang verschaffen, so schafft vor allem die ihr im Wege stehenden, materiellen Hindernisse hinweg!“
Willensfreiheit lehnte Feuerbach nicht vollständig ab, setzte ihr aber Grenzen. Der Wille ist durch natürliche Bedürfnisse und durch den individuellen Charakter geprägt. „Mein Wesen ist nicht Folge meines Willens, sondern umgekehrt mein Wille Folge meines Wesens.“ Menschen wollen daher nicht beliebig, sondern entsprechend ihrer jeweiligen Veranlagung; die eigene Neigung darf nicht zum allgemeinen Maßstab für andere werden.
Wirkung und politische Bedeutung
Im Vormärz galt Feuerbach, besonders nach Das Wesen des Christentums, als intellektuelle Leitfigur der oppositionellen und linkshegelianischen Bewegung. Friedrich Engels schrieb 1886 rückblickend über die Wirkung des Buches: „Die Begeisterung war allgemein: Wir waren alle momentan Feuerbachianer.“ Feuerbach selbst war politisch fortschrittlich eingestellt, misstraute aber einer unmittelbaren Umsetzung philosophischer Theorien in Politik und sah im französischen Sozialismus auch Risiken von Fanatismus und Despotismus.
Karl Marx übernahm von Feuerbach Religionskritik und anthropologischen Materialismus. Marx kritisierte jedoch, Feuerbach richte sich zu stark auf Natur und zu wenig auf Politik. Während Feuerbach den Menschen vor allem als Natur- und Sinnenwesen deutete, verstand Marx das menschliche Wesen als „Ensemble der menschlichen Verhältnisse“ und betonte Praxis, gesellschaftliche Veränderung und Kritik der Ökonomie.
Feuerbach wirkte außerdem auf Naturwissenschaftler und Mediziner wie Carl Vogt, Jakob Moleschott und Ludwig Büchner, die Naturvorgänge ohne übernatürliche Ursachen erklären wollten. Seine Religionsdeutung und sein Ausgang von menschlichen, objektiv untersuchbaren Phänomenen machen ihn zu einem Wegbereiter der Humanwissenschaften, etwa von Psychologie, Soziologie und Ethnologie. In der Psychoanalyse wird sein Beitrag als mittelbar, aber bedeutsam beschrieben. Seit den späten 1950er Jahren erhielt seine Philosophie wieder mehr Aufmerksamkeit; 1987 wurde die Internationale Gesellschaft der Feuerbach-Forscher gegründet.