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Barockmusik

Die Barockmusik bildet eine Epoche in der Geschichte der abendländischen Kunstmusik, die an die Renaissance anschließt und sich vom Beginn des 17. bis etwa …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundlagen und Epochenrahmen
  2. 2. Musikalische Sprache
  3. 3. Instrumente und Aufführung
  4. 4. Musikleben und gesellschaftliche Räume
  5. 5. Gattungen und Funktionen
  6. 6. Theorie, Wirkung und Wiederentdeckung

Grundlagen und Epochenrahmen

Barockmusik ist eine Epoche der abendländischen Kunstmusik. Sie schließt an die Renaissance an und reicht vom Beginn des 17. Jahrhunderts bis etwa zur Mitte des 18. Jahrhunderts. Häufig wird das Todesjahr Johann Sebastian Bachs, 1750, als Endpunkt genannt; die Abgrenzung ist aber nicht eindeutig, weil sich Stile und Gattungen allmählich wandelten.

Zentrale Merkmale sind die Affektdarstellung, der stile concertato und der Generalbass. Affektdarstellung bedeutet, dass Musik bestimmte Gemütszustände wie Trauer, Freude oder Erregung ausdrücken und beim Hörer hervorrufen soll. Stile concertato meint das Zusammenwirken oder Gegeneinander verschiedener Klanggruppen. Generalbass bezeichnet eine Bassstimme, oft mit Ziffern versehen, aus der Akkorde improvisierend ausgeführt werden; deshalb wurde für die Epoche auch der Ausdruck „Generalbasszeitalter“ vorgeschlagen.

Um 1600 markieren die Monodie und die Oper in Italien den Beginn des Barock. Monodie ist ein ausdrucksvoller Sologesang oder eine Solo-Instrumentalstimme mit Begleitung. Wichtige frühe Namen sind Claudio Monteverdi, Girolamo Frescobaldi und Heinrich Schütz. Ab etwa 1640 spricht man vom Hochbarock, in dem die Musik in Italien lyrischer und formal glatter wird; wichtige Komponisten sind Francesco Cavalli, Giacomo Carissimi und Arcangelo Corelli. In Frankreich entsteht mit Jean-Baptiste Lully ein eigener Stil, in dem Tanz und kontrollierter Ausdruck besonders wichtig sind. Ab etwa 1690 wird im Spätbarock die Verbindung nationaler Stile bedeutsam, etwa bei François Couperin, Georg Philipp Telemann und Georg Friedrich Händel. Antonio Vivaldi prägte die Ritornellform, Jean-Philippe Rameau legte 1722 mit dem Traité de l’Harmonie die erste Harmonielehre vor, und Domenico Scarlatti weist mit seinen Cembalosonaten bereits auf die Klassik voraus.

Musikalische Sprache

Barockmusik ist stark von Theatralisierung, Rhetorik und Symbolik geprägt. Musik sollte nicht nur klingen, sondern darstellen, überzeugen und überwältigen. Komponisten verwendeten wiederkehrende musikalische Figuren als eine Art Ausdrucksvokabular. Bildhafte Effekte konnten Textinhalte direkt hörbar machen; auch Zahlensymbolik und Notenbilder konnten Bedeutung tragen, etwa wenn ein Dreiklang mit der Dreieinigkeit Gottes verbunden wurde.

Charakteristisch ist das Nebeneinander von prima pratica und seconda pratica. Prima pratica bezeichnet den älteren, regelhaften polyphonen Stil. Seconda pratica bezeichnet den neueren Stil, in dem die musikalische Textausdeutung wichtiger sein kann als strenge Satzregeln. Dadurch wuchs das Stilbewusstsein der Komponisten, und die Zahl der Gattungen nahm stark zu.

Die Monodie brachte einen neuen, affektgeladenen Sologesang hervor. Im monodischen Sprechgesang wurden Chromatik, Dissonanzen, Sprünge, wechselnde Notenwerte und Wortwiederholungen genutzt, um Gefühle auszudrücken. In der Oper entwickelte sich daraus der Belcanto, also ein auf schönen, pathetischen und virtuosen Vokalklang gerichteter Gesangsstil. Dazu gehörten Verzierungen, Improvisation, ungewöhnliche Klangfarben und die wichtige Rolle von Kastraten.

Auch die Instrumentalmusik löste sich stärker von der Vokalmusik. Ab etwa 1600 wurden Instrumente immer spezifischer eingesetzt; die Komposition richtete sich stärker nach ihren jeweiligen Möglichkeiten. Kontraste wurden wichtig, besonders im konzertierenden Prinzip. Daraus entwickelten sich Formen wie das Concerto grosso, in dem eine kleine Solistengruppe, das Concertino, mit dem Orchester, Tutti oder Ripieno, abwechselt, und später das Solokonzert mit einem einzelnen Solisten.

Formen wie Da-capo-Arie, Ritornellform und Ostinato zeigen das barocke Interesse an Wiederkehr und zyklischer Ordnung. Der Rhythmus konnte entweder sehr frei sein, etwa im Rezitativ oder in der Toccata, oder sehr gleichmäßig. Die Harmonik entwickelte sich in Richtung Dur-Moll-Tonalität: Die älteren Kirchentonarten wurden auf Dur und Moll reduziert, und Tonika, Dominante und Subdominante wurden zu wichtigen Orientierungspunkten. Dissonanzen wurden zunehmend als Spannungen innerhalb von Akkorden verstanden, die eine harmonische Bewegung antreiben.

Instrumente und Aufführung

Viele heute bekannte Instrumente wurden in der Barockzeit entwickelt oder erhielten wichtige Formen. Barockinstrumente klangen jedoch anders als moderne: Streichinstrumente hatten Darmsaiten, und Barockviolinen wirkten im Vergleich zu späteren Bauformen weicher, leiser und weniger strahlend. Um 1700 bildete sich eine Orchesterbesetzung heraus, die auch in der Wiener Klassik üblich blieb: Streicher mit basso continuo sowie je nach Bedarf Holz- und Blechbläser.

Bei den Streichinstrumenten gewann die Violine gegenüber der Gambe an Bedeutung, weil sie tragfähiger und lauter war. Bratsche und Violoncello waren ebenfalls in Gebrauch; berühmte Geigenbauer waren Nicola Amati, Andrea Guarneri und Antonio Stradivari. Bei den Blasinstrumenten standen Zink und Blockflöte zunächst hoch im Kurs; ab dem späten 17. Jahrhundert wurden Oboe, Fagott und Chalumeau wichtiger, später auch die Klarinette. Trompeten und Pauken blieben Herrschaftssymbole. Bei den Zupfinstrumenten spielten Laute, Theorbe, Harfe, Mandoline und Gitarre eine Rolle. Tasteninstrumente wie Cembalo, Orgel, Spinett und Clavichord wurden für Solomusik, Improvisation und Generalbass verwendet.

Die Aufführungspraxis war flexibler als in späteren Zeiten. Kompositionen galten nicht als unantastbare Werke eines Originalgenies. Besetzung, Umfang und Verzierungen konnten an Ort, Anlass und Ausführende angepasst werden. Sänger brachten eigene Arien mit, Teile wurden ausgelassen oder ersetzt. Tempo, Artikulation, Dynamik, Vibrato und Ornamentik wurden häufig nicht vollständig notiert, sondern nach Regeln, Konventionen und Geschmack ergänzt.

Für das Tempo galt ein proportionales System mit einem Grundschlag, der battuta. Bezeichnungen wie Adagio, Grave, Allegro und Presto wurden im 17. Jahrhundert zu Tempoangaben. In der französischen Inégalité wurden gleich notierte Tonpaare ungleich gespielt. Artikulation kannte vor allem Bindebogen und Punkt; fehlten Zeichen, war eine nicht gebundene Grundartikulation anzunehmen. Ornamente wie Triller, Mordent, Vorschlag, Nachschlag, Doppelschlag, Acciaccatura und Arpeggio waren ein wesentlicher Teil der Musik.

Musikleben und gesellschaftliche Räume

Barockmusik diente vor allem der Repräsentation von Adel und Kirche. Musiker waren meist fest angestellt oder zunftähnlich organisiert. Komponieren war selten ein eigener Hauptberuf, sondern gehörte zu Tätigkeiten von Kapellmeistern, Konzertmeistern, Kantoren, Organisten oder Instrumentalisten. Erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der Typ des musikalischen Unternehmers deutlicher, während das Bürgertum stärker am Musikleben teilnahm.

Am Hof war Musik ein wichtiger Teil von Machtinszenierung. Aufführungsorte waren Kammer, Kirche und Theater. Der Kapellmeister organisierte Personal, Repertoire, Proben und Aufführungen; der Konzertmeister war meist stärker auf Instrumentalmusik spezialisiert. Am französischen Hof Ludwigs XIV. stand Jean-Baptiste Lully als „Surintendant“ an der Spitze eines hierarchischen Musikbetriebs. Sänger konnten hohe Anerkennung erreichen, doch Hofmusiker niedrigeren Rangs mussten teilweise auch außermusikalische Dienste leisten.

In Städten wirkten Stadt- und Ratsmusiker bei Repräsentation, Kirchenmusik und privaten Festen mit. Musikgesellschaften wie das Collegium musicum entstanden. In Italien wurden Konservatorien und Ospedali wichtige Ausbildungsorte; in venezianischen Ospedali erreichten vor allem weibliche Waisen im 18. Jahrhundert instrumentale Virtuosität. In der Kirche waren Kantoren und Organisten zuständig, die auch Ausbildung und Organisation übernahmen.

Frauen hatten im Barock zahlreiche Rollen: als Komponistinnen, Musikerinnen, Sängerinnen, Hörerinnen, Mäzeninnen, Sammlerinnen, Instrumentenbauerinnen, Tänzerinnen und Druckerinnen. Da viele feste Anstellungen Frauen kaum zugänglich waren, wurden besonders Frauen aus Adel, Klöstern oder einflussreichen Familien bekannt. Francesca Caccini, Barbara Strozzi, Isabella Leonarda und Élisabeth Jacquet de La Guerre konnten Werke veröffentlichen oder aufführen lassen. Von der Kirchenmusik waren Frauen meist ausgeschlossen, mit Ausnahmen in Frauenklöstern und in den venezianischen Ospedali.

Gattungen und Funktionen

Barockmusik wurde nach Funktionsbereichen geordnet: Kirchenmusik, Theatermusik und Kammermusik. Christoph Bernhard verband damit Stile: stylus gravis für die Kirche, stylus luxurians communis für die Kammer und stylus luxurians teatralis für das Theater. Die Grenzen waren durchlässig, denn manche Instrumentalwerke konnten sowohl im weltlichen als auch im geistlichen Raum erklingen.

In der Kirche gehörten Gemeindegesang, Orgelmusik, Messe, Requiem, Motette, geistliches Konzert, Kantate, Passion, Historia, Vesper, Litanei, Te Deum und Oratorium zu den wichtigen Formen. Die Messe gliederte sich in das Ordinarium Missae mit Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus mit Benedictus und Agnus Dei sowie das Proprium Missae, das sich nach Kirchenjahr oder Festtag richtet. Die evangelische Kirchenkantate entwickelte sich aus geistlichem Konzert, Choral und Arie; in der Bach-Forschung wurde der Begriff Kantate später besonders prägend. Das Oratorium entstand im katholischen Umfeld der Gegenreformation als außerliturgische, nicht szenische Gattung mit neu gedichtetem Text und mehreren Personen.

Das Theater wurde besonders durch die Oper geprägt. Die Oper entstand um 1600 in Italien und unterscheidet sich von älteren Schauspielen mit Musik durch komponierten Dialog, musikalische Darstellung von Gefühlen und Menschen sowie Gegensätze zwischen offenen und geschlossenen Formen. In Italien entwickelten sich später Opera seria und Opera buffa. In Frankreich blieb der Tanz zentral, etwa in der Tragédie lyrique, im Opéra-ballet und in der Comédie-ballet. In England hielten sich gesprochene Dialoge länger, etwa in Masque, Antimasque und Semi-Opera; in Spanien verband die Zarzuela gesprochene und gesungene Texte.

In der Kammermusik waren Kammerduett, Kammerkantate, Serenata, Barocklied, Tänze, Variationen und Charakterstücke wichtig. Suiten fassten Tänze zusammen, besonders häufig in der Folge Allemande – Courante – Sarabande – Gigue. Bei Ensemblegattungen wie Canzone, Sonata, Sinfonia und Concerto waren die Grenzen im 17. Jahrhundert oft fließend; im Spätbarock gewann das Concerto als Form mit hervortretender Melodielinie und oft kontrastierenden Klanggruppen besondere Bedeutung.

Theorie, Wirkung und Wiederentdeckung

Die barocke Musiktheorie verband ältere Vorstellungen von Konsonanz, Zahl und göttlicher Ordnung mit neuen Erklärungen musikalischer Wirkung. Konsonanzen galten seit dem Mittelalter als wohlklingende Zusammenklänge; Oktave im Verhältnis 1:2 und Quinte im Verhältnis 2:3 waren besonders vollkommen. Vorstellungen von Sphärenmusik und Sphärenharmonie deuteten Musik als Abbild kosmischer Ordnung. Daneben traten empirischere Ansätze, etwa bei Isaac Beeckman, der 1614 Konsonanz aus der Wahrnehmung des Menschen erklärte.

Affekte und Rhetorik wurden zu wichtigen theoretischen Themen. Musik sollte Gefühle rational beschreibbar ausdrücken können. Andreas Werckmeister hielt es 1686 für sinnvoll, Dissonanzen zu verwenden, um etwas Trauriges einzuführen. Johann Mattheson beschrieb musikalische Gedanken als Träger eines Affekts; der spätere Begriff „Affektenlehre“ bezeichnet jedoch keine einheitliche barocke Lehre. Musikalische Rhetorik wurde vor allem im deutschen Sprachraum diskutiert, unter anderem in Joachim Burmeisters Musica poetica von 1606.

Die Barockmusik steht in engem Bezug zu anderen Künsten des Barock. Wie Architektur, Malerei, Skulptur, Theater und höfisches Fest zielte sie auf Affektdarstellung, Glanz, Repräsentation, Dramatisierung und Überwältigung. In Oper und höfischem Fest verbanden sich Literatur, Schauspiel, Musik, Tanz, Kostüme und Bühnenbild zu einer illusionistischen Gesamtwirkung.

Viele Werke der Barockmusik gerieten nach ihrer Entstehungszeit in Vergessenheit; Händels Oratorien waren eine wichtige Ausnahme. Nach 1800 begann eine Wiederbelebung. Raphael Georg Kiesewetter sammelte etwa 1200 Partituren von 500 Komponisten. 1829 führte Felix Mendelssohn Bartholdy Bachs Matthäuspassion wieder auf. Johannes Brahms brachte 1864 Musik von Heinrich Schütz zur Aufführung. Antonio Vivaldi wurde erst um 1950 breiter populär, besonders durch Die vier Jahreszeiten auf LP. Im 20. Jahrhundert wurde die historische oder historisch informierte Aufführungspraxis prägend; Michael Praetorius’ Syntagma musicum von 1620 wurde dabei eine wichtige Quelle für historische Instrumente und ihre Spielweise.

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