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Barock
Das Barock entwickelte sich etwa ab der Mitte des 16. Jahrhunderts aus der Renaissance. · Parallel zu Architektur und Kunst schuf man im Barock auch Regeln und …
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Epoche und Grundidee
Der Barock ist eine Epoche der Kunst- und Kulturgeschichte. Er begann nach dem Manierismus zu Beginn des 17. Jahrhunderts, in manchen vom Dreißigjährigen Krieg betroffenen Gebieten später, und dauerte je nach Region und besonders auf dem Land bis ins letzte Drittel des 18. Jahrhunderts. Üblich ist die Einteilung in Frühbarock (bis etwa 1650), Hochbarock (etwa 1650–1700), Spätbarock (etwa 1700–1730) und Rokoko (etwa 1730–1760/70). Spätbarock und Rokoko werden heute oft gleichgesetzt; besonders im süddeutschen Raum wird das Rokoko aber auch eigenständig bewertet. Danach folgte der strengere Klassizismus.
Italien war Vorreiter; von dort verbreitete sich der Stil in unterschiedlichen Formen über Europa und die Welt. Barocke Kunst wirkt feierlich, ausdrucksstark und bewegt. Sie ist häufig von großer Pracht geprägt und betrifft Architektur, Bildhauerei, Malerei, Musik, Literatur, Theater, Philosophie sowie die Gestaltung des Alltags. In Frankreich entwickelte sich unter Ludwig XIV. ein gemäßigterer, stärker klassizistischer Barock, der classicisme. Schloss Versailles wurde zum Vorbild vieler späterer Residenzen.
Ein Leitgedanke ist das Gesamtkunstwerk: Architektur, Plastik, Malerei, Ausstattung, Garten und Zeremoniell sollen ein harmonisches Ganzes bilden. In Kirchen gehen etwa Stuckfiguren, Wolken oder Vorhänge optisch in Deckenbilder über; Säulen können sich dort als Scheinarchitektur fortsetzen. Auch der Park gehört dazu, etwa in Versailles mit Wasserspielen, Kanal, Bosketten, Blumenrabatten und Statuen.
Der Barock löste die auf Ruhe und Einheit zielende Renaissancekunst ab. Er bevorzugt Illusion, Fiktion, Täuschung, Verkleidung, Ornamente, Paradoxa und Metamorphosen. Typisch sind Symmetrie, vor- und rückspringende Fassadenteile, prunkvolle Mittelportale sowie konkav-konvexe Schwünge. Figuren in Gemälden und Skulpturen erscheinen oft stark bewegt. Barock war zugleich eine Kunst der Fürsten und der katholischen Gegenreformation: Absolutistische Macht und kirchliche Überzeugung sollten durch überwältigende Architektur und Ausstattung sichtbar werden.
Bauten, Räume und Ausstattung
Barocke Architektur dient vor allem Adel und katholischer Kirche als Repräsentationsarchitektur. Die Grundrisse bleiben meist symmetrisch, doch geschwungene Formen prägen Grundrisse, Fassaden und Dekor. Innenräume sollen durch Größe, Lichtwirkungen und kostbare Ausstattung beeindrucken. Als frühes Beispiel einer geschwungenen Konkav-Konvex-Fassade gilt Francesco Borrominis Kirche San Carlo alle Quattro Fontane in Rom.
Im Schlossbau entstanden neue Raumtypen. Die italienische sala terrena ist ein ebenerdiger Saal, meist unter dem Festsaal, der Innenraum und Garten verbindet; ihr Vorbild war die kühle Grotte. Das französische Appartement ist eine Wohneinheit der Herrscherfamilie mit ein oder zwei Vorzimmern, Schlafzimmer, Salonräumen sowie Räumen für Gefolgschaft und Leibwache. Dazu kommen Audienzzimmer und Paradebetten. Wichtig wurden Fest- und Bibliotheksräume sowie die Galerie: ein langer, schmaler Verbindungsgang mit Gemälden, Statuen und Spiegeln. Die Spiegelgalerie von Versailles wurde zum Vorbild. Auch Treppenhäuser erhielten große Bedeutung; sie erstreckten sich durch mehrere Geschosse, waren kostbar ausgestattet und oft mit Deckengemälden versehen. Für das Entgegengehen auf der Treppe galt ein genaues Zeremoniell nach sozialem Rang.
In der Innendekoration herrschten Farben- und Formenreichtum. Farbiger Marmor wurde für Säulen, Böden, Wände und Türrahmen genutzt; Kunstmarmor heißt Scagliola. Weniger repräsentative Räume erhielten Holzvertäfelungen, sogenannte Boiserien, teils mit Einlegearbeiten und vergoldetem Schnitzwerk. Deckenmalerei zeigte Allegorien oder illusionistische Scheinarchitektur. Große Fresken bedeckten später oft die gesamte Gewölbefläche. In Italien waren Marmor- und Steinböden üblich, in Zentral- und Nordeuropa wärmeres Holzparkett. In Versailles ersetzte man kalte Marmorböden bald durch Holzböden. Tapisserien, Teppiche, Seiden- und Brokatbespannungen sowie teils vergoldete Ledertapeten steigerten Wärme und Pracht.
Barockmöbel entwickelten sich regional verschieden. Zunächst dominierten in Italien schwere, später stärker geschwungene Formen. In Frankreich wurden reich verzierte Kommoden und Tische wichtig. Marqueterie bezeichnet Bilder und Ornamente aus verschiedenfarbigen Hölzern oder anderen Materialien; die Boulle-Technik arbeitete unter anderem mit Hölzern, Schildpatt und vergoldetem Messing. Kabinettschränke waren kleine, kostbar ausgestattete Schränke. Möbelbeine konnten geschnitzt sein und Tiermotive tragen. Betten hatten oft Pfosten, Baldachin und Vorhänge, um gegen Kälte und Zugluft zu schützen. Fayence und Porzellan aus China und Japan sowie später aus europäischen Manufakturen waren begehrt.
Bildende Kunst und Garten
Skulptur, Malerei und Stuckatur sind im Barock eng mit Architektur und Garten verbunden. Skulpturen schmücken Fassaden, Portale, Altäre, Innenräume und Parks. Sie zeichnen sich durch Bewegungsreichtum, dramatischen Ausdruck und ein starkes Licht-Schatten-Spiel aus; freistehende Figuren sollen von allen Seiten wirken. Gian Lorenzo Bernini brachte die barocke Plastik in Italien zu höchster Entfaltung. Zu seinen bedeutenden Werken zählen Die Verklärung der hl. Theresa, Der Raub der Proserpina, Apollo und Daphne sowie die Büste König Ludwigs XIV.
Die Malerei erfüllt besonders dekorative und illusionistische Aufgaben. Riesige Deckengemälde, häufig Fresken, öffnen Kirchengewölbe, Säle und Treppenhäuser scheinbar in Himmel, Landschaft oder Architektur. Perspektivische Illusionsmalerei vergrößert oder verlängert Räume optisch; sie stammt aus der Theatermalerei. Andrea Pozzos Deckenfresko in Sant’Ignazio in Rom gilt als Höhepunkt dieser Technik. Häufige Themen sind Bibelszenen, Allegorien und historische Darstellungen. Auch Leinwandgemälde waren oft großformatig und mit prunkvollen Goldrahmen für Repräsentationsräume versehen. In Flandern herrschte ein bewegter, malerisch flüssiger Stil, vertreten etwa durch Peter Paul Rubens; in protestantischem Holland dominierte der Realismus mit Landschafts-, Stillleben-, Porträt-, Historien- und Genremalerei, besonders bei Rembrandt van Rijn und Jan Vermeer van Delft.
Der Barockgarten setzt Architektur und Innenausstattung in der Natur fort. Er ist regelmäßig und geometrisch geplant, mit ornamentalen Beeten, farbigen Blumenparterres, Bosketten, Statuen, Vasen und Brunnen. Die sala terrena vermittelt zwischen Gebäude und Garten. Versailles wurde unter Ludwig XIV. und seinem Gärtner André Le Nôtre (1613–1700) zum entscheidenden Vorbild. Der Park entstand in sumpfigem Gelände, das aufwendig umgestaltet wurde: Wasser wurde über Anlagen, Pumpen und Rohre herangeführt, Terrassen wurden angelegt und ausgewachsene Bäume verpflanzt. Perspektivische Fluchtlinien schaffen von verschiedenen Standpunkten aus geplante Blickwirkungen. Das Modell wurde unter anderem in Schloss Schönbrunn, Nymphenburg, Augustusburg bei Brühl, Delitzsch und im Großen Garten in Hannover aufgegriffen.
Musik, Theater und Literatur
Die Barockmusik ist durch das konzertante Prinzip geprägt: Stimmen oder Stimmgruppen, instrumental oder vokal, treten miteinander in Wettbewerb. Es entwickelten sich Akzentstufentakt und das moderne Dur-Moll-Tonsystem, das die alten Kirchentonarten ablöste. Gefühle wurden nach der Affektenlehre in standardisierter Weise musikalisch gestaltet. Die Monodie ist akkordbegleiteter Sologesang; sie löste die Stimme aus dem polyphonen Geflecht, also dem mehrstimmigen Zusammenspiel selbstständiger Melodien. Beim Generalbassspiel werden meist nur Diskant und Bass notiert, während die Akkorde improvisiert werden. Deshalb heißt die musikalische Epoche auch Generalbass-Zeitalter. Verwendet wurden etwa Cembalo, Laute oder Theorbe sowie Fagott oder Cello.
Wichtige Formen sind Oper, Kantate, Oratorium, Fuge, Suite und Sonate. Eine Suite fasst Tänze zusammen, eine Kantate Lieder und Chöre. Die um 1600 in Italien entstandene Oper vereinigt Wort, Musik, Handlung, Bühnenbild und Technik besonders deutlich zum Gesamtkunstwerk. Italienische Komponisten prägten Oper, Ziergesang und virtuose Instrumentalmusik. Johann Sebastian Bach (1685–1750) und Georg Friedrich Händel (1685–1759) gelten allgemein als krönender Abschluss der Barockmusik. Bach führte die Polyphonie zu einer seit der Renaissance nicht erreichten Komplexität. Im Wohltemperierten Klavier systematisierte er Dur- und Moll-Tonarten; Johann Joseph Fux schrieb mit dem Gradus ad Parnassum Anweisungen zum polyphonen Komponieren, Jean-Philippe Rameau die erste Harmonielehre.
Das moderne Theater entwickelte sich im Barock. Architektur, Malerei, Skulptur, Oper, Schauspiel, Tanz und Bühnentechnik wurden gemeinsam eingesetzt. Die Guckkastenbühne ist außen gerahmt; eingezogene Seitenwände erzeugen Raumillusion und verdecken die Maschinerie. Diese ermöglichte rasche Szenenwechsel und den Deus ex Machina, bei dem etwa ein Gott vom Himmel herabtritt und eine ausweglose Lage löst. Die Vorstellung der Welt als Theaterbühne heißt Theatrum mundi. Die Commedia dell’arte war eine italienische Stegreifkomödie: Der Handlungsrahmen war vorgegeben, die Schauspieler improvisierten den Text und spielten meist feste, oft maskierte Figuren wie Arlecchino, Brighella, Pagliaccio und Colombina.
In der deutschen Barockliteratur, die sich wegen des Dreißigjährigen Kriegs später entwickelte, stehen Lebensgier und Todesbangen nebeneinander. Die Frühzeit zeigt oft übersteigerte Stilistik; später wird die Literatur höfischer oder bürgerlich-gebildeter. Als Klassiker gilt Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausens Abenteuerlicher Simplicissimus. Die Lyrik schwankt zwischen mystischer Religiosität und Lebenslust, zwischen belehrender Literatur und Erlebnisdichtung.
Wissenschaft, Technik und gesellschaftliche Kultur
Im barocken Europa entstanden moderne Wissenschaften. Die Naturphilosophie von Francis Bacon und Galileo Galilei stellte sich gegen die Scholastik und leitete den Empirismus ein: Erkenntnis soll auf Erfahrung und Beobachtung beruhen. Galileos heliozentrisches Weltbild wurde durch Newtonsche Gesetze gestützt und interpretiert. Bis mindestens 1700 wurde Natur als Abbild göttlichen Willens verstanden; später erschien der Mensch stärker als handelndes Subjekt und die Natur als System passiver und reaktiver Objekte. Im Deismus ist Gott der Schöpfer, der dem Uhrwerk der Himmelsmechanik den ersten Anstoß gab. Die Übergänge zur Aufklärung waren regional unterschiedlich und fließend.
Die zunehmend mathematisierte Mechanik wurde zum wichtigsten Modell für Natur und Welt. William Harvey entdeckte den Blutkreislauf, Galileo Galilei versuchte das Gewicht der Luft zu bestimmen, Torricelli, Pascal und Otto von Guericke erforschten Luftdruck, Leeuwenhoek und Swammerdam nutzten die Mikroskopie für Erkenntnisse über Blutkörperchen und Mikroorganismen. Christiaan Huygens entwickelte die Pendeluhr, Isaac Newton das Gravitationsgesetz. Akademien organisierten die Forschung, etwa die Royal Society von 1660 und die Académie des Sciences von 1666. Verbesserte Werkzeuge und Getriebe wurden in Manufakturen, Arsenalen und Werften eingesetzt; die Antriebskräfte Wasser, Wind, Tiere und Menschen entwickelten sich dagegen kaum weiter.
Auch Alltag und höfische Festkultur waren reglementiert. Das Zeremoniell legte selbst Begrüßungen und Rangordnungen genau fest. Feste dienten nicht nur dem Vergnügen, sondern vor allem der Darstellung von Macht und Ruhm. Sie vereinten Umzüge, Bälle, Tanz, Oper, Schauspiel, Feuerwerk und aufwendige Dekorationen. Anlass waren etwa Thronbesteigungen, Hochzeiten, Geburten, Friedensschlüsse, Pestende oder Begräbnisse. Für den Aachener Frieden entstand 1749 Händels Feuerwerksmusik; die Generalprobe in den Vauxhall Gardens zog 12000 Zuschauer an.
Schiffbau und Wagenbau übernahmen barocke Formen. Kriegsschiffe trugen geschwungene Aufbauten, vergoldetes Schnitzwerk, Statuen und mächtige Galionsfiguren, etwa die Vasa von 1628. Die hohen Aufbauten beeinträchtigten jedoch Schwerpunkt, Funktionalität und Kriegstüchtigkeit; im 18. Jahrhundert reduzierte man sie. Die Karosse war ein repräsentativer Reisewagen mit vier Federn, festem Dach und festen Seitenwänden. Die grand carrosse war eine Prunkkarosse für Krönungen, Hochzeiten und Staatsanlässe. Leichtere Wagen wie die Berline verdrängten sie im 18. Jahrhundert.
Mode und spätere Bewertung
Barocke Mode war an Höfen und in Städten meist aufwendiger als auf dem Land oder in Kriegszeiten. Fürsten gaben Trends vor, die sich nur langsam verbreiteten. Von 1620 bis 1650 lösten weichere, fließende Stoffe die steife spanisch geprägte Kleidung ab. Halskrausen wichen Dekolletés mit Spitzenkragen, Männer trugen weitere Kniehosen. Seit den 1680er-Jahren prägte das Justaucorps aus Weste, langer Überjacke und engerer Kniehose die Männermode des 18. Jahrhunderts; dazu gehörten Allongeperücke und Dreispitz. Bei Frauen wurde der Manteau, ein vorne offenes Überkleid, wichtig. Röcke konnten bis zu zwei Meter oder mehr breit sein. Auch liturgische Kleidung änderte sich: Die Kasel erhielt die Form einer Bassgeige und wurde für Hochfeste aus schweren, reich verzierten Brokatstoffen gefertigt.
Seit dem 19. Jahrhundert wird der Barock unterschiedlich bewertet. Einerseits gilt er als überladen oder kitschig, andererseits als Höhepunkt des Gesamtkunstwerks, weil Haus, Garten, Kunst und gesellschaftliches Verhalten umfassend gestaltet wurden. Die negative Wahrnehmung hängt auch mit dem Historismus zusammen: Damals wurden barocke Formen häufig nicht stilgetreu kopiert und mit anderen Stilen vermischt. Kritisiert wurden außerdem Darstellungen des Schrecklichen und Unheimlichen, Reliquienkult sowie die Inszenierung leidender Märtyrer. Die kunsthistorische Forschung warnt davor, den Begriff Barock zu weit auszudehnen oder alle Künste einer Zeit als stilistisch gleichartig zu behandeln.
Heinrich Wölfflin entwickelte eine vergleichende, möglichst wertungsfreie Stilanalyse und verstand Barock als künstlerisches Grundmuster statt nur als Bezeichnung für Überladenheit oder Künstlichkeit. Gegenwärtig sehen einige Schriftsteller und Literaturhistoriker Parallelen zwischen existenziellen Problemen des 17. Jahrhunderts und der heutigen Zeit; dadurch wächst das Interesse an Barockliteratur.
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