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Wiener Klassik
Klassik bedeutet in der Musik etwa die Zeit vom frühen 18. Jahrhundert bis ins frühe 19. Jahrhundert, Wiener Klassik oft nur das Werk von Joseph Haydn, …
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Grundidee und zeitliche Einordnung
Klassik bezeichnet in der Musik ungefähr die Zeit vom frühen 18. Jahrhundert bis ins frühe 19. Jahrhundert. Mit Wiener Klassik ist häufig enger das Schaffen von Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven gemeint. In Kunst und Architektur entspricht ihr der Klassizismus.
Die Epoche entwickelte sich aus dem melodiebetonten galanten Stil ab etwa 1720. Um die Jahrhundertmitte folgten die Empfindsamkeit und ein musikalischer Sturm und Drang. Ab etwa 1780 war der klassische Stil bei Haydn und Mozart voll ausgeprägt. Beethoven führte die Klassik zu ihrer Vollendung; zugleich kündigten sich in seiner Musik bereits Entwicklungen der Romantik an.
Kennzeichnend ist eine primär homophone Textur, also ein Satz mit einer führenden Melodie und begleitenden Stimmen. Das motivische Material wird in allen Stimmen entwickelt. Innerhalb eines Stückes kann die Satztechnik wechseln. Der musikalische Fluss ist in Perioden gegliedert und wird dramatisiert von einer Tonart zu einer anderen geführt.
Begriff und Musikanschauung
„Klassisch“ kann als Allgemeinbegriff, Stilbegriff und Epochenbegriff verwendet werden. Der Ausdruck enthält eine historisch gewachsene, aber ahistorisch verwendete Wertung. „Wiener Klassiker“ bezeichnete im 19. Jahrhundert Haydn, Mozart und Beethoven und entstand auch im Zusammenhang mit Nationalismus und Kanonbildung. In der englischsprachigen Literatur setzte sich „Wiener Klassik“ nicht durch. Das Harvard Dictionary of Music fasst „klassisch“ als eine Periode oder einen Stil auf, der in Italien im frühen 18. Jahrhundert beginnt und bis ins frühe 19. Jahrhundert reicht. Für die Musik von 1720 bis 1780 wurden im Deutschen unter anderem „Musik des Rokokos“ und später „Vorklassik“ verwendet. In der Forschung ist umstritten, ob die Klassik enger, etwa mit den Jahren 1781 bis 1803, oder als Teil einer innerlich zusammenhängenden klassisch-romantischen Epoche verstanden werden soll. Auch neuere Darstellungen verzichten teilweise grundsätzlich auf Epocheneinteilungen.
Die Musikästhetik um 1750 stellte die Empfindung des Hörers in den Mittelpunkt. Einfachheit, Natürlichkeit und Fasslichkeit galten als wünschenswert; der „barocke Schwulst“ wurde abgelehnt. In der Empfindsamkeit verschob sich die Vorstellung von „Musik drückt etwas aus“ zu „sich selbst in der Musik ausdrücken“. Leidenschaft, Ausdruckstiefe und Originalität wurden wichtiger. Der Künstler wurde als freies, spontan schaffendes Genie verstanden.
Um 1800 betonten romantische Autoren die Unabhängigkeit und Eigengesetzlichkeit der Instrumentalmusik. Ab etwa 1850 wurde dieses Ideal als „absolute Musik“ bezeichnet. Außerdem spielte das Heroische eine große Rolle, besonders in Revolutions- und Schreckensopern, Rettungsopern und historischen Stoffen. Der Buffonistenstreit in Paris über die Vorzüge von Opera seria und Opera buffa war die bekannteste zeitgenössische Auseinandersetzung über Musik.
Musikleben, Frauen und Wien
Im 18. Jahrhundert erklang Musik in Kirchen, Höfen, Salons und Konzertsälen, aber auch auf Straßen, bei Prozessionen, Festen und Serenaden. Cassation bezeichnet sowohl eine lose Folge von Instrumentalsätzen als auch eine Gattung. In Frankreich dienten revolutionäre Massenveranstaltungen mit der Marseillaise der „politisch-gesellschaftlichen Identitätsbildung“.
Ab 1725 gab es in Paris die Concerts spirituels, ab 1726 in London die Academy of Vocal Music und später die Academy of Ancient Music. Konzertgesellschaften entstanden unter anderem 1771 in Wien, 1778 in Leipzig, 1789 in Hamburg und 1813 in London. Feste Konzertsäle waren jedoch selten. Konzertprogramme waren auf Virtuosen zugeschnitten und „buntscheckig“: Sinfonien, Arien, Chöre und Konzerte wurden häufig in einzelnen Sätzen und mit großer Abwechslung aufgeführt. Musikalische Ausbildung erfolgte noch überwiegend in Musikerfamilien. Neben Berufsmusikern gab es eine starke aristokratische und bürgerliche Teilhabe in musikalischen Gesellschaften, bei Haus- und Tanzmusik, im Salon und bei Veranstaltungen in Gärten oder Wirtshäusern.
Frauen waren besonders am Klavier beteiligt, weil diese Spielhaltung als schicklich galt. Junge Damen lernten das Instrument häufig, um durch musikalische Darbietungen bessere Aussichten bei der Suche nach einem Ehemann zu haben; nach der Heirat wurden diese Fähigkeiten oft vernachlässigt. Marianna von Martines bildete eine Ausnahme: Sie spielte virtuos und komponierte Cembalokonzerte für ihren Salon sowie Kirchenmusik.
Wien war als habsburgische Haupt- und kaiserliche Residenzstadt ein wichtiges Zentrum. Kaiser Joseph II. spielte Cello und Tasteninstrumente und musizierte täglich mit ausgewählten Musikern. Adlige unterhielten eigene Hofkapellen, darunter Haydns Arbeitgeber, die Fürsten Eszterházy. Kirchenmusik, Militärmusik, höfische Tänze, Volkstänze und solistische Darbietungen förderten das Interesse an Musik. Wien gehörte neben Neapel, Paris und London zu den tonangebenden Musikstädten Europas und zog besonders Musiker aus den habsburgisch regierten Gebieten, darunter Norditalien und Böhmen, an.
Instrumente und Stilwandel
Das „Clavier“ war das Instrument der bürgerlichen Empfindsamkeit par excellence; zunächst war damit vor allem das Clavichord, später auch das Hammerklavier gemeint. Um 1800 war die Harfe ein beliebtes Virtuosen- und Dilettanteninstrument.
Die um 1700 entstandene Orchesterbesetzung blieb in der Wiener Klassik üblich: Streicher mit Basso continuo sowie je nach Bedarf Holz- und Blechblasinstrumente. Zur Oboe und zum Fagott trat ab etwa 1750 die Klarinette gleichberechtigt hinzu. Die Traversflöte verdrängte ab 1730 die Blockflöte. Das Horn wurde ab der Jahrhundertmitte zu einer „unverzichtbaren Stütze des Kolorits“, die Trompete eher zum Farbeffekt eingesetzt. Die Posaune blieb lange hauptsächlich der Kirchenmusik vorbehalten. Um 1800 verschwand der Generalbass. Ab 1770 wurden gemischte Klangfarben gezielter genutzt; die Verbindung von Farbe, Tonart, Harmonie, Melodie und Rhythmus gilt als Ansatzpunkt der Instrumentationskunst. Dafür war ein diszipliniertes Orchesterspiel nötig, etwa mit einem einheitlichen Strich der Streicher.
Ab etwa 1720 lösten homophoner Satz, kleingliedrige Melodik, rhythmische Quadratur und langsamer harmonischer Rhythmus die barocke Kontinuität teilweise ab. In der Instrumentalmusik wurden Kontraste „eingebürgert“; dies war eine Voraussetzung für die Sonatenform. Ein häufiges harmonisches Grundschema war Tonika – Dominante – x – Tonika, in Moll mit der Tonikaparallele anstelle der Dominante. Es gab jedoch keine geradlinige Entwicklung zu modernen Formen, sondern viele unabhängige Experimente auf der Grundlage gemeinsamer Formideen.
Niccolò Jommelli stärkte die Selbstständigkeit des Instrumentalsatzes in der Oper. Die Mannheimer Schule entwickelte dynamische Kontraste und eine differenzierte Instrumentation. Carl Philipp Emanuel Bach verband in seinen Klavierwerken dynamische, klangliche und satztechnische Kontraste mit expressiver Melodik. Sturm-und-Drang-Züge zeigen sich durch Abruptheit, plötzliche Stimmungswechsel und den raschen Wechsel zwischen hochdramatischen und lyrischen Abschnitten.
Der klassische Stil und seine Formen
Haydn, Mozart und Beethoven gelten als die führenden Komponisten ihrer Zeit. Ihre Werke verbinden die Beherrschung, Perfektionierung und Sublimierung verschiedener Techniken und Stile. Ein eher rationaler Grundton entspricht den Idealen der Aufklärung und des Klassizismus. Heiteres und Ernstes, Leichtes und Intellektuelles werden so verbunden, dass die Musik „für Kenner und für Liebhaber“ verständlich und ansprechend ist. Divertimento und Serenade dienten stärker der Unterhaltung, das Streichquartett galt als intellektuellste Gattung; Sinfonie und Konzert lagen im Anspruch dazwischen.
Typisch sind drei Verfahren: An die Stelle des improvisatorisch ausgeführten Basso continuo tritt die ausnotierte Begleitung, das obligate Accompagnement. Melodien werden auf mehrere Instrumente verteilt, was als durchbrochener Stil bezeichnet wird. Die wichtigste Neuerung ist die motivisch-thematische Arbeit: Motive werden durch alle Stimmen entwickelt und musikalische Funktionen flexibel ausgetauscht.
Der musikalische Fluss ist durch Perioden gegliedert. Im Sonatenhauptsatz besteht der erste Teil, die Exposition, meist bis zum Doppelstrich aus einer Bewegung von der Tonika zur Dominante. Der zweite Teil muss in der Tonika enden; in Moll tritt die parallele Durtonart an die Stelle der Dominante. Die Modulation wird häufig dramatisiert: Die Ausgangstonart wird destabilisiert, „Annäherungen und Rückzüge“ führen zum Ziel, oder die Dominante ist von Beginn an latent vorhanden. Das Modell bleibt flexibel und ist nicht zwingend nur zwischen Hauptsatz und Seitensatz angeordnet.
Der Kopfsatz von Sonate, Klaviertrio, Streichquartett oder Sinfonie steht meist in Sonatenhauptsatzform. Das Finale ist häufig ein Rondo, das als Sonatenrondo der Sonatenhauptsatzform angenähert werden kann. Für Sinfonien und Quartette wurde ab den 1760er-Jahren die Viersätzigkeit typisch: schnell – langsam – Menuett – schnell. Das Menuett entwickelte sich bei Haydn zunehmend in Richtung Scherzo; in den Quartetten op. 33 von 1781 verwendete er erstmals ausdrücklich die Bezeichnung „Scherzo“. Variationssätze waren besonders im langsamen Satz und im Finale beliebt. Das Konzert blieb meist dreisätzig: schnell – langsam – schnell.
Die Wiener Klassiker werteten die Instrumentalmusik auf. Ihre Stile waren jedoch weder einheitlich noch statisch: Von frühklassischen und Sturm-und-Drang-Tendenzen der 1770er-Jahre führten Entwicklungen bis zu einem monumentalen musikalischen Empire um und nach 1800 und zu frühromantischen Anklängen, besonders bei Beethoven.
Oper, Einflüsse und Ausstrahlung
Die Opera seria wurde vor allem durch Pietro Metastasios Libretti geprägt. Rezitative trugen die Handlung, Arien stellten Affekte dar und boten den Sängern Gelegenheit zur Kunstentfaltung. Die Anzahl der Arien entsprach der Hierarchie der Sänger. Die Opera buffa entstand um 1740 in Italien und wurde besonders durch Carlo Goldoni geprägt. In ihr verbanden sich Handlung und Musik auch in Handlungsarien und Ensembles; die Musik folgte stärker Handlung und Text als einem einzelnen Affekt. In den 1770er-Jahren entwickelte sich das Kettenfinale, in dem mehrere Personen innerhalb einer musikalischen Einheit auftreten.
Das starre Schema der Opera seria führte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu Reformen. Christoph Willibald Gluck ließ in Orfeo ed Euridice (1762) und Alceste (1767) Musik und dramatischen Ausdruck enger verbinden. Tommaso Traetta ließ in Antigona (1774) die musikalischen Formen dem dramatischen Verlauf folgen. Mozart leistete auf dem Gebiet der Oper Herausragendes. In Wien förderte Joseph II. ab 1776 das Deutsche Nationalsingspiel; für dieses schrieb Mozart unter anderem Die Entführung aus dem Serail, doch das Projekt hatte keinen dauerhaften Publikumserfolg.
Wichtige Vorläufer der Wiener Klassik waren Georg Christoph Wagenseil und Matthias Georg Monn. Wagenseil prägte kantable Melodik, symmetrische Periodik sowie die Ausarbeitung von Seitensatz, Durchführung und Reprise. Monn integrierte 1740 das Menuett in eine viersätzige Sinfonie. Zu Haydns und Mozarts Wiener Umfeld gehörten auch böhmische Komponisten wie Johann Baptist Vanhal und Leopold Koželuh. Beethoven wurde unter anderem von Haydn, Mozart, Joseph Georg Albrechtsberger, französischer Revolutionsmusik, der Schreckensoper sowie Luigi Cherubini und Muzio Clementi beeinflusst. Mozart nahm außerdem Anregungen aus der italienischen, französischen und Mannheimer Musik sowie durch Johann Christian Bach auf; über Baron van Swieten lernte er Fugen Johann Sebastian Bachs kennen. Haydn verwies auf den Einfluss Carl Philipp Emanuel Bachs und studierte Fux’ Gradus ad Parnassum.
Haydn wurde durch Drucke und Abschriften spätestens ab den 1770er-Jahren europaweit bekannt. Mozart war zunächst eher eine lokale Größe in Wien; seine internationale Verbreitung und die Glorifizierung seiner Person verstärkten sich nach seinem frühen Tod. Zwischen Haydn und Mozart entstand nach 1781 eine kompositorische Wechselwirkung, besonders durch Haydns Streichquartette op. 33 von 1781. Beethoven verband Einflüsse beider Komponisten. Als bedeutender Originalverleger der drei Wiener Klassiker galt Heinrich Philipp Boßler, der unter anderem frühe Beethoven-Werke sowie Ouvertüren Mozarts im Original verlegte.
Klassik war insgesamt ein internationaler Zeitstil. In Italien lag der Schwerpunkt auf der Oper; zu ihren wichtigen Meistern gehörten unter anderem Paisiello, Cimarosa, Piccinni, Jommelli, Sacchini und später Rossini. Luigi Cherubini, Ferdinando Paer und Gaspare Spontini prägten die französische Oper der späten Klassik. In der Instrumentalmusik waren Luigi Boccherini, Giovanni Battista Viotti, Muzio Clementi, Johann Ladislaus Dussek, John Field, Louis Spohr und Friedrich Kuhlau bedeutend. Ihre Werke standen teilweise bereits am Übergang zur Frühromantik und waren nicht bloß deshalb weniger wichtig, weil sie nicht der Wiener Klassik zugerechnet werden.