Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Orchester
Daneben gibt es Orchester, die nur aus Musikinstrumenten einer bestimmten Gattung bestehen, z. B. Blasorchester, Streichorchester, Zupforchester und …
Inhalt6 Abschnitte
Begriff und Formen des Orchesters
Ein Orchester ist ein groß besetztes Instrumentalensemble, bei dem zumindest einzelne Stimmen mehrfach, also „chorisch“, besetzt sind. In der klassischen Musik unterscheidet man vor allem das große Sinfonieorchester und das kleinere Kammerorchester. Daneben gibt es Orchester, die überwiegend aus Instrumenten einer bestimmten Gattung bestehen, etwa Blas-, Streich-, Zupf- oder Akkordeonorchester. Jazzorchester und ähnliche Formationen der Tanz- und Unterhaltungsmusik werden meist als Big Bands bezeichnet. Große Ensembles außerhalb der westlichen Musikkultur, zum Beispiel Gamelan-Ensembles Indonesiens, behandelt der Artikel nicht.
Sinfonieorchester: Aufbau und Besetzung
Das Sinfonieorchester, auch Symphonieorchester geschrieben, entstand in der Mitte des 18. Jahrhunderts unter anderem durch die Mannheimer Schule. Es ist heute der übliche Klangkörper für Orchesterwerke. Die Instrumente werden in Streichinstrumente, Holzbläser, Blechbläser, Pauken und Schlagwerk sowie weitere Instrumente wie Klavier, Harfe und Celesta eingeteilt.
Die Besetzung veränderte sich im Lauf der musikalischen Epochen. Vom Barockzeitalter bis zur Spätromantik und Moderne wurde das Orchester immer größer. Mit dem Ende der Generalbasspraxis verschwanden unter anderem Cembalo, Theorbe und Blockflöte aus der üblichen Orchesterbesetzung. Naturtrompete und Naturhorn wurden ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch Ventilinstrumente ersetzt. Holz- und Blechbläser wurden erweitert, unter anderem durch Tuba und Bassklarinette. Während in der Wiener Klassik zwei Hörner üblich waren, verlangen Werke von Richard Wagner oder Richard Strauss häufig sechs oder acht. Arnold Schönbergs Gurre-Lieder benötigen beispielsweise 80 Streicher neben zehn Hörnern, sieben Trompeten und sieben Posaunen.
Seit dem späten 19. und besonders im 20. Jahrhundert kamen weitere Instrumente hinzu, darunter ethnische Perkussionsinstrumente, erweiterte Instrumentenfamilien sowie später Schlagzeug, Synthesizer, E-Bass und E-Gitarre. Als Extrembeispiel gilt Havergal Brians zwischen 1919 und 1927 komponierte 1. Symphonie, die „Gotische“: Sie verlangt eine 200-köpfige Orchesterbesetzung und 500 Gesangsstimmen.
Zu einem möglichen spätromantischen oder modernen Orchester gehören unter anderem Flöten mit Piccoloflöte, Oboen mit Englischhorn, Klarinetten mit Es-, D- und Bassklarinette, Fagotte mit Kontrafagott, Hörner, Trompeten, Posaunen, Tuba, Pauken, vielfältiges Schlagwerk, Harfe sowie erste und zweite Violinen, Bratschen, Violoncelli und Kontrabässe. Je nach Werk können außerdem Klavier, Cembalo, Orgel, Celesta, Saxophon, Gitarre, Akkordeon, elektronische Instrumente oder außereuropäische Instrumente verlangt werden. Auch historische oder heute weitgehend ersetzte Instrumente wie Gamben, Blockflöten, Naturtrompeten und Naturhörner können in älteren Werken vorkommen.
Die Gesamtgröße reicht von etwa 20 Spielern in kammermusikartigen Ensembles bis zu 100 oder mehr Spielern. Eine genaue Zahl wird meist nur für Bläser und Schlaginstrumente festgelegt. Die Größe der Streichergruppe bleibt häufig variabel und wird an die übrige Instrumentation angepasst. In Filmmusikpartituren werden Streicher dagegen oft genau angegeben, etwa mit 16/14/12/10/8 oder 14/12/10/10/8 für die Gruppen von den ersten Violinen bis zu den Kontrabässen. Ungerade Zahlen sind bei den Streichern ungebräuchlich, weil sich meist zwei Musiker ein Pult teilen; in Kammerorchestern kommen sie eher vor.
Besetzungsbeispiele und Sitzordnung
Die Besetzungsangaben werden häufig als Folge von Zahlen für die einzelnen Instrumentengruppen notiert. Die Gesamtzahl der Spieler ist dabei nur ungefähr, weil die Streicherbesetzung variieren kann. Beispiele reichen von Wagners kammerorchesterartigem Siegfried-Idyll mit 13 Spielern über eine frühe Wiener-Klassik-Besetzung mit etwa 23 Spielern und Prokofjews Peter und der Wolf mit etwa 40 Spielern bis zu einer spätromantischen Standardbesetzung mit etwa 75 Spielern. Wagners Ring des Nibelungen verlangt ungefähr 100 Spieler und Mahlers 8. Sinfonie etwa 135 Spieler sowie zahlreiche Chor- und Gesangsstimmen. Schönbergs Gurre-Lieder benötigen etwa 150 Spieler und ebenfalls zahlreiche Chor- und Gesangsstimmen. Ein Beispiel für ein reines Streichorchester aus dem Soundtrack zu Batman Dark Knight umfasst 88 Spieler.
Die Instrumente werden auf dem Podium oder im Orchestergraben nach einer festgelegten Sitzordnung aufgestellt. Heute ist die amerikanische Aufstellung üblich. Daneben gibt es die deutsche Aufstellung, die bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts verbreitet war und auch in der historischen Aufführungspraxis verwendet wird. Die Staatskapelle Berlin verbindet beide Formen: Die Bläser sitzen amerikanisch, die Harfen je nach Klangwirkung links oder rechts und die Streicher stets in deutscher Aufstellung. Zusätze wie „Sinfoniker“, „Kapelle“, „philharmonisches Orchester“ oder „Philharmoniker“ bezeichnen keinen Unterschied in Besetzung oder Funktion. Sie helfen vor allem dabei, Orchester derselben Stadt voneinander zu unterscheiden.
Kammerorchester und Filmorchester
Ein Kammerorchester ist deutlich kleiner als ein Sinfonieorchester. Instrumentengruppen sind schwächer besetzt oder fehlen ganz; die Grenzen zu größeren Ensembles sind fließend. Eine besondere Form ist das reine Streichorchester.
Moderne Kammerorchester entstanden vor allem in den 1920er Jahren. Zu den frühesten Beispielen gehören die von Vladimir Golschmann verantworteten Concerts Golschmann, die von 1919 bis Mitte der 1920er Jahre in Paris stattfanden. Gründe für die Gründungen waren die Gegenbewegung zu den großen Klangmassen der Spätromantik, die Wiederentdeckung Alter Musik und die geringeren Kosten kleiner Ensembles. Dadurch konnten Kammerorchester auch zeitgenössische Musik leichter aufführen und Kompositionsaufträge vergeben. Nach 1945 entstanden besonders im deutschsprachigen Raum zahlreiche neue Klangkörper. Seit den 1950er Jahren bildeten sich Spezialistenensembles für avantgardistische Musik; seit etwa den 1960er Jahren kamen Ensembles für Alte Musik hinzu, teilweise ohne Dirigenten und mit historischen Instrumenten. Seit den 1980er Jahren entstand eine weitere Generation, darunter die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, das Mahler Chamber Orchestra und das Chamber Orchestra of Europe. Das Orpheus Chamber Orchestra arbeitet seit seiner Gründung in den 1970er Jahren konsequent ohne Dirigenten.
Filmorchester entstanden in der Stummfilmzeit. Sie begleiteten die Handlung, übertönten die Geräusche des Filmprojektors und spielten Originalkompositionen oder Zusammenstellungen bekannter Stücke. In Deutschland waren 1929 mehr als 6000 Musiker in solchen Kinoorchestern tätig. Mit dem Tonfilm ab 1930 wurden Kinoorchester weitgehend überflüssig. Hollywood-Studios gründeten eigene Filmorchester, die wegen des Einflusses der europäischen Spätromantik oft sinfonisch groß besetzt waren. Ihre Bedeutung nahm erst ab den 1970er Jahren ab, als Popmusik stärker in Filmsoundtracks verwendet wurde. In Deutschland gibt es derzeit mit dem Deutschen Filmorchester Babelsberg, das aus Orchestern der UFA und DEFA hervorging, ein einziges professionelles Filmorchester.
Leitung, Hierarchie und Proben
Heute wird ein Orchester normalerweise von einem Dirigenten geleitet. Früher übernahmen diese Aufgabe häufig der erste Geiger, also der Konzertmeister, oder der Cembalist des Generalbasses. Einige kleinere Orchester, besonders Ensembles der historischen Aufführungspraxis, spielen auch heute ohne Dirigenten. Als erster moderner Dirigent gilt Carl Maria von Weber (1786–1826), der zunächst mit einer Notenrolle und später mit einem Taktstock leitete.
Der 1. Konzertmeister ist musikalisch primus inter pares. Er arbeitet mit den Stimmführern der Streichergruppen, den Solobläsern, dem Solopaukisten und der Soloharfe zusammen. Die einzelnen Instrumentengruppen werden von Stimmführern geleitet, die meist einen Stellvertreter haben und sich mit ihm das erste Pult teilen. Bei Bläsern ist der Spieler der 1. Stimme Stimmführer; bei zusammengefassten Holz- und Blechbläsern gelten die 1. Oboe und die 1. Trompete als Stimmführer. Im Schlagwerk steht der Paukist der Gruppe vor. Bei den Streichern gibt es zusätzlich Vorspieler zwischen Stimmführern und Tuttispielern.
Freie Orchesterstellen werden in einem mehrstufigen Probespiel vergeben. Mitunter bewerben sich bis zu 300 Musiker. Nach mehreren Runden entscheidet das Orchester geheim, wer weiterkommt; am Ende wird ein Kandidat mit qualifizierter Mehrheit engagiert. Teilweise findet das Vorspiel anonym hinter einem blickdichten Vorhang statt, damit Geschlecht, Alter und ethnische Herkunft die Entscheidung nicht beeinflussen. Es folgt meist eine einjährige, verlängerbare Probezeit, nach der das gesamte Kollegium erneut über die Aufnahme entscheidet. Manche Orchester schlagen auch ihren zukünftigen Chefdirigenten selbst vor und wählen ihn.
Die meisten Proben finden als Tuttiproben mit voller Besetzung statt. Bei schwierigen Werken können zunächst Registerproben einzelner Instrumentengruppen oder Teilproben der Streicher und Bläser stattfinden. Sie werden von Stimmführern, dem Dirigenten oder dessen Assistenten geleitet und sollen sicherstellen, dass schwierige Stimmen beherrscht werden, bevor die Gesamtprobe fortgesetzt wird.
Öffentlich finanzierte und Amateurorchester
Das älteste ununterbrochen bestehende deutsche Orchester ist das Orchester des Staatstheaters Kassel, gegründet 1502. Die Ausbildung und soziale Absicherung deutscher Orchestermusiker waren bis Anfang der 1930er Jahre uneinheitlich. 1938 regelte ein Tarifvertrag die existenzielle Absicherung und prägte den kulturpolitischen Begriff „Kulturorchester“. Dieser war mit einer strikten Trennung zwischen „ernsten Konzertunternehmungen“ und anderen Konzertformen verbunden. Die damalige Aufwertung klassischer Musik führte unter anderem zu einer kulturpolitischen Bevorzugung von Streichern gegenüber Jazzmusikern. Tariflich wurden Orchester zunächst in A-, B- und C-Orchester, später in sieben Gruppen eingeteilt.
Der Artikel nennt 129 öffentlich geförderte Berufsorchester mit 9780 Planstellen. Zugleich führt er 81 Theater- beziehungsweise Konzertorchester mit Theaterdiensten, 29 reine Konzertorchester, 11 Rundfunk- beziehungsweise Radiosinfonieorchester, vier Bigbands und acht öffentlich finanzierte Kammerorchester auf; diese Einzelzahlen ergeben rechnerisch 133 und stehen damit nicht vollständig mit der Gesamtzahl 129 überein. Kleine Sinfonieorchester beginnen bei etwa 30 Mitgliedern, mittlere bis große haben meist 66 bis über 100. Das Gewandhausorchester Leipzig besitzt 185 Planstellen und spielt als Konzert-, Opern- und Kantatenorchester. Die Sächsische Staatskapelle Dresden ist mit 159 Planstellen das zweitgrößte genannte Orchester. Planstellen entsprechen nicht zwingend der Zahl der beschäftigten Musiker, etwa wegen Teilzeitstellen. Die Deutsche Orchestervereinigung vertritt die Interessen der Kulturorchestermusiker.
Auch Nichtberufsmusiker bilden Orchester. Schulorchester werden meist von Musiklehrern geleitet und haben häufig eine reduzierte Besetzung. Jugendsinfonieorchester reichen von Musikschulensembles bis zum Bundesjugendorchester. Hochschulorchester dienen an Musikhochschulen als Lehrveranstaltung; an anderen Hochschulen haben sie oft Hobbycharakter. Hobbyorchester können Anfänger bis nahezu professionell gute Musiker umfassen und werden häufig von Berufsmusikern geleitet. Weitere Orchester entstehen in Regionen ohne öffentliche Finanzierung oder bringen gezielt Menschen verschiedener kultureller Hintergründe zusammen.
Lernvideos zu Orchester
24:31
Der Orchester-Check | Reportage für Kinder | Checker Tobi
CHECKER WELT · 1,5 Mio. Aufrufe
19:02
Die Arbeit in einem Orchester🎻🎶
Institut für Musikpädagogik und Musikwissenschaft · 211 Aufrufe
7:05
Mitten im RO: Die Blechbläser | Münchner Rundfunkorchester | BR KLASSIK
Bayerischer Rundfunk · 253.621 Aufrufe
7:37
Sinfonieorchester: Instrumente, Aufbau, Organisation
hyperkulturell · 70.981 Aufrufe