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Musik der Renaissance
Unter Musik der Renaissance, auch genannt Renaissancemusik, versteht man die europäische Musik der beginnenden Neuzeit, also des Zeitraums des 15. und 16.
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Begriff und Einordnung
Unter Musik der Renaissance oder Renaissancemusik versteht man die europäische Musik der beginnenden Neuzeit im 15. und 16. Jahrhundert. Über die genaue Abgrenzung der Epoche und über ihre typischen musikalischen Merkmale besteht in der Forschung kein Konsens.
Im Mittelpunkt steht die mehrstimmige, polyphone Vokalmusik. Polyphon bedeutet, dass mehrere selbstständige Stimmen gleichzeitig erklingen. Daneben entstehen wichtige Formen der Instrumentalmusik und neue Arten des Zusammenspiels von Stimmen und Instrumenten. In der Renaissance werden außerdem die Stimmlagen Sopran, Alt, Tenor und Bass als grundlegende Einteilung abgeschlossen. Mit der zusätzlichen Bassstimme verändert sich das Klangideal; der vierstimmige Chorsatz wird zum Standard.
Franko-flämische Polyphonie
Etwa zweihundert Jahre lang haben Komponisten aus dem Nordwesten Europas die Entwicklung der polyphonen Musik maßgeblich geprägt. Wegen ihrer Herkunft wird diese Musik franko-flämisch genannt. Guillaume Dufay, der erste Hauptvertreter, verbindet französische, italienische und englische Einflüsse beispielgebend.
Der Messzyklus wird zur zentralen Gattung. Zuvor waren einzelne Messsätze oder Gloria/Credo-Paare üblich. Meist verwendet die zweitunterste Stimme eine bereits vorhandene geistliche oder weltliche Melodie als Cantus firmus, also als festgelegte Grundmelodie. Typisch ist der Wechsel zwischen vollstimmigen und zwei- bis dreistimmigen Passagen, die auch der Verdeutlichung des Textes dienen können. Die Isorhythmik der Ars-nova-Motette, ein Verfahren mit wiederkehrenden rhythmischen und melodischen Ordnungen, kann auch in Messsätzen eingesetzt werden. Zur Vereinheitlichung beginnen alle Ordinariumssätze häufig mit gleichen oder sehr ähnlichen Takten, einem sogenannten Motto.
Gilles Binchois gehört derselben Generation an und gilt als wichtigster Vertreter des burgundischen Chansons. Sein Stil wirkt zurückhaltend und nobel und verzichtet auf eine musikalische Ausdeutung des Textes. Sopran und Tenor bilden einen korrekten zweistimmigen Satz; der Contratenor ergänzt den Klang. Die Zeilen sind ähnlich aufgebaut und führen in einen melismatischen Schluss, bei dem mehrere Töne auf eine Silbe gesungen werden.
Johannes Ockeghem führt in der folgenden Generation die kontrapunktischen Künste auf einen Höhepunkt. Seine Missa cuiusvis toni ist ohne Schlüssel notiert und kann in verschiedenen Kirchentonarten ausgeführt werden, wobei sich ihr Charakter stark verändert. In der Missa prolationum schreibt Ockeghem eine Reihe zweistimmiger Kanons für das obere und untere Stimmenpaar. Die Stimmen werden mit gleichen Noten, aber unterschiedlichen Schlüsseln gelesen und erzeugen nacheinander Kanons in der Prim, Sekund, Terz und weiteren Intervallen. Zusätzlich überlagert ein Zweiertakt einen Dreiertakt. Die Stimmen fallen dadurch auseinander, halten aber weiterhin die Regeln des kontrapunktischen Zusammenklangs ein.
Um 1500 wird in der dritten Generation das Ideal der varietas, also der abwechslungsreichen Gestaltung, zunehmend durch größere Klarheit und Nachvollziehbarkeit ersetzt. In Motetten beginnt oft jede Textzeile mit einem Motiv, das durch alle Stimmen wandert. Dieses Verfahren heißt Durchimitation. Josquin Desprez stellt einer Praxis, bei der Kompositionen mit beliebigen Texten verbunden werden konnten, eine stärkere Beziehung zwischen Musik, Inhalt und Gefühl des vertonten Textes entgegen.
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts treten einerseits vermehrt chromatische Wendungen auf, die zu einer Art musikalischem Manierismus führen; ein frühes Beispiel ist Orlando di Lassos Prophetiae Sibyllarum. Andererseits leitet die Vorherrschaft von Quart- und Quintschritten im Bassfundament zur Tonalität des folgenden Generalbasszeitalters im 17. Jahrhundert über. Jan Pieterszoon Sweelinck gilt als letzter Großmeister der franko-flämischen Polyphonie und wird zum Vorbild der norddeutschen Orgelmusik.
Merkmale und Vokalmusik
Die hohen Spaltklänge der mittelalterlichen Musik, also nicht miteinander verschmolzene Klänge, werden durch Vollklänge ersetzt. Die frühere Quinten- und Quartenharmonik weicht stärker der Verwendung von Terzen und Sexten. Die Entwicklung der Dreiklangsharmonie bereitet sich vor, weil die Stimmen nicht mehr hauptsächlich nacheinander einsetzen, sondern Zeilen gemeinsam beginnen. Komplizierte Formen der Isorhythmie werden vereinfacht.
Das System der Kirchentonarten wird um Äolisch und Ionisch erweitert. Dadurch wird die spätere Dur-Moll-Tonalität vorbereitet. Ein Kennzeichen der frühen Renaissancemusik ist außerdem der Fauxbourdon, eine Satztechnik, die die Verständlichkeit der Texte sichert und leicht nachvollziehbar ist. Der subjektive Ausdruck erhält gegenüber dem Mittelalter deutlich mehr Spielraum. In einzelnen Kompositionen gibt es eine Tonsymbolik, die nur kundige Hörer wahrnehmen können.
In der Vokalmusik kommen sowohl polyphone als auch homophone Werke vor. Homophon bedeutet, dass eine Stimme die führende Melodie trägt, während die übrigen Stimmen sie eher gemeinsam begleiten. Seit Mitte des 16. Jahrhunderts bestehen in Italien verschiedene musikalische Zentren oder Schulen. Dazu gehören die Römische Schule um Giovanni Pierluigi da Palestrina, die Venezianische Schule mit Experimenten zu Klangfarben und Raumwirkungen sowie die Florentiner Camerata.
Das Madrigal entwickelt sich zur bedeutendsten Form der weltlichen Musik der Renaissance. Deutschsprachige Vertreter der Mehrstimmigkeit sind Ludwig Senfl und Hans Leo Haßler; große Bekanntheit erreicht Orlando di Lasso. Eine typisch deutsche Entwicklung ist das Tenorlied. Dabei liegt eine oft einem Volkslied entlehnte Melodie als Cantus firmus im Tenor. Die anderen Stimmen umspielen sie kunstvoll und können dabei Worte musikalisch symbolisieren; diese Technik wird als Madrigalismus bezeichnet.
In Venedig entsteht die Venezianische Mehrchörigkeit. Mehrere Gruppen von Sängern und Instrumentalisten werden unterschiedlich aufgestellt, groß besetzt oder instrumentiert, um Kontraste zu erzeugen. Als bedeutender Vertreter gilt Giovanni Gabrieli. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts entwickelt die Florentiner Camerata außerdem die Monodie, also eine Musikform, in der eine einzelne Gesangsstimme im Mittelpunkt steht. Dadurch wendet sich die europäische Musik zunehmend einer Darstellung menschlicher Affekte in musikalischen Figuren zu.
Instrumente und Instrumentalsätze
Die Instrumentalmusik wird mit Conrad Paumanns Fundamentum organisandi von 1452 eingeleitet. In der Kirchenmusik gewinnt die Orgel an Bedeutung. Es entstehen Orgelbücher und Lehrbücher sowie eine besondere Notation, die Tabulatur genannt wird. In verschiedenen Ländern bilden sich regionale Formen heraus: die alte und neue deutsche Orgeltabulatur sowie spanische, italienische, englische und französische Tabulaturen.
Im 16. Jahrhundert übernimmt Italien die Vorherrschaft. Am Markusdom in Venedig werden neue Formen der Orgelmusik eingeführt und verbreitet: Toccata, Präludium, Präambulum, Ricercar als Vorläufer der späteren Fuge, Fantasie und Canzona.
Das gebräuchlichste Hausinstrument ist die Laute. Für sie entsteht ebenfalls eine eigene Griffschrift, die Tabulatur. Die Laute begleitet solistische Gesänge und Ensemblestücke; außerdem können Vokalwerke für sie umgeschrieben werden.
In der Renaissance beginnt die erste große Instrumentenentwicklungswelle Europas. Viele Instrumente werden weiterentwickelt oder erstmals gebaut. Holzblas-, Blechblas- und Streichinstrumente entstehen zunehmend als Familien mit drei oder mehr verschieden gestimmten Instrumenten in gestaffelten Stimmlagen, nach dem Vorbild mehrstimmiger Vokalensembles. Zu den Holzblasinstrumenten gehören Schalmei, Pommer, Rauschpfeife, Dulzian, Krummhorn, Cornamuse, Kortholt, Sordun, Rankett, Blockflöte, Querflöte und Gemshorn. Zu den Blechblasinstrumenten zählen Posaune und Zink. Bei den Streichinstrumenten finden sich Viola da gamba, Viola da braccio und Rebec; bei den Zupfinstrumenten Harfe, Laute, Gitarre und Psalterium.
Die Ensembles werden nach den Anforderungen des Stücks und der Zahl der verfügbaren Musiker zusammengestellt. Die Instrumentierung ist meist nicht festgelegt. Möglich sind homogene Besetzungen aus einer Instrumentenfamilie ebenso wie gemischte Besetzungen. In gemischten Ensembles erscheinen auch Sackpfeife, Schlüsselfidel, Drehleier, Laute, Harfe, Psalterium und Regal. Schlagwerk wird häufig verwendet. Außerdem gibt es Musik für Naturtrompeten und Pauken, die auf deren Tonvorrat abgestimmt ist.
Bestimmend ist auch die Erfindung des Notendrucks durch Ottaviano dei Petrucci. Tanzbücher entstehen unter anderem von Pierre Attaingnant, Jacques Moderne, Pierre Phalèse und Tielman Susato; daneben erscheinen Schriften über Musiktheorie und Instrumente. Viele Renaissanceinstrumente verschwinden oder werden im 17. Jahrhundert ersetzt. Dulzian und Viola da braccio gelten jedoch als direkte Vorläufer noch heute gebräuchlicher Instrumente.
Übergang zum Barock und musikhistorische Bewertung
Die Renaissance wird durch den Barock abgelöst, der um 1600 von Italien ausgeht. Der Stilwandel zeigt sich besonders in der Einführung von Generalbass und Monodie. Daraus entwickeln sich orchestral begleitete Formen wie Rezitativ und Arie sowie größere Gattungen wie Oper, Oratorium und Kantate. Wegweisend sind die Neuerungen der Florentiner Camerata. Grundlegende Konzepte der Renaissance, etwa die Mehrchörigkeit, werden jedoch auch in späteren Epochen weiterverwendet. Nachklänge einer renaissancemäßigen Haltung finden sich noch in den Fantasien für Gambenconsort von Henry Purcell.
Der Begriff Renaissance als Epochenbezeichnung ist musikhistorisch umstritten. Hugo Riemann lehnt ihn ab und spricht stattdessen vom „durchimitierenden a cappella-Stil“. Seiner Auffassung nach ist der innere Zusammenhang zwischen den Künsten nicht stark genug, um einen ursprünglich vor allem durch bildende Kunst und Architektur bestimmten Epochenbegriff unmittelbar auf die Musikgeschichte zu übertragen. Für die Barockmusik verwendet er entsprechend die Bezeichnung „Musik des Generalbasszeitalters“.
Auch Ludwig Finscher benutzt in seinem Handbuch der Musikgeschichte von 1989 nicht den Begriff Renaissancemusik, sondern spricht von der „Musik des 15. und 16. Jahrhunderts“. Laurenz Lütteken kommt zu einer anderen Einschätzung: In seinem Werk Musik der Renaissance versteht er Musik und Musizieren dieser Zeit als wesentlichen Bestandteil der Renaissance und ordnet sie in eine umfassende Kulturgeschichte ein.