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Zen
Die zentrale Praxis des Zen-Buddhismus ist die Meditation. Zentrales Anliegen ist die Erfahrung des gegenwärtigen Augenblicks und des gegenwärtigen Bewusstseins …
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Kernideen und Ziel
Zen ist eine Strömung des Buddhismus und wird zur Hauptrichtung Mahayana gezählt. Es entstand etwa ab dem 5. Jahrhundert in China als Chan-Buddhismus, war anfangs stark vom Daoismus beeinflusst und verbreitete sich später nach Korea, Vietnam, Japan sowie in den Westen. „Zen“ bezeichnet im Kern Meditation.
Die zentrale Praxis ist die Meditation. Im Mittelpunkt steht die unmittelbare Erfahrung des gegenwärtigen Augenblicks und des gegenwärtigen Bewusstseins. Zen verlangt in der Regel keinen Glauben und lehrt meist keine jenseits der Erfahrung liegenden Phänomene, etwa Gottheiten. Deshalb wird es teilweise nicht als Religion eingestuft. Ob Zen eine Religion ist, hängt jedoch vom jeweiligen Religionsverständnis und von der konkreten Praxis ab.
Eine zentrale Lehre ist die Buddha-Natur: Der erwachte Geist eines Buddha ist demnach bereits in jedem fühlenden Wesen vorhanden. Leiden (Dukkha) entsteht vor allem durch die Anhaftung an die Illusion eines getrennten Ichs sowie an Dinge, Überzeugungen, Gedanken und Wünsche. Befreiung bedeutet, diese Anhaftungen loszulassen. Erleuchtung wird nicht als Übergang in eine jenseitige Welt verstanden, sondern als Erwachen zu einer Wirklichkeit, die bereits da ist.
Das Ziel ist die vollständige, bewusste und nicht wertende Wahrnehmung des gegenwärtigen Moments, auch Samadhi genannt. Diese Achtsamkeit soll nicht nur während der Meditation, sondern im ganzen Alltag aufrechterhalten werden. Als Satori oder Kenshō wird die Erkenntnis beziehungsweise „Wesensschau“ bezeichnet. Kenshō bedeutet wörtlich das Schauen des Wesens und bezieht sich auf das tiefste Wesen allen Seins. Besonders im Rinzai-Zen wird die Erleuchtung häufig als plötzliches Erleben universeller Einheit und als Aufhebung des Subjekt-Objekt-Gegensatzes beschrieben.
Praxis und Methoden
Zen gilt als Praxis, die über religiöse Lehren hinausgeht. Historische Lehren und religiöse Formen können hilfreich sein, werden für die subjektive Erfahrung aber oft nicht als unbedingt notwendig betrachtet. Daraus ergibt sich das Primat der Praxis. Der Zen-Weg gilt zugleich als „weglose[r] Weg“ und „torlose[s] Tor“: Die Weisheit Prajna muss nicht erst gesucht werden, weil sie immer schon vorhanden ist. Trotzdem dauert der Übungsweg gewöhnlich mehrere Jahre. Weg und Ziel fallen im Üben zusammen.
Die Grundübung ist Zazen, die Sitzmeditation. Man sitzt auf einem Zafu in aufrechter, entspannter Haltung, meist mit ineinandergeschlagenen Beinen. Rücken und Hände bleiben entspannt, die Daumenspitzen berühren sich leicht, die Augen sind halb geöffnet. Anfänger können den halben Lotussitz, den burmesischen Sitz oder den Fersensitz (Seiza) verwenden. Kinhin ist langsames Gehen im Rhythmus des Atems zwischen zwei Zazen-Perioden. Weitere Methoden sind Rezitation, Samu als Arbeitsmeditation, das Nähen des Kesa sowie Gasshō, das Zusammenführen der Handflächen als Geste von Gruß, Respekt, Dankbarkeit oder Verehrung.
Im Rinzai-Zen werden Kōans bearbeitet. Das sind scheinbar unlösbare Denkaufgaben oder paradoxe Rätsel, die nicht durch gewöhnliches begriffliches Denken beantwortet werden. Dokusan bezeichnet das vertrauliche Einzelgespräch mit dem Meister. Im Sōtō-Zen gibt es unter anderem Kusen, die Unterweisung während des Zazen, und Mondō, einen öffentlichen Dialog zwischen Meister und Schüler. Zu den gemeinschaftlichen Formen gehören außerdem Teishō, die Darlegung der Zen-Erfahrung durch einen Meister, Ōryōki als ritualisiertes Essen in Stille und Sanpai als rituelle Niederwerfung.
Intensive Übungsperioden heißen Sesshin oder Klausuren (Retreats). Rohatsu-Sesshins finden in manchen Einrichtungen in der Woche vor dem Erleuchtungstag statt. Ango sind längere spirituelle Retreats, die ursprünglich mit der Monsunzeit in Indien verbunden waren. Während der Praxis soll die Gedankenflut zur Ruhe kommen, sodass Stille und Leere (Shunyata) erfahrbar werden. Entscheidend ist nicht nur, was getan wird, sondern wie: Auch Essen, Arbeiten und Schlafen können Zen-Praxis sein, wenn sie mit vollständiger Aufmerksamkeit und ohne gedankliche Zerstreuung ausgeführt werden.
Sōtō, Rinzai und andere Traditionen
Die Ursprünge des Zen liegen wahrscheinlich weiter zurück, seine geschichtliche Ausprägung begann jedoch in China, konkret im 6. Jahrhundert. Der Überlieferung zufolge brachte Bodhidharma den Meditationsbuddhismus nach China und wurde zum ersten Patriarchen des Chan. Die Übertragung erfolgte der Legende nach persönlich von Lehrer zu Schüler über Dharma-Linien. Die Geschichte von Buddhas wortloser Übermittlung an Mahakashyapa gilt als erstes Beispiel dieser Übertragung.
Nach dem 6. Patriarchen Huìnéng teilte sich die chinesische Linie in verschiedene Schulen. Um 950 sprach man von den „5 Häusern“: Caodong, Fayan, Guiyang, Linji und Yunmen. Aus diesen entwickelten sich weitere Traditionen. Die chinesische Caodong-Schule wurde in Japan zur Sōtō-Schule, Linji zur Rinzai-Schule. In Japan konnten sich ab der Kamakura-Zeit (1185–1333) vor allem Sōtō, Rinzai und Ōbaku etablieren. Sōtō ist heute die größte dieser drei Schulen, Ōbaku die kleinste.
Sōtō betont Shikantaza, „einfach nur sitzen“. Dabei wird im Zazen eine absichtslose, nicht auswählende Aufmerksamkeit geübt, ohne Gedanken zu verfolgen oder zu verdrängen. Seit etwa 1800 wurden Kōans in der Sōtō-Schule zurückgedrängt. Für Dōgen (1200–1253), den Begründer des japanischen Sōtō, sind Praxis und Erwachen nicht voneinander zu trennen; Zazen ist selbst Ausdruck von Verwirklichung und Buddhaschaft.
Rinzai legt größeren Wert auf die plötzliche Erkenntnis, die durch die Auseinandersetzung mit Kōans entstehen kann. Eine moderne schulübergreifende Richtung ist Sanbō Kyōdan, wörtlich „Gemeinschaft der drei Schätze“ – Buddha, Dharma und Sangha. Sie verbindet Methoden von Sōtō und Rinzai und war in Japan vergleichsweise unbedeutend, beeinflusste aber das Zen-Verständnis im Westen stark.
Neben den japanischen Schulen bestehen chinesische Chan-, koreanische Seon- und vietnamesische Thiền-Traditionen. In Korea ist der Jogye-Orden die größte Seon-Tradition; in Südkorea gehören etwa 95–99 % der buddhistischen Tempel einem Seon-Orden an. In Vietnam entstand Trúc Lâm, eine einheimische Schule mit buddhistischen, konfuzianischen und taoistischen Einflüssen. Die Plum-Village-Tradition von Thích Nhất Hạnh verbindet Zen mit Elementen des Theravada, Achtsamkeit, Gewaltfreiheit, ökologischer Bewusstheit und sozialem Engagement.
Zen und Kultur
Zen steht für eine Kultur der Stille, Einfachheit, schlichten Eleganz, Natürlichkeit und Verbundenheit mit der Natur. Die japanische Kunst und Kultur wurde in den letzten 1000 Jahren besonders durch Zazen, Vergänglichkeit und die Erfahrung des ständigen Wandels beeinflusst. In allen Zen-Künsten gilt das Weglassen als wichtig: Der Praktizierende soll erkennen, was zum Wesen einer Sache gehört und was überflüssig ist.
Als Zenwege (Dō) gelten unter anderem Sadō, der Weg der Teezeremonie, Shodō als Kalligraphie, Sumi-e als Pinsel- und Tuschemalerei, Haiku als kurze Gedichtform, Kadō beziehungsweise Ikebana als Blumenarrangement, Bonsai, Kintsugi als Reparaturmethode für Keramik, Kyūdō als Bogenschießen und verschiedene Budō-Künste. Suizen bezeichnet das meditative Spiel der Shakuhachi-Bambusflöte. Die Kunst der Steingartengestaltung heißt Kare-san-sui.
Zengärten bestehen aus Kies, Steinen und Felsbrocken; außer Moos werden keine weiteren Pflanzen verwendet. Wasser wird durch wellenförmige Strukturen im Kies oder Sand angedeutet. Das achtsame Rechen und Pflegen sowie die Betrachtung eines solchen Gartens gelten als Meditation.
In der bildenden Kunst entwickelten Chan-Mönche Pinselmalerei und Kalligraphie zu Mitteln, mit denen sie spirituelles Verständnis vermittelten. Der Zen-Stil betont klare Kompositionen, einfache Formen, Material, Textur und die Schönheit des Alltäglichen. Ein Beispiel für Zen-geprägte Poesie ist das Haiku von Matsuo Bashō (Edo-Zeit, 1603–1868): „Am Wegesrande / Wachsende Eibischblüten – / Das Pferd rauft sie ab.“ Die Fuke-Schule praktizierte „Blasen-Zen“ (Suizen) mit der Shakuhachi, die im 8. Jahrhundert aus China nach Japan gelangte und sich im 17. Jahrhundert zu einem Meditationsinstrument entwickelte.
Auch Kampfkünste wurden als Zen-Praxis verstanden. Die Shaolin-Traditionen verbanden Chan mit taoistischen Körperübungen, Atem- und Energiepraktiken. In Japan stehen Zen und Budō spätestens seit der Übernahme des Rinzai-Zen durch den Hōjō-Klan im 13. Jahrhundert in enger Verbindung. In der Musik beeinflusste Zen unter anderem John Cages stilles Stück 4′33″, das zum Nachdenken über Musik und Stille anregt.
Verbreitung im Westen
Bis zum 19. Jahrhundert war in Europa wenig über Buddhismus bekannt. Erste Berichte christlicher Missionare seit dem 16. Jahrhundert beschrieben vor allem Rituale und Verhaltensweisen. Als wichtiges Ereignis für die Bekanntheit des Zen gilt der Auftritt des japanischen Zen-Meisters Soyen Shaku und seines Sekretärs Suzuki Daisetsu beim Weltparlament der Religionen 1893 in Chicago. Kakuzō Okakuras The Book of Tea erschien 1906 und stellte Zen und seine Beziehung zu den Künsten auf Englisch dar.
Der intensive Austausch zwischen Zen und dem Westen begann im 20. Jahrhundert; ein größeres Interesse westlicher Nichtasiaten entstand besonders in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren. Eugen Herrigels Zen in der Kunst des Bogenschießens erschien 1948 und prägte das populäre westliche Zen-Bild. 1958 gründete Shunryū Suzuki in San Francisco das erste Zen-Kloster außerhalb Asiens. Hugo Enomiya-Lassalle verband 1962 in Deutschland erstmals Exerzitien mit Zazen. Karlfried Graf Dürckheim trug durch Publikationen und die Ausbildung von Zen-Lehrern zur Verbreitung in Deutschland bei. Taisen Deshimaru kam 1967 nach Frankreich, gründete 1970 die Association Zen Internationale und machte das Dōjō Pernety in Paris zu einem wichtigen Ausgangspunkt des Zen in Europa. 1980 entstand das Zen-Kloster La Gendronnière.
Im Westen verbreiteten sich sowohl Sōtō- als auch Rinzai-Schulen. Die Sōtō-Zen Buddhist Association wurde 1996 von der großen Mehrheit der nordamerikanischen Sōtō-Priester gegründet. Westliche Lehrerlaubnisse wie Dendokyoshi berücksichtigen, dass Mönche und Nonnen in Europa häufig Beruf, Familie und Zen-Praxis miteinander verbinden. Rinzai wurde im deutschen Sprachraum unter anderem durch Senzaki Nyogen, Kyozan Joshu Sasaki und westliche Lehrerinnen wie Irmgard Schlögl verbreitet.
Im 21. Jahrhundert nimmt Zen in Japan ab, während es im Westen weiter wächst. Es gibt Zen-Kurse für Führungskräfte in den USA, Deutschland und der Schweiz. Das Internet ermöglichte neue individuelle und soziale Praxisformen, insbesondere Meditation per Livestream. Außerdem wurden historische Quellen in westlichen Sprachen zugänglich. 2010 ehrte die nordamerikanische Zen Buddhist Association die weibliche Überlieferungslinie, deren Vorfahrinnen bis zu 2.500 Jahre zurückreichen.
Beziehungen, Anpassungen und Kritik
Zen beeinflusste westliche Kunst, Literatur, Musik und Architektur. Beat-Poeten wie Jack Kerouac trugen zur Rezeption bei. In der bildenden Kunst übte besonders die asiatische Tuschezeichnung Sumi-e Einfluss aus. John Cage bezog Zen auf Stille und Musik; Walter Gropius war von der Schlichtheit und Flexibilität traditioneller japanischer, vom Zen beeinflusster Architektur beeindruckt. Auch die Verbindung von Zen mit Kochen, Theater und Therapie wird im Artikel beschrieben.
Es bestehen Parallelen zwischen Zen und der mittelalterlichen Mystik Meister Eckharts. Im 20. Jahrhundert entstand außerdem ein Dialog zwischen Zen und der abendländischen Philosophie. Die Kyōto-Schule verband das mahayanistische Konzept der Shunyata, also Leere oder Leerheit, mit dem daoistischen und zenbuddhistischen Begriff Wu beziehungsweise Mu, „Nichts“. Philosophen wie Martin Heidegger und Nishitani Keiji standen in einem Austausch, in dem Themen wie Tod, Nichts, Leben, Nihilismus und Shunyata miteinander verglichen wurden. Der Graeco-Buddhismus wird als mögliche frühe philosophische Brücke zwischen griechischer Kultur und Buddhismus beschrieben.
Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und dem interreligiösen Austausch ab 1979 entwickelten sich enge Beziehungen zwischen Zen und dem Christentum. Christliche Ordensleute, Theologen und Zen-Meister verbanden Zazen mit christlichen Exerzitien und Kontemplation. Dabei entstanden unterschiedliche Positionen: Manche sprechen von „christlichem Zen“, andere betonen eine „religiöse Zweisprachigkeit“, bei der Christentum und Zen sich begegnen und gegenseitig verändern, ohne zu einer einzigen Religion zu verschmelzen.
Im Westen wird zugleich vor einer Instrumentalisierung gewarnt. Zen kann als Mittel gegen Neurosen und Depressionen, zur Leistungssteigerung, zur Attraktivitätssteigerung kirchlicher Angebote oder für wirtschaftliche Zwecke verwendet werden. Bezeichnungen wie Business-Zen, Therapie-Zen, Wellness-Zen, Street-Zen und Ökologie-Zen werden als „Bindestrich-Zen“ kritisiert, wenn sie Zen auf ein äußeres oder sekundäres Ziel verkürzen. Andere Vertreter fordern dagegen ein „nacktes Zen“, das sich von monastischen Ritualen, Kleidung, Klanginstrumenten und anderen äußeren Formen löst und als westliches Laien-Zen inkulturiert. Toni Packer entwickelte eine ritualfreie Praxis des eigenen Gewahrwerdens ohne festes Lehrer-Schüler-Verhältnis.
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