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Daoismus
An die Stelle des Strebens nach spiritueller Transzendenz tritt beim religiösen Daoismus die Suche nach praktischen Wegen zu physischer Unsterblichkeit.
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Grundidee und Bedeutung
Der Daoismus, auch Taoismus, ist eine chinesische Philosophie, Weltanschauung und Religion. Er gehört neben Konfuzianismus und Buddhismus zu den Drei Lehren, die China stark geprägt haben. Seine historisch gesicherten Ursprünge liegen vor dem 4. Jahrhundert v. Chr., als das Daodejing des Laozi entstand. Der frühe Daoismus wird meist Daojia, der spätere religiöse Daoismus Daojiao genannt. Diese Unterscheidung ist hilfreich, aber unscharf, weil philosophische Ideen, religiöse Praktiken und Volksglauben oft ineinandergreifen.
Der zentrale Begriff ist das Dao. Ursprünglich bedeutet er „Weg“, im klassischen Chinesisch auch „Methode“, „Prinzip“ oder „der rechte Weg“. Bei Laozi wird das Dao zum höchsten Prinzip der Wirklichkeit: Es ist Ursprung des Kosmos, Ordnung der Dinge, höchste Wirklichkeit und zugleich nicht genau definierbar. Aus ihm entstehen die „zehntausend Dinge“, also die ganze Welt. Das Dao ist kein allmächtiges Wesen, sondern Ursprung und Vereinigung der Gegensätze. Deshalb heißt es im Daodejing: „Das Tao, das sich mit Worten beschreiben lässt, ist nicht das wahre Tao.“
Zum Dao gehört das De, seine Wirkkraft. De bedeutet im Chinesischen „das, was die Wesen erhalten, um zu entstehen“. Durch das Wirken des Dao entstehen Zweiheit und Gegensätze wie Yin und Yang, Licht und Schatten. Aus ihren Wandlungen und Wechselspielen geht die Welt hervor.
Entstehung und klassische Texte
Wann die daoistische Lehre genau entstand, ist unklar. Sie entwickelte sich über lange Zeit und nahm viele ältere chinesische Vorstellungen auf. Dazu gehören Himmel und Erde, die Fünf Wandlungsphasen, Qi als Energie, Yin und Yang, das Yijing sowie Praktiken der Körper- und Geisteskultivierung. Ziel solcher Praktiken war oft Lebensverlängerung oder Unsterblichkeit. Schon im Zhuangzi, einem Klassiker aus dem 4. Jahrhundert v. Chr., werden Xian, also Unsterbliche, erwähnt.
Die wichtigsten frühen Texte sind Daodejing, Zhuangzi und Liezi. Das Daodejing wird traditionell Laozi zugeschrieben, doch ob Laozi als einzelne historische Person wirklich existierte, ist umstritten. Er soll im 6. Jahrhundert v. Chr. gelebt haben, in einer Zeit von Unruhen und Kriegen. Das Daodejing umfasst in heutiger Form zwei Bücher mit insgesamt 81 Kapiteln. Der erste Teil behandelt das Dao, der zweite das De. Es ist keine systematische Abhandlung, sondern eine Sammlung mystischer Aphorismen, die viele Auslegungen ermöglicht. Es kann auch als politisches Werk gelesen werden, das einem Herrscher Frieden durch Nicht-Handeln und weise Führung empfiehlt.
Das Zhuangzi wurde im 4. Jahrhundert v. Chr. mit Bezug auf das Daodejing verfasst und wird Zhuangzi zugeschrieben, der etwa 369–286 v. Chr. lebte. Es erklärt daoistische Gedanken in Parabeln, Anekdoten und paradoxen Geschichten. Anders als Laozi setzt Zhuangzi kaum auf politische Ordnung durch einen weisen Herrscher, sondern verspottet die Mächtigen und stellt den weltabgewandten Weisen, den Zhenren, als Ideal dar.
Das Liezi, auch „Wahres Buch vom quellenden Urgrund“, ähnelt teilweise dem Zhuangzi. Seine Entstehung wird unterschiedlich erklärt: Einige vermuten eine Zusammenstellung zwischen etwa 300 v. Chr. und 300 n. Chr.; andere sehen Liezi als historische Person oder ordnen das Werk einer Schule zu. Zur Zeit von Laozi und Zhuangzi gab es noch keine nachweisbare daoistische Organisation. Die frühen Texte wurden erst später als kanonische Schriften verstanden.
Ethik und philosophischer Daoismus
Die daoistische Ethik fordert, sich am Dao zu orientieren. Der Mensch soll den Lauf der Welt beobachten, weil sich darin das Dao zeigt. Da das Dao im Ziran, dem „Von-selbst-so-Seienden“, sichtbar wird, gelten Natürlichkeit, Spontaneität und Wandlungsfähigkeit als wichtige Werte. Alles im Kosmos ist dem Wandel unterworfen. Der Weise erreicht Harmonie mit dem Dao nicht vor allem durch Verstand, Willenskraft oder bewusstes Eingreifen, sondern durch intuitive Anpassung an das Werden und Vergehen.
Ein Schlüsselbegriff ist Wu wei. Er bedeutet „Nicht-Eingreifen“, „Nicht-Handeln“ oder „Nicht-Erzwingen“. Gemeint ist nicht völlige Untätigkeit, sondern ein Handeln ohne Zwang und ohne unnötigen Kraftaufwand. Dinge sollen sich gemäß ihrer Natur entfalten können. Wer natürliche Abläufe nutzt, erreicht Ziele besser als durch ständige Anstrengung gegen den Lauf der Dinge. Der Weise strebt innere Leere, Gleichmut und die Vereinigung von Gegensätzen an.
Das Ideal des Daodejing bleibt der daoistische Weise: Er ist gleichmütig, zieht sich von weltlichen Angelegenheiten zurück, relativiert Wertvorstellungen und lebt natürlich, spontan und ohne erzwungenes Eingreifen. Dauerhaftes und wahres Glück entsteht nach daoistischer Auffassung nur durch Übereinstimmung mit dem Dao. Übermäßige Wünsche, Reichtum und Komfort können die wahre Tugend, das De, schwächen.
Der philosophische Daoismus sucht den Ursprung des Daseins und lehnt liturgische Praktiken sowie Götter- und Dämonenglauben weitgehend ab. Dennoch teilt er Grundgedanken mit dem religiösen Daoismus. Eine zentrale Rolle spielen Leere, Grenzenlosigkeit und die Auflösung des Ichs. In der Meditation kann die Vereinigung mit dieser Leere angestrebt werden. In der westlichen Auslegung, besonders seit Richard Wilhelm, wurde der philosophische Daoismus oft atheistisch, pantheistisch oder geistig verstanden.
Religiöser Daoismus und Praktiken
Der religiöse Daoismus entstand nach Zeitenwende, besonders während der Östlichen Han-Dynastie (25–220 n. Chr.). Das erste gesicherte Datum ist 215 n. Chr., als Cao Cao die Kirche der Himmelsmeister anerkannte. Im Unterschied zum philosophischen Daoismus umfasst der religiöse Daoismus ein polytheistisches System mit Ahnen- und Götterverehrung, Ritualen, Liturgie, Magie und verschiedenen Wegen zur Erleuchtung oder Unsterblichkeit. Das höchste Ziel ist die ewige Glückseligkeit als Xian, wobei Unsterblichkeit körperlich, metaphysisch oder nachtodlich verstanden werden kann.
Die erste daoistische Organisation war die Bewegung der Himmelsmeister, die Zhang Daoling 142 n. Chr. in Sichuan gründete. Sie wurde auch „Fünf-Scheffel-Reis“-Bewegung genannt, weil Anhänger eine Abgabe leisteten. In ihr verbanden sich religiöse, ethische und teilweise politische Vorstellungen. Etwa 30 Jahre lang existierte sogar ein Himmelsmeister-Staat mit einem großen Verwaltungsapparat. Gebete und Bitten wurden wie Formulare verfasst und durch Verbrennung an zuständige Gottheiten geschickt. Später wurde Laozi nicht nur als Weiser, sondern auch als Gott verehrt.
Mit der Zeit entwickelte sich der Daoismus zu einer Volksreligion. Während der Han-Zeit verband er sich mit älteren kosmologischen, theologischen und schamanistischen Vorstellungen sowie mit buddhistischen Elementen. Die Liturgien wurden von Daoshi, daoistischen Priestern, ausgeführt. Es entstand ein reicher Götterhimmel mit Naturgöttern, Dämonen, Geistern, Unsterblichen und Vollkommenen. Die drei höchsten Gottheiten wurden die Drei Reinen: Yuanshi tianzun, Lingbao tianzun und Daode tianzun beziehungsweise Taishang Laojun, der vergöttlichte Laozi.
Daoistische Praktiken sind vielfältig. Dazu gehören Meditation, Qigong, Taijiquan, Atemtechniken, Visualisation, Imagination, Rituale, Magie, Medizin, Sexualpraktiken und Alchemie. Der daoistische Kanon Daozang wurde in seiner letztgültigen Fassung 1442 zusammengestellt und enthält Tausende Werke. Besonders wichtig waren die Shangqing-Meditationen ab dem 4. Jahrhundert n. Chr., in denen Adepten geistige Welten visualisierten und durch Harmonisierung von Körper und Geist zur ursprünglichen Einheit zurückkehren wollten.
In der äußeren Alchemie versuchte man seit etwa dem 4. Jahrhundert n. Chr., Elixiere oder Pillen zur Lebensverlängerung herzustellen. Zinnober, Quecksilber und Gold spielten dabei eine besondere Rolle. Viele Menschen starben jedoch an Quecksilbervergiftung. Deshalb gewann später die innere Alchemie an Bedeutung: Der eigene Körper und Geist wurden als „inneres Labor“ verstanden. Durch Kultivierung von Jing, Qi und Shen sollten Leere und Einheit verwirklicht werden. Auch Feng Shui gilt als Abkömmling des Daoismus.
Buddhismus, China und Verbreitung
Der Daoismus stand in engem Austausch mit dem Buddhismus. Als der Buddhismus im 2. Jahrhundert nach China kam, wurde er zunächst als fremde Variante des Daoismus verstanden, weil Übersetzer buddhistische Begriffe mit daoistischen Begriffen wiedergaben. Eine daoistische Legende erklärte sogar, Laozi sei nach Westen gegangen und habe in Indien als Buddha die „Barbaren“ zum Daoismus bekehrt. Später beeinflussten sich beide Traditionen gegenseitig. Ein wichtiges Beispiel ist der Chan-Buddhismus, der in Japan, Korea und Vietnam als Zen-Buddhismus weiterbesteht. Auch daoistische Schulen wie Quanzhen übernahmen buddhistische Ideen.
Die genaue Zahl der Daoisten ist schwer zu bestimmen, weil Schulen und Volksreligionen schwer abzugrenzen sind und statistische Erfassungen fehlen. Bekannt ist, dass ungefähr acht Millionen Daoisten auf Taiwan leben. Die daoistische Vereinigung in der Volksrepublik China geht von ungefähr 60 Millionen daoistischen Gläubigen in der VR China aus. Auch unter Überseechinesen sowie in Malaysia, Singapur, Vietnam, Japan und Korea ist der Daoismus verbreitet.
In der Volksrepublik China wurde Religion unter der sozialistischen Diktatur unterdrückt. Während der Kulturrevolution wurden viele Klöster und Tempel zerstört, Schriften vernichtet und Mönche und Nonnen umerzogen oder getötet. Später wurden viele Tempel wieder aufgebaut, Ausbildungsstellen geschaffen und Forschungsstellen eingerichtet. Um die 2000er Jahre gab es in der VR China ungefähr 3000 daoistische Heiligtümer mit etwa 25.000 Nonnen und Mönchen. Die 1956 gegründete und 1957 registrierte Daoistische Vereinigung Chinas hat ihren Sitz im Baiyun Guan in Beijing und steht unter staatlicher Führung.
Heute bestehen in China vor allem zwei Hauptlinien: Quanzhen-Daoismus und Zhengyi-Daoismus. Quanzhen-Daoisten leben monastisch und zölibatär; ihre Hauptpraxis ist Meditation und innere Alchemie. Zhengyi-Daoisten dürfen heiraten und arbeiten als Ritualpriester, etwa bei Tempeln, Familien, Begräbnissen, Hochzeiten, Exorzismen oder Heilungen. Ihre Rituale können bis zu neun Tage dauern und mit Theateraufführungen, Prozessionen und Opfern verbunden sein. Staatlich nicht zugelassene daoistische Gemeinschaften gelten dagegen als Sekten oder häretische Kulte und können verfolgt werden.
Daoismus im Westen
Die westliche Rezeption des Daoismus ist über 200 Jahre alt. Besonders das Daodejing beeinflusste Kunst, Literatur, Psychologie und Philosophie. Die erste lateinische Übersetzung des Daodejing durch einen Jesuiten stammt aus dem Jahr 1788. Vom 19. Jahrhundert bis Anfang des 20. Jahrhunderts erschienen viele Übersetzungen, häufig von Missionaren. Auch Richard Wilhelms im deutschen Sprachraum bekannte Übersetzung zeigt einen christlichen und westlich gebildeten Hintergrund.
Nach dem Ersten Weltkrieg wuchs in Europa das Interesse an östlicher Philosophie und Religion. Pazifisten interessierten sich besonders für Wu wei. In Deutschland lösten Übersetzungen von Richard Wilhelm und Martin Buber eine Daoismus-Euphorie unter Literaten und Künstlern aus. Hermann Hesse, Alfred Döblin und Bertolt Brecht wurden durch daoistische Gedanken beeinflusst. Brechts Gedicht „Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration“ entstand 1938.
Auch die Psychologie und Philosophie griffen daoistische Texte auf. Carl Gustav Jung wurde durch Richard Wilhelms Übersetzungen von „Das Geheimnis der Goldenen Blüte“ und des „Yi Jing“ angeregt. Martin Heidegger, Karl Jaspers und Ernst Bloch setzten sich ebenfalls mit daoistischen Gedanken auseinander. Nach dem Zweiten Weltkrieg verbreiteten Exil-Chinesen wie Gia-Fu Feng den Daoismus in den USA. Später beeinflussten daoistische Vorstellungen Beatniks, die Hippie-Bewegung und die New-Age-Bewegung. Dabei wurde der Daoismus oft vereinfacht, besonders auf Yin und Yang bezogen. Fritjof Capras „Das Tao der Physik“ von 1976 trug zu einer populären, teils oberflächlichen Verbreitung bei.