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Vietnamesische Sprache

Vokale ; y, [i], ähnlich dem deutschen ie, sogenanntes "langes i" ; o, [ɔ], ähnlich dem o in Tonne ; ô, [o], ähnlich dem o in Ton ; ơ, [əː], langes Gegenstück zum â …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Einordnung, Verbreitung und Dialekte
  2. 2. Sprachentwicklung und Einflüsse
  3. 3. Laute, Silben und Vokale
  4. 4. Die sechs Töne
  5. 5. Grammatik und Wortbildung
  6. 6. Schriftsystem und Textbeispiel

Einordnung, Verbreitung und Dialekte

Vietnamesisch (tiếng Việt) ist die Amtssprache Vietnams. Es wird von geschätzten 84 Millionen Menschen als Muttersprache gesprochen, darunter etwa 80 Millionen in Vietnam, also rund 88 % der dortigen Bevölkerung. Hinzu kommen etwa 10 Millionen Zweitsprachler. Ethnische Minderheiten Vietnams, die ungefähr 8 % der Bevölkerung ausmachen, sprechen Vietnamesisch als Mutter- oder Zweitsprache. Durch Auswanderung entstanden außerdem größere Sprachgemeinschaften unter anderem in den USA, Australien, Kanada und Frankreich. Genannt werden etwa 100.000 Muttersprachler in Deutschland, 200.000 in Frankreich und 5000 in Polen. Auch in Teilen Kambodschas, Laos’ und Südchinas gehört Vietnamesisch zu den dominierenden Sprachen.

Vietnamesisch gehört zu den austroasiatischen Sprachen, innerhalb dieser zu den vietischen beziehungsweise Việt-Mường-Sprachen. Seine nächste verwandte Sprache ist Mường. Die genauere genetische Einordnung war lange umstritten: Töne im Vietnamesischen, aber nicht im eng verwandten Mường, schienen zunächst gegen die Zuordnung zu den Mon-Khmer-Sprachen zu sprechen. A.-G. Haudricourt erklärte jedoch 1954 durch die Tonogenese, also die historische Entstehung von Tönen, dass Vietnamesisch ursprünglich keine Tonsprache war. Dadurch setzte sich die Einordnung als Mon-Khmer-Sprache durch.

Es gibt drei Hauptdialekte: den nordvietnamesischen Hanoi-Dialekt, den zentralvietnamesischen Huế-Dialekt und den südvietnamesischen Saigon-Dialekt. Sie unterscheiden sich vor allem in Aussprache und Wortwahl, nicht aber in Grammatik oder Syntax. Gegenseitiges Verstehen ist möglich, wenn die Beteiligten die jeweiligen Besonderheiten kennen. Im Norden werden die Töne meist deutlicher unterschieden als im Süden, besonders hỏi und ngã. Die Rechtschreibung orientiert sich am Dialekt von Hanoi; auch vietnamesische Lieder werden überwiegend im nordvietnamesischen Dialekt wiedergegeben.

Sprachentwicklung und Einflüsse

Nach der heute vorherrschenden, auf Henri Maspero zurückgehenden Auffassung besaß das Urvietnamesische ursprünglich Flexion und Konsonantenverbindungen, ähnlich anderen austroasiatischen Sprachen. Diese Merkmale gingen später verloren. Stattdessen entwickelte die Sprache Töne und einen isolierenden Sprachbau, wie er auch bei anderen südostasiatischen Sprachen vorkommt. Die Ausgangsregion lag möglicherweise am Roten Fluss im heutigen Nordvietnam. Mit der Ausdehnung des vietnamesischen Einflusses verbreitete sich die Sprache zunächst nach Mittel- und später nach Südvietnam.

Während der ungefähr 1000 Jahre dauernden chinesischen Herrschaft war Chinesisch Literatur- und Amtssprache sowie die Sprache der herrschenden Schicht. Bis zum 10. Jahrhundert entstand ein Sino-Vietnamesisch mit vielen chinesischen Wörtern, besonders aus Politik, Verwaltung und Kultur. Nach dem Ende der chinesischen Herrschaft gewann die vietnamesische Umgangssprache wieder an Bedeutung.

Im 17. Jahrhundert entwickelten europäische Missionare eine Umschrift mit lateinischen Buchstaben. Gleichzeitig beeinflussten europäische Sprachen, besonders Französisch, das Vietnamesische. Während der französischen Kolonialzeit kamen zahlreiche französische Lehnwörter hinzu. Die Kolonialverwaltung führte 1910 die lateinische Schrift offiziell ein. Nach der Unabhängigkeit 1945 wurde sie verbindlich und erleichterte die schnelle Alphabetisierung großer Bevölkerungsteile.

Laute, Silben und Vokale

Vietnamesisch ist grundsätzlich eine monosyllabische Sprache: Die Silbe bildet eine besonders wichtige lautliche und bedeutungstragende Einheit. Die beschriebene Hanoi-Aussprache besitzt 22 Konsonantenphoneme, also bedeutungsunterscheidende Konsonantenlaute. Dazu gehören unter anderem Plosive wie /p, t, c, k/, Frikative wie /f, v, s, z, x, ɣ, h/, Nasale wie /m, n, ɲ, ŋ/ sowie die implosiven, stimmhaften Laute /ɓ/ und /ɗ/. /p/ tritt am Wortanfang nur in jüngeren Lehnwörtern auf, besonders solchen aus dem Französischen; in rein vietnamesischen Wörtern kommt es nur am Wortende vor.

Beginnt ein Wort mit einem Vokal oder /w/, wird in der Aussprache ein Glottisverschluss [ʔ], also ein kurzer Verschluss im Kehlkopf, vorangestellt: ăn „essen“ wird [ʔɐn] ausgesprochen. Die Plosive /p, t, k/ werden am Wortende nicht hörbar gelöst. Nach /u/ oder /w/ können /k/ und /ŋ/ zusätzlich mit einem bilabialen Verschluss, also einem Verschluss beider Lippen, gesprochen oder stark gerundet werden.

Über die genaue Analyse des Vokalsystems besteht unter Sprachwissenschaftlern Uneinigkeit. Unterschieden werden unter anderem /i, ɨ, u, e, əː, o, ɛ, ɜ, ɔ, ɐ, ɐː/. Bedeutungsunterscheidend sind die Längenunterschiede zwischen kurzem /ɐ/ (ă) und langem /ɐː/ (a) sowie zwischen kurzem /ɜ/ (â) und langem /əː/ (ơ). Hohe Vokale werden besonders in offenen Silben häufig diphthongisiert, gehen also während der Aussprache in einen zweiten Vokalklang über.

Die drei eigentlichen Diphthonge, also aus zwei Vokalqualitäten bestehende Laute, sind /ie/, /ɯɤ/ und /uo/. Sie sind fallend: Die Bewegung führt von einem geschlossenen zu einem mittleren Vokal, und der Schwerpunkt liegt auf dem ersten Element. Ihre Schreibweise hängt teilweise davon ab, ob die Silbe offen oder geschlossen ist, beispielsweise ia/iê für /ie/, ưa/ươ für /ɯɤ/ und ua/uô für /uo/. Im Südvietnamesischen werden sie vor /j, w, m, p/ regelmäßig als die entsprechenden langen Monophthonge [i, ɯ, u] gesprochen.

Die sechs Töne

Vietnamesisch ist eine Tonsprache: Tonhöhe und Tonverlauf einer Silbe unterscheiden Bedeutungen. Auch Länge und Glottalisierung, also die Beteiligung eines Kehlkopfverschlusses, spielen eine Rolle. Eine falsche Tonverwendung kann deshalb den Sinn verändern. Ohne die Töne gäbe es sehr viele gleichlautende Wörter. In der Schrift werden die Töne mit diakritischen Zeichen markiert.

Die nordvietnamesische Standardsprache unterscheidet sechs Töne:

• ngang oder không: mittelhoch und eben, Tonwert 33, ohne Tonzeichen; Beispiel ba „drei“. • sắc: hoch steigend, 35, mit Akut; Beispiel bá „Gouverneur“. • huyền: tief fallend, 21, mit Gravis; Beispiel bà „Dame“. • nặng: tief, fallend und knarrig, 32 oder 31, mit Unterpunkt; die Silbe enthält einen Knacklaut, zum Beispiel mệnh „Leben“. • hỏi: zunächst fallend, dann steigend, 313, mit Haken; Beispiel sử „Geschichte“. • ngã: unterbrochen und steigend, 35, mit Tilde; die Silbe besitzt ebenfalls einen Knacklaut, zum Beispiel bã „Rest“.

Bei sắc und nặng hängt die genaue Tonhöhe und Dauer vom Silbenende ab. Vor den Stoppkonsonanten -t, -p, -c und -ch werden diese Töne anders verwirklicht als vor einem Vokal oder den Nasalen -n, -m, -ng und -nh. Silben mit einem solchen Stoppkonsonanten können überhaupt nur sắc oder nặng tragen.

Die sechs Töne entstanden wahrscheinlich im 1. Jahrtausend unter dem Einfluss des Chinesischen als Kontaktsprache. Entscheidend waren der ursprünglich stimmlose oder stimmhafte Silbenanfang und das ursprüngliche Ende der Silbe: vokalisch, auf -h oder auf -ʔ.

Grammatik und Wortbildung

Vietnamesisch ist eine isolierende Sprache. Wörter werden nicht flektiert, also nicht durch Endungen nach grammatischen Kategorien verändert. Ihre Beziehung zueinander ergibt sich vor allem aus der Stellung im Satz. Die gewöhnliche Reihenfolge lautet Subjekt – Prädikat – Objekt; zur Betonung kann beispielsweise ein Objekt an den Satzanfang treten.

Grammatische Tempora, also durch Verbformen ausgedrückte Zeitstufen, gibt es nicht. Ob etwas in Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft geschieht, ergibt sich aus dem Zusammenhang oder aus zusätzlichen Wörtern wie Adverbien. Beim Zählen muss zwischen Zahlwort und Nomen ein Zähleinheitswort stehen. Dessen Wahl richtet sich etwa danach, ob das Gemeinte belebt ist; bei unbelebten Dingen können Eigenschaften wie die Form entscheidend sein. In Attributkonstruktionen folgt die nähere Bestimmung gewöhnlich auf das beschriebene Wort: tiếng Việt bedeutet wörtlich „Sprache-Viet“.

Ursprünglich bestand jedes Wort nur aus einer Silbe. Der Grundwortschatz und alle grammatisch wichtigen Wörter sind bis heute einsilbig. Mehrsilbige Wörter werden nicht zusammengeschrieben. Sie können durch Zusammensetzung entstehen, etwa bàn ghế, wörtlich „Tisch–Stuhl“, mit der Bedeutung „Tischgruppe“, oder nước mắt, wörtlich „Wasser-Auge“, für „Träne“.

Rund 70 % des gesamten Wortschatzes sind chinesischen Ursprungs, obwohl Vietnamesisch nicht mit Chinesisch verwandt ist. Im Grundwortschatz ist dieser Anteil deutlich kleiner; grammatische Funktionswörter sind ausschließlich einheimisch. Man unterscheidet sino-vietnamesische Wörter und vietnamisierte Wörter, die trotz chinesischer Herkunft als einheimisch empfunden werden. Ein Beispiel für ein sino-vietnamesisches Wort ist đại học „Universität“, wörtlich „Große Lehre“. Neue Begriffe entstehen häufig durch Umschreibungen, etwa máy thu thanh, wörtlich „Maschine–sammeln–Klang“, für „Radio“. Französische Lehnwörter sind beispielsweise ga aus gare „Bahnhof“, xi-măng aus ciment „Zement“, bia aus bière „Bier“ und pho mat aus fromage „Käse“.

Schriftsystem und Textbeispiel

Vietnamesisch wurde mit drei Schriftsystemen geschrieben: chữ Hán mit chinesischen Schriftzeichen, Chữ Nôm als angepasster, auf chinesischen Zeichen beruhender vietnamesischer Schrift und Quốc ngữ als lateinischer Schrift mit diakritischen Zeichen. Während der chinesischen Herrschaft von 111 v. Chr. bis 938 waren chinesische Sprach- und Schriftkenntnisse besonders für die konfuzianistischen Beamtenprüfungen wichtig.

Frühestens ab dem 11., sicher aber ab dem 13. Jahrhundert passten vietnamesische Gelehrte chinesische Zeichen an ihre Sprache an. Daraus entstand Chữ Nôm mit eigenen Zeichen für häufige vietnamesische Wörter. Die ältesten erhaltenen Zeichen finden sich auf Tempelglocken und in Steininschriften. Seine Blütezeit erreichte Chữ Nôm im 16. Jahrhundert.

Ab dem 16. Jahrhundert entwickelten katholische Missionare eine lateinische Umschrift namens Chữ Quốc Ngữ. Zu den Pionieren gehörten Christofora Borri, Francisco de Pina und Francisco de Buzomi. 1651 wurde Alexandre de Rhodes’ Dictionarium Annamiticum Lusitanum et Latinum in Rom zum Druck freigegeben. Nach mehreren Vereinheitlichungen entstand die heutige Schrift. Sie besitzt zusätzliche Vokalbuchstaben und kennzeichnet die sechs Töne durch Diakritika; dadurch können auf einem Vokal zwei diakritische Zeichen stehen. Seit 1945 ist Chữ Quốc Ngữ die offizielle Staats- und Verkehrsschrift Vietnams. Sie ist phonetisch, sodass sich die Aussprache sehr genau aus der Schreibung ableiten lässt. Vietnamesische Zeichen sind in Unicode codiert und können in HTML durch Unicode-Zeichen oder Zeichenreferenzen dargestellt werden.

Als Beispiel führt der Artikel Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte an. Der vietnamesische Anfang „Tất cả mọi người sinh ra đều được tự do và bình đẳng về nhân phẩm và quyền“ entspricht: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ Der gesamte Beispielsatz wird in Quốc ngữ, Hán Nôm, der IPA-Lautschrift für Hanoi und deutscher Übersetzung gegenübergestellt.

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