Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Wiedergeburt (Christentum)

Wiedergeburt (lateinisch regeneratio, altgriechisch ἀναγέννησις) bezeichnet im Christentum meist einen Teilaspekt der Zueignung des göttlichen Heils an den …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundbedeutung und theologische Fragen
  2. 2. Biblischer Sprachgebrauch
  3. 3. Verständnis in der Alten Kirche
  4. 4. Traditionelle und moderne theologische Deutungen
  5. 5. Evangelikale und neuapostolische Sichtweisen
  6. 6. Abgrenzung von der Reinkarnation

Grundbedeutung und theologische Fragen

Wiedergeburt (lateinisch regeneratio, altgriechisch ἀναγέννησις) bezeichnet im Christentum meist einen Teilaspekt der Zueignung des göttlichen Heils an den einzelnen Menschen. Gemeint sein kann die geistliche Erneuerung des Individuums oder, in einem umfassenderen Sinn, die gesamte Aneignung des Heils.

Der Begriff wird in den christlichen Traditionen unterschiedlich bestimmt. Umstritten ist vor allem sein Verhältnis zur Taufe, zum Empfang des Heiligen Geistes und zur Rechtfertigung durch den Glauben an Jesus Christus. Besonders im Pietismus und in Erweckungsbewegungen bezeichnet Wiedergeburt das Ende eines früheren, „geistlich toten“ Lebens und den Beginn eines neuen Lebens als Christ.

Biblischer Sprachgebrauch

Das Substantiv „Wiedergeburt“ (παλιγγενεσία, paliggenesia) kommt im Neuen Testament an zwei Stellen vor. Für das christliche Verständnis besonders wichtig ist Tit 3,5 EU: Dort wird die Taufe als „Bad der Wiedergeburt“ bezeichnet. Dahinter steht die paulinische Vorstellung, dass der Getaufte mit Christus mitstirbt und in ein neues Leben mit dem auferstandenen Christus aufgenommen wird (Röm 6,3–11 EU). Damit verbunden sind die Bilder der Gotteskindschaft und der Neuschöpfung. Wiedergeburt bedeutet hier das eschatologische Neuwerden des Menschen durch ein neues Verhältnis zu Gott.

In Mt 19,28 EU bezeichnet „Wiedergeburt“ dagegen die eschatologische Totenauferweckung oder die kosmische Erneuerung der gesamten Welt. Diese Bedeutung erinnert an die stoische Vorstellung der Palingenese, also der Neuschöpfung nach dem Ablauf eines Weltzyklus, wurde von der christlichen Theologie aber seltener übernommen.

1 Petr 1,3 und 23 EU sprechen von einem „Erneut-gezeugt-Werden“ (ἀναγεννᾶν, anagennan) durch die Auferstehung Jesu Christi und durch das göttliche Wort. Daraus folgt der Aufruf, sich im Leben zu bewähren. In diesem imperativischen Sinn gehört Wiedergeburt wesentlich zur Buße oder Umkehr, wie sie Jesus von Nazaret verkündete.

Die johanneischen Schriften verwenden häufig die Bilder der Zeugung und der Neugeburt „aus Gott“ beziehungsweise „von oben“. Nach Joh 3,3–7 EU ist die Wiedergeburt eine notwendige Voraussetzung für die Aufnahme in das Reich Gottes. Sie gilt als göttliches Geschenk und als Mysterium. Sie unterscheidet die „Gotteskinder“ von der Welt und soll bereits in der Gegenwart ihr Handeln bestimmen (vgl. 1 Joh 3,1; 5,1 EU).

Verständnis in der Alten Kirche

Die Theologen der Alten Kirche verstanden die Wiedergeburt in Anknüpfung an den Titusbrief meist als Wirkung der Taufe, neben der Abwaschung der Sünde.

Griechische Kirchenväter wie Origenes nahmen zusätzlich Einflüsse der Mysterienkulte auf. Sie beschrieben Christen als mit der Unsterblichkeit des Vaters „umkleidet“ und als Menschen, die sich bereits „inmitten der Güter der Wiedergeburt und der Auferstehung“ befinden. Ob Origenes in früheren, nicht erhaltenen Schriften die Lehre der Reinkarnation vertrat, ist umstritten.

Lateinische Kirchenväter verbanden die Wiedergeburt stärker mit der Buße und betonten damit die menschliche Mitwirkung. Cyprian von Karthago stellte das heilige Leben nach der zweiten Geburt dem früheren lasterhaften Leben gegenüber. Augustinus von Hippo rückte die Wiedergeburt eng an die sanctificatio, also die Heiligung, heran. Sie wurde damit als Prozess der zunehmenden Übereinstimmung mit dem göttlichen Willen verstanden.

Traditionelle und moderne theologische Deutungen

In der orthodoxen, katholischen und anglikanischen Lehre ist die Wiedergeburt entsprechend der Entwicklung in der Alten Kirche vor allem eine Wirkung der Taufe. Der Katechismus der Katholischen Kirche fasst die Hauptwirkungen der Taufgnade so zusammen: „Die beiden Hauptwirkungen sind also die Reinigung von den Sünden und die Wiedergeburt im Heiligen Geist.“ Auch konservative Lutheraner führen die Wiedergeburt zusammen mit Sündenabwaschung, Geistverleihung und Erleuchtung auf die Taufe zurück.

Martin Luther verstand die Taufe dynamisch. Das christliche Leben sei „eine ständig neue Geburt“, und die Wirkung des Taufsakraments erstrecke sich „über das ganze Leben“. Helmut Burkhardt bezeichnet dies als aktualistisches Wiedergeburtsverständnis. Die Wiedergeburt ist dabei mit der Vorbereitung auf das ewige Leben verbunden. Luther wandte sich gegen ein Verständnis, nach dem der Mensch unabhängig von Wort und Sakrament eine besondere, losgelöste Erfahrung der Wiedergeburt macht. In der kirchlichen Theologie wurde die Wiedergeburt später zunehmend auf die Kindertaufe als „Taufwiedergeburt“ bezogen. Der Pietismus wandte sich dagegen. Wie die Täufer der Reformationszeit taufte er Erwachsene, um eine vorausgegangene Wiedergeburt zu bezeugen.

Die liberale Theologie deutet Wiedergeburt als moralische Veränderung oder religiöses Erlebnis. Sie wird dabei weder durch den Taufakt noch durch andere menschliche Handlungen, Rituale oder Institutionen bewirkt. Friedrich Schleiermacher knüpfte hierbei besonders an den Herrnhuter Pietismus an. In der dialektischen Theologie wird Wiedergeburt nicht mehr der Kindertaufe zugeschrieben, sondern als nicht fassbare Wirklichkeit jenseits menschlicher Erkenntnis und Erfahrung verstanden. Nach Otto Weber gehört sie zu einer Wirklichkeit, die nur als erwartete gegenwärtig ist.

Evangelikale und neuapostolische Sichtweisen

In der evangelikalen Bewegung wird das Verständnis des Pietismus und der Erweckungsbewegungen weitergeführt. August Hermann Francke setzte Wiedergeburt mit der durch einen Bußkampf zu erreichenden Bekehrung gleich und unterschied zwischen Wiedergeborenen und Unwiedergeborenen.

Evangelikale verbinden Wiedergeburt eng mit der Bekehrung. Beide zusammen beschreiben die geistliche Erneuerung des Menschen. Die Wiedergeburt betont dabei stärker Gottes Wirken, während die Bekehrung eher die Gott suchende Aktivität des Menschen bezeichnet, die ebenfalls durch den Heiligen Geist angeregt wird. Als Voraussetzung werden die Bekehrung, die Annahme der göttlichen Vergebung und das Vertrauen auf Jesus Christus als Herrn und Erlöser genannt. Wiedergeburt gilt als göttlicher Gnadenakt, in dem der Gläubige mit dem Heiligen Geist versiegelt wird. Der Geist Gottes ist das Unterpfand für das, was Gott dem Glaubenden künftig noch schenken wird (2 Kor 1,21–22; Eph 4,30 NGÜ). Die Wiedergeburt umfasst die Vergebung der Sünden, befähigt zur Erkenntnis geistlicher Wirklichkeiten und befreit den zuvor von der Sünde versklavten Willen zur Heiligung und zum freiwilligen Gehorsam gegenüber Gott.

In der Neuapostolischen Kirche und anderen apostolischen Gemeinschaften gilt die von Jesus beschriebene „geistige Wiedergeburt“ (Joh 3,3–8 LUT) als notwendig für die Teilnahme an der Entrückung bei der erwarteten Wiederkunft Christi. Neben der Wassertaufe ist dort die Geistestaufe, die „Versiegelung“ durch einen lebenden Apostel, erforderlich. Beide Sakramente zusammen ermöglichen die „Wiedergeburt aus Wasser und Geist“. Sie begründen die „Gotteskindschaft“ (Röm 8,16 LUT), die Berufung zur „Erstlingsschaft“ und damit zur Teilnahme an der Entrückung sowie zum künftigen „königlichen Priestertum“ (1 Petr 2,9 LUT). Diese Lehre verbindet Sakramentsverständnis, Apostolatsverständnis und Eschatologie. In katholisch-apostolischen Vorgängergemeinden und anderen apostolischen Gemeinden gilt dagegen die Wassertaufe als „Bad der Wiedergeburt“ (Tit 3,5 LUT) als ausreichend. Die exklusive Bedeutung der Versiegelung entwickelte sich in der Neuapostolischen Kirche über Jahrzehnte und wurde erst 1951 durch die Erneuerung des Glaubensbekenntnisses formeller Bestandteil ihrer Lehre.

Abgrenzung von der Reinkarnation

Ein Verständnis von Wiedergeburt im Sinn einer Reinkarnation, also einer erneuten Verkörperung, wird von einem Großteil der christlichen Theologen und von der kirchlichen Lehre aller großen Kirchen abgelehnt.

Lernvideos zu Wiedergeburt (Christentum)

Weiterlesen

Latein Verben ; Perfekt- stamm · 2. Person Singular Perfekt Konjunktiv Aktiv, du habest geliebt, amāv-, -eri- ; Perfekt- stamm · 3. Person Plural Plusquamperfekt Indikativ … Altgriechische Sprache ... weil die Person im Normalfall schon durch das Verb angegeben ist. In den übrigen Kasus wird zwischen den enklitischen unbetonten Formen (etwa με me) und … Christentum Das Christentum ist eine Weltreligion, die aus dem Judentum hervorging und sich ab dem 4. Jahrzehnt n. Chr. über Judäa hinaus ausbreitete. Metapher ... adverbiale Bestimmung lautet „im übertragenen Sinn(e)“. Im religionswissenschaftlichen Kontext findet auch der Begriff „Bilderrede“ Anwendung. Taufe Die Taufe, genannt auch Taufritus, ist ein christlicher Ritus, der seit der Zeit des Neuen Testaments besteht. Die Auffassungen über Voraussetzung, … Heiliger Geist Der Heilige Geist, oft auch Geist Gottes oder in neuerer Übersetzung Heilige Geistkraft genannt, ist Gott, keine eigenständige Gottheit oder Substanz. An … Jesus Christus Der Glaube an Jesu Auferstehung beruht nach dem NT auf Erscheinungen des auferstandenen Jesus gegenüber einigen seiner ersten Nachfolger, aber auch … Rechtfertigung (Theologie) Rechtfertigung ist ein zentraler Begriff der christlichen Theologie innerhalb der Gnadenlehre. Die Rechtfertigungslehre fragt danach, was geschehen muss, … Neues Testament Die Schriften des NT lassen sich in vier Textgattungen einteilen: Erstens die vier Evangelien, die Jesu Leben, Sterben und Auferstehen erzählend entfalten, … Substantiv Das Substantiv, deutsch auch Hauptwort, Nennwort, Namenwort, Dingwort oder Gegenstandwort, ist eine Wortart. · Das Substantiv bildet zusammen mit dem Verb die … Eschatologie Der ursprünglich christliche Begriff wurde im lutherischen Protestantismus geprägt und nach seiner Akzeptanz als Beschreibung für bestimmte Inhalte auch auf … Auferstehung Das Urchristentum bezog die weltbezogene jüdische Auferstehungshoffnung auf Jesus Christus: An ihm habe der Gott Israels das Endgericht schon vorweggenommen, um …