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Rechtfertigung (Theologie)
Rechtfertigung ist ein zentraler Begriff der christlichen Theologie innerhalb der Gnadenlehre. Die Rechtfertigungslehre fragt danach, was geschehen muss, …
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Kern der Rechtfertigungslehre
Rechtfertigung ist ein zentraler Begriff der christlichen Theologie und gehört zur Gnadenlehre. Sie fragt, wie das durch die Sünden des Menschen belastete Verhältnis zwischen Mensch und Gott wieder in Ordnung kommen kann.
Darüber, was eine angemessene Rechtfertigungslehre aussagen muss, wurde über Jahrhunderte gestritten. Der wichtigste Konflikt lag in der Reformation und der Katholischen Reform. Die römisch-katholische Kirche und die evangelisch-lutherischen Kirchen legten ihren Streit am Reformationstag 1999 bei; einzelne Teilfragen bleiben jedoch umstritten.
Biblische Grundlagen
Im Alten Testament ist Gerechtigkeit ein Schlüsselwort. Das hebräische צדקה (zedaqah) bezeichnet Gerechtigkeit als Tat, צדק (zedaq) Gerechtigkeit als Zustand. Gemeint sind sowohl Gottes Bundestreue als auch der Bundesgehorsam der Menschen beziehungsweise des Bundesvolkes. Gerechtigkeit betrifft damit innere Haltung ebenso wie äußeres, soziales Verhalten.
Im Neuen Testament erscheint das Substantiv δικαίωσις (dikaíōsis) nur zweimal, in Röm 4,25 EU und Röm 5,18 EU. Das Verb δικαιοῦν (dikaioūn) verwenden besonders die Paulusbriefe: Gott verschafft sich sein Recht, indem er Menschen, die ihrem Dasein entfremdet sind und keinen Anspruch darauf haben, in sein Handeln einbezieht. Dies hat lebensbejahende Folgen.
Früh wurde darüber gestritten, ob Christinnen und Christen nach einer erneuten Sünde nach der Taufe nochmals gerechtfertigt werden können. Als Antwort darauf dienten und dienen Buß- und Beichtpraxis.
Reformatorisches Verständnis
Für Martin Luther zählte die Rechtfertigung zu den unaufgebbaren Lehren der Kirche und wurde in der Reformation zum zentralen Streitpunkt. Luther sah in der Westkirche biblische Kernbotschaften durch viele überlieferte Richtlinien, Bräuche und Vorschriften verdeckt oder den Gläubigen vorenthalten. Diese konnten so verstanden werden, als könne ein Mensch sich vor Gott durch Beichtauflagen und Frömmigkeitsübungen rechtfertigen, etwa durch Taten der Liebe, Reliquienverehrung, Ablasszahlungen oder Messen.
Besonders wichtig war für Luther der Brief des Paulus an die Galater. In seinen Tischreden nannte er ihn „[…] mein epistelcha, der ich mir vertrawt hab. Ist mein Keth von Bor“.
Die Kirchen der Reformation erinnern mit Berufung auf Paulus und die Kirchenväter daran, dass Rechtfertigung vollständig auf Gottes Seite geschieht. Ihre heilvolle Wirkung wird allein durch Christus gestiftet, entfaltet und geschenkt: solus Christus. Gläubige empfangen sie allein durch den auf Christus vertrauenden Glauben, sola fide, nicht durch auf Gott gerichtetes Tun; genannt werden Röm 3,28 LUT und Röm 4,25 LUT. Dieser Glaube, der die einzig erlösende Gnade bringt, wird allein durch das Wort der Christusverkündigung bewirkt. Dieses Wort ist in der Bibel grundlegend und hinreichend enthalten und wird in der Predigt aktualisiert: sola gratia und sola scriptura.
Ein typisches künstlerisches Beispiel ist das Bildprogramm „Gesetz und Gnade“, das in der Wittenberger Werkstatt von Lucas Cranach dem Älteren entwickelt wurde. Es verbreitete sich durch Buchdruck und Gemälde sowie auf Kanzeln, Altären und profanen Gegenständen und trug nach dem Artikel wesentlich zum ideologisch-theologischen Erfolg der Reformation bei.
Katholische Kritik und ökumenische Annäherung
Das Konzil von Trient und orthodoxe Kirchen warfen Luther vor, seine Lehre sei nur eine Gerechtsprechung ohne Folgen und keine wirksame Gerechtmachung. Nach katholischem Verständnis geben die Sakramente der Kirche real Anteil an der „eingegossenen Gnade“ (gratia infusa).
Während der nachreformatorischen Konfessionalisierung wurde der Gegensatz besonders betont und auf beiden Seiten vereinseitigt. Im ökumenischen Dialog seit dem frühen 20. Jahrhundert kam es zu einer Annäherung: Das Anliegen der Reformation wurde ebenso wie Sakramente und Bußpraxis gegenseitig gewürdigt.
Den Höhepunkt bildete die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Römisch-katholische und evangelisch-lutherische Theologen erarbeiteten sie; unterzeichnet wurde sie am 31. Oktober 1999 in Augsburg. Die Erklärung blieb kritisiert: Zahlreiche evangelisch-lutherische und römisch-katholische Theologen äußerten Einwände, darunter der Göttinger Dogmatiker Jörg Baur. Die Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche distanzierte sich von ihr. Am 23. Juli 2006 unterzeichnete Sunday C. Mbang, Präsident des Weltrats methodistischer Kirchen, die Erklärung auf einer Weltkonferenz in Seoul.
Orthodoxe Perspektive
In den Ostkirchen gibt es keinen entsprechenden griechischen Ausdruck für „Rechtfertigung“. Die Übersetzung dikaiopoiia ist eine moderne Wortschöpfung. Deshalb bleibt dort unmittelbar unausgedrückt, was die westlichen Kirchen mit Rechtfertigung verbinden. Vergleichbare Inhalte erscheinen in den Ostkirchen im Zusammenhang mit dem Glauben an die Trinität.