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Heiliger Geist
Der Heilige Geist, oft auch Geist Gottes oder in neuerer Übersetzung Heilige Geistkraft genannt, ist Gott, keine eigenständige Gottheit oder Substanz. An …
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Grundverständnis und biblische Grundlagen
Der Heilige Geist ist im Christentum neben Gott dem Vater und dem Sohn, Jesus Christus, eine der drei Personen oder Hypostasen der göttlichen Dreieinigkeit. Er gilt als Gott, nicht als eigenständige Gottheit oder von Gott getrennte Substanz. Diese Lehre wurde im Bekenntnis von Nicäa grundgelegt und im Nicäno-Konstantinopolitanum weiter entfaltet. Die Lehre vom Heiligen Geist heißt Pneumatologie. An Pfingsten feiern Christen das Kommen des Heiligen Geistes und die Bevollmächtigung der Jünger zur Verkündigung.
In der Hebräischen Bibel bezeichnet das meist grammatisch weibliche Wort ruach zunächst „Wind“, „Hauch“ oder „Atem“, außerdem den geistigen Zustand und die Haltung eines Menschen. Auf Gott bezogen meint es seine wirksame Gegenwart im Leben der Menschen und in der gesamten Schöpfung. Meist ist vom „Geist Gottes“ oder „Atem des Herrn“ die Rede; die ausdrückliche Bezeichnung als „heiliger Geist“ ist selten. Wichtige Beispiele sind Genesis 1,2: „Gottes Geist schwebte über dem Wasser“, und Psalm 104,30: Gott sendet seinen Atem beziehungsweise Geist aus, sodass Lebewesen geschaffen werden. Wegen des grammatischen Geschlechts von ruach wird der Ausdruck teilweise als „Heilige Geistkraft“ übersetzt.
Im griechischen Neuen Testament kommt „Heiliger Geist“ rund einhundert Mal vor. Das Johannesevangelium nennt ihn Paraklet, also „Tröster“ oder „Beistand“, außerdem Lehrer und „Geist der Wahrheit“. Maria empfängt Jesus durch den Heiligen Geist; bei Jesu Taufe kommt der Geist auf ihn herab. Im Taufbefehl werden Vater, Sohn und Heiliger Geist gemeinsam genannt. Beim Pfingstereignis erfüllt der Geist die Jünger, die daraufhin zu predigen beginnen. Nach dem Neuen Testament wird er durch den Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Jesus und in Verbindung mit der Taufe empfangen, wohnt in den Christen und wirkt durch seine Gaben und die „Frucht des Geistes“.
Christliche Lehrentwicklung
In der Alten Kirche wurde der Geist zunächst vor allem als erfahrbare Wirklichkeit des christlichen Lebens verstanden: Er führt zur Wahrheit, wirkt bei Propheten und Charismatikern, ermöglicht die Auslegung der Bibel, gestaltet die Kirche und bestimmt nach der Taufe das Leben der Gläubigen. Allgemein wurde vorausgesetzt, dass der Heilige Geist letztlich der Verfasser der Bibel sei.
Irenäus von Lyon betonte das Wirken des Geistes in der gesamten Kirche. Origenes verband die Geistwirkung besonders mit Ethik: Die Veränderung durch den Geist müsse sich in der Lebensweise zeigen. Athanasius ordnete die Lehre vom Geist der Lehre von Christus und der Erlösung zu: Der Geist eignet dem einzelnen Christen zu, was durch Christus geschehen ist, verbindet ihn mit Christus und macht ihn zum Kind Gottes. Die Synode von Alexandria verurteilte 362 die Auffassung, der Geist sei ein Geschöpf. Basilius von Caesarea entwickelte die Lehre maßgeblich weiter. Das Erste Konzil von Konstantinopel führte sie 381 zu einem vorläufigen Abschluss: Der Heilige Geist ist mit Vater und Sohn eins und zugleich eine der drei göttlichen Personen oder Hypostasen.
Augustinus von Hippo beschrieb den Geist vor allem als die vom Vater und vom Sohn ausgehende Liebe. Dadurch wurde er in der westlich-lateinischen Theologie häufig stärker als Kraft und Beziehung denn als Person verstanden. Seit dem 4. Jahrhundert setzte sich Pfingsten als eigenständiges Fest der Sendung des Heiligen Geistes durch; es wird 50 Tage nach Ostern gefeiert.
Kirchliche Unterschiede
Ein wichtiger Unterschied zwischen Ost- und Westkirche betrifft das Filioque, also die Frage nach dem Hervorgehen des Heiligen Geistes. Die westliche Tradition lehrt, dass er vom Vater und vom Sohn ausgeht. Die orthodoxe Kirche bewahrt dagegen die ursprüngliche Fassung des Nicäno-Konstantinopolitanums und spricht vom Ausgang aus dem Vater. Dieser Streit betrifft das Verhältnis der Pneumatologie zur Christologie, der Lehre von Christus.
Die orthodoxe Theologie ordnet dem Heiligen Geist besonders das Erwecken des Glaubens, das Gebet, die Theosis – die Teilhabe des Menschen am göttlichen Leben –, die Mysterien und die Ordnung der Kirche zu. Moderne orthodoxe Ansätze betonen außerdem seine Bedeutung für Askese, Ästhetik und Ökologie.
Nach römisch-katholischer Lehre geht der Geist aus Vater und Sohn als einem einzigen Prinzip durch „eine einzige Hauchung“ hervor. Im Sakrament der Firmung empfängt der Firmling die sieben Gaben des Heiligen Geistes, aus denen dessen Früchte hervorgehen sollen. Die Firmung wird meist Jugendlichen durch einen Bischof gespendet; in den orthodoxen Kirchen erfolgt sie gewöhnlich unmittelbar nach der Taufe durch einen Priester.
Der Anglikanismus stammt aus der westlichen Tradition und führt das Filioque in seinem Credo. Beschlüsse von 1993 und 1994, es künftig aus liturgischen Büchern wegzulassen, blieben folgenlos. Auch hier spendet der Bischof die Firmung durch Handauflegung.
Die evangelischen Kirchen sind ebenfalls vom Filioque geprägt. Johannes Calvin lehrte, dass Gott in Kosmos, Menschheit und Kirche durch den Geist handelt. Im Abendmahl ist der Geist das Band, das den Gläubigen mit Christus und der Kirche verbindet. Karl Barth bezeichnete den Geist als die Beziehung der Liebe zwischen Vater und Sohn. Die Anfang des 20. Jahrhunderts entstandene Pfingstbewegung versteht die Geisttaufe als zentrales Kennzeichen christlichen Lebens. In der Gemeinde sollen Gaben wie Prophetie, Krankenheilung und Zungenrede erfahrbar werden. Einige andere Konfessionen sprechen von einer „Versiegelung“ mit dem Heiligen Geist. Nichttrinitarische Gemeinschaften verstehen ihn nicht als Person, sondern als wirksame Kraft Gottes.
Judentum und Islam
Im Judentum gilt Ruach HaQodesh, der „heilige Atem“ oder „Geist des Heiligtums“, als Offenbarungsweise und wirksame Kraft Gottes, nicht als göttliche Person. Sie kann Menschen ergreifen und bevollmächtigen. Ruach HaQodesh wurde häufig mit prophetischer Begabung verbunden. Nach einer talmudischen Tradition verschwand der Geist der Prophetie nach dem Tod der Propheten Haggai, Sacharja und Maleachi; nach einer anderen ging er auf die Rabbinen über. Im Midrasch findet sich die Auffassung, dass jeder Mensch den heiligen Atem erfassen könne und ein Leben nach der Tora dazu befähige. Eine Analyse von Manfred Dreytza aus dem Jahr 1998 zählte im Alten Testament 387 Vorkommen von ruach: 200 grammatisch feminine, 63 maskuline und übrige unklare Fälle.
Im Koran erscheint Rūḥ al-Qudus, der „Heilige Geist“, viermal als Mittel göttlichen Handelns oder göttlicher Mitteilung. Jesus wird durch ihn gestärkt; außerdem übermittelt er den Koran von Gott an Mohammed. Nach sunnitischer Auffassung wird Rūḥ al-Qudus gewöhnlich mit dem Erzengel Djibril identifiziert. Im schiitischen Islam kann er als ein Wesen gelten, das mächtiger als Djibril oder Mika'il ist und Mohammed sowie die Imame informiert und leitet. Umstritten ist, ob er ein Engel ist.
Der Islam lehnt die christliche Trinitätslehre grundsätzlich ab, weil sie seinem Verständnis des Monotheismus widerspricht. Sure 4,171 bezeichnet Jesus als Gesandten und Wort Gottes sowie als Geist von ihm, fordert aber dazu auf, von Gott nicht als „drei“ zu sprechen. Auf islamischer Seite wird die Trinität teilweise irrtümlich als Dreiheit aus Schöpfer, Jesus und Maria aufgefasst und als Schirk, also Beigesellung eines Wesens neben Gott, kritisiert.
Parallelen in anderen Religionen
Vor- und außerchristliche Religionen kennen teilweise verwandte Vorstellungen, ohne dass sie mit der christlichen Lehre gleichgesetzt werden. Ähnliche Formulierungen wie „Hagion pneuma“ erscheinen in vorchristlichen griechischen und altindischen religiösen oder philosophischen Texten. Im antiken Mittelmeerraum gab es personifizierte Mittlerfiguren und -konzepte wie Maat in Ägypten, Iustitia in Rom, den Logos in der Stoa und die personifizierte Weisheit im Judentum. Manche schamanischen Religionen kennen ein höchstes Geistwesen, dem andere Geistwesen untergeordnet sind; dies gilt jedoch nicht einheitlich für alle nord- und zentralasiatischen Völker.
Im Zoroastrismus steht dem guten Schöpfergott Ahura Mazda beziehungsweise Ohrmazd der böse Geist Angra Mainyu, später Ahriman genannt, gegenüber. Spenta Mainyu, der „Heilige Geist“, gehört zu den unsterblichen Heiligen, den Amescha Spenta, und wird gelegentlich mit Ahura Mazda gleichgesetzt. Durch Spenta Mainyu und sechs weitere unsterbliche Heilige regiert Ahura Mazda die Welt. Dem guten Geist steht der böse Geist der Finsternis gegenüber.
Symbole, Texte, Verehrung und Kunst
Wichtige christliche Symbole und Metaphern für den Heiligen Geist sind Wind, fließendes Wasser oder Quellwasser, Feuer beziehungsweise Feuerzungen, Salböl und die Taube. Sie stammen aus dem Neuen Testament und wurden von Kirchenvätern und Kirchenlehrern aufgenommen. Die Taube, die auf die Taufe Jesu verweist, ist heute die verbreitetste Darstellung.
Zu den bedeutenden theologischen Texten gehören Basilius’ 79 Kapitel umfassende Schrift Peri tou hagiou pneumatos („Über den Heiligen Geist“), Gregor von Nazianz’ fünfte theologische Rede und Augustinus’ De Trinitate. Zahlreiche Hymnen richten sich unmittelbar an den Geist, darunter Veni Sancte Spiritus, Veni Creator Spiritus und Komm, Heiliger Geist, Herre Gott.
Ordensgemeinschaften wie die Spiritaner, die Dienerinnen des Heiligen Geistes und der Orden vom Heiligen Geist stellten sich unter sein Patrozinium. Auf die in der Krankenpflege tätigen Brüder vom Orden des Heiligen Geistes gehen zahlreiche ihm geweihte Kirchen, Klöster und Hospitäler zurück.
Für die bildende Kunst erließ Papst Urban VIII. 1628 das Verbot, den Heiligen Geist in menschlicher Gestalt darzustellen. Papst Benedikt XIV. bestimmte 1745, dass er ausschließlich als Taube dargestellt werden solle.
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