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Eschatologie
Der ursprünglich christliche Begriff wurde im lutherischen Protestantismus geprägt und nach seiner Akzeptanz als Beschreibung für bestimmte Inhalte auch auf …
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Grundidee und zentrale Unterscheidungen
Eschatologie ist die theologische Lehre vom Endzeitlichen oder von den „letzten Dingen“. Sie beschreibt die religiöse Hoffnung auf die Vollendung des einzelnen Menschen und der gesamten Schöpfung. Entsprechend unterscheidet man individuelle Eschatologie, die das endgültige Schicksal des Einzelnen behandelt, und universale Eschatologie, die sich auf die Vollendung der Welt beziehungsweise der gesamten Schöpfung bezieht.
Eine weitere wichtige Unterscheidung betrifft den Zeitpunkt des erwarteten Heils. Präsentische Eschatologie sieht das endzeitliche Heil bereits in der Gegenwart wirksam. Futurische Eschatologie erwartet seine vollständige Verwirklichung in der Zukunft. Beide Sichtweisen können miteinander verbunden werden: Etwas kann schon begonnen haben, aber erst zukünftig vollendet werden.
Der ursprünglich christliche Begriff wurde im lutherischen Protestantismus geprägt und später auch auf entsprechende Vorstellungen anderer Religionen übertragen. Philipp Heinrich Friedlieb verwendete „Eschatologie“ 1644 im abschließenden Teil seiner Dogmatik; Abraham Calov gebrauchte den Ausdruck ebenfalls im letzten Teil seines zwischen 1655 und 1677 erschienenen „Systema locorum theologicorum“. Bis zum 19. Jahrhundert setzte sich die Bezeichnung durch. Eschatologische Vorstellungen gibt es außer im Christentum unter anderem im Judentum, im Islam und im Bahaitum sowie in altiranischen Religionen.
Jüdische Erwartungen
Im Tanach, der Hebräischen Bibel, kann Eschatologie sowohl prophetische Ankündigungen als auch Vorstellungen vom Welt- oder Geschichtsende bezeichnen. Häufig werden beide Aspekte als Erwartung einer innerweltlichen Heilszeit verbunden. Dabei geht es nicht unbedingt um das Ende aller Dinge, sondern um eine grundlegende Veränderung der Verhältnisse und die Vollendung der Schöpfung.
Präsentische Vorstellungen stehen besonders mit der Jerusalemer Kulttradition und den Psalmen in Verbindung. Die dazugehörige Zionstheologie versteht den Zionsberg als Mittelpunkt der Welt und als den Ort, an dem Gott den Menschen besonders nahe ist. JHWH bewahrt demnach Jerusalem vor Unheil und ermöglicht das Gedeihen der Stadt.
Futurische Vorstellungen finden sich vor allem in den Propheten- und Geschichtsbüchern. Schon vorexilische Propheten kündigten teilweise eine zukünftige Heilszeit an. Nachexilische Propheten betonten diese Hoffnung noch stärker. Während vorexilische Texte eine positive, aber vergleichsweise realistische Zukunft schildern, beschreibt etwa Deuterojesaja in der Exilszeit ein wunderbares Geschehen von universaler Bedeutung.
Zur Zeit Jesu bestanden zwei Grundtypen jüdischer Zukunftserwartung:
• die national-diesseitige Hoffnung auf die Befreiung Israels, die an die prophetischen Heilsankündigungen anknüpfte;
• die universale apokalyptische Erwartung von Weltende, Totenauferstehung, Gericht und einer kommenden Welt.
Beide Formen waren nicht streng getrennt. Auch apokalyptische Texte beschäftigten sich besonders mit der Zukunft Israels. Der Ausdruck „Messias“ konnte sowohl einen irdischen Befreier als auch einen transzendenten Retter bezeichnen. Die allgemeine Auferstehung wurde teilweise mit dem prophetischen Gedanken eines „Restes“ verbunden, der im Gericht bewahrt bleibt und Gottes neue Welt erlebt.
Apokalyptische Lehren sollten in Zeiten großer Not Trost geben: Das Zeitgeschehen wurde als Teil des Willens Gottes verstanden, dessen Ende nahe sei. Erwartet wurde eine ausgleichende Gerechtigkeit, durch die Gott gegenwärtiges Leiden in Freude verwandeln und den scheinbar siegreichen Feind vernichten werde. Das Heil wurde zunehmend nicht mehr in der weiteren Geschichte, sondern im Jenseits erwartet; zugleich wurde die Frömmigkeit stärker individualisiert.
Neues Testament und frühes Christentum
Die neutestamentliche Eschatologie beginnt mit Jesu Ankündigung, die Gottesherrschaft sei nahegekommen (Mk 1,15). Zugleich gilt sie in seinem Handeln bereits als gegenwärtig (Lk 11,20; Mt 12,28; Mt 11,15; Lk 7,22). Damit verbindet das Neue Testament gegenwärtige und zukünftige Aspekte.
Paulus von Tarsus liefert in seinen Briefen die frühesten neutestamentlichen Belege für eine ausführliche Beschäftigung mit den letzten Dingen nach Leben und Tod. Er erwartete die baldige Wiederkunft Christi noch zu seinen Lebzeiten. Weil jedoch Mitglieder der christlichen Gemeinden vor dieser Wiederkunft starben, musste diese Erwartung genauer erklärt werden. Paulus lehrte, dass alle Gläubigen an Christus teilhaben und Gott dadurch die „unentrinnbare Todesverfallenheit“ der Menschen aufhebt. Nicht nur die Lebenden, die durch Entrückung in Gottes Reich gelangen sollten, sondern auch die bereits gestorbenen Gläubigen würden daran Anteil erhalten.
Paulus versteht das christliche Leben daher als „eschatologische Existenz“: Gegenwärtige Leiden können in der Gewissheit ertragen werden, dass Gott den Toten die Auferstehung schenken wird. Paulus verweist dabei wiederholt auf sein eigenes Leiden als Beispiel.
Im johanninischen Denken wird die Gegenwart besonders betont, ohne die Zukunft aufzugeben. Der Glaube verleiht der Zeit eine neue Qualität und Ausrichtung. Durch die Taufe bleibt der himmlische Paraklet, also der göttliche Beistand, nach Jesu Tod in der Gemeinde gegenwärtig; in der Taufe des Gläubigen vollzieht sich die Wiedergeburt in Jesus. Zugleich bleibt die Auferstehung der Toten zukünftig. Joh 5,25 verbindet beide Perspektiven: „Es kommt die Stunde und sie ist schon da.“ In der Zukunft wird somit sichtbar, was bereits in der Gegenwart angekündigt und entschieden ist.
Die alte Kirche deutete das Christusgeschehen als Erfüllung der alttestamentlichen Heilsverheißungen. Jesus wurde als neuer Bund und seine Auferstehung als Vorzeichen der allgemeinen Totenauferstehung verstanden. Augustinus von Hippo wandte sich gegen die im 4. Jahrhundert verbreitete Vorstellung, das endzeitliche Reich beginne in einem bereits verwirklichten, aber weiterhin weltlichen Staat. Eusebius von Caesarea hatte etwa die konstantinische Wende als Ausgangspunkt einer solchen Entwicklung angesehen. Augustinus trennte dagegen das römische Reich von der christlichen Kirche und unterschied die irdische Existenz der Christen von der jenseitigen Vollendung. Die alte Kirche grenzte sich außerdem von der Lehre einer Allversöhnung ab und vertrat stattdessen die Ewigkeit der Höllenstrafen für Sünder.
Mittelalter und Reformation
Die mittelalterliche Eschatologie blieb stark von Augustinus geprägt. Im Mittelpunkt stand die Spannung zwischen dem Leben des Menschen als sündigem Christen und der Hoffnung auf eine jenseitige Vollendung.
Neu hinzu trat die Lehre vom Fegefeuer. Sie sollte erklären, was zwischen dem individuellen Tod und der Wiederkehr Christi mit dem Einzelnen geschieht. Umstritten war auch, ob die Seelen der Verstorbenen schon vor dem Jüngsten Gericht vollständig selig werden und Gott schauen könnten. Papst Johannes XXII. unterschied die Gottesschau im Zwischenzustand von derjenigen nach dem Jüngsten Gericht. Sein Nachfolger Benedikt XII. nahm dagegen eine Identität beider Formen der Gottesschau an.
Die Reformatoren führten Teile der Tradition fort und hielten an einer zukünftigen Vollendung fest, setzten aber zwei neue Schwerpunkte. Erstens verbanden sie die Eschatologie mit ihrer Rechtfertigungslehre: Das Heil hängt allein von Christus ab und wird nicht durch menschliche Werke vor dem letzten Gericht verdient. Sie kritisierten deshalb das Fegefeuer als unbiblisch und als Grundlage des Ablasshandels. Zweitens betonten sie stärker die präsentische Eschatologie, also die Gegenwart des endzeitlichen Heils Gottes im Glauben.
Neuzeitliche christliche Debatten
Nach der Reformation stritt die evangelische Theologie darüber, wie die Wiederkehr Jesu zum tausendjährigen Reich einzuordnen sei. Nach dem Prämillenarismus kehrt Jesus vor diesem Reich auf die Erde zurück. Der Postmillenarismus setzt seine Wiederkehr erst nach den tausend Jahren an. In der vorausgehenden Zeit soll Christus durch die Kraft des Geistes wirken, erkennbar etwa an der Wirkung der Predigt oder an einer Verbesserung des gegenwärtigen Christentums. Die Pietisten gelten als Vertreter des Postmillenarismus.
Im 19. Jahrhundert gewann der Kulturprotestantismus an Einfluss. Er verstand das Reich Gottes vor allem als religiös-sittliche Gemeinschaft, die von Gottes- und Nächstenliebe getragen wird. Albrecht Ritschl betonte die „Arbeit am Reich Gottes“ in der irdischen Welt als Aufgabe der Christen. Dadurch wurde Eschatologie geschichtsimmanent, also auf Vorgänge innerhalb der Geschichte bezogen; über die Geschichte hinausweisende Elemente älterer Lehren traten zurück.
Johannes Weiß kritisierte dieses Verständnis, weil die biblische Lehre Jesu nach seiner Auffassung gerade ausschließe, dass Menschen das Reich Gottes selbst herbeiführen. Nach dem Ersten Weltkrieg verlor die vor allem ethisch ausgerichtete Eschatologie an Bedeutung. Rudolf Bultmann betonte stattdessen ein gegenwärtiges Reich Gottes und schloss damit an Paulus und Johannes an. Für ihn war nicht der zeitliche Ablauf der Geschichte entscheidend, sondern die im „eschatologischen Jetzt“ erkennbare Geschichtlichkeit menschlichen Daseins.
Jürgen Moltmann belebte mit der „Theologie der Hoffnung“ eine futurische Eschatologie neu. Für ihn ist Eschatologie auf die Zukunft bezogen, die stets durch Christus bestimmt ist. Nicholas Thomas Wright versucht, die Sicht des Neuen Testaments und des frühen Christentums in ihrer Nähe zu jüdisch-pharisäischen Vorstellungen wiederzugewinnen. Die Auferstehung Jesu nimmt nach dieser Deutung die allgemeine Auferstehung vorweg. Im Zentrum steht nicht lediglich, nach dem Tod „in den Himmel zu kommen“, sondern Gottes bereits auf die Erde gekommenes Reich. Am Jüngsten Tag soll Gott die Welt nicht beenden, sondern transformieren. Die Kirche soll dieses zukünftige Handeln Gottes schon in der Gegenwart bruchstückhaft verwirklichen.
Außerhalb enger theologischer Debatten stellte Kurt Anglet Verbindungen zwischen dem Neuen Testament und Werken aus Literatur, Musik und politischer Theorie her. Phil Torres untersucht in „The End“ kulturelle Auswirkungen westlicher Eschatologien und problematisiert sie im Zusammenhang mit der Vorbeugung existenzieller Risiken wie dem Klimawandel.
Islam und Bahaitum
Im Islam bezeichnet Eschatologie die Lehre von den „letzten Dingen“ am Ende der Tage. Vorstellungen über das Leben nach dem Tod erscheinen bereits in den frühesten Suren des Korans. Muslimische Kommentatoren sowie die westliche Islamwissenschaft haben sie weiter ausgelegt. Hadithe und spätere islamische Theologen und Philosophen wie al-Ghazālī, al-Qurtubi, as-Suyuti und al-Tirmidhi behandeln das Thema unter dem Stichwort maʿād, „Rückkehr“. Dieses Wort kommt in dieser Form nur einmal im Koran vor und wird häufig auch anstelle von „Auferstehung“ verwendet.
Die Eschatologie des Bahaitums knüpft an prophetische Verheißungen im Alten und Neuen Testament sowie im Koran an. Endzeitliche Bilder werden jedoch durchgehend allegorisch gedeutet: Sie gelten als innerweltliches Heilsversprechen eines neuen Zeitalters, in dem die Menschheit geeint und in Frieden lebt.
Die individuelle Eschatologie in den Lehren Baha‘ullahs umfasst das Weiterleben der unsterblichen Seele nach dem Tod. Nach der Verkündigung des Bab im Jahr 1844 verbanden viele seiner Anhänger die universale Eschatologie zunächst mit den in Persien verbreiteten Erwartungen an den Mahdi, einschließlich Auferstehung und Jüngstem Gericht. Baha‘ullah erklärte diese Vorstellungen im „Buch der Gewissheit“ jedoch zu Symbolen eines bereits begonnenen diesseitigen Paradigmenwechsels und einer neuen Entwicklungsstufe der Menschheit. Auch die apokalyptischen Bilder der Offenbarung des Johannes werden als Allegorien auf die Verkündigung des Bab und die erwartete geschichtliche Erneuerung verstanden.