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Rabbiner
Ein Rabbiner ist ein Funktionsträger in der jüdischen Religion. Seine Hauptaufgabe ist es, die Tora zu lehren. Die Grundform des Rabbiners entwickelte sich …
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Begriff und Bedeutung
Ein Rabbiner ist ein Funktionsträger in der jüdischen Religion. Seine wichtigste Aufgabe ist es, die Tora zu lehren. Als Tora bezeichnet man die grundlegende jüdische Weisung und Lehre; im rabbinischen Judentum gehören dazu sowohl schriftliche als auch mündliche Überlieferungen. Die Grundform des Rabbineramtes entstand in der Pharisäer- und Talmud-Ära, als gelehrte Lehrer die schriftlichen und mündlichen Gesetze des Judentums sammelten, auslegten und ordneten. Der erste Weise, für den die Mischna den Titel Rabbi verwendet, war Jochanan ben Sakkai, ein Gelehrter des 1. Jahrhunderts.
In den jüdischen Strömungen gibt es unterschiedliche Anforderungen an die Semicha, also die formelle rabbinische Einsetzung. Semicha bedeutet wörtlich „Auflegen (der Hände)“. Durch sie wird die Berechtigung zugesprochen, gültige Entscheidungen in Fragen der Halacha zu treffen. Halacha ist das jüdische Religionsgesetz. Es gibt deutliche Meinungsverschiedenheiten darüber, wer als Rabbiner anerkannt wird. Im orthodoxen und ultraorthodoxen Judentum gibt es keine Rabbinerinnen. Das konservative Judentum lässt Frauen aus halachischen Gründen als Rabbinerinnen zu, das Reformjudentum aus ethischen Gründen.
Verwandte Bezeichnungen unterscheiden sich nach Sprache, Tradition und Funktion. „Rabbi“ bedeutet „mein Meister“ oder „mein Lehrer“ und bezeichnet seit der Antike jüdische Gelehrte, die die Vorschriften der Tora auslegen. „Chacham“ bedeutet „Weiser“ und ist besonders für sephardische Rabbiner gebräuchlich. Bei den Karäern wird die Bezeichnung „Chassan“ verwendet. Im aschkenasischen Judentum bezeichnet „Rebbetzin“ die Ehefrau eines Rabbiners.
Überlieferung und Entwicklung
Biblisch werden Gelehrte, die später mit Rabbinern vergleichbar sind, erstmals in der Zeit nach dem babylonischen Exil genannt. In Esra 7,6.11 wird der Priester Esra als ein mit dem Gesetz Moses erfahrener Schriftgelehrter beschrieben. Nach jüdischer Überlieferung schrieb Esra das mosaische Gesetz neu auf, nachdem es beim Untergang Jerusalems 586 v. Chr. verbrannt worden sein soll und nur noch mündlich weitergegeben wurde.
Die Aufgaben der Gelehrten in Esras Tradition waren die Auslegung der Tora und die Anwendung jüdischer Lehre auf den Alltag. Daraus entwickelte sich später die Pharisäerbewegung, aus der schließlich das rabbinische Judentum hervorging. Auch Frauen erhielten in der jüdischen Überlieferung rabbinische Titel oder wirkten als Lehrerinnen. Asenath Barzani (1590–1670) aus Mosul im Osmanischen Reich war eine der ersten Frauen mit dem Titel Tanna’it, also Lehrerin oder Meisterin. Auch die drei Töchter Raschis galten und wirkten als rabbinische Lehrerinnen und Talmud-Kommentatorinnen.
Aufgaben in Gemeinde und Recht
Zu den heutigen Aufgaben eines Rabbiners gehören religiöse Lehre, die Entscheidung religiöser Fragen und die Betreuung der Gemeindemitglieder. Als Kenner des Talmuds, also der zentralen Sammlung rabbinischer Auslegung und Diskussion, entscheidet ein Rabbiner in Fragen des religiösen Lebens. Er kümmert sich auch um Personen, die mit der Gemeinde verbunden sind, etwa Anwärter auf eine Konversion zum Judentum.
Ein Rabbiner sorgt dafür, dass religiöse Einrichtungen einer jüdischen Gemeinde im Einklang mit dem jüdischen Gesetz arbeiten. Dazu gehören zum Beispiel die Schechita, also die jüdische Schlachtung, und die Kaschrut, die jüdischen Speisegesetze. Außerdem kann er oder ein spezialisierter Aufseher, ein Maschgiach, Einrichtungen wie Mikwe (Ritualbad), Cheder (Grundschule), Eruv (Sabbatgrenze) und Chewra Kadischa (Bestattungsgesellschaft) beaufsichtigen.
Ein orthodoxer Rabbiner ist kein Cohen, also kein Priester mit ausschließlich ihm vorbehaltenen Aufgaben. Grundsätzlich kann jedes dafür befähigte Gemeindemitglied den Gottesdienst leiten, vorbeten oder aus der Tora vorlesen. In manchen Gemeinden verfügen jedoch vor allem Rabbiner über die nötigen Kenntnisse. In orthodoxen Gemeinden betet der Vorbeter mit der Gemeinde zum Toraschrein und damit Richtung Jerusalem. In liberalen Gemeinden leiten Reform-Rabbiner oder Kantoren oft gekürzte Schabbat- und Festtagsgottesdienste und wenden sich teilweise auch der Gemeinde zu.
In der Diaspora war und ist der Rabbiner häufig auch für zivilrechtliche Fragen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft wichtig. Dafür gibt es Rabbinatsgerichte, Beth Din genannt. Ein Beth Din ist eine halachische Instanz und besteht aus mindestens drei Rabbinatsrichtern. Heute behandelt ein Beth Din besonders religiöse Scheidungen (Gittin), Übertritte zum Judentum (Gijur), jüdische Rechtsfälle (Din Tora) und die Klärung des jüdischen Status in Zweifelsfällen (Birur Jahadut). In vielen Gemeinden wird wegen seiner Vorbildfunktion erwartet, dass ein Rabbiner verheiratet ist und Kinder hat.
Auch im Militär gibt es Rabbiner. Militärrabbiner organisieren oder koordinieren Gottesdienste, überwachen koschere Küche und erhalten den Synagogenbetrieb. In Israel führen sie auch Heiratszeremonien (Chuppa) und die Brit Mila, den Bund der Beschneidung, durch. Das Militärrabbinat bestätigt Ehen und Scheidungen von Soldaten rechtlich und religiös und ist für die Beisetzung von Soldaten nach religiösen Vorschriften verantwortlich.
Ausbildung und Strömungen
Früher durften Rabbiner bis ins Mittelalter mit der Tora kein Einkommen erzielen. Deshalb arbeiteten viele ehrenamtlich und hatten andere Berufe. Raschi (1040–1105), ein bedeutender Torakommentator, besaß zum Beispiel einen Weinberg. Maimonides, auch Rambam (1138–1204), war Arzt. Erst im 14. Jahrhundert wurde diese Praxis wegen wachsender Anforderungen aufgegeben; dennoch arbeiteten viele Rabbiner offenbar noch längere Zeit vor allem als Vorbeter.
Orthodoxe Rabbiner wurden und werden an einer Jeschiwa, also einer Talmudhochschule, oder an einem orthodoxen Rabbinerseminar ausgebildet. Im Zuge der Haskala, der jüdischen Aufklärung, entstanden im liberalen Judentum eigene Rabbinerseminare. Salomo Juda Rapoport (1790–1867) begründete die historisch-kritische Methode und wandte sie auf talmudisch-rabbinische Schriften an. Die Anfänge des liberalen Judentums, auch progressives Judentum oder besonders in Nordamerika Reformjudentum genannt, liegen im Deutschland des 19. Jahrhunderts und sind mit Rabbiner wie Abraham Geiger, Samuel Holdheim und David Einhorn verbunden. Die weltweit erste Rabbinerin war Regina Jonas.
In Deutschland bildet heute ein Bachelorstudium in Jüdischen Studien die Grundlage der Rabbiner-Ausbildung. Es umfasst Religion, Kultur und Literatur des Judentums in Geschichte und Gegenwart, die Geschichte des jüdischen Volkes und Hebräisch. Außerdem werden Methoden vermittelt, um selbstständig zu recherchieren und mit hebräischen Quellen wie Thora und Talmud zu arbeiten. Im anschließenden Masterstudium werden vor allem jüdische Religionspraxis und Rechtsgelehrsamkeit vertieft. Insgesamt dauert die Ausbildung in der Regel fünf bis sieben Jahre.
Bis 1939 gab es in Berlin das 1873 von Esriel Hildesheimer gegründete Rabbinerseminar zu Berlin und in Breslau das Jüdisch-Theologische Seminar als wissenschaftlich orientierte orthodoxe Ausbildungsstätten. 2009 gründete die Ronald S. Lauder Foundation im Rahmen ihrer Jeschiwa wieder ein Rabbinerseminar zu Berlin. Die ersten Absolventen Avraham Radbil und Zsolt Balla wurden am 2. Juni 2009 in der Münchner Synagoge Ohel Jakob ordiniert. Für Reform-Rabbiner ist besonders das 1999 gegründete Abraham Geiger Kolleg wichtig, ein An-Institut der Universität Potsdam. Am 14. September 2006 wurden in der Neuen Synagoge Dresden die ersten Reform-Absolventen ordiniert.
Rabbinerinnen
Die erste ordinierte Rabbinerin war Regina Jonas aus Berlin. Sie wirkte in mehreren Berliner Synagogen und nach ihrer Deportation auch im Ghetto Theresienstadt. 1935 wurde sie durch den Offenbacher Reform-Rabbiner Max Dienemann ordiniert. 1944 wurde sie in Auschwitz ermordet.
Seit den 1970er Jahren werden Frauen in größerer Zahl zu Rabbinerinnen ordiniert. Eine wichtige Rolle spielte dabei das Hebrew Union College – Jewish Institute of Religion. Die erste Rabbinerin in den USA war Sally Jane Priesand, die 1972 am Hebrew Union College in Cincinnati ordiniert wurde. 1985 wurde Rabbi Julie Schwartz die erste Militärrabbinerin in der US Navy. In Deutschland wurde 2010 Alina Treiger als erste Frau nach Regina Jonas durch das Abraham Geiger Kolleg zur Rabbinerin ordiniert; 2011 folgte Antje Yael Deusel.
Heute werden weibliche Rabbiner in allen Zweigen des progressiven Judentums ordiniert. Im orthodoxen Judentum können Frauen nach orthodoxer Tradition nicht Rabbiner werden, weil das Rabbinat dort als Privileg der Männer gilt. Die Forderung, Frauen in orthodoxen Jeschiwas als rabbinische Studentinnen zuzulassen, stieß auf breiten Widerstand orthodoxer Rabbinate. Gleichzeitig entstanden in den letzten zwanzig Jahren im orthodoxen Judentum Aufgaben für Frauen als halachische Gerichtsberaterinnen und Gemeindebeauftragte.
Seit den 1990er Jahren erhielten in den USA einige Frauen eine äquivalente modern-orthodoxe Ordination, ohne in orthodoxen Gemeinden entsprechende Funktionen übernehmen zu können. Anfang 2009 wurde Sara Hurwitz vom modern-orthodoxen Rabbiner Avi Weiss als Maharat in New York ordiniert. Seit Februar 2010 trägt sie als erste modern-orthodoxe Rabbinerin den Titel Rabba, was in Orthodoxie und Ultraorthodoxie heftige Kritik auslöste. Die grammatikalisch korrekte hebräische weibliche Parallele zu Rabbiner ist Rabbanit; teilweise wird auch Rabba verwendet.
Organisation, Auslegung und Hierarchie
In Deutschland gibt es verschiedene rabbinische Zusammenschlüsse. Die Allgemeine Rabbinerkonferenz Deutschland (ARK) ist ein Zusammenschluss liberaler, Masorti- oder offen-traditioneller Rabbiner und Rabbinerinnen. Sie wurde 2005 in Braunschweig gegründet, als Reaktion auf die Gründung der Orthodoxen Rabbinerkonferenz und auf Veränderungen des Judentums in Deutschland seit den 1990er Jahren. Dazu gehörten die Stärkung und Neugründung liberaler, Reform- und konservativer Gemeinden sowie das Bedürfnis nach vollberechtigter Mitgliedschaft von Frauen. Im Juni 2018 hatte die ARK 29 Mitglieder. Rabbiner der orthodoxen Bewegung Chabad Lubawitsch gründeten als eigene Rabbinerkonferenz den Deutschen Rabbinerrat.
Die Auslegung jüdischer Texte reicht von liberalem Judentum bis zu streng chassidischen Richtungen wie den Satmarer Chassiden. Vertreter der Orthodoxie lehnen die Haskala ab; deshalb erkennen orthodoxe Rabbiner Reformrabbiner nicht an. Ein Beispiel für unterschiedliche Auslegung betrifft den Schabbat: Reformrabbiner erlauben das Autofahren zur Synagoge, während das orthodoxe Judentum es verbietet, weil die Zündung des Motors als verbotenes „Feuermachen“ gilt. Orthodoxe Rabbiner empfehlen Juden, die weit von der Synagoge entfernt wohnen, zu Hause zu beten und Freunde erst am Sonntag in der Synagoge zu treffen.
Im Judentum gibt es kein Papsttum, also keine zentrale religiöse Spitze für alle Juden. Unter orthodoxen Rabbinern wird diskutiert, ob ein Ober- oder Großrabbiner eines Landes oder einer Gemeinde jeweils als höchste religiöse Instanz gelten soll. In Israel gibt es als Erbe der britischen Mandatszeit ein Großrabbinat mit zwei Mitgliedern: dem Rischon leZion als Oberhaupt der Sephardim und dem Rav ha-Raschi als aschkenasischem Oberrabbiner.
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