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Liberales Judentum

... Judentum, dem konservativen Judentum und dem Rekonstruktionismus eine der vier heutigen jüdischen Haupt-Strömungen. Das liberale Judentum hebt die Bedeutung …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundverständnis und zentrale Merkmale
  2. 2. Gottesdienst, Praxis und Gleichberechtigung
  3. 3. Entstehung und Entwicklung bis 1945
  4. 4. Nachkriegszeit und Entwicklung in Nordamerika
  5. 5. Europa, Israel und rechtliche Stellung
  6. 6. Weltweite Organisation und Ausbildung

Grundverständnis und zentrale Merkmale

Liberales Judentum, auch Progressives Judentum und besonders in Nordamerika Reformjudentum, ist neben orthodoxem, konservativem und rekonstruktionistischem Judentum eine der vier heutigen jüdischen Hauptströmungen. Seine wichtigsten Grundgedanken sind die Vorrangstellung ethischer Gebote, die persönliche Autonomie und die Offenheit für zeitgenössische gesellschaftliche Werte. Die Begriffe werden meist gleichbedeutend verwendet, können je nach Land aber verschiedene Richtungen oder Abstufungen meinen.

Ethische Gesetze gelten als zeitlos; rituelle Gesetze können an das jeweilige Lebensumfeld angepasst werden. Entscheidend ist der Sinn einer Mitzwa, also eines Gebots, nicht allein ihre verbindliche zeremonielle Form. So soll der Schabbat als Ruhetag gefeiert werden, doch Schreiben oder die Fahrt mit dem Auto zur Synagoge gelten nicht unbedingt als Entweihung. Die Gebote werden nicht aufgehoben, aber ihre Auslegung liegt beim einzelnen Juden oder der einzelnen Jüdin. Kennzeichnend sind außerdem interreligiöser und interkultureller Dialog sowie das soziale Leitmotiv Tikun Olam, „Reparatur der Welt“.

Die Theologie geht von einer fortschreitenden Offenbarung aus: Gottes Offenbarung wird als dynamischer, durch Menschen vermittelter Prozess in der Geschichte verstanden, nicht als einmalige vollständige Übergabe der schriftlichen und mündlichen Tora an Mose am Sinai. Deshalb sollen Traditionen bewahrt und zugleich erneuert werden. Der Tanach kann historisch-kritisch erforscht werden.

An die Stelle der Erwartung eines Messias, der Israel sammelt und den Tempelkult in Jerusalem wiederherstellt, tritt häufig die Vorstellung einer messianischen Zeit. Menschen sollen eine Welt ohne Armut, Krankheit und Krieg mitgestalten. Seit dem 19. Jahrhundert betont die Strömung besonders den ethischen Monotheismus der Prophetenschriften. Leo Baeck schrieb 1905: „Das Judentum ist nicht nur ethisch, sondern die Ethik macht sein Prinzip, sein Wesen aus.“

Gottesdienst, Praxis und Gleichberechtigung

Reformgottesdienste wurden historisch gekürzt, Predigten erhielten einen zentralen Platz und Landessprachen wurden neben oder statt Hebräisch verwendet. Jakob J. Petuchowski nannte 1967 unter anderem die Kürzung von Gebeten, weniger Aussagen über Engel und Dämonen, die Abschwächung der Vorstellung eines besonders erwählten jüdischen Volkes, den Verzicht auf Bitten um die Wiedererrichtung des Tempelopfers sowie die Betonung einer messianischen Zeit statt eines Messias. Gemeinden gestalten Gottesdienste jedoch unterschiedlich; gemeinsam ist die Bereitschaft, überlieferte Traditionen zu verändern. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm der Gebrauch des Hebräischen wieder zu, ebenso eine positivere Haltung zu Zion und Zionismus.

Weitere verbreitete Formen sind Gottesdienste zu festen Uhrzeiten statt nach Sonnenauf- und -untergang, ein dreijähriger Zyklus der Toralesung und Musik durch Instrumente oder gemischte Chöre. Das Musaf-Gebet wird an Schabbat und Feiertagen meist nicht gesprochen, weil es auf den Tempelkult verweist. Wiederholungen von Kaddisch und Amida entfallen häufig.

Die Pittsburgh Platform von 1885 betrachtete nur moralische Gesetze als verbindlich. Spätere Beschlüsse betonten wieder stärker traditionelle Praxis. Solomon Freehof beschrieb die Halacha, die jüdische Gesetzesliteratur, als „guidance not governance“: Orientierung, nicht Anweisung. Seit dem späten 20. Jahrhundert werden Kippa, Tallit, Hebräisch, Tora-Studium, Bar- und Bat-Mizwa sowie teilweise traditionelle Feiertagsregeln wieder häufiger praktiziert; die Observanz unterscheidet sich dennoch deutlich von der orthodoxen.

In Nordamerika wird seit 1983 auch Abstammung über einen jüdischen Vater anerkannt, wenn das Kind jüdisch erzogen wird; im Vereinigten Königreich besteht seit 1986 eine ähnliche Regelung. In Deutschland hatten die Gemeinden der Union progressiver Juden bis 2025 keinen Konsens dazu. Bei Übertritten wird in Nordamerika zunehmend Brit Mila, die Beschneidung, verlangt; die Mikwe ist dort nicht verpflichtend.

Egalitarismus bedeutet gleiche religiöse Teilhabe unabhängig vom Geschlecht. Gemischte Sitzordnungen wurden im US-Reformjudentum früh zur Norm. Regina Jonas wurde 1935 von Max Dienemann als weltweit erste Rabbinerin ordiniert; Sally Priesand folgte 1972 als erste Rabbinerin in den USA. 2021 gab es weltweit 835 Reform- und liberale Rabbinerinnen. Seit dem späten 20. Jahrhundert setzte sich die Bewegung auch für die Gleichstellung schwuler und lesbischer Menschen ein. In Deutschland fand 2005 durch Elisa Klapheck die erste Segnung einer gleichgeschlechtlichen Beziehung statt.

Entstehung und Entwicklung bis 1945

Die Bewegung entstand im 19. Jahrhundert in Deutschland und Europa im Zusammenhang mit jüdischer Emanzipation und Haskala, der jüdischen Aufklärung. Jüdinnen und Juden versuchten, Tradition und ein Leben in der Mehrheitsgesellschaft zu verbinden. Die ersten Reformen betrafen vor allem die Liturgie: kürzere Gottesdienste, Predigten in der Landessprache, Orgeln und gemischte Chöre. 1810 wurde in Seesen mit dem von Israel Jacobson angeregten Jacobstempel die weltweit erste Reform-Synagoge dieser Art errichtet.

Abraham Geiger wurde der wichtigste Vordenker. Er wollte nicht nur den Ritus, sondern auch die Theologie auf Grundlage der Tradition und eines kritischen Schriftstudiums reformieren. Wichtige frühe Gemeinden entstanden unter anderem in Hamburg: Der 1817 gegründete Neue Israelitische Tempel-Verein änderte oder strich Gebete um Rückkehr nach Israel, Wiederaufbau des Tempels und Wiederaufnahme des Opferdienstes. Die Rabbinerkonferenzen von 1844 in Braunschweig, 1845 in Frankfurt am Main und 1846 in Breslau formulierten weitere Grundsätze, blieben aber umstritten. Nach ihnen wurde „Reform“ vor allem für radikalere Gruppen verwendet, während gemäßigtere Gemeinden im deutschsprachigen Raum sich „liberal“ nannten.

Mit europäischen Auswanderern kamen Reformideen in die USA. Die erste Reformgemeinde entstand 1824 in Charleston, South Carolina. Dort wurden später eine Orgel eingeführt, zweite Festtage abgeschafft, ein dreijähriger Tora-Zyklus verwendet und Englisch stärker in die Liturgie aufgenommen. Weitere wichtige Gemeinden waren Temple Har Sinai in Baltimore von 1842 und Temple Emanu-El in New York City von 1845.

In den USA prägten die Philadelphia-Resolution von 1869 und besonders die Pittsburgh Platform von 1885 das „klassische Reformjudentum“. Dieses hob eine rationale, moderne Religion und universale Ethik hervor und minimierte Rituale weitgehend. Zu wichtigen Organisationen wurden die Union of American Hebrew Congregations von 1873, das Hebrew Union College von 1875 und die Central Conference of American Rabbis von 1889. Reformjudentum erleichterte dort auch die gesellschaftliche Integration, indem Alltag und Liturgie an vor allem protestantische Gepflogenheiten angepasst wurden.

Nachkriegszeit und Entwicklung in Nordamerika

Nach 1945 wurde das US-Reformjudentum unter Maurice Eisendrath stark ausgebaut. Während seiner Präsidentschaft der UAHC stieg die Zahl der Gemeinden von 300 im Jahr 1943 auf 656 im Jahr 1964, die Zahl der Mitgliedsfamilien von 60.000 auf 200.000. Viele neue Gemeinden entstanden in Vororten; diese Phase wird als suburbanisation period bezeichnet. Die Bewegung engagierte sich für Redefreiheit während des McCarthyism, für die Bürgerrechtsbewegung und gegen den Vietnamkrieg.

Seit den späten 1960er Jahren standen innerjüdische Fragen im Vordergrund. Dazu gehörten interreligiöse Ehen, die Einbeziehung nichtjüdischer Ehepartner und die Anerkennung von Kindern jüdischer Väter. Unter Alexander Schindler, Präsident von 1972 bis 1995, verfolgte die UAHC eine „Big Tent“-Politik: Möglichst viele Menschen sollten unter dem „Zelt“ des Judentums willkommen sein. 1983 erkannte die Reformbewegung bei jüdischer Erziehung auch patrilineare, also über den Vater vermittelte, jüdische Abstammung an.

Die Akzeptanz homosexueller Menschen nahm schrittweise zu. 1972 entstand in Los Angeles mit Beth Chayim Chadashim die erste homosexuelle jüdische Gemeinde weltweit. 1977 forderte die CCAR die Entkriminalisierung einvernehmlicher homosexueller Handlungen und ein Ende der Diskriminierung. Seit 1990 sollten offen homosexuell lebende Juden zum Rabbineramt ordiniert werden können. Die CCAR unterstützte 2000 Rabbiner sowohl bei der Durchführung als auch bei der Ablehnung gleichgeschlechtlicher Bindungszeremonien.

In den 1990er Jahren wurde das Reformjudentum zur mitgliederstärksten jüdischen Denomination in den USA. In der Erhebung 2000/01 gehörten 39 Prozent Reformgemeinden und 31 Prozent konservativen Gemeinden an. Parallel zur sozialen Öffnung setzte eine Retraditionalisierung ein: mehr Hebräisch, Kippa und Tallit, Schabbatvormittagsgottesdienste, Bar- und Bat-Mizwa sowie stärkeres Tora-Studium.

Europa, Israel und rechtliche Stellung

Vor der Schoah bildete das liberale Judentum in Deutschland die Mehrheit innerhalb der Einheitsgemeinden. Nach 1945 prägten zunächst meist orthodoxe Riten die neu entstandenen Gemeinden. In Berlin blieb die Synagoge an der Pestalozzistraße seit 1947 ein wichtiges liberales Zentrum. Mit der Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion seit den 1990er Jahren entstanden wieder mehr liberale Gemeinden; 1997 wurde die Union progressiver Juden in Deutschland gegründet. 2023 gründeten neun Gemeinden JLEV als zweiten liberalen Verband.

In der Schweiz entwickelte sich eine institutionelle liberale Bewegung erst ab den 1950er Jahren. Bedeutende Gemeinden sind die Communauté Juive Libérale de Genève sowie Or Chadasch in Zürich. In Österreich wurde 1991 Or Chadasch als erste liberale Gemeinde seit dem Holocaust gegründet; 2004 erhielt sie in Wien eine eigene Synagoge. In den Niederlanden förderte Jacob Soetendorp nach 1955 den Wiederaufbau liberaler Gemeinden. 2016 bestanden dort zehn liberale Gemeinden; Amsterdam hatte 1050 Familien. In Frankreich bestand die Union Libérale Israélite de France bereits seit 1907 in Paris. Nach 1945 folgten Neubeginn, weitere Gemeinden und 1990 die Ordination von Pauline Bebe als erster Rabbinerin Frankreichs.

In Israel begann das progressive Judentum 1958 mit der Jerusalemer Gemeinde Har-El. 1965 schlossen sich Gemeinden zum Israel Movement for Progressive Judaism zusammen. Von 22 Gemeinden 2004 stieg ihre Zahl bis 2016 auf 44; 2026 nannte die Bewegung mehr als 54 Mitgliedsgemeinden. Obwohl die WUPJ früher antizionistisch war, näherte sie sich seit den 1960er Jahren dem Zionismus an, verlegte 1973 ihre Verwaltung nach Jerusalem und trat 1975 der World Zionist Organization bei.

Nichtorthodoxe Konversionen außerhalb Israels berechtigten seit 1989 zur Alija und Staatsbürgerschaft nach dem Rückkehrgesetz von 1950. Am 1. März 2021 entschied das Oberste Gericht auch für konservativ oder liberal in Israel konvertierte Menschen entsprechend. Seit 2012 werden nichtorthodoxe Gemeindevorsteher als Rabbiner anerkannt, doch Eheschließungen, Abdankungen und Entscheidungen über die Tora bleiben orthodoxen Rabbinern vorbehalten. Da es keine Standesämter gibt, können liberale Juden nicht bei einem liberalen Rabbiner heiraten. In Israel identifizieren sich nur wenige Menschen mit dem Reformjudentum, und die Strömung stößt teils auf starke Ablehnung.

Weltweite Organisation und Ausbildung

Die meisten liberalen, progressiven und reformorientierten Gemeinden sind in Dachverbänden organisiert. Zentral ist die 1926 unter maßgeblicher Mitwirkung Leo Baecks gegründete World Union for Progressive Judaism (WUPJ). Nach eigenen Angaben vertrat sie im Dezember 2025 1.800.000 Menschen, 1.250 Gemeinden und 50 Länder, einschließlich rekonstruktionistischer Gemeinden. Sie gliedert sich in sieben Regionen, darunter die Union for Reform Judaism in Nordamerika, die European Union for Progressive Judaism und das Israel Movement for Reform and Progressive Judaism.

Die Union for Reform Judaism ist der mit Abstand größte Dachverband. In Deutschland gehörten der Union progressiver Juden in Deutschland im Januar 2026 20 liberale Gemeinden sowie Organisationen wie das Abraham Geiger Kolleg und arzenu Deutschland an. JLEV, 2023 von neun Gemeinden mitgegründet, ist nicht Teil der WUPJ.

Für die Rabbinerausbildung bestehen unter anderem das 1875 gegründete Hebrew Union College mit Standorten in Cincinnati, New York, Los Angeles und Jerusalem, das Leo Baeck College in London seit 1956, das Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam seit 1999, das Levisson Institute in Amsterdam seit 2002, das Ibero American Institute for Rabbinical Education in Buenos Aires seit 2017 und die École Rabbinique de Paris seit 2020. In Potsdam bestehen seit 2024 zwei parallele, konkurrierende Strukturen: Das Abraham-Geiger-Kolleg und das von der Nathan-Peter-Levison-Stiftung getragene Regina-Jonas-Seminar.

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