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Mischna

Die Mischna stellt die wichtigste Sammlung religionsgesetzlicher Überlieferungen (Halacha) der rabbinischen Zeit dar. Sie bildet damit die Grundlage der …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Charakter
  2. 2. Entstehung und historischer Zusammenhang
  3. 3. Gliederung und Themen
  4. 4. Sprache, Vortrag und Textüberlieferung
  5. 5. Talmud, Kommentare und Forschung

Bedeutung und Charakter

Die Mischna ist die erste größere Niederschrift der mündlichen Tora und das erste kanonische Werk der mündlichen jüdischen Überlieferung. Sie sammelt vor allem religionsgesetzliche Bestimmungen der rabbinischen Zeit und bildet die Grundlage des Talmuds. Redigiert wurde sie Anfang des 3. Jahrhunderts in Galiläa im Umkreis von Rabbi Jehuda ha-Nasi; eine verbindliche Ausgabe lag um das Jahr 220 vor.

Im Mittelpunkt steht die Halacha, also das jüdische Religionsgesetz. Erzählerische oder erbauliche Texte, die Aggada, kommen nur selten und meist am Ende eines Traktats vor. Obwohl die Mischna auch als „Gesetzeskodex“ bezeichnet wird, ist sie kein Gesetzbuch im modernen Sinn. Sie bewahrt unterschiedliche, teils widersprüchliche Lehrmeinungen aus Akademie und Gerichtshof. Viele Diskussionen bleiben scheinbar offen; die rabbinische Literatur kennt jedoch Regeln dafür, welcher Autorität im Zweifelsfall zu folgen ist.

Auffällig ist, dass die Mischna ihre Gesetze meist nicht aus den heiligen Schriften begründet. Nach jüdischer Tradition wurden schriftliches und mündliches Gesetz gleichzeitig überliefert. Die Verbindung zwischen den Bestimmungen der Mischna und der Tora herzustellen, wurde später zu einer wichtigen Aufgabe von Talmud und Midrasch.

Entstehung und historischer Zusammenhang

Nach orthodoxer jüdischer Auffassung offenbarte Gott Mose am Berg Sinai die Tora in zwei Formen: als schriftliche Tora, also die fünf Bücher Mose, und als mündliche Tora, welche die schriftliche Tora auslegt. Diese Lehre wurde zunächst über Generationen hinweg mündlich weitergegeben.

Nach der Zerstörung des zweiten Jerusalemer Tempels im Jahr 70 n. Chr. gewann die Sicherung des religiösen Zusammenhalts besondere Bedeutung. Angesichts der Zerstreuung in die Diaspora wurde die mündliche Überlieferung zunehmend schriftlich festgehalten. Mehrere Generationen von Tannaiten, also den Rabbinen der Entstehungszeit der Mischna, wirkten an dieser Kodifizierung mit. Eine herausragende Rolle spielte Jehuda ha-Nasi (165–217), der wegen seiner Autorität meist nur „Rabbi“ genannt wurde und die Redaktion vollendete.

Während des Redaktionsprozesses kursierten zeitweise eine „Mischna Rischona“ als ältere und eine „Mischna Acharona“ als jüngere Fassung. Gleichzeitig oder kurz nach der Mischna entstand die Tosefta, eine ergänzende Sammlung jüdischer Überlieferungen und Traditionen.

Von Palästina gelangte die Mischna nach Babylonien. Dort entstanden bedeutende Lehrzentren, besonders in Sura und Nehardea. Die Arbeit der Gelehrten verband die palästinensische Tradition mit einer eigenständigen babylonischen Gelehrsamkeit und bereitete so die spätere Entwicklung des Babylonischen Talmuds vor.

Gliederung und Themen

Die Mischna ist hierarchisch aufgebaut: Sie besteht aus sechs Ordnungen, hebräisch S‌edarim. Diese sind jeweils in sieben bis zwölf Traktate, die Massechtot, gegliedert. Insgesamt gibt es 63 Traktate. Sie zerfallen weiter in Abschnitte, die Perakim, und schließlich in einzelne Texteinheiten, die ebenfalls Mischna heißen; der Plural lautet Mischnajot. Am Anfang steht der formal der ersten Ordnung zugeordnete Traktat Berachot über Segenssprüche, Gebete und die Gottesdienstordnung.

Die sechs Ordnungen sind:

• Seraʿim („Saaten“): elf Traktate über landwirtschaftliche Abgaben an Priester, sozial Bedürftige und Fremde.

• Mo'ed („Festzeiten“): zwölf Traktate über Fest- und Fasttage.

• Naschim („Frauen“): sieben Traktate über Familienrecht.

• Nesiqin („Schädigungen“): zehn Traktate über Strafrecht, Zivilrecht und besonders Schadensersatzrecht; dazu gehört auch der ethische Traktat Avot.

• Qodaschim („Heilige Dinge“): elf Traktate unter anderem über Opferriten und Speisevorschriften.

• Teharot („Reinigungen“): zwölf Traktate über Reinheit und Unreinheit von Personen, Sachen und Orten.

Die Themen reichen damit über nahezu alle Lebensbereiche. Eine ganze Ordnung behandelt beispielsweise den Tempeldienst, obwohl der Jerusalemer Tempel bei der Entstehung der Mischna bereits seit mehr als einem Jahrhundert zerstört war.

Sprache, Vortrag und Textüberlieferung

Die Mischna ist überwiegend im sogenannten mischnischen oder mittelhebräischen Hebräisch verfasst. Dieses unterscheidet sich in Grammatik und Wortschatz deutlich vom klassischen biblischen Hebräisch. Aramäische Sätze sind selten, finden sich aber beispielsweise in Aussprüchen Hillels. Zur Entstehungszeit war Hebräisch als Alltagssprache bereits weitgehend vom Aramäischen verdrängt worden.

Der Wortschatz enthält zahlreiche im Tanach nicht belegte Wörter; zugleich werden viele biblische Begriffe nicht mehr verwendet oder besitzen eine veränderte Bedeutung. Viele dieser Entwicklungen beruhen auf aramäischem Einfluss. Hinzu kommen zahlreiche griechische und lateinische Lehnwörter aus dem hellenistischen und römischen Kulturraum, auch im juristisch-religiösen Wortschatz.

Traditionell wird die Mischna durch lauten Vortrag gelernt. Mittelalterliche Ausgaben wurden dafür teilweise mit Vokalzeichen und Tiberischer Kantillation versehen. In jüdischen Gemeinden entwickelten sich unterschiedliche Melodien und Aussprachen. Die Hebräische Universität in Jerusalem bewahrt umfangreiche Tonarchive solcher Mischna-Gesänge.

Eine vollständige textkritische Ausgabe existiert bis heute nicht; Aussagen zur Entwicklung des Textes bleiben daher vorläufig. Unterschieden werden hauptsächlich eine eretz-jisra'elische und eine babylonische Rezension. Der Erstdruck von Neapel aus dem Jahr 1492 wurde aus verschiedenen Handschriften zusammengestellt. Spätere Drucke beruhen auf ihm, wurden aber durch christliche Zensur zunehmend verstümmelt.

Besonders wichtig ist der vermutlich im 10./11. Jahrhundert entstandene Codex Kaufmann. Der Codex Parma ist durch einen Kolophon auf 1073 datiert, der Codex Cambridge vermutlich auf das 14./15. Jahrhundert. Diese drei Handschriften gehören zur eretz-jisra'elischen Rezension. Die Handschrift München ist die einzige vollständige Talmudhandschrift und enthält einen Mischnatext, der der babylonischen Version nahesteht. Weitere Fragmente stammen aus der Kairoer Geniza.

Talmud, Kommentare und Forschung

Die Mischna ist der ältere Grundtext des Talmuds. Die Gemara ist die rabbinische Diskussion und Kommentierung dieses Textes. Da sich die Auslegung in Eretz-Jisra'el und in der babylonischen Diaspora unterschiedlich entwickelte, entstanden zwei Gemarot. Zusammen mit der Mischna bilden sie den Jerusalemer beziehungsweise den Babylonischen Talmud; spätere Ausgaben können zusätzliche Kommentare enthalten.

Auch außerhalb der im Talmud enthaltenen Diskussionen wurde die Mischna vielfach kommentiert. Ein früher bedeutender Kommentar stammt von Maimonides aus dem Jahr 1168. Er schrieb ihn für ein jüdisches Publikum im islamischen Herrschaftsbereich auf Arabisch, aber mit hebräischen Buchstaben. Seine Einführung zum Traktat Sanhedrin enthält die dreizehn zentralen Glaubenssätze des Judentums. Spätere Kommentare griffen sowohl auf Maimonides als auch auf Material des Talmuds zurück. Der Kommentar von Israel Lipschitz gilt wegen gelegentlicher Bezüge auf moderne wissenschaftliche Erkenntnisse als umstritten.

Die moderne historische Forschung untersucht besonders, wann und aus welchen Quellen die Mischna entstand, welche Abschnitte verschiedenen Schulen des antiken Judentums zugeordnet werden können und ob sich theologische oder regionale Grenzen erkennen lassen. Die Einschätzung ihrer historischen Zuverlässigkeit ist umstritten. Eine orthodoxe Position betrachtet ihre Aussagen als zuverlässig und göttlich inspiriert und lehnt Textkritik ab. Andere Forschende halten verbindliche Aussagen über Ursprung und Autorschaft vieler Vorschriften für unmöglich, weil außerjüdische Vergleichsquellen meist fehlen. Vermittelnde Ansätze schreiben der Mischna zumindest teilweise historischen Quellenwert zu. Biografische Grundzüge der Mischna-Gelehrten lassen sich rekonstruieren, doch Mischna und Talmud liefern nur selten sicher überprüfbare historische Angaben.

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