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Ultraorthodoxes Judentum

Das ultraorthodoxe oder charedische Judentum (hebräisch יַהֲדוּת חֲרֵדִית jahadut charedit) ist eine theologisch und sozial konservative, …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff, Merkmale und weltweite Verbreitung
  2. 2. Lebensweise und soziale Lage in Israel
  3. 3. Wehrpflicht und Schabbatregeln
  4. 4. Politische Parteien und ihr Einfluss
  5. 5. Verhältnis zu Staat und Zionismus

Begriff, Merkmale und weltweite Verbreitung

Das ultraorthodoxe oder charedische Judentum ist eine theologisch und sozial konservative Richtung innerhalb des Judentums, die von einigen Religionswissenschaftlern als fundamentalistisch eingeschätzt wird. Die Anhänger lehnen die Bezeichnung „ultraorthodox“ meist ab und nennen sich selbst „streng orthodox“ oder „charedisch“. Charedi bedeutet auf Hebräisch etwa „Gottesfürchtiger“ oder wörtlich „Zitternder“; die Mehrzahl lautet Charedim.

Die Bewegung entstand im späten 18. und im 19. Jahrhundert als Reaktion auf die jüdische Aufklärung (Haskalah) und die Emanzipationsbestrebungen in Mittel- und Osteuropa. Charedische Juden lehnen die Normen der Moderne größtenteils ab und orientieren sich an teilweise neu entwickelten traditionellen Werten. Sie gibt es sowohl unter aschkenasischen als auch unter sephardischen Juden; die Sepharden machen etwa 20 Prozent aus. Die aschkenasischen Charedim gliedern sich in Chassidim und Mitnagdim.

Kennzeichnend sind ein züchtiger, häufig uniform wirkender Kleidungsstil, die eher ablehnende Haltung gegenüber weltlichem Wissen und ein streng geregeltes Leben außerhalb der jüdischen und nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft. Oft richtet sich dieses Leben an einem rabbinischen Oberhaupt aus.

Für 2007 wurde die Zahl der ultraorthodoxen Juden weltweit auf etwa 1,3 bis 1,5 Millionen geschätzt. Rund 700.000 lebten in Israel und etwa 500.000 in den USA und Kanada. Größere Gemeinden gibt es außerdem unter anderem im Vereinigten Königreich, in Frankreich, Belgien, Österreich und der Schweiz. Die größte europäische Gemeinschaft befindet sich in England; dort lebten 2007 rund 46.500 ultraorthodoxe Juden. Bedeutende Zentren außerhalb Israels liegen beispielsweise in Brooklyn, Queens, New Jersey, Toronto, Montreal, London, Manchester, Gateshead, Antwerpen, Paris, Straßburg, Wien und Zürich.

Lebensweise und soziale Lage in Israel

In Israel stellen die Charedim geschätzt bis zu 15 Prozent der Bevölkerung. Seit den 2010er Jahren verlassen zunehmend junge Erwachsene die ultraorthodoxen Gemeinden. Diese sogenannten „XOs“ (Ex-Orthodoxe) können sich wegen des Internets schwerer von der säkularen Gesellschaft abschotten. Umgekehrt übernehmen manche säkulare oder gemäßigt religiöse Juden den ultraorthodoxen Lebensstil; sie werden „Chosrim beTschuvah“ („Zum Judentum Zurückkehrende“) genannt.

Die meisten charedischen Einwohner leben in Jerusalem, wo Viertel wie Me'a Sche'arim und Geula stark von ihnen geprägt sind. Weitere Zentren sind Bnei Brak und Bet Schemesch. Charedim leben auch in den Siedlungen Betar Illit, Immanuel und Modi’in Illit in der Westbank.

2024 gingen in Israel 54 Prozent der charedischen Männer einer regulären Arbeit nach. Die übrigen studierten meist in einer Jeschiwa, einer religiösen Lehranstalt, vor allem Tanach und Talmud, und wurden in der Regel staatlich finanziell unterstützt. Bei den Frauen waren 80 Prozent berufstätig. Sie verfügten häufig über eine bessere Schul- und Berufsausbildung als die religiöse Schriften studierenden Männer.

Ultraorthodoxe Männer und Frauen heiraten gewöhnlich im Alter von 18 bis 22 beziehungsweise 23 Jahren. Im Durchschnitt haben sie 7,2 Kinder. Interkonfessionelle Ehen zwischen Juden und Nichtjuden lehnen sie ab, da solche Verbindungen nach jüdischem Recht (Halacha) verboten seien.

2018 lebten nach Angaben des israelischen Zentralbüros für Statistik etwa 53 Prozent der ultraorthodoxen israelischen Juden unter der Armutsgrenze. Als Gründe werden die geringe Bedeutung von Geld und wirtschaftlichem Status in der Lebensweise, die verhältnismäßig niedrige Beschäftigungsrate, das religiös dominierte Bildungssystem, das junge Heiratsalter und die großen Familien genannt.

Wehrpflicht und Schabbatregeln

Die Befreiung charedischer Männer vom Militärdienst ist eines der wichtigsten Konfliktthemen in Israel. In den Anfangsjahren des Staates wurden etwa 400 charedische Juden freigestellt; seit den 1950er Jahren leisteten nur sehr wenige charedische Männer Armeedienst. 2012 erklärte das Oberste Gericht die obligatorische Befreiung ultraorthodoxer Talmudschüler vom Militärdienst für verfassungswidrig. Am 12. März 2014 beschloss die Knesset ein Gesetz, das die als ungerecht empfundenen Ausnahmen und Aufschübe begrenzte. Für 2013 wurde die Zahl der ultraorthodoxen Männer im wehrpflichtigen Alter auf 60.000 bis 70.000 geschätzt. 2017 gab es 2.848 Freistellungen und 27.440 Dienstaufschübe.

Nach Beginn des Gaza-Krieges am 7. Oktober 2023 nahm die Kritik an der Freistellung zu. Der Oberste Gerichtshof ordnete am 27. März 2024 an, dass die Regierung ab dem 1. April 2024 die Finanzierung von Jeschiwa-Studenten ohne Wehrdienst einstellen müsse. Am 25. Juni 2024 stellten neun Richter einstimmig fest, dass auch charedische Juden zum Wehrdienst herangezogen werden müssten. Dagegen demonstrierten am 30. Juni 2024 zehntausende Charedim; teilweise kam es zu Straßenschlachten mit der Polizei. Die Armee plante, vom 20. Juli bis zum Jahresende 2024 insgesamt 3.000 Ultraorthodoxe in die Hasmonäer-Brigade einzuberufen. Der Versand von rund 1.200 Einberufungsbescheiden führte zu weiteren Protesten und zum Eindringen in die Militärbasis Tel HaSchomer.

Der Schabbat gehört für ultraorthodoxe und allgemein orthodoxe Juden zu den wichtigsten religiösen Ereignissen. Es gibt 39 verbotene Hauptarbeiten. Darunter fällt planvolles, zielgerichtetes Tun, das mit dem Werktag verbunden ist. Eine Ausnahme gilt beispielsweise bei Lebensgefahr. Technische Hilfsmittel wie Lichtschalter, die auf indirekter Verursachung (aramäisch „Grama“) beruhen, sollen die Einhaltung der Regeln ermöglichen, ohne auf bestimmte Annehmlichkeiten zu verzichten.

Politische Parteien und ihr Einfluss

In der Knesset werden die Haredim vor allem durch Schas und das Vereinigte Thora-Judentum (UTJ) vertreten. Beide Parteien sind häufig für Regierungskoalitionen notwendig und können deshalb Forderungen in den Bereichen Religion, Bildung und Sozialleistungen durchsetzen. Bei politischen Krisen drohen sie wiederholt mit dem Austritt aus der Koalition.

Schas ist die größte sephardisch-haredische Partei. Sie wurde 1984 zur Vertretung sephardischer und mizrachischer Haredim gegründet. Sie fordert eine stärkere Rolle der Religion im öffentlichen Leben, mehr Mittel für religiöse Schulen und Jeschiwot sowie die Beibehaltung von Ausnahmen beim Militärdienst. Ihr Gründer und langjähriger spiritueller Führer war Rabbi Ovadia Yosef (1920–2013); der zentrale politische Kopf und Vorsitzende ist Aryeh Deri.

Das UTJ ist ein Bündnis aschkenasischer ultraorthodoxer Parteien aus Agudat Jisrael und Degel HaTora. Es vertritt vor allem aschkenasische Haredim und lehnt eine Aufweichung religiöser Vorschriften im öffentlichen Leben strikt ab. Traditionell ist die Partei bei Ministerämtern zurückhaltend und konzentriert sich auf Parlament und Ausschüsse. Zu ihren prominenten Köpfen gehört Menachem Eliezer Moses, ein ehemaliger Vize-Bildungsminister.

Gemeinsam mit orthodox-nationalreligiösen Parteien verstehen sich die haredischen Parteien als „Verteidiger des jüdischen Charakters“ Israels. Sie blockieren regelmäßig Vorhaben, die Religion und Staat stärker trennen oder das öffentliche Leben liberalisieren würden. Durch ihre Koalitionsmacht erreichen sie unter anderem Zugeständnisse bei der Finanzierung religiöser Einrichtungen und bei Gesetzen nach halachischen Prinzipien. Dies verstärkt die Polarisierung zwischen säkularen und ultraorthodoxen Gruppen.

Verhältnis zu Staat und Zionismus

Das Verhältnis zum Staat Israel ist innerhalb des ultraorthodoxen Judentums gespalten. Einige Gruppen, darunter Neturei Karta und die in der Edah HaChareidis zusammengeschlossenen Gruppen, lehnen den Staat ab. Ihrer Ansicht nach darf nur der Messias einen jüdischen Staat wiedererrichten.

Andere Gruppen beteiligen sich trotz einer Ablehnung des Zionismus aktiv an der israelischen Politik. Dazu gehören Agudat Jisra’el und Degel haTora als Vertretungen ultraorthodoxer Aschkenasim. Eine dritte Position vertreten besonders sephardische Juden, die von Schas repräsentiert werden: Sie befürworten den Zionismus, lehnen aber einen säkularen Staat ab.

Seit der Staatsgründung besitzen ultraorthodoxe Gruppierungen und Parteien, sowohl zionistische als auch nichtzionistische, erheblichen politischen Einfluss, weil ohne ihre Unterstützung häufig keine Regierungsmehrheiten entstehen. Zusätzlich prägt das Oberrabbinat die israelische Gesellschaft. An seiner Spitze stehen zwei Oberrabbiner: ein aschkenasischer und ein sephardischer. Zentrale Konflikte betreffen neben der Wehrpflicht daher auch Eheschließung, Konversion, Bildung, die Einhaltung des Schabbats sowie die Finanzierung religiöser Bildungseinrichtungen und Sozialleistungen.

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