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Konservatives Judentum
Die Bewegung, die sich zwischen dem orthodoxen Judentum und dem liberalen Judentum angesiedelt sehen möchte, hat verschiedene Gesetze und Praktiken des als …
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Profil und Einordnung
Das Konservative Judentum, auch Masorti-Judentum, ist eine im 19. Jahrhundert entstandene jüdische Denomination. Es möchte zwischen orthodoxem und liberalem Judentum stehen. Dazu bewahrt es viele traditionelle Gesetze und Bräuche, passt deren Auslegung aber an moderne wissenschaftliche Erkenntnisse und Lebensumstände an.
Die Bewegung geht aus der positiv-historischen Schule hervor, die besonders mit Zacharias Frankel, Michael Sachs und Solomon Schechter verbunden ist. Ihre zentrale Institution wurde später das 1886 in New York gegründete Jewish Theological Seminary (JTS).
Im deutschen Sprachraum werden vergleichbare Gemeinden meist als liberale Gemeinden bezeichnet. In Israel und Europa ist die Bezeichnung „Masorti“ üblich; sie bedeutet „traditionell“. In Ungarn heißen entsprechende Gemeinden seit dem 19. Jahrhundert „neolog“.
Religiöse Grundlagen und Praxis
Das Konservative Judentum geht davon aus, dass sich das Judentum im Lauf der Geschichte verändert hat. Die schriftliche Tora und die mündliche Tora, also Mischna und Talmud, gelten nicht als am Sinai wörtlich von Gott offenbart. Sie wurden vielmehr über einen längeren Zeitraum von Menschen überliefert, gestaltet und verändert.
Die religiösen Schriften werden mit Hilfe der historisch-kritischen theologischen Forschung ausgelegt. Zugleich bleibt die Halacha, das jüdische Recht mit seinen ethischen und rituellen Regeln, verbindlich. Die neu-konservativ abgewandelte Halacha gilt als „Grundnorm“. Rechtliche Entscheidungen dürfen von der orthodoxen Halacha abweichen, müssen aber in der jüdischen Rechtsliteratur begründet sein.
Mitglieder sollen insbesondere die Speisegebote und die Ruhevorschriften für den Schabbat einhalten. Manche Regelungen werden etwas milder ausgelegt als in der Orthodoxie. Die Liturgie orientiert sich weitgehend an der traditionellen Form. Bei den Gebeten wird traditionell am Hebräischen festgehalten; die wöchentliche Predigt kann in der Landessprache gehalten werden.
Ein wichtiger Unterschied zur Orthodoxie betrifft die Geschlechterrollen. Das moderne Konservative Judentum tritt, abgesehen von den neologen Strömungen, für die konsequente Gleichberechtigung von Männern und Frauen ein. Das konservative Rabbinerseminar in New York lässt seit 1984 Frauen zum Rabbinerstudiengang zu.
Orthodoxe Rabbiner erkennen Entscheidungen konservativer Rabbiner nicht an, weil diese auf einer veränderten Halacha beruhen und die Tora nicht mehr als unmittelbar gottgegeben betrachtet wird. Auch konservative Übertritte werden vom Oberrabbinat des Staates Israel ebenso wenig anerkannt wie liberale Übertritte.
Ursprünge in Deutschland
Als Gründer des Konservativen beziehungsweise Masorti-Judentums gilt der Rabbiner Zacharias Frankel (1801–1875). Er war zugleich eine wichtige Gestalt für die Entstehung des liberalen Judentums. Frankel leitete das 1854 eröffnete Jüdisch-theologische Rabbinerseminar in Breslau.
Frankel sah ein Hauptmerkmal des Judentums darin, dass religiöse Gebote und Bräuche kontinuierlich an die jeweiligen Zeiten und Umstände angepasst werden. Am Breslauer Seminar entwickelte er die Grundlagen eines „positiv-historischen“ Judentums. Dieses sollte die jüdische Tradition als stabiles Element bewahren und zugleich eine zeitgemäße Auslegung des jüdischen Rechts ermöglichen.
Frankels konservative Haltung innerhalb des liberalen Judentums führte in Deutschland zunächst nicht zur Bildung einer eigenständigen Bewegung. Das Breslauer Seminar wurde jedoch zum Vorbild für das 1886 in New York gegründete Jewish Theological Seminary. Eine der ersten konservativen Synagogen war die Neue Dammtorsynagoge in Hamburg.
Aufbau in den Vereinigten Staaten
In den USA entstand ein organisierter Verbund konservativer Gemeinden als Reaktion auf das sogenannte „treifene Banquet“, ein unkoscheres Bankett bei der Abschlussfeier des reformorientierten Hebrew Union College in Cincinnati im Jahr 1883. Konservative Absolventen und Rabbiner protestierten dagegen, dass ihnen nichtkoschere Speisen serviert wurden, weil ihnen die Reformen des liberalen Judentums zu weit gingen.
Dem neuen Verbund schlossen sich alteingesessene sephardische Gemeinden und neuere aschkenasische Synagogen an, die von deutschen jüdischen Einwanderern gegründet worden waren. Eine einheitliche religiöse Ausrichtung wurde zunächst nicht angestrebt. Gemeinsam war den Gemeinden die Bereitschaft, ihre Mitglieder im Alltag in die nichtjüdische amerikanische Umwelt zu integrieren. Bei Halacha und Liturgie hielten sie jedoch an überlieferten Traditionen und an der hebräischen Gebetssprache fest.
Das 1886 gegründete JTS in New York entwickelte sich zur wichtigsten Institution der Bewegung. Erster Präsident war Sabato Morais (1823–1897), ihm folgte Henry Pereira Mendes (1852–1937). Zu den Vordenkern zählt auch Isaac Leeser (1806–1868), der das erste amerikanische Rabbinerseminar, das Maimonides College in Philadelphia, gründete.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erhielt das finanziell gefährdete JTS Unterstützung von wohlhabenden liberalen amerikanischen Juden. Sie erwarteten, dass eine modernisierte Form des traditionellen Judentums die Integration osteuropäischer jüdischer Einwanderer in die amerikanische Gesellschaft erleichtern würde. 1902 wurde Solomon Schechter akademischer Leiter; unter seiner Führung wurde das JTS zu einer Ausbildungsstätte für eine ganze Generation konservativer Rabbiner. Dadurch entwickelte sich die Bewegung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur größten und wichtigsten jüdischen Bewegung Nordamerikas.
1913 entstand die „United Synagogue of America“, die später in „United Synagogue of Conservative Judaism“ umbenannt wurde. Sie vereint konservative Gemeinden Nordamerikas. Die „Rabbinical Assembly“, der Zusammenschluss konservativer Rabbiner, wurde 1919 gegründet. Im 20. und frühen 21. Jahrhundert entstanden außerdem Masorti-Gemeinden in Lateinamerika, Australien und Europa, besonders in Großbritannien. Sie sind in Masorti Olami zusammengeschlossen.
Entwicklung in Israel
In Israel fasste das Konservative Judentum in den 1970er Jahren Fuß, vor allem durch die Einwanderung amerikanischer Juden und konservativer Rabbiner. 1979 wurde die Masorti Foundation for Conservative Judaism in Israel gegründet. In ihr waren 2012 mehr als 50 Masorti-Gemeinden mit rund 50.000 Mitgliedern zusammengeschlossen.
Das Jewish Theological Seminary of America hatte bereits 1962 einen Campus in Jerusalem eröffnet. 1984 entstand dort das Seminary for Judaic Studies (Beit Midrash), an dem Israelis zu Masorti-Rabbinern und Lehrern ausgebildet werden. Weitere Einrichtungen sind die Jugendbewegung NOAM, die seit den 1970er Jahren besteht, die Tali-Schulen und der 1984 gegründete Kibbuz Hanaton.
In Israel besoldet das Religionsministerium grundsätzlich nur orthodoxe Rabbiner. Seit 2012 können jedoch in begrenztem Umfang auch nichtorthodoxe Rabbiner und Rabbinerinnen staatlich bezahlt werden, allerdings durch das Kultur- und Sportministerium.
Entwicklung in Deutschland nach 1945
In Deutschland ist das Konservative Judentum besonders in Berlin vertreten. Nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 gewann es auch in anderen Teilen Deutschlands an Bedeutung. US-amerikanische Investitionen unterstützten den Aufbau von Masorti-Gemeinden für jüdische Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion.
In Berlin wurde 2002 das Masorti-Lehrhaus gegründet. Der Verein Masorti e. V. unterhält unter anderem einen jüdischen Kindergarten und unterstützt die sprachliche und religiöse Integration von Einwanderern aus den GUS-Staaten. Gesa Ederberg war von 2002 bis 2008 Geschäftsführerin des Vereins. Seit Mitte 2006 arbeitete sie in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, zunächst mit einer halben Rabbinerstelle; seit Mitte 2007 ist sie offiziell Gemeinderabbinerin. Im 2013 gegründeten Zacharias Frankel College der Universität Potsdam werden konservative Masorti-Rabbiner und -Rabbinerinnen ausgebildet.
In Hamburg entstand 2009 die Kehilat Beit Shira – Jüdische Masorti Gemeinde Hamburg e. V. Sie ging aus einem seit 2008 bestehenden Masorti-Minjan hervor und ist seit 2010 Mitglied im European Council of Jewish Communities. In Leipzig besteht seit 2018 das jüdische Lehrhaus Beth Etz Chaim. Vorsitzende ist die an der konservativen Ziegler School of Rabbinic Studies ausgebildete Rabbinerin Esther Jonas-Märtin.