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Orthodoxes Judentum

Das orthodoxe Judentum ist eine der Hauptströmungen des heutigen Judentums neben dem konservativen Judentum, dem liberalen Judentum (bekannt auch als …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Einordnung und Begriff
  2. 2. Religiöse Grundlage
  3. 3. Richtungen und religiöse Praxis
  4. 4. Haredim und politische Lage in Israel

Einordnung und Begriff

Das orthodoxe Judentum ist eine der Hauptströmungen des heutigen Judentums, neben konservativem, liberalem beziehungsweise Reformjudentum und Rekonstruktionismus. Es umfasst ein breites Spektrum von Auffassungen. Unterschiede betreffen vor allem die Auslegung der Halacha, des jüdischen Religionsgesetzes, insbesondere der Regeln, die im Schulchan Aruch zusammengefasst sind.

Als eigene Strömung bildete sich das orthodoxe Judentum in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es reagierte auf Reformjudentum, jüdische Aufklärung (Haskala), Säkularisierung und die Emanzipation. Die Bezeichnung „orthodox“ entstand zur Abgrenzung vom Reformjudentum. Zunächst war sie eine polemische Fremdbezeichnung für Juden, die den Ideen der Aufklärung nicht offen gegenüberstanden; Christoph Schulte weist ihre Verwendung schon für 1792 nach. Heute wird „orthodox“ auch als Eigenbezeichnung verwendet. Weitere Bezeichnungen sind „toratreu“, „gesetzestreu“ und „Torah-observant“.

Nach orthodoxem Verständnis ist Jude, wer von einer jüdischen Mutter geboren wurde oder wessen Übertritt zum Judentum durch ein orthodoxes Rabbinatsgericht bestätigt wurde. Anerkannt wird auch eine Konversion vor drei „einfachen“ Personen, einem Beth Din gimel hedjotot.

Religiöse Grundlage

Grundlage ist die schriftlich und mündlich überlieferte Lehre, die in Tora und Talmud niedergelegt ist. Diese Grundlagen werden in späteren Werken des rabbinischen Judentums bis in die Gegenwart weiterentwickelt.

Die ganze Tora gilt als maßgebendes Wort Gottes. Ihre Auslegung wird jedoch im Lauf der Zeit entwickelt und zunehmend entfaltet. Daraus folgt: Die Autorität der Tora und die praktische Anwendung der aus ihr abgeleiteten Regeln prägen den Tagesablauf orthodoxer Juden. Auch Neuerungen werden von Rabbinern anhand der Halacha beurteilt. So soll auf Veränderungen reagiert werden können, ohne die schriftlich überlieferten Vorschriften selbst zu verändern.

Richtungen und religiöse Praxis

Häufig wird zwischen modern-orthodoxem Judentum und charedischem, also „ultraorthodoxem“, Judentum unterschieden. Daneben gibt es in Israel die sehr konservative Chardal-Bewegung innerhalb des religiösen Zionismus sowie einen liberaleren Teil, der „Open Orthodox“ genannt wird. Die Zuordnung historischer Gruppen zu heutigen Richtungen ist teilweise umstritten: Rabbiner Samson Raphael Hirsch und seine im 19. Jahrhundert meist neo-orthodox genannte Bewegung werden sowohl von modern-orthodoxen als auch von ultraorthodoxen Juden beansprucht.

Die Gruppen unterscheiden sich etwa durch eher mystische oder eher rationale Orientierung und durch Bräuche aus verschiedenen Herkunftsregionen, darunter Osteuropa, Deutschland, Jemen und Äthiopien. Sie sind heute über viele Länder verteilt. Der Chassidismus, ursprünglich eine osteuropäische Bewegung, besteht aus vielen voneinander unabhängigen Gruppen und hat sachlich wenig mit den mittelalterlichen Chasside Aschkenas in Deutschland gemeinsam. Mizrachim und Sephardim folgen in ihrer religiösen Praxis stark dem Schulchan Aruch, einem Kodex halachischen Rechts aus dem 16. Jahrhundert. Für aschkenasische Juden ist meist die Mischna Berura („Klare Lehre“), ein späterer Kommentar zum Schulchan Aruch, maßgeblich.

Wichtige Gebote sind die konsequente Begehung des Schabbat, koschere Ernährung, tägliche Gebete und die Regeln zu ehelichen Beziehungen, Nidda. Seit dem späten 19. Jahrhundert werden die Nidda-Gesetze unter Einfluss der deutschen modernen Orthodoxie auch taharat hamishpacha, „Familienreinheit“, genannt. Nicht-orthodoxe Juden beachten diese Gebote teils anders oder gar nicht.

Männer tragen stets eine Kopfbedeckung als Zeichen der Ehrfurcht vor Gott, meist eine Kippa; Ultraorthodoxe tragen darüber zusätzlich einen Hut. Frauen kleiden sich sittsam (Zniut), meist mit langem Rock. Verheiratete orthodoxe Frauen bedecken in der Öffentlichkeit außerdem ihr Haar, zum Beispiel mit Kopftuch, Schleier, Turban, Haube, Haarnetz, Hut, Mütze oder Perücke.

Haredim und politische Lage in Israel

Der Anteil der Ultraorthodoxen nimmt zu. Im Jahr 2020 gehörten weltweit 14 Prozent beziehungsweise 2,1 Millionen Juden zu den Haredim. In Israel waren es 17 Prozent oder 1,2 Millionen von 6,6 Millionen Juden; in den USA 12 Prozent oder 1,4 Millionen von fast 7 Millionen Juden. Die drittgrößte Haredi-Gemeinde lebt in Großbritannien: 76.000 Personen, also 26 Prozent der 292.000 Juden. In Belgien beträgt ihr Anteil 35 Prozent und ist damit der höchste Anteil innerhalb der genannten jüdischen Gemeinden. Für Deutschland nennt die Studie 3.000 Ultraorthodoxe, 2,5 Prozent von insgesamt 118.000 Juden.

An der gegenwärtigen israelischen Regierung sind sechs orthodox-religiöse oder religiös-konservative Parteien beteiligt: Mafdal – HaTzionut HaDatit, Otzma Jehudit, Noam, Schas, Agudat Israel und Degel HaTorah.

Ultraorthodoxe Juden waren seit der Staatsgründung Israels von der Wehrpflicht ausgenommen. Die Regelung lief 2023 aus, wurde aber bis Ende März 2024 verlängert. Weil kein Gesetz zur Fortführung zustande kam, können seit dem 1. April 2024 mehr als 60.000 ultraorthodoxe Männer im wehrpflichtigen Alter einberufen werden. Seit diesem Datum werden laut einstweiliger Anordnung des Höchsten Gerichts auch staatliche Subventionen für wehrpflichtige ultraorthodoxe Männer gestrichen, die Religionsschulen besuchen. Bislang leistete nur eine Minderheit freiwillig Armeedienst.

Am 6. Juni 2025 kündigte die israelische Armee an, bis Ende des Monats 54.000 Einberufungsbefehle an ultraorthodoxe junge Männer zu verschicken und Maßnahmen gegen Wehrdienstverweigerer sowie Deserteure zu verschärfen. In den vorherigen zwei Jahren waren bereits 23.000 Befehle an Charedim ausgestellt worden; nur wenige hundert kamen der Einberufung nach. Sanktionen gab es nicht, und nur wenige Verweigerer wurden festgenommen. Israelische Medien gingen davon aus, dass sich dies wegen des Widerstands der ultraorthodoxen Koalitionsparteien kaum ändern werde.

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