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Karäer
Jahrhundert betrachteten sich die Karäer in Mittel- und Osteuropa überwiegend als einer gegenüber dem rabbinischen Judentum eigenständigen biblischen Religion …
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Grundidee und Bedeutung
Die Karäer, hebräisch Kara’im, verstehen sich als jüdische beziehungsweise israelitische Religionsgemeinschaft. Sie entstanden seit dem 7./8. Jahrhundert n. Chr. als Gegenbewegung zum rabbinischen Judentum. Ihr entscheidendes Merkmal ist die Auffassung, dass religiöse Gebote allein aus dem Tanach, der Hebräischen Bibel, abzuleiten seien. Die mündliche Tora und den Talmud, also die für das rabbinische Judentum maßgebliche Sammlung religiöser Auslegungen, erkennen sie nicht als göttliche Offenbarung an. Sie betrachten den Talmud als von Menschen geschaffene Lehre und meinen, mit ihrer eigenen Praxis die ursprüngliche Form des Judentums zu bewahren.
Ein verbindliches Lehramt gibt es nicht. Jeder Gläubige soll durch selbstständiges Lesen der Tora erkennen, was religiös geboten ist. Diese Haltung förderte die sprachwissenschaftliche Untersuchung der Bibel: Karäische Gelehrte verglichen Übersetzungen in Hebräisch, Aramäisch und Arabisch und erkannten die enge Verwandtschaft dieser semitischen Sprachen. Zugleich beeinflusste die karäische Kritik auch das rabbinische Judentum, etwa durch Anstöße zur genaueren Pflege und Auslegung des Bibeltextes und zur philosophischen Begründung der Theologie.
Die Gebetshäuser heißen Kenesa statt Synagoge. Beim Gebet stehen die Gläubigen, richten sich nach Süden statt nach Osten und tragen keine Tefillin, also Gebetsriemen. Auch weitere Riten unterscheiden sich von denen rabbinisch-jüdischer Gemeinschaften. Der karäische Kalender orientiert sich strenger am Mond und weicht mehrfach vom traditionellen jüdischen Kalender ab. Talmud-Schulen, sogenannte Jeschiwot, unterhalten die Karäer nicht. In Israel werden sie heute als nichtreligiöse Juden eingestuft; die Karäer selbst verstehen den Anschluss eines rabbinischen Juden an ihre Schriftauslegung nicht als Konversion.
Entstehung und frühe Ausbreitung
Der genaue Ursprung ist umstritten. Manche vermuten Vorläufer in einem Konflikt innerhalb des jüdischen Priestertums im 2. Jahrhundert v. Chr. und bringen die Karäer mit den „Söhnen Zadoks“, möglicherweise den Sadduzäern oder einer mit den Essenern verbundenen Gruppe, in Beziehung. Klar vom rabbinischen Judentum unterscheidbar wurden sie wahrscheinlich spätestens im 8. Jahrhundert n. Chr. Anan ben David, nach dem die frühen Anhänger auch Ananiten genannt wurden, trug zur Ausbreitung vom Gebiet des heutigen Irak und Iran nach Palästina bei, war aber vermutlich selbst kein Karäer. Einige betrachten stattdessen Aaron ben Moses ben Asher, der um 960 starb, als Gründungsvater.
Im 9.–12. Jahrhundert waren karäische Gemeinschaften im Orient einflussreich. Das späte 10. und frühe 11. Jahrhundert gelten als ihr Goldenes Zeitalter. Eine eigene Akademie in Jerusalem bildete zahlreiche Wissenschaftler aus; besonders in Palästina bestand in fast jedem größeren Ort eine Gemeinde. Die Bewegung verbreitete sich außerdem im Byzantinischen Reich, in Al-Andalus, dem Maghreb, Ägypten, Syrien, Irak und bis nach Mittelasien. Aktivitäten sind auch unter georgischen, persischen und bucharischen Juden belegt. West- und Mitteleuropa erreichte diese frühe Ausbreitung dagegen nicht.
Während des Ersten Kreuzzugs wurden Karäer wie rabbinische Juden verfolgt. Um 1099 wanderten viele nach Konstantinopel aus. Im Byzantinischen Reich galten sie wegen ihrer ausschließlichen Orientierung an der Tora als „bibeltreu“ und wurden dort im Unterschied zu Juden nicht als Häretiker verfolgt. Im 13./14. Jahrhundert erlebten karäische Gelehrte in Konstantinopel und den christlichen Siedlungsgebieten Kleinasiens eine literarische Blüte.
Osmanisches Reich und islamische Regionen
Im Osmanischen Reich bestanden neben den sephardischen Juden zahlreiche karäische Gemeinden. Nach der Eroberung Konstantinopels 1453 ließ Sultan Mehmed II. eine bedeutende Zahl turksprachiger Karäer nach Istanbul bringen. Viele anatolische Karäer sprachen jedoch seit byzantinischer Zeit Gräko-Karäisch, einen karäischen Ethnolekt, also eine gruppentypische Form, der griechischen Sprache. Ein wichtiges Siedlungsgebiet war Galata, das heutige Karaköy. Unter Sultan Suleiman dem Prächtigen blühte die Gemeinde im 16. Jahrhundert auf.
Danach nahm die Zahl der Anhänger ab, besonders nach der Ankunft der 1492 aus Spanien vertriebenen sephardischen Juden. Viele Karäer wechselten offenbar zum rabbinischen Judentum oder zu anderen Religionen. Im Istanbuler Stadtteil Hasköy blieb eine aktive Kenesa erhalten, in der Besucher wie in einer Moschee die Schuhe ausziehen. Mitte der 1950er Jahre wurden in Istanbul noch 350 Karäer gezählt, Ende der 1980er Jahre mehr als 90. Die Kenesa von Hasköy war 2003 das letzte noch genutzte karäische Bethaus der Türkei.
Auch in den meisten islamisch geprägten Regionen gingen die Gemeinden nach dem Mittelalter zurück oder verschwanden vollständig. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestand in Ägypten noch die zweitgrößte Gemeinschaft nach den turksprachigen Karäern der Krim und Osteuropas. Im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt emigrierten fast alle ägyptischen Karäer nach Israel oder Frankreich; Ende der 1980er Jahre lebten nur noch 24 im Land. Die Gemeinde im irakischen Hīt, in der Abraham Firkowitsch im 19. Jahrhundert 67 Karäer beschrieb, wanderte 1960 vollständig nach Be’er Scheva aus. In Jerusalem wurden in den 1920er Jahren nur noch zehn und 1948 noch zwei Karäer gezählt. Arabischsprachige Karäer betrachteten sich stets als jüdischer Herkunft und als Strömung innerhalb des Judentums.
Krim und Osteuropa
Die Herkunft der Krim-Karäer ist nicht abschließend geklärt. Vermutet wurden sowohl Nachfahren verschleppter Israeliten als auch Verbindungen zu den Chasaren, einem Turkvolk, dessen Herrscher zum Judentum übertraten. Über die Frage, ob die Chasaren karäisch oder überwiegend rabbinisch-jüdisch wurden, bestehen unterschiedliche Auffassungen. Krim-Karaiten werden erstmals 1294 durch Aaron ben Joseph erwähnt. Genetische Untersuchungen einer kleinen Stichprobe zeigten eine Verwandtschaft mit Juden und in geringerem Maße mit Turkvölkern, aber keine enge Beziehung zu Völkern des alten Chasarenreiches. Kevin Brook nimmt deshalb eine Einwanderung aus dem Byzantinischen beziehungsweise Osmanischen Reich an.
Im Spätmittelalter gelangten Karäer von der Krim nach Galizien und Litauen. Großfürst Vytautas der Große warb 1397/1398 Soldatenfamilien aus dem Schwarzmeergebiet als Burgwachen bei Trakai an; an anderer Stelle wird für 1397 die Zahl von 380 karäischen Familien genannt. Von Trakai aus entstanden Gemeinden unter anderem in Panevėžys, Wizebsk, Luzk und Halytsch. Später bildeten sich kleinere Stadtgemeinden etwa in Vilnius, Warschau, Kiew, Odessa, Charkiw und Jewpatorija. Nach der Eingliederung der Krim 1783 und den polnischen Teilungen 1772–1795 lagen alle mittel- und osteuropäischen Siedlungsgebiete im Russischen Kaiserreich. Dort wurden Karäer aufgrund ihrer ethnischen und religiösen Besonderheiten nicht wie Juden diskriminiert.
Seit dem späten 19. Jahrhundert verstanden sich viele osteuropäische Karäer als eigenständige ethnische Gruppe mit biblischer Religion und ohne semitisch-jüdische Herkunft. Während der nationalsozialistischen Besetzung wurden sie deshalb nicht als Juden verfolgt, sondern als „tatarische Volksgruppe“ eingeordnet. Der jüdische Historiker Majer Balaban hatte auf Anfrage ein entsprechendes Gutachten erstellt, möglicherweise entgegen seiner tatsächlichen Überzeugung; die Reichsstelle für Sippenforschung übernahm es. Einige Karäer dienten in der 1942 zur Unterstützung von SS und Wehrmacht aufgestellten Tatarenlegion.
Trakai und die Krim sind wichtige historische und religiöse Zentren. 2007 lebten in Litauen 257 Karäer, darunter 16 Kinder; die größten Gemeinden bestanden in Trakai mit 65 Personen und in Vilnius. Beide Orte besitzen eine Kenesa. Auf der Krim wurde die Gemeinde in Eupatoria nach dem Zerfall der Sowjetunion erneuert; zwei bedeutende Kenesas wurden mit eigener Arbeit und finanzieller Unterstützung des in Frankreich lebenden Karäers Michel Sarach wiederaufgebaut. Dort finden wöchentlich Samstagsgottesdienste statt. In Kiew steht eine 1898–1902 erbaute Kenesa, in Warschau besteht ein weiterhin genutzter, denkmalgeschützter Karaitenfriedhof.
Ethnische Gruppe, Sprache und Gegenwart
Der Name Karäer kann die gesamte Religionsgemeinschaft bezeichnen, wird aus historischen Gründen aber besonders für die turksprachige Volksgruppe der Krim und Osteuropas verwendet. Damit bilden die Karäer eine ethnisch-religiöse Gruppe. Im Artikel wird ihre weltweite Zahl mit etwa 45.000 angegeben. Davon lebten 2002 ungefähr 25.000 in Israel; weitere Gemeinschaften bestanden vor allem in Polen, der Ukraine und Australien. Für die Ukraine und Litauen wurden 2002 zusammen etwa 3000 bis 4000 Menschen geschätzt. Bei der sowjetischen Volkszählung von 1989 bezeichneten sich 2602 Personen ethnisch als Karäer. Im 20. Jahrhundert wanderten besonders viele orientalische Karäer nach Israel und Frankreich aus. Auch in den USA bestehen Gemeinden.
Das Karaimische oder Karäische entstand, nachdem die Karäer auf der Krim bei beibehaltener hebräischer Schrift eine tatarische Sprache übernommen hatten. Es gehört zur pontisch-aralischen Untergruppe des nordwestlichen Zweigs der Turksprachen. Unterschieden werden der östliche Dialekt der Krim, der südwestliche Dialekt Galiziens und Podoliens sowie der nordwestliche Dialekt Litauens und Belarus’. Nur noch wenige Menschen sprechen diese Formen aktiv: Letzte Sprecher werden auf der Krim, in Halytsch und Salukwa sowie in Trakai genannt. 1989 gaben in der Sowjetunion 503 Menschen Karaimisch als Muttersprache an.
Die Sprache ist vom Aussterben bedroht oder örtlich bereits verschwunden. In Litauen wird versucht, sie als kulturelles Erbe und als Sakralsprache, ähnlich dem Latein in der katholischen Kirche, zu erhalten. Auf der Krim wird Karaimisch neben Hebräisch im Gottesdienst verwendet. Nicht mit den Karäern zu verwechseln sind die Krimtschaken: Sie waren ebenfalls turksprachige Bewohner der Krim, gehörten aber dem rabbinischen Judentum an.