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Talmud

Der Talmud ist eine umfassende Sammlung jüdischer Schriften, die die mündliche Überlieferung des jüdischen Gesetzes und der religiösen Lehren dokumentiert. Die …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Bedeutung
  2. 2. Entstehung und zeitliche Einordnung
  3. 3. Aufbau und Inhalte
  4. 4. Textschichten und Talmudim
  5. 5. Sprache, Druck, Kritik und Übersetzungen

Gegenstand und Bedeutung

Der Talmud ist eines der bedeutendsten Schriftwerke des rabbinischen Judentums. Er dokumentiert die mündliche Überlieferung des jüdischen Gesetzes und religiöser Lehren und zeigt, wie biblische Regeln im Alltag verstanden, ausgelegt und angewendet wurden. Er enthält daher nicht selbst die Gesetzestexte des Tanach, sondern die Diskussionen, Auslegungen und Urteile rabbinischer Gelehrter über diese Texte.

Der Talmud besteht aus zwei Hauptteilen: der älteren Mischna und der jüngeren Gemara. Die Mischna ist eine systematische Sammlung der mündlich überlieferten Gesetze. Die Gemara kommentiert, analysiert und diskutiert die Mischna. Eine wichtige ergänzende Sammlung ist die Tosefta, auch Baraita genannt. Sie enthält Ergänzungen und Erklärungen zur Mischna und wird in der Gemara häufig herangezogen.

Es gibt zwei Talmudausgaben: den Babylonischen Talmud, abgekürzt bT, und den Jerusalemer beziehungsweise Palästinischen Talmud, abgekürzt jT. Wenn ohne nähere Bezeichnung vom „Talmud“ gesprochen wird, ist meist der Babylonische Talmud gemeint. Beide Ausgaben beruhen auf der Mischna, enthalten aber unterschiedliche Gemarot und unterscheiden sich deutlich in Umfang, Stil und Ausführlichkeit.

Entstehung und zeitliche Einordnung

Die Mischna wurde über Jahrhunderte mündlich überliefert und schließlich kodifiziert. Ihre endgültige Form entstand im 2. Jahrhundert n. Chr. unter der redaktionellen Leitung von Jehuda ha-Nasi; als Abschluss wird ungefähr das Jahr 200 n. Chr. angegeben. Sie ist auf Hebräisch verfasst und bildet in beiden Talmudausgaben im Wesentlichen den gemeinsamen Textbestand.

Die Gemara entstand ungefähr ab 500 n. Chr. und enthält die Diskussionen rabbinischer Gelehrter über die Mischna. Die Gemara des Jerusalemer Talmuds wurde in Galiläa, besonders in Tiberias und Sepphoris, im 5. Jahrhundert redigiert. Der Babylonische Talmud entstand in den jüdischen Akademien von Sura, Pumbedita und zunächst auch Nehardea in Babylonien und erhielt seine Endredaktion nach den Angaben des Artikels Anfang des 7. Jahrhunderts; zugleich wird für seinen Abschluss auch etwa das Jahr 600 n. Chr. genannt. Allgemein werden die beiden Gemarot dem Zeitraum vom 3. bis zum 6. Jahrhundert und ihre endgültige Fertigstellung teilweise dem 5. bis 8. Jahrhundert zugeordnet.

Die Entwicklung des Talmuds steht im Zusammenhang mit der Unterscheidung zwischen schriftlicher und mündlicher Tora. Die schriftliche Tora, Tora Schebichtaw, enthält die grundlegenden Gebote und Prinzipien. Die mündliche Tora, Tora Shebe'al Peh, erklärt und konkretisiert diese Gebote und ermöglicht ihre Anwendung auf neue Lebenssituationen. Nach rabbinischer Auffassung sind beide Formen göttliche Offenbarung und ergänzen einander.

Die schriftliche Tora entstand vermutlich über mehrere Jahrhunderte, etwa vom 10. bis zum 5. Jahrhundert v. Chr. Frühere Erzählungen und Gesetzestraditionen wurden zunächst mündlich weitergegeben, später gesammelt und redaktionell verbunden. Das Babylonische Exil im 6. Jahrhundert v. Chr. verstärkte vermutlich das Bedürfnis, religiöse Texte zu sichern. In der Perserzeit des 5. Jahrhunderts v. Chr. wurde die Tora wahrscheinlich als verbindlicher Textbestand kanonisiert. Der Masoretische Text, die standardisierte hebräische Bibel des rabbinischen Judentums mit Vokalisation und Akzentsetzung, entstand jedoch erst zwischen dem 7. und 10. Jahrhundert n. Chr.

Auch die mündliche Tora entwickelte sich parallel zur schriftlichen Tora. Sie sollte knapp formulierte Gebote praktisch erklären, etwa welche Tätigkeiten am Schabbat verboten sind. Wegen Verfolgung und Zerstreuung bestand später die Gefahr, dass diese Überlieferung verloren ging. Deshalb wurde sie in der Mischna, der Tosefta und schließlich im Talmud schriftlich festgehalten. Im rabbinischen Judentum gilt die fortlaufende Arbeit der Gelehrten an der mündlichen Tora als göttlich inspiriert, wenn sie mit schriftlicher Tora, mündlicher Überlieferung und rabbinischer Tradition übereinstimmt und von der Gemeinschaft anerkannt wird.

Aufbau und Inhalte

Die Mischna ist in sechs Ordnungen, hebräisch Sedarim, gegliedert. Diese bestehen insgesamt aus 63 Traktaten und 525 Kapiteln. Die Traktate sind weiter in Abschnitte beziehungsweise Sugyot und einzelne Mischnajot unterteilt. Die Bezeichnung Schas ist eine Abkürzung für „sechs Ordnungen“.

Die sechs Ordnungen behandeln folgende Sachbereiche:

  • Seraʿim („Saaten, Samen“): elf Traktate über landwirtschaftliche Abgaben an Priester, sozial Bedürftige und Fremde.
  • Mo'ed („Festzeiten, Festtag“): zwölf Traktate über Fest- und Fasttage.
  • Naschim („Frauen“): sieben Traktate über Familienrecht.
  • Nesiqin („Schädigungen“): zehn Traktate über Straf- und Zivilrecht, besonders Schadensersatzrecht, sowie den ethischen Traktat Avot.
  • Qodaschim („Heilige Dinge“): elf Traktate über Opferriten, Speisevorschriften und verwandte Themen.
  • Toharot („Reinigungen“): zwölf Traktate über Reinheit und Unreinheit von Personen, Sachen und Orten.

Ein typischer Abschnitt beginnt mit einem Bibelzitat oder einem Gesetz. Danach wird ein Problem formuliert, exegetisch untersucht und durch eine Diskussion verschiedener rabbinischer Lehrmeinungen, eine Machloket, erörtert. Bei rechtlichen Fragen kann eine halachische Regel folgen; bei ethischen oder erzählerischen Fragen schließt sich eine aggadische Ausdeutung an. Der Talmud arbeitet häufig nach dem Muster Gesetz, Widerspruch und Auflösung. Die Auflösung führt dabei oft zu einem neuen Widerspruch, und viele Diskussionen enden offen, ohne eine eindeutige Entscheidung.

Die Mischna besteht fast ausschließlich aus Halacha. Halacha bedeutet wörtlich „Gehen“ und bezeichnet die praxisnahe Auslegung und Anwendung religiöser und rechtlicher Vorschriften. Aggada bedeutet wörtlich „Erzählen“ und umfasst erzählerische, erbauliche, ethische und teilweise philosophische Betrachtungen. Sie findet sich vor allem in der Gemara. Die Gemara verbindet juristische Fragen außerdem mit Themen wie Medizin, Naturwissenschaft, Geschichte und Pädagogik und enthält Fabeln, Sagen, Gleichnisse und Rätsel.

Textschichten und Talmudim

Die Mischna ist die erste systematische Niederschrift der mündlichen Tora. In den Talmudhandschriften werden die Mischnastücke, auf die sich die Gemara bezieht, häufig nur auszugsweise zitiert, weil ihre Kenntnis bei gelehrten Lesern vorausgesetzt wurde. Die Gemara ist die „Vollendung“ beziehungsweise Lehre und besteht aus Kommentaren und Analysen zur Mischna. Die meisten darin genannten Gelehrten wirkten im 3. bis 5. Jahrhundert.

Der Talmud besitzt einen durchgehend dialektischen Stil. Gemeint ist eine fortlaufende Auseinandersetzung zwischen verschiedenen rabbinischen Meinungen, die durch genaue Textinterpretation, logische Argumentation, Prüfung von Widersprüchen und Konsensbildung zu einer anerkannten Tradition führen kann. Der Talmud dient dadurch nicht nur der Erklärung von Gesetzen, sondern auch der moralischen, ethischen, philosophischen und spirituellen Reflexion.

In einer typischen Seite des Babylonischen Talmuds steht in der Mitte abwechselnd der Text der Mischna und der Gemara. Am inneren oberen Rand befindet sich der Kommentar von Raschi, Rabbi Schlomo ben Jizchak, der im 11. Jahrhundert in Frankreich und Deutschland wirkte. Am äußeren und gegebenenfalls am unteren Rand stehen spätere Kommentare. Diese Kommentare bilden eine zusätzliche, spätere Textschicht.

Der Babylonische Talmud ist nach Umfang, Wirkung und inhaltlichem Gewicht das bedeutendere Werk. Er entstand in den jüdischen Gemeinden Babyloniens und Mesopotamiens, vor allem in den Akademien von Sura und Pumbedita. Als maßgebliche Autoren gelten Abba Arikha, genannt Raw, Samuel Jarchinai, genannt Mar, und Rav Aschi. Der Codex hebraicus 95, die Münchner Handschrift, ist weltweit die einzige erhaltene Handschrift, die den vollständigen Text des Babylonischen Talmuds umfasst. Im April 2025 wurde sie in die UNESCO-Liste des Weltdokumentenerbes aufgenommen.

Der Jerusalemer Talmud entstand in Palästina, besonders in Galiläa. Er ist erheblich kürzer, fragmentarischer und weniger vollständig; manche Traktate sind nur teilweise oder gar nicht enthalten. Sein Stil ist knapper und oft schwer verständlich. Er wird als weniger verbreitet und weniger autoritativ beschrieben, während der Babylonische Talmud als Hauptquelle des rabbinischen Judentums gilt. Der Jerusalemer Talmud verwendet Westaramäisch, der Babylonische Ostaramäisch. Nach jüdischer Tradition, die auf Maimonides zurückgeht, gilt Rabbi Jochanan als wichtigster Autor des Jerusalemer Talmuds.

Sprache, Druck, Kritik und Übersetzungen

Die Gemara ist überwiegend auf Aramäisch verfasst, die zitierte Mischna auf Hebräisch. Die mitgedruckten Kommentare sind meist ebenfalls hebräisch. Der Talmud wird gewöhnlich in seinen Originalsprachen studiert.

Der erste Druck des Babylonischen Talmuds erschien 1523 in der Druckerei Daniel Bombergs in Venedig; herausgegeben wurde er von Jacob Ben Chajim. Die von Bomberg eingeführte Folio-Zählung wird bis heute verwendet. Zu den wichtigen Ausgaben und Übersetzungen gehören die vollständige deutsche Übersetzung von Lazarus Goldschmidt in zwölf Bänden, erschienen 1929 bis 1936, sowie die englische Übersetzung von Isidore Epstein in 35 Bänden von 1935 bis 1952. Genannt werden außerdem die englische Schottenstein Edition in 73 Bänden von 1990 bis 2004 und die französische Safra Edition ab 2003. Vom Jerusalemer Talmud erschienen seit 1975 beziehungsweise ab 1980 deutsche Übersetzungen in mehreren Bänden, wobei zunächst nur ein Band unter dem Titel „Der Jerusalemer Talmud in deutscher Übersetzung“ vorlag. Für den Babylonischen Talmud existieren außerdem umfangreiche Konkordanzen, darunter der Thesaurus Talmudis von Chayim Yehoshua Kasovsky in 41 Bänden, erschienen 1954 bis 1982.

Da der Talmud häufig mit dem Judentum insgesamt gleichgesetzt wurde, richteten sich antijudaistische und später antisemitische Angriffe vielfach gegen ihn. In der Antike wurden Juden wiederholt am Studium des Religionsgesetzes gehindert. Kaiser Justinian I. verbot 553 das Studium der „deuterosis“, womit die Mischna oder allgemein die Beschäftigung mit der Halacha gemeint war.

Im Mittelalter führten Disputationen zu Beschlagnahmungen, Zensur und Verbrennungen. Die Talmuddisputation von Paris 1240 ging vom Konvertiten Nikolaus Donin aus; 1242 kam es zur ersten großen Talmudverbrennung. Papst Innozenz IV. verfügte 1244 zunächst die Vernichtung aller Talmudausgaben, revidierte dies 1247 teilweise und veranlasste stattdessen Zensur. 1248 wurde der Talmud erneut verurteilt. Weitere Disputationen und Verbote folgten bis zum Ende des 16. Jahrhunderts. Papst Julius III. ließ 1553 in Rom Talmudexemplare beschlagnahmen und am 9. September öffentlich verbrennen.

Talmudzitate wurden und werden häufig aus dem Zusammenhang gerissen, um das Judentum zu diskreditieren. Teilweise handelte es sich um Fälschungen. Auch echte Zitate können den Sinn verfälschen, wenn nicht berücksichtigt wird, dass der Talmud kontroverse und bewusst zugespitzte Thesen im Dialog aufnimmt, um sie anschließend zu widerlegen. Eine wichtige Gegenposition vertrat der Humanist Johannes Reuchlin, der den Talmud und jüdische Schriften gegen Johannes Pfefferkorn verteidigte. In der Neuzeit forderte Martin Luther 1543 die Konfiszierung jüdischer Bücher einschließlich des Talmuds; die katholische Kirche setzte ihn 1559 auf den Index verbotener Bücher. Die Nutzung des Talmuds zur Verunglimpfung von Juden und Judentum kommt laut Artikel auch im modernen christlichen, muslimischen und säkularen Antijudaismus beziehungsweise Antisemitismus vor.

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