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Priester

Priester oder Priesterin ist eine Bezeichnung für Spezialisten für religiöse Fragen, die den Kultus verwalten sowie Lehre und Tradition bewahren.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und religionswissenschaftliche Einordnung
  2. 2. Aufgaben, Ausbildung und gesellschaftliche Stellung
  3. 3. Priestertum in den antiken Religionen
  4. 4. Indien, Buddhismus und iranische Religionen
  5. 5. Judentum, Islam und Voodoo
  6. 6. Das Priestertum im Christentum

Begriff und religionswissenschaftliche Einordnung

Priesterinnen und Priester sind religiöse Spezialisten, die den Kultus verwalten, religiöse Lehren und Traditionen bewahren und zwischen der göttlichen beziehungsweise transzendenten Welt und der Alltagswelt vermitteln. Im Unterschied zu Schamanen, Sehern oder Propheten werden sie gewöhnlich ausgebildet und durch eine Zeremonie in ihr Amt eingesetzt. Die Religionsgemeinschaft schreibt diesem Amt Heiligkeit zu. Besondere Kleidung und eine besondere Lebensweise machen den Priesterstand häufig nach außen erkennbar.

Aus religionswissenschaftlicher Sicht ist es problematisch, das vor allem aus dem Katholizismus stammende Konzept des Priestertums auf alle Religionen zu übertragen. Deshalb wird neutral auch von religiösen Spezialisten gesprochen. Typische Merkmale eines Priestertums sind:

  • Zugangsvoraussetzungen wie ein bestimmtes Geschlecht, eine besondere Abstammung oder körperliche Unversehrtheit;
  • eine traditionell geregelte Ausbildung, etwa in einem Tempel oder Priesterseminar;
  • eine Weihe- oder Initiationszeremonie, die zur Ausübung des Amtes berechtigt;
  • besondere Heiligkeit kraft des Amtes sowie Regeln zu Reinheit, Nahrung, Kleidung, sozialen Kontakten oder Zölibat;
  • gelegentliche Abgaben oder andere wirtschaftliche Vorteile für die priesterlichen Dienste.

Der Ausdruck Priester wird mit einem besonderen „sozialen Alter“ verbunden, also mit Erfahrung und dem Anspruch auf religiöse Kompetenz. Da Priestergruppen unterschiedliche Rangstufen besitzen, bilden sie häufig Hierarchien.

Aufgaben, Ausbildung und gesellschaftliche Stellung

Die wichtigste Aufgabe des Priesters ist die Mittlerfunktion. Gegenüber den Menschen verkündet er den göttlichen Willen, bewahrt heiliges Wissen und vermittelt göttliche Gnade. Gegenüber der Gottheit handelt er stellvertretend für die Menschen, vor allem durch Opfer, Gebete und andere Rituale. Als Kultdiener leitet er meist an einem Tempel, Altar oder Naturheiligtum die Zeremonien, verliest heilige Schriften, vollzieht Opfer und schützt den Kultort.

Daneben können Priester weitere Aufgaben übernehmen: Sie deuten Omina und Prophezeiungen, leisten psychische oder medizinische Betreuung, wirken als Lehrer und Missionare, verwalten Einrichtungen, sprechen Recht oder beschwören in ethnischen Religionen Gottheiten und Geistwesen. In traditionellen Gesellschaften tragen sie zur Stabilisierung von Normen bei und deuten außergewöhnliche Ereignisse wie Naturkatastrophen religiös. Ihre religiöse Macht kann aber auch kritisch gegen die politische Ordnung eingesetzt werden. In modernen Gesellschaften werden Priester vor allem als religiöse Dienstleister angesehen.

Priesterämter werden entweder durch leibliche oder geistige Sukzession weitergegeben. Bei der leiblichen Sukzession wird das Amt innerhalb einer Familie, oft vom Vater auf den Sohn, vererbt. Bei der geistigen Sukzession erfolgt die Aufnahme durch eine besondere Weihe; der Priester steht dann in einer geistigen Ahnenreihe über seinen „Weihevater“. Die Ausbildung umfasst vor allem Kultsprache, Gebete und den korrekten Ablauf der Riten. Häufig kommen Astronomie, Mathematik, Zeitrechnung, Medizin, Schrift, Kartografie und Geschichtsschreibung hinzu.

In manchen Gesellschaften übernahm ursprünglich der Hausvater, das Sippenoberhaupt oder der König sakrale Aufgaben. Mit der zunehmenden Differenzierung des Kultes delegierte der König diese Aufgaben an Priester. Ein Beispiel ist der ägyptische Pharao als Sohn, Abgesandter, Mittler und Nachfolger der Gottheiten. Priester können sich durch Reinheitsgebote, Speisevorschriften, sexuelle Enthaltsamkeit, Amtstracht oder Tonsur von Laien unterscheiden. Dafür erhalten sie mitunter Steuerfreiheit, Immunität oder Schutz vor direkter Kriegsteilnahme. Aus solchen Sonderstellungen können abgeschlossene Kasten mit Rangklassen und einem Hohepriester entstehen.

Priester sind nicht immer eindeutig von anderen religiösen Autoritäten abzugrenzen. Geisterbeschwörer, Medizinleute, Zauberer und Schamanen stehen häufig mit unpersönlichen Mächten in Beziehung, die sie beherrschen müssen; Priester dienen eher einer personal gedachten Gottheit durch einen geregelten Kult. Auch Mönche können priesterliche Aufgaben übernehmen. Typologisch bezieht der Mönch seine religiöse Kraft jedoch aus seiner Lebensführung, während der Priester sie aufgrund seines Amtes erhält.

Priestertum in den antiken Religionen

In der ägyptischen Religion galt der Pharao als Hohepriester aller Kulte. Priester erhielten Anteile an den Opfergaben; das Amt war daher zugleich ehrenvoll und eine Einnahmequelle. Theoretisch setzte der Pharao alle Priester ein, praktisch wählten vermutlich häufig hochrangige Priester die Kandidaten aus. Auf dem Land war das Amt zumindest teilweise erblich. Frauen konnten Priesterinnen werden, doch waren sie im Neuen Reich, als das Priestertum stärker zur Lebensaufgabe wurde, meist nur noch als Musikerinnen beteiligt.

Die Hem-Priester durften die inneren Tempelbereiche mit dem Kultbild betreten. Wab-Priester standen darunter und hatten keinen Zugang zum innersten Bereich, konnten aber mit Kultgeräten umgehen. Lesepriester waren Gelehrte und verfügten unter anderem über Kenntnisse in Magie und Medizin. Sem-Priester waren besonders für den Totenkult zuständig. Das große Tempelritual wurde dreimal täglich durchgeführt: Das Heiligtum wurde geöffnet, das Kultbild geweckt, entkleidet, gebadet und neu bekleidet. Nach dem Mundöffnungsritual, durch das die Statue belebt wurde, erhielt die Gottheit Speisen und Gaben; anschließend wurde das Kultbild wieder eingeschlossen.

In Mesopotamien spricht die Forschung heute eher von Tempel- und Kultpersonal oder religiösen Spezialisten. Den Priestern wurde besonderes Wissen zugeschrieben; Tempelbibliotheken waren Zentren der Bildung und überlieferten sumerische und akkadische Literatur. Vor der Weihe und vor jedem Ritual wurde kultische Reinheit hergestellt. Beschwörungspriester wie der āšipu oder mašmaššu deuteten unter anderem Träume und versuchten, das von den Göttern beschlossene Schicksal günstig zu beeinflussen. An der Spitze der hierarchisch gegliederten Tempelpriesterschaft stand der saĝĝa- beziehungsweise šangû-Priester, der den Tempelbetrieb organisierte.

In der griechischen Religion bezogen sich Priester und Priesterinnen stets auf ein konkretes Heiligtum und meist auf eine bestimmte Gottheit. Jeder Bürger konnte Opfer darbringen; ein priesterliches Monopol bestand daher nicht. Die Vermittlerrolle übernahm eher der Seher. Priesterämter wurden durch Geburt, Wahl oder Los vergeben; in hellenistischer Zeit konnten sie mancherorts auch gekauft werden. In Athen waren ältere Ämter zunächst bestimmten aristokratischen Familien vorbehalten, später wurden neue Kulte teilweise für die gesamte Bürgerschaft geöffnet. Die Ämter dauerten oft ein Jahr. Priester sprachen Gebete, überwachten symbolisch Opfer und Riten und kontrollierten den Tempel, während das Tempelpersonal viele praktische Aufgaben ausführte. Sie erhielten Anteile an den Opfergaben, Ehrenplätze und besondere Kleidung.

Das römische Priestertum war eng mit der Politik verbunden. Priester wurden als sacerdotes bezeichnet. Zu den Priestergemeinschaften gehörten unter anderem Fetialen, Salier, Arvalbrüder, Titii sodales und Luperci. Die vier höchsten Priesterkollegien waren Pontifices, Augures, Quindecimviri sacris faciundis und Septemviri epulonum.

Indien, Buddhismus und iranische Religionen

In den jüngeren Texten des Rigveda ist ein spezialisiertes Priestertum erkennbar. Wer als yajamāna ein großes śrauta-Opfer durchführen wollte, konnte mehrere Priester mit genau festgelegten Aufgaben beauftragen und bezahlen:

  • Der adhvaryu baute den Altar, bereitete die Geräte vor, entzündete das Feuer und vollzog die Schlachtung.
  • Der hotṛ leitete das Ritual und rezitierte Verse aus dem Rigveda.
  • Der udgātṛ führte den kultischen Gesang, das sāman, aus.
  • Der brahman überwachte schweigend den Ablauf und korrigierte Fehler; deshalb galt er als „Arzt des Rituals“.

Im bildlosen vedischen Kult riefen die Priester die Gottheiten durch Gesänge herbei und verkörperten sie während des Rituals. Die Brahmanen, die selbst den höchsten Rang innerhalb der vier Varnas beanspruchten, bewahrten und deuteten die heiligen Texte und unterrichteten – mit Ausnahme der Shudras – Jugendliche. Die korrekte Ausführung des Rituals sollte es ermöglichen, auf den Makrokosmos einzuwirken.

Ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. wurden Kultbilder verehrt, in denen die Gottheit dauerhaft anwesend gedacht wurde. Brahmanische Priester bedienten diese Bilder; Pilger konnten durch den Anblick der Gottheit religiös teilhaben. Die Tempelpriesterschaft lebte von den Einkünften des Pilgerbetriebs, und das Amt stand auch Nicht-Brahmanen offen. Heute vollziehen hinduistische Priester Tempelrituale, dienen als Hauspriester einer Familie, führen Übergangsrituale und Ahnenkult durch oder erstellen Horoskope. Im Jainismus amtieren in vielen Tempeln pujaris, meist Hindus und auch Brahmanen. Sie reinigen und schmücken das Kultbild, haben aber keinen privilegierten Zugang zu ihm.

Mahayana- und tantrischer Buddhismus übernahmen Elemente priesterlicher Praxis. In Japan verband sich der Buddhismus mit dem Shintoismus; an den Schreinen wirkten vier Klassen von Shinto-Priestern. Die Meiji-Restauration leitete ab 1868 die staatlich veranlasste Trennung buddhistischer und shintoistischer Einrichtungen und Priesterschaften ein. Rezitationen und Anrufungen in buddhistischen Klöstern, Tempeln und Schreinen sind kein ausschließliches Privileg der Mönche.

Im Zoroastrismus der Sassanidenzeit gab es eine Dreiteilung in Lehrer, spirituelle Führer und Priester der staatlichen Verwaltung. Seit dem 15. Jahrhundert besteht eine dreistufige Hierarchie: Ervad dürfen kleine, Mubad große Zeremonien durchführen; Dastur sind Religionsgelehrte. Das Priestertum ist erblich. Eine Ausbildung und ein mehrwöchiger Initiationsprozess sind erforderlich; wenn in einer Familie über fünf Generationen keine Initiation erfolgt, erlischt ihr Priestertum. Im 21. Jahrhundert wurden im Iran und in der amerikanischen Diaspora Frauen als Hilfspriesterinnen, Mubadyar, eingesetzt. Im Bahāʾītum gibt es keine Priesterklasse.

Judentum, Islam und Voodoo

Nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels sieht das Judentum keinen Mittler zwischen Mensch und Gott mehr vor. Synagogenbedienstete sind theologisch gebildete Angestellte mit bestimmten Aufgaben im Gottesdienst, aber keine Priester in diesem Sinne. Der Status des Kohen geht auf die Gebote Gottes zurück. Kohanim sind eine Untergruppe der Leviten und gelten als Nachfahren Aarons, des Bruders des Mose. Im Jerusalemer Tempel übten sie den Altardienst aus; der HaKohen HaGadol, der Hohepriester, war die höchste religiöse Autorität.

Die Kohanim gelten nicht als Vermittler zwischen Juden und Gott. Jeder Jude ist Gott unmittelbar verantwortlich. Der Tempelkult hatte grundsätzlich keine vermittelnde oder sündenvertilgende Funktion durch Opfer und Blut; eine Ausnahme betrifft die mögliche Sühne einer unbeabsichtigt begangenen Sünde. Das Volk Israel wird als „Königreich von Priestern“ verstanden und soll den Bund mit Gott einhalten.

Im Islam sind Imame Vorbeter und theologisch gebildete Bedienstete, aber keine Priester im Sinne eines Mittleramtes. Die fünf täglichen Gebete können in der Moschee, allein oder zu Hause verrichtet werden. Nur beim gemeinsamen Gebet ist ein Vorbeter erforderlich; er soll über ein Mindestmaß an theologischen Kenntnissen verfügen.

In der synkretistischen Voodoo-Religion heißen Priester Houngans und Priesterinnen Mambos. Beide Geschlechter sind gleichberechtigt. Ihr Amtssymbol ist die Asson, eine Rassel, die im Hounfour, dem Tempel, aufbewahrt wird. Priester, die sich auch oder ausschließlich mit Schadenzauber beschäftigen, werden Bocore genannt.

Das Priestertum im Christentum

Die christlichen Gemeinden des 1. Jahrhunderts kannten unterschiedliche Autoritätsträger, darunter Apostel, Propheten und Lehrer. Die Didache entwickelte Kriterien zur Prüfung reisender christlicher Amtsträger. Im 1. Timotheusbrief erscheint mit dem Episkopos ein formalisiertes und kontinuierliches Amt, jedoch kein Mittleramt zwischen Gott und Menschen, da nach 1 Tim 2,5 EU nur Christus dieser Mittler ist. In den Ignatiusbriefen des 2. Jahrhunderts steht der Episkopos an der Spitze einer Hierarchie aus Bischof, Presbytern und Diakonen. Um 180 forderte Irenäus von Lyon, dass ein Bischof oder sein Beauftragter jeder Eucharistiefeier vorstehen solle. Seit dem 3. Jahrhundert wurden christliche Amtsträger auch als Priester bezeichnet, seit dem 5. Jahrhundert regelmäßig die Presbyter. Nach der konstantinischen Wende von 313 traten Bischöfe stärker hervor.

In der römisch-katholischen Kirche unterscheiden sich Bischofs- und Priesteramt durch ihre Vollmachten. Nur der Bischof kann die Weihe und im Normalfall die Firmung spenden; der Priester kann die übrigen Sakramente spenden. Nach mittelalterlich-westkirchlicher Auffassung besitzt er besonders die Vollmacht zur Konsekration der eucharistischen Gaben und zur Sündenvergebung. Das Tridentinum bestätigte diese Lehre. Pius XII. stellte 1947 im Ritus der Priesterweihe Handauflegung und Weihegebet in den Mittelpunkt.

Die katholische Kirche unterscheidet das allgemeine Priestertum aller Getauften vom speziellen Priestertum der Ordinierten „dem Wesen und nicht bloß dem Grad nach“. Die drei hierarchischen Stufen sind Bischof, Presbyter und Diakon; nur die Bischofsweihe überträgt die Fülle des Weihesakramentes. Nach Can. 277 § 1 gilt für Kleriker die Verpflichtung zu vollkommener und immerwährender Enthaltsamkeit und zum Zölibat. Nach Can. 1024 empfängt nur ein getaufter Mann gültig die heilige Weihe.

In der Orthodoxie bilden Bischof, Presbyter und Diakon die bedeutende Ämtertrias des Priestertums. Der Zölibat wird grundsätzlich nur von Bischöfen verlangt; Presbyter und Diakone dürfen eine vor der Diakonenweihe geschlossene Ehe haben. Bischöfe stammen meist aus dem Mönchtum und sollen mönchisch leben. Im strengen Sinn ist nur der Bischof Priester; Presbyter vertreten ihn dauerhaft vor Ort und feiern unter anderem die Eucharistie.

Die Kirchen der Reformation lehnen die katholische Unterscheidung zwischen allgemeinem Priestertum der Getauften und besonderem Priestertum der Ordinierten sowie die Trennung von Klerikern und Laien ab. Wesentliche priesterliche Aufgaben seien durch Jesus Christus erfüllt. Die Leitung einer Gemeinde übernehmen häufig Pfarrer. In reformierten und unierten Kirchen heißen Mitglieder der Gemeindeleitung teilweise Presbyter oder Kirchenälteste, ohne dass damit ein priesterliches Amt verbunden ist.

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