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«Die Mehrheit der Priester im Vatikan ist schwul» | Sternstunde Religion | SRF Kultur

SRF Kultur Sternstunden29:58 43.967 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

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Transkriptautomatisch erstellt · 193 Zeilen
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  1. [Musik] Der Vatikan Machtzentrum der römisch-katholischen Kirche gilt das Konservativ. Dass seine Vertreter ein
  2. Problem haben mit Männern, die Männer lieben, ist bekannt. Doch ausgerechneter Vatikan soll eine der größten homosexuellen Communities der Welt
  3. beherbergen. Das behauptet mein heutiger Gast, der französische Soziologe und Journalist Frederik Martell. Er sitzt in Paris fest, ich hier in Zürich. Deshalb
  4. führen wir das Interview per Skype. Guten Tag, Frederik Martell. Wie geht es Ihnen? Ja, es geht mir gut. Zur Zeit kann ich
  5. niemanden treffen. Deshalb möchte ich Ihnen danken, dass Sie mit mir sprechen. Sonst würde ich total vereinsamen. Ja, wir sind auch froh, dass Sie bei uns
  6. sind. Es gibt noch viel zu tun. Ich weiß nicht, ob diese Quarantäne einen Monat funktioniert und wie wir sie überleben,
  7. aber ein paar Tage ist es kein Problem. Wir werden sehen. Kommen wir zum Thema, über das wir heute sprechen wollten. Sie behaupten, vatikanische Prelaten,
  8. Bischöpfe und Kardinele sein einerseits schwul und lehnen andererseits Homosexualität vehement ab. Das klingt nach einem dramatischen Szenario, nicht
  9. wahr? Ja und nein. Wenn Sie sich die Tradition der Kirche
  10. anschauen, können wir eigentlich von einer Kohenz sprechen. Aber klar, viele Leute sagten mir, es sei unglaublich, dass Kirchenvertreter
  11. sowohl schwul als auch homophob sein können. Jedoch, wenn sie Prost lesen oder Andreid oder Rambo und das sind nur französische Autoren
  12. und dann noch Thomas Mann oder Lino Visconti dazu nehmen. Nun, das waren aber keine Prelaten oder Bischöpfe.
  13. Nein, aber die Psychologie ist dieselbe. Man wird extrem homophob, wenn man selber schwul ist oder homophil. Damit
  14. sind Männer gemeint, die ihre Homosexualität nicht ausleben, aber die Neigung dazu verspüren. Und wenn man Angst hat, dass diese Homosexualität
  15. öffentlich wird, reagiert man eben damit, dass man sich homophob gibt. Nun, um den Vatikan und die Kirche generell zu verstehen, muss man
  16. verstehen, dass wir, wenn wir über den Vatikan sprechen, nicht über Menschen sprechen, die im Jahr 2020 leben.
  17. Viele von ihnen leben noch immer in den 1950er oder 60er Jahren. Ich habe mit vielen gesprochen, die waren über 90 Jahre alt, eine sogar 4,
  18. das sind Männer, die in den 1940er oder 50er Jahren 20 Jahre alt waren, als sie in die Kirche eingetreten sind. Sie haben ihre Weltsicht und damit auch
  19. die Art, wie sie Homosexualität beurteilen, vor über 50 oder 60 Jahren entwickelt.
  20. Das erklärt alles. Sie leben in einer anderen Zeit. Ich bin nicht gegen sie. Ich kritisiere sie nicht. Ich versuche sie zu verstehen.
  21. Wir kommen noch zu diesem Punkt. In Ihrer Hypothese steckt der trotzdem eine Menge Sprengkraft. Lassen Sie mich so beginnen. Ein Mann,
  22. der an seiner Homosexualität festhält, kann gemäß römisch-katholischer Lehre nicht Priester werden. Und trotzdem sagen sie bzw. sie zitieren jemanden,
  23. der sagt, dass 80% der Priester im Vatikan schwul sein. Da frage ich mich, wer hier die Augen vor der Realität verschließt und weshalb.
  24. Zunächst einmal habe ich tatsächlich nie gesagt, dass 80% der Priester im Vatikan schwul sein. Danke, dass sie das präzisieren.
  25. Aber sie sagen, es sei die Mehrheit. Ja, ich mache aber keine quantitative Forschung. Das wäre unmöglich. Selbst wenn Sie alle Priester im Vatikan
  26. interviewen würden, würden Ihnen nicht alle die Wahrheit erzählen. Was ich also tue, ist quantitativ. Nein, entschuldigen Sie bitte, ich mache
  27. qualitative Forschung, nicht quantitative. Aber noch einmal, es geht nicht um die Zahlen und das Ziel ist nicht zu
  28. verstehen, ob der Priester A, der Bischof B oder der Kardinal C schwul ist oder nicht. Und ich versuche nicht Menschen zu aen. Ich versuche das System
  29. zu verstehen, denn es hat mannigfaltige Konsequenzen. Besonders in Bezug auf sexuellen Missbrauch. Darauf kommen wir sicher noch zu sprechen.
  30. Der Hauptpunkt ist, dass es um ein soziologisches System geht. Wenn Sie in einem kleinen Dorf in Italien in den 1950er Jahren aufwachsen
  31. und sie homosexuell sind oder sich nicht sicher sind, was genau sie sind. Sie fühlen sich von Frauen sexuell nicht angezogen und sie wollen nicht heiraten.
  32. Dasselbe geht aber auch, wenn man in einer bürgerlicher Familie in Mailand, Paris oder Zürich hineingeboren wird und bemerkt, dass man sich nicht zu Frauen
  33. hingezogen fühlt. Sie haben also ein Problem und die Lösung ist, sie werden Priester. Denn sobald Sie ins Seminar eintreten, müssen
  34. sie sich die Witze nicht mehr anhören, die man über sie reißt. Sie können sich den Gesang hingeben und sie können weiblichere Kleidung tragen, lange Röcke
  35. z.B. und ihre Mutter, die sie am besten kennt, sie wird ihren Entscheid
  36. verstehen und mittragen, denn sie ist glücklich über ihre Berufung, Priester werden zu wollen.
  37. Und ihre Schwäche wird zu einer Stärke. Sie leben ausschließlich unter Männern. Sie können mit dir Stimme singen, mit dir sie wollen. Sie können die Kleidung
  38. anziehen, die sie wollen. Und das Wichtigste, sie müssen weder heiraten noch Beziehungen mit Frauen eingehen, mit denen sie gar keine Beziehung
  39. wollen. [Musik] Es geht nicht darum, diesen Männern
  40. vorzuhalten, dass sie lügen oder illegale Dinge tun. Sie äußern sich nur auf die einzige Weise, die gesellschaftlich akzeptiert
  41. ist. Und die Kirche hat die Tatsache, dass eine große Mehrheit der Priester schwul ist gefördert und bis zu einem gewissen
  42. Grad akzeptiert. Nun, ich verstehe Argument, aber dieser Mechanismus, den Sie beschreiben, das
  43. ist 50 Jahre her. Wie ist es heute und wenn es so offensichtlich ist, wie Sie sagen, denn sie haben ja gerade gesagt, die Kirche akzeptiere es irgendwie.
  44. Also, wenn es so offensichtlich ist, warum hat noch nie jemand ein solches Buch geschrieben? Das erscheint mir doch sehr verwunderlich.
  45. Okay, ich möchte zwei Punkte diskutieren. Zunächst zur ersten Frage, die Sie gestellt haben. Heute ist es anders. Das ist ganz klar. Wer als
  46. heterosexueller Mann in ein Priesterseminar eintritt, akzeptiert diese homoerotische Atmosphäre nicht mehr. So wurde es mir erzählt, denn ich
  47. habe viele Interviews geführt. Auch für Schwule, und das ist der zweite Punkt ist es heute anders. Selbst in
  48. einem kleinen Dorf in Italien oder auch in der Schweiz muss man sich heute nicht mehr verstecken. Man hat alle Möglichkeiten sexuell aktiv zu sein.
  49. Niemand will heutzutage mehr Priester werden. Das ist eine Tatsache und in gewisser Weise ist es ein quantitativer Faktor. Die Situation in Frankreich und
  50. ich kenne nur die ist so. Rund 800 Priester sterben jedes Jahr und bloß 60 werden ordiniert. In 10 Jahren gibt es hier zulande also praktisch keine
  51. Priester mehr. Heterosexuelle Männer wollen nicht, weil sie nicht heiraten dürfen und die
  52. Homosexuellen haben andere Möglichkeiten. Nun, sie fragten, warum niemand ein solches Buch geschrieben hat. Vor 10
  53. Jahren wäre es vermutlich noch zu früh gewesen, solche Dinge zu publizieren. Sie würden also sagen, die Sachlage hat sich verändert, weil es heute mehr
  54. Rechte für Homosexuelle gibt, z.B. die gleichgeschlechtliche Ehe. Und genau das habe Ihnen beim Schreiben dieses Buches geholfen?
  55. In gewisser Weise ja. Und dann gibt es unglaubliche Skandale wegen sexuellen Missbrauchs innerhalb der Kirche.
  56. Diese Skandale betreffen tausende von Priestern in Australien, in den USA, in Irland, aber auch in Brasilien, Mexiko oder Chile, die wegen sexuellen
  57. Missbrauchs angeklagt oder verurteilt und manche auch ins Gefängnis gesteckt wurden. Dass Priester keine Sexualität haben
  58. sollen, glaubt heute niemand mehr. Es geht um tausende von Priestern. Gut, sie schauen von außen auf die römisch-katholische Kirche. Ich frage
  59. mich nun, welche Reaktionen sie mit ihrem Buch in Innern der Kirche ausgelöst haben. Sodum wurde vor einem Jahr publiziert.
  60. Es ist also genug Zeit vergangen, um auf Ihre Thesen zu reagieren. Ich habe auch die Schweizer Bischofskonferenz gefragt, was sie von ihrem Buch halten würden.
  61. Leider habe ich keine Antwort erhalten. Sie sagt mir, dass sie im Moment mit dem Coronavirus beschäftigt sein. Was mich interessiert ist, welche Reaktionen sie
  62. aus dem Vatikan erhalten haben und zwar von den Leuten, mit denen sie nicht gesprochen haben.
  63. Warum wurde ein derartiges Buch noch nicht veröffentlicht? Wenn Sie italienischer Journalist sind und einen italienischen Verleger suchen,
  64. werden Sie Mühe haben, weil es in diesem Land nach wie vor schwierig ist, ein solches Buch zu veröffentlichen. Wenn Sie Vatikanist sind, also ein
  65. Journalist, der vor allem über den Vatikan schreibt, dann verlieren sie ihren Job, wenn Sie ein derartiges Buch vorlegen.
  66. Und wenn Sie heterosexuell sind, dann kennen Sie die Codes der homosexuellen Community nicht. Deshalb wurde dieses Buch nicht vor 10
  67. Jahren, sondern erst heute geschrieben von einem Franzosen, der den Code beherrscht und kein Vatikanist ist. Aber um ihre Frage zu beantworten, die
  68. Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Zunächst einmal hat niemand, kein Kardinal, im Grunde genommen über das Buch gesprochen und sie haben uns auch
  69. nicht angegriffen oder gegen uns geklagt. Das Buch wurde also überall veröffentlicht, ohne dass es juristische Konsequenzen gegeben hätte.
  70. Aber weshalb haben sie wohl nicht reagiert? Weil sie dachten, das Buch sei ganz einfach unwichtig für sie oder weil sie schlicht dachten, alles hier drin
  71. sei Blödsinn? Was mich sehr wundert ist, warum es keine Reaktion darauf gab, wenn es doch dermaßen explizit ist.
  72. Ja, sie haben recht. Und übrigens haben wir uns auch abgesichert. 14 Juristen haben mich während des Schreibens begleitet. Wir wussten, was wir taten.
  73. Das Buch wurde von sehr großen Mainstream Verlagen in Deutschland, Frankreich, Italien und den USA veröffentlicht, den berühmtesten
  74. Verlagen überhaupt. Ja, natürlich. Die wollten diese Geschichte haben. Ja, klar. Aber es ist ein seriöses Buch. Bloomsbury hat auch
  75. Harry Potter veröffentlicht. Es sind keine erfundenen Geschichten. Das meinte ich damit auch nicht.
  76. Schauen Sie, der Vatikanist, also der Journalist, der sich fast nur mit dem Vatikan befasst und der Kardinal, den ich immer wieder interviewte. Ich habe
  77. mit mehr als 40, mit 43 Kardinälen genau genommen gesprochen. Sie alle haben mir die Geschichte bis zu einem gewissen Grad erzählt. Jeder kennt
  78. diese Geschichte und wir können natürlich über diesen einen spezifischen Punkt auf der Seite
  79. XY diskutieren, denn es ist extrem schwierig über Sexualität und besonders über Homosexualität im Vatikan zu arbeiten.
  80. können über einzelne Punkte diskutieren, aber die Gesamttheorie wird sich dadurch nicht ändern. Da bin ich hundertprozentig überzeugt.
  81. Viele berühmte Theologen, sogar der Papst sagte in einer nicht offiziellen Diskussion mit einem Juristen, die überall in Lateinamerika und den USA
  82. publiziert wurde, ich habe das Buch gelesen. Es ist in Ordnung. Ich wusste alles. Das sagte Papst Franziskus.
  83. Heute ist es so, dass ich nicht mehr oft mit Leuten im Vatikan diskutiere, aber das ist normal, nachdem man ein solches Buch veröffentlicht hat. Sie haben sich
  84. dort keine Freunde gemacht. Doch, doch, den Kardinal sehe ich immer noch, auch den Erzbischof und einige Priester, die mich in den Vatikan
  85. eingeladen hatten. Mit denen treffe ich mich immer noch zu Mittagessen in Rom, in kleinen unauffälligen Restaurants. Die sind mir immer noch zugewandt.
  86. Aber es stimmt, dass die Leute es vorziehen, das Thema nicht zu diskutieren, weil das Buch im Grunde eines der wichtigsten Geheimnisse der
  87. letzten 40 Jahre öffentlich gemacht hat. Gut, aber ihre Behauptungen basieren ja mehrheitlich auf privaten Gesprächen.
  88. Wie können Sie sicher sein, dass die Leute, mit denen Sie darüber gesprochen haben, auch die Wahrheit sagen?
  89. Es tut mir leid, das erwähnen zu müssen, aber so arbeiten Journalisten. Wenn mir jemand sagt, Kardinal XY sei schwul, dann publiziere ich das nicht.
  90. Wenn ich das getan hätte, hätte der Vatikan ja sie aen niemanden. Ich versuche zu erklären, wie das System
  91. funktioniert. Ich versuche nicht zu urteilen und stelle mich gegen niemanden. Einige wenige erwähne ich namentlich, aber nur, wenn es bekannt
  92. ist, dass sie schwul sind, weil das durch die Medien ging oder sie vor Gericht standen oder schon tot sind. Doch lebende Bischöfe und Kardinäle
  93. erwähne ich nicht namentlich. Warum? Mein Ziel ist es nicht jemanden zu auten, sondern das System transparent zu
  94. machen, wenn Sie so wollen, den Vatikan zu auten. Und wichtig zu wissen ist, die Leute, mit denen ich sprach, wussten, wer ich bin. Ich sagte immer meinen
  95. Namen. Sie wissen, dass ich Journalist und Autor bin und dass ich ein Buch über den Vatikan schreibe, aber nicht was am Ende alles drin sein wird. Wenn Sie mich
  96. baten, ihren Namen nicht zu verwenden, habe ich das respektiert. Off the record heißt off the record. Die von mir angewandten Regeln sind die Regeln des
  97. Journalismus internationale Zeitungen. Lassen Sie uns noch mals Papst zurückgehen. Sie erwähnten, dass der
  98. Papst wisse, was dein Vatikan vor sich gehe. Sie führen ihrem Buch auch immer wieder die angebliche Doppelmoral der katholischen Kirche an. In mehreren
  99. Predigten von 2016 bis 2018 verurteilte Papst Franziskus genau diese Doppelmoral ziemlich deutlich. Wir zeigen das in einer kurzen Einspielung.
  100. State attenti voi davanti ai rigidi. State attenti davanti ai cristiani,
  101. siano laici, preti, vescovi che si presentano così perfetti, rigidi. Sono i rigidi della doppia vita. si fanno vedere belli, onesti,
  102. ma quando nessuno li vede fanno delle cose brutte. La rigidità non è un dono di Dio. Dietro la rigidità
  103. c'è sempre qualcosa di nascosto, in tanti casi una doppia vita. Sie glauben also, dass Papst Franziskus über alles Bescheid weiß und dies schon
  104. vor der Publikation ihres Buches? Sie wissen, dass ich kein Zauberer bin und ich bin auch nicht jemand, der
  105. einfach so eine Hypothese aufstellt. Wenn ich Sachverhalte erwähne, dann nur, weil sie mir erzählt wurden.
  106. Ich habe enge Berater von Papst Franziskus getroffen. Natürlich werden sie in meinem Buch nicht namentlich erwähnt, weil sie anonym bleiben
  107. wollten. Die alle haben mir erklärt, wie das System im Vatikan funktioniert.
  108. Und wenn man Papst Franziskus zuhört, dann realisiert man auch, welche Art von Sätzen er benutzt, um auf die Probleme aufmerksam zu machen.
  109. Und es gibt eine Menge Probleme im Vatikan, das Problem mit der Sexualität. Homosexualität ist nur ein Aspekt davon. Es gibt auch eine Menge heterosexuelle
  110. Männer, die Sex mit Frauen haben oder haben möchten. Es gibt ein Problem mit Geld und dann gibt es das Problem der Macht und den damit verbundenen
  111. Machtmissbrauch. Und dann gibt es den sexuellen Missbrauch, der etwas komplett anderes
  112. ist als die normale Sexualität und so weiter und so fort. Sie und Ihre Zuschauer interessieren sich für Religion. Sie müssen mein Buch
  113. nicht lesen und mir weder glauben noch mir vertrauen. Aber wenn Sie das System nicht verstehen, werden Sie beim nächsten Skandal wieder schockiert sein
  114. und verzweifelt. Ja, es wird neue Skandale geben, neue Enthüllungen, einen neuen Kardinal, der
  115. geutet wird. Eine unendliche Geschichte und ja, der Papst weiß es. Lassen Sie mich noch eine Frage stellen,
  116. weil ich mehr darüber wissen möchte. Sie nennen Homosexualität als Hauptschlüssel zum Verständnis des Vatikans. Sie haben das jetzt bereits angesprochen, aber
  117. könnten Sie es noch näher erläutern? In welchem Sinn gibt es denn einer Verbindung zwischen Homosexualität und sieenen in ihrem Buch ja auch Vatilak?
  118. Inwiefern gibt es eine Beziehung zwischen Homosexualität und dem vatikanischen Finanzskandal.
  119. Mein Schwerpunkt ist Homosexualität und ich bin ziemlich breit gefächert in der Betrachtung dieses Themas und diskutiere beispielsweise auch, wie das mit der
  120. extremen Rechten in Verbindung steht und auch viele weitere Aspekte des Vatikans. Aber ja, ich denke, Homosexualität ist ein Schlüssel zur Erklärung. Ich möchte
  121. nochmals betonen, dass ich kein Problem habe damit, wenn ein Bischof oder ein Kardinal schwul sind. Wenn die einen Liebhaber haben, wenn sie Sex haben,
  122. dann ist mir das egal. Wenn es nach mir ginge, dann wäre das erlaubt. Das einzige Problem ist, wenn sie Sex mit Minderjährigen haben oder wenn es um
  123. Prostitution geht oder wenn es um Missbrauch geht, das heißt ohne Zustimmung des Sexualpartners.
  124. Im Vatikan existiert noch ein Droissage, wie wir im Französischen sagen. Dieses Recht gab es in Frankreich früher tatsächlich und es besteht darin, dass
  125. ein Älterer der Macht ausübt, also in diesem Fall beispielsweise ein Bischof oder ein Nunzius, einen Seminaristen oder jüngeren Priester um einen
  126. sexuellen Gefallen bitten darf. Um ehrlich zu sein, habe ich lieber einen Priester oder Bischof mit einem
  127. Freund als einen Priester, der ein zehnjähriges Kind anfasst. Das ist alles natürlich, aber meine Frage war, in
  128. welchem Sinne diese Themen miteinander verflochten sind. Sie sagen nämlich, dass es sich bei Homosexualität um einen Schlüsselfaktor handle, wenn es um die
  129. breit bekannten und diskutierten Skandale der römisch-katholischen Kirche gehe. Ist
  130. damit denn der Missbrauchsskandal in ihren Augen nach als schwulen Skandal zu verstehen oder wie müssen wir uns das vorstellen und auch differenzieren,
  131. damit Homosexualität und Pädophilie nicht vermischt wären, denn das wäre ja gefährlich.
  132. Diese Frage ist sehr gut und sie haben recht. Das Problem ist die Kultur der Geheimhaltung.
  133. Wenn man ein System und eine Organisation hat, die auf einer Lüge basiert, und das ist ihr Vatikan tatsächlich,
  134. sie stimmen mir vielleicht nicht zu und sie mögen mich nicht dafür, dass ich das sage, aber das System Vatikan besteht aus Lügen.
  135. Gelogen wird über alles, über Geld, über die Organisation an sich, über Macht, über Sexualität, wie auch immer diese geartet ist.
  136. In einer solchen Kultur von Geheimhaltung und Lüge ist es kein Problem, Leute zu haben, die eine Sexualität ausleben, die total verboten
  137. ist, weil sie durch die Kultur der Lüge geschützt werden. Und ich denke, das ist das Problem. Das Problem ist nicht die Homosexualität.
  138. Wie viele Studien gezeigt haben, gibt es keine Verbindung zwischen Homosexualität und sexuellem Missbrauch. Der größte Teil sexuellen Missbrauchs
  139. wird innerhalb der Familie begangen oder in Schulen. Die Opfer sind in der Mehrheit Mädchen. Die Täter also heterosexuell.
  140. Genau. Missbrauch ist hauptsächlich ein heterosexuelles Problem überall auf der Welt. Aber aus Studien wissen wir auch, dass die Opfer sexuellen Missbrauchs in
  141. der Kirche zwischen 80 und 85% Jungen oder junge Männer sind. Es gibt also eine Besonderheit in der katholischen Kirche. Es gibt eine
  142. Verbindung zwischen Klerikern, die sich für jungen und sehr junge Männer interessieren und sexuellem Missbrauch. Warum ist das so?
  143. Das Problem ist nicht die Homosexualität an sich. Das Problem ist, dass man sein Verlangen, ob homosexuell oder nicht, unterdrückt. Sie tun das gegenüber
  144. anderen, aber auch gegenüber sich selbst. Wenn sie der Art unterdrückt werden und eine Strategie entwickeln, um Ihre
  145. Identität zu verbergen und sich selber verleugnen müssen, was tun sie dann, wenn Sie Sex haben wollen? Sie gehen zu Kindern? Sie gehen zu Immigranten oder
  146. zu neu eingetretenen Jungen im Priesterseminar, weil sie denen gegenüber Autorität haben und weil sie wissen, dass die nichts ausplaudern
  147. werden. Sie versuchen Sex mit Menschen zu haben, die nicht sprechen werden. Natürlich geht man nicht in eine Schwulenb und sagt: "Hey, ich bin
  148. Kardinal, ich bin Bischof und ich möchte dich kennenlernen." Man muss eine Strategie der Vertuschung entwickeln und das ist der Grund, warum
  149. das System als Ganzes ein System ist, das denen Missbrauch schützt. Obwohl, und darauf bestehe ich, obwohl das Ziel des Papstes oder des Bischofs oder des
  150. Kardinals natürlich nicht der Schutz des sexuellen Missbrauchs ist, aber das Fehlverhalten wird eben trotzdem geschützt, weil die Gesamtlüge nicht
  151. diskutiert werden kann. Aber wird sich das Problem damit nicht in ein paar Jahrzehnten von selbst lösen, zumal die Gesellschaft immer
  152. liberaler wird und auch Homosexuelle immer mehr Rechte haben? Ja, und das ist auch das große Problem. Vor einem halben Jahrhundert, also 1968 in den 70er
  153. Jahren, war die Kirche gegen Homosexuelle, aber die Gesellschaft als Ganzes war auch gegen Schwule und Lespen. Homosexualität wurde nicht
  154. toleriert und war in manchen Ländern gar verboten. Die Haltung der Kirche unterschied sich also im Grunde genommen nicht von jener der Gesellschaft. Das
  155. Problem manifestierte sich erstmals in den 1990er Jahren, als die Gesellschaft schwulen freundlicher wurde. Die Kirche musste also darauf reagieren und wurde
  156. noch homophober, als sie es schon war, damit sie ihr Lügengebilde schützen konnte. Es geht immer um ein sehr komplexes
  157. System, denn alle die Priester, die des sexuellen Missbrauchs für schuldig befunden wurden, waren homosexuell. Und es geht um Geld. Ich spreche von Martial
  158. Masiel in Mexiko, Karadima in Chile, Groer in Österreich oder McCarck in den USA. Und es geht auch um Ideologie. Viele der
  159. pädophilenpriester standen politisch sehr rechts. Es waren Bischöfer oder Priester, die den Vatikan viel Geld spendeten, aber auch gegen die
  160. Befreiungstheologie und gegen den Kommunismus in Lateinamerika kämpften und deshalb von Johannes Paul dem II und sogar von Papst Benedikt dem 16.
  161. geschützt wurden. Es tut mir schrecklich leid, dass ich Sie hierbei unterbreche, aber ich frage
  162. mich, ob Sie mit diesem Buch in der Art, wie Sie es geschrieben haben, das heißt mit einigen schadenfrohen Details und allem was dazu gehört, ob sie mit diesem
  163. Buch wirklich die Gläubigen erreichen, was in diesem Fall ja zentral wäre. Sie sind ja selber nicht gläubig. Sie schreiben, dass sie mehr an Literatur
  164. als an etwas religiöses glauben. Wäre es aber nicht wichtig, die Gläubigen zu erreichen oder war das gar nie ihr Ziel?
  165. Wissen Sie, ich bekomme jeden Tag zehn Briefe, hauptsächlich von Priestern, von katholischen Gläubigen, von ehemaligen
  166. Priestern. Sie schreiben mir, dass sie schockiert sind, dass sie erst jetzt entdecken, dass das, was sie erlebt haben, einem
  167. System entspringt. Genau dies war mein Eindruck, oder das ist der Grund, warum ich nicht mehr
  168. Priester sein wollte. oder ich wurde auch missbraucht. Ich will nicht Werbung für mich selbst machen, aber das Buch war in Frankreich
  169. ein Bestseller. Es war gar ein Weltbestseller, in mehr als 15 Ländern. Genau. Wir haben weltweit wahrscheinlich mehr als 600 000
  170. Exemplare verkauft. Ganz genau wissen wir es nicht. Die Reaktion, wenn Sie so wollen, waren die Leute, die das Buch gekauft und
  171. gelesen haben. Auf Französisch sagen wirkern, weil sie es betrifft. Es geht um ihr Leben.
  172. Ich bin Schriftsteller und Journalist. Ich bin kein Katholik. Ich bin schwul. Sie waren aber mal Katholik, oder? Ja, ich war bis zum Alter von 10 Jahren
  173. katholisch, wie alle in Frankreich. Aber ich bin Kulturkatholik. Ich meine, ich bin im Katholizismus aufgewachsen, wie jeder in diesem Land. Und ich bin
  174. stolz drauf. Ich mag Rambo, ich mag Verl, ich mag Rembrand und Leonardo da Vinci und Michelangelo.
  175. Das waren alles auch Katholiken. Ich bin LGBT freundlich und ich bin offenschwul,
  176. aber ich bin auch ein Rechercheur. Ich denke, dass ich seriös arbeite und Dinge zugänglich mache, die ich für nützlich halte.
  177. Aber ich bin kein Richter. Ich will die Kirche nicht verändern, denn das ist nicht meine Aufgabe. Meine Aufgabe ist es, ein System zu erklären und zu
  178. beschreiben und dann können die Menschen handeln, wenn sie wollen. Aber das ist nicht meine Aufgabe. Ich habe keine politische Agenda.
  179. Ja, und trotzdem wurden sie beschuldigt, ihre Forschung mit ihrem persönlichen Aktivismus für die Rechte der Schwulen zu verwechseln. Das war ein Punkt, den
  180. man ihnen als Problem vorw. Ja, aber das stimmt nicht. Dasselbe könnte man auch über Soliniz sagen oder
  181. über Andreid und den Kommunismus. Wer mich kennt, weiß, dass ich viel über meine eigenen Leute geschrieben habe. Ich war ein harter Kritiker der schwulen
  182. Gemeinschaft, besonders während der Aidsepidemie. Ich habe mehrere Bücher geschrieben, die die Leute der Gay Community sehr
  183. kritisch sehen. Von den Katholiken erwarte ich dasselbe. Ich erwarte, dass sie ihre Leute genauso kritisieren. Wenn sie mein Buch gelesen haben, vor allem
  184. den letzten Teil, dann kann niemand behaupten, ich hätte etwas gegen Katholiken oder gegen Priester. Nein, das meinte ich aber auch nicht.
  185. Genau. Wenn Sie ein solches Buch schreiben, dann müssen Sie drei Dinge wissen. Erstens, wird man angegriffen. Zweitens kann man nicht alles sagen, was
  186. man weiß. Und drittens kann man nicht alles verstehen, weil diese Welt, der Vatikan, so verrückt und verblüffend ist.
  187. Alles ist durchdrungen von falschen Nachrichten und Lügen und Unwahrheiten. Deshalb ist es so schwer, den Vatikan zu verstehen und die meisten Dinge habe ich
  188. sowieso ausgelassen. Ich schreibe z.B. weder den Tod von Papst Johannes Paul dem I. oder über die Ermordung eines Schweizer Gardisten. Darüber wurde so
  189. viel spekuliert und geschrieben. Ich kann nur über etwas schreiben, wenn ich 100%undertprozentig sicher bin. Und das Buch basiert nicht auf Gerüchten oder
  190. Andeutungen, sondern nur auf Fakten, auf Akten aus dem Polizeiarchiv. Danke für diese Klarstellung, Frederik. Auf der Webseite zum Buch gibt es
  191. zusätzlich über 300 Seiten mit Quellen, Dokumenten und Zeugenaussagen. Danke Frederik. Ich danke Ihnen für die Klarstellung. Man kann dies alles auf
  192. ihrer Homepage nachschlagen. Unsere Zeit ist leider bereits um. Es tut mir sehr leid. Ich wünsche Ihnen weiterhin alles Gute.
  193. Vielen Dank auch. [Musik]

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