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«Die Mehrheit der Priester im Vatikan ist schwul» | Sternstunde Religion | SRF Kultur
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Transkriptautomatisch erstellt · 193 Zeilen
- [Musik] Der Vatikan Machtzentrum der römisch-katholischen Kirche gilt das Konservativ. Dass seine Vertreter ein
- Problem haben mit Männern, die Männer lieben, ist bekannt. Doch ausgerechneter Vatikan soll eine der größten homosexuellen Communities der Welt
- beherbergen. Das behauptet mein heutiger Gast, der französische Soziologe und Journalist Frederik Martell. Er sitzt in Paris fest, ich hier in Zürich. Deshalb
- führen wir das Interview per Skype. Guten Tag, Frederik Martell. Wie geht es Ihnen? Ja, es geht mir gut. Zur Zeit kann ich
- niemanden treffen. Deshalb möchte ich Ihnen danken, dass Sie mit mir sprechen. Sonst würde ich total vereinsamen. Ja, wir sind auch froh, dass Sie bei uns
- sind. Es gibt noch viel zu tun. Ich weiß nicht, ob diese Quarantäne einen Monat funktioniert und wie wir sie überleben,
- aber ein paar Tage ist es kein Problem. Wir werden sehen. Kommen wir zum Thema, über das wir heute sprechen wollten. Sie behaupten, vatikanische Prelaten,
- Bischöpfe und Kardinele sein einerseits schwul und lehnen andererseits Homosexualität vehement ab. Das klingt nach einem dramatischen Szenario, nicht
- wahr? Ja und nein. Wenn Sie sich die Tradition der Kirche
- anschauen, können wir eigentlich von einer Kohenz sprechen. Aber klar, viele Leute sagten mir, es sei unglaublich, dass Kirchenvertreter
- sowohl schwul als auch homophob sein können. Jedoch, wenn sie Prost lesen oder Andreid oder Rambo und das sind nur französische Autoren
- und dann noch Thomas Mann oder Lino Visconti dazu nehmen. Nun, das waren aber keine Prelaten oder Bischöpfe.
- Nein, aber die Psychologie ist dieselbe. Man wird extrem homophob, wenn man selber schwul ist oder homophil. Damit
- sind Männer gemeint, die ihre Homosexualität nicht ausleben, aber die Neigung dazu verspüren. Und wenn man Angst hat, dass diese Homosexualität
- öffentlich wird, reagiert man eben damit, dass man sich homophob gibt. Nun, um den Vatikan und die Kirche generell zu verstehen, muss man
- verstehen, dass wir, wenn wir über den Vatikan sprechen, nicht über Menschen sprechen, die im Jahr 2020 leben.
- Viele von ihnen leben noch immer in den 1950er oder 60er Jahren. Ich habe mit vielen gesprochen, die waren über 90 Jahre alt, eine sogar 4,
- das sind Männer, die in den 1940er oder 50er Jahren 20 Jahre alt waren, als sie in die Kirche eingetreten sind. Sie haben ihre Weltsicht und damit auch
- die Art, wie sie Homosexualität beurteilen, vor über 50 oder 60 Jahren entwickelt.
- Das erklärt alles. Sie leben in einer anderen Zeit. Ich bin nicht gegen sie. Ich kritisiere sie nicht. Ich versuche sie zu verstehen.
- Wir kommen noch zu diesem Punkt. In Ihrer Hypothese steckt der trotzdem eine Menge Sprengkraft. Lassen Sie mich so beginnen. Ein Mann,
- der an seiner Homosexualität festhält, kann gemäß römisch-katholischer Lehre nicht Priester werden. Und trotzdem sagen sie bzw. sie zitieren jemanden,
- der sagt, dass 80% der Priester im Vatikan schwul sein. Da frage ich mich, wer hier die Augen vor der Realität verschließt und weshalb.
- Zunächst einmal habe ich tatsächlich nie gesagt, dass 80% der Priester im Vatikan schwul sein. Danke, dass sie das präzisieren.
- Aber sie sagen, es sei die Mehrheit. Ja, ich mache aber keine quantitative Forschung. Das wäre unmöglich. Selbst wenn Sie alle Priester im Vatikan
- interviewen würden, würden Ihnen nicht alle die Wahrheit erzählen. Was ich also tue, ist quantitativ. Nein, entschuldigen Sie bitte, ich mache
- qualitative Forschung, nicht quantitative. Aber noch einmal, es geht nicht um die Zahlen und das Ziel ist nicht zu
- verstehen, ob der Priester A, der Bischof B oder der Kardinal C schwul ist oder nicht. Und ich versuche nicht Menschen zu aen. Ich versuche das System
- zu verstehen, denn es hat mannigfaltige Konsequenzen. Besonders in Bezug auf sexuellen Missbrauch. Darauf kommen wir sicher noch zu sprechen.
- Der Hauptpunkt ist, dass es um ein soziologisches System geht. Wenn Sie in einem kleinen Dorf in Italien in den 1950er Jahren aufwachsen
- und sie homosexuell sind oder sich nicht sicher sind, was genau sie sind. Sie fühlen sich von Frauen sexuell nicht angezogen und sie wollen nicht heiraten.
- Dasselbe geht aber auch, wenn man in einer bürgerlicher Familie in Mailand, Paris oder Zürich hineingeboren wird und bemerkt, dass man sich nicht zu Frauen
- hingezogen fühlt. Sie haben also ein Problem und die Lösung ist, sie werden Priester. Denn sobald Sie ins Seminar eintreten, müssen
- sie sich die Witze nicht mehr anhören, die man über sie reißt. Sie können sich den Gesang hingeben und sie können weiblichere Kleidung tragen, lange Röcke
- z.B. und ihre Mutter, die sie am besten kennt, sie wird ihren Entscheid
- verstehen und mittragen, denn sie ist glücklich über ihre Berufung, Priester werden zu wollen.
- Und ihre Schwäche wird zu einer Stärke. Sie leben ausschließlich unter Männern. Sie können mit dir Stimme singen, mit dir sie wollen. Sie können die Kleidung
- anziehen, die sie wollen. Und das Wichtigste, sie müssen weder heiraten noch Beziehungen mit Frauen eingehen, mit denen sie gar keine Beziehung
- wollen. [Musik] Es geht nicht darum, diesen Männern
- vorzuhalten, dass sie lügen oder illegale Dinge tun. Sie äußern sich nur auf die einzige Weise, die gesellschaftlich akzeptiert
- ist. Und die Kirche hat die Tatsache, dass eine große Mehrheit der Priester schwul ist gefördert und bis zu einem gewissen
- Grad akzeptiert. Nun, ich verstehe Argument, aber dieser Mechanismus, den Sie beschreiben, das
- ist 50 Jahre her. Wie ist es heute und wenn es so offensichtlich ist, wie Sie sagen, denn sie haben ja gerade gesagt, die Kirche akzeptiere es irgendwie.
- Also, wenn es so offensichtlich ist, warum hat noch nie jemand ein solches Buch geschrieben? Das erscheint mir doch sehr verwunderlich.
- Okay, ich möchte zwei Punkte diskutieren. Zunächst zur ersten Frage, die Sie gestellt haben. Heute ist es anders. Das ist ganz klar. Wer als
- heterosexueller Mann in ein Priesterseminar eintritt, akzeptiert diese homoerotische Atmosphäre nicht mehr. So wurde es mir erzählt, denn ich
- habe viele Interviews geführt. Auch für Schwule, und das ist der zweite Punkt ist es heute anders. Selbst in
- einem kleinen Dorf in Italien oder auch in der Schweiz muss man sich heute nicht mehr verstecken. Man hat alle Möglichkeiten sexuell aktiv zu sein.
- Niemand will heutzutage mehr Priester werden. Das ist eine Tatsache und in gewisser Weise ist es ein quantitativer Faktor. Die Situation in Frankreich und
- ich kenne nur die ist so. Rund 800 Priester sterben jedes Jahr und bloß 60 werden ordiniert. In 10 Jahren gibt es hier zulande also praktisch keine
- Priester mehr. Heterosexuelle Männer wollen nicht, weil sie nicht heiraten dürfen und die
- Homosexuellen haben andere Möglichkeiten. Nun, sie fragten, warum niemand ein solches Buch geschrieben hat. Vor 10
- Jahren wäre es vermutlich noch zu früh gewesen, solche Dinge zu publizieren. Sie würden also sagen, die Sachlage hat sich verändert, weil es heute mehr
- Rechte für Homosexuelle gibt, z.B. die gleichgeschlechtliche Ehe. Und genau das habe Ihnen beim Schreiben dieses Buches geholfen?
- In gewisser Weise ja. Und dann gibt es unglaubliche Skandale wegen sexuellen Missbrauchs innerhalb der Kirche.
- Diese Skandale betreffen tausende von Priestern in Australien, in den USA, in Irland, aber auch in Brasilien, Mexiko oder Chile, die wegen sexuellen
- Missbrauchs angeklagt oder verurteilt und manche auch ins Gefängnis gesteckt wurden. Dass Priester keine Sexualität haben
- sollen, glaubt heute niemand mehr. Es geht um tausende von Priestern. Gut, sie schauen von außen auf die römisch-katholische Kirche. Ich frage
- mich nun, welche Reaktionen sie mit ihrem Buch in Innern der Kirche ausgelöst haben. Sodum wurde vor einem Jahr publiziert.
- Es ist also genug Zeit vergangen, um auf Ihre Thesen zu reagieren. Ich habe auch die Schweizer Bischofskonferenz gefragt, was sie von ihrem Buch halten würden.
- Leider habe ich keine Antwort erhalten. Sie sagt mir, dass sie im Moment mit dem Coronavirus beschäftigt sein. Was mich interessiert ist, welche Reaktionen sie
- aus dem Vatikan erhalten haben und zwar von den Leuten, mit denen sie nicht gesprochen haben.
- Warum wurde ein derartiges Buch noch nicht veröffentlicht? Wenn Sie italienischer Journalist sind und einen italienischen Verleger suchen,
- werden Sie Mühe haben, weil es in diesem Land nach wie vor schwierig ist, ein solches Buch zu veröffentlichen. Wenn Sie Vatikanist sind, also ein
- Journalist, der vor allem über den Vatikan schreibt, dann verlieren sie ihren Job, wenn Sie ein derartiges Buch vorlegen.
- Und wenn Sie heterosexuell sind, dann kennen Sie die Codes der homosexuellen Community nicht. Deshalb wurde dieses Buch nicht vor 10
- Jahren, sondern erst heute geschrieben von einem Franzosen, der den Code beherrscht und kein Vatikanist ist. Aber um ihre Frage zu beantworten, die
- Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Zunächst einmal hat niemand, kein Kardinal, im Grunde genommen über das Buch gesprochen und sie haben uns auch
- nicht angegriffen oder gegen uns geklagt. Das Buch wurde also überall veröffentlicht, ohne dass es juristische Konsequenzen gegeben hätte.
- Aber weshalb haben sie wohl nicht reagiert? Weil sie dachten, das Buch sei ganz einfach unwichtig für sie oder weil sie schlicht dachten, alles hier drin
- sei Blödsinn? Was mich sehr wundert ist, warum es keine Reaktion darauf gab, wenn es doch dermaßen explizit ist.
- Ja, sie haben recht. Und übrigens haben wir uns auch abgesichert. 14 Juristen haben mich während des Schreibens begleitet. Wir wussten, was wir taten.
- Das Buch wurde von sehr großen Mainstream Verlagen in Deutschland, Frankreich, Italien und den USA veröffentlicht, den berühmtesten
- Verlagen überhaupt. Ja, natürlich. Die wollten diese Geschichte haben. Ja, klar. Aber es ist ein seriöses Buch. Bloomsbury hat auch
- Harry Potter veröffentlicht. Es sind keine erfundenen Geschichten. Das meinte ich damit auch nicht.
- Schauen Sie, der Vatikanist, also der Journalist, der sich fast nur mit dem Vatikan befasst und der Kardinal, den ich immer wieder interviewte. Ich habe
- mit mehr als 40, mit 43 Kardinälen genau genommen gesprochen. Sie alle haben mir die Geschichte bis zu einem gewissen Grad erzählt. Jeder kennt
- diese Geschichte und wir können natürlich über diesen einen spezifischen Punkt auf der Seite
- XY diskutieren, denn es ist extrem schwierig über Sexualität und besonders über Homosexualität im Vatikan zu arbeiten.
- können über einzelne Punkte diskutieren, aber die Gesamttheorie wird sich dadurch nicht ändern. Da bin ich hundertprozentig überzeugt.
- Viele berühmte Theologen, sogar der Papst sagte in einer nicht offiziellen Diskussion mit einem Juristen, die überall in Lateinamerika und den USA
- publiziert wurde, ich habe das Buch gelesen. Es ist in Ordnung. Ich wusste alles. Das sagte Papst Franziskus.
- Heute ist es so, dass ich nicht mehr oft mit Leuten im Vatikan diskutiere, aber das ist normal, nachdem man ein solches Buch veröffentlicht hat. Sie haben sich
- dort keine Freunde gemacht. Doch, doch, den Kardinal sehe ich immer noch, auch den Erzbischof und einige Priester, die mich in den Vatikan
- eingeladen hatten. Mit denen treffe ich mich immer noch zu Mittagessen in Rom, in kleinen unauffälligen Restaurants. Die sind mir immer noch zugewandt.
- Aber es stimmt, dass die Leute es vorziehen, das Thema nicht zu diskutieren, weil das Buch im Grunde eines der wichtigsten Geheimnisse der
- letzten 40 Jahre öffentlich gemacht hat. Gut, aber ihre Behauptungen basieren ja mehrheitlich auf privaten Gesprächen.
- Wie können Sie sicher sein, dass die Leute, mit denen Sie darüber gesprochen haben, auch die Wahrheit sagen?
- Es tut mir leid, das erwähnen zu müssen, aber so arbeiten Journalisten. Wenn mir jemand sagt, Kardinal XY sei schwul, dann publiziere ich das nicht.
- Wenn ich das getan hätte, hätte der Vatikan ja sie aen niemanden. Ich versuche zu erklären, wie das System
- funktioniert. Ich versuche nicht zu urteilen und stelle mich gegen niemanden. Einige wenige erwähne ich namentlich, aber nur, wenn es bekannt
- ist, dass sie schwul sind, weil das durch die Medien ging oder sie vor Gericht standen oder schon tot sind. Doch lebende Bischöfe und Kardinäle
- erwähne ich nicht namentlich. Warum? Mein Ziel ist es nicht jemanden zu auten, sondern das System transparent zu
- machen, wenn Sie so wollen, den Vatikan zu auten. Und wichtig zu wissen ist, die Leute, mit denen ich sprach, wussten, wer ich bin. Ich sagte immer meinen
- Namen. Sie wissen, dass ich Journalist und Autor bin und dass ich ein Buch über den Vatikan schreibe, aber nicht was am Ende alles drin sein wird. Wenn Sie mich
- baten, ihren Namen nicht zu verwenden, habe ich das respektiert. Off the record heißt off the record. Die von mir angewandten Regeln sind die Regeln des
- Journalismus internationale Zeitungen. Lassen Sie uns noch mals Papst zurückgehen. Sie erwähnten, dass der
- Papst wisse, was dein Vatikan vor sich gehe. Sie führen ihrem Buch auch immer wieder die angebliche Doppelmoral der katholischen Kirche an. In mehreren
- Predigten von 2016 bis 2018 verurteilte Papst Franziskus genau diese Doppelmoral ziemlich deutlich. Wir zeigen das in einer kurzen Einspielung.
- State attenti voi davanti ai rigidi. State attenti davanti ai cristiani,
- siano laici, preti, vescovi che si presentano così perfetti, rigidi. Sono i rigidi della doppia vita. si fanno vedere belli, onesti,
- ma quando nessuno li vede fanno delle cose brutte. La rigidità non è un dono di Dio. Dietro la rigidità
- c'è sempre qualcosa di nascosto, in tanti casi una doppia vita. Sie glauben also, dass Papst Franziskus über alles Bescheid weiß und dies schon
- vor der Publikation ihres Buches? Sie wissen, dass ich kein Zauberer bin und ich bin auch nicht jemand, der
- einfach so eine Hypothese aufstellt. Wenn ich Sachverhalte erwähne, dann nur, weil sie mir erzählt wurden.
- Ich habe enge Berater von Papst Franziskus getroffen. Natürlich werden sie in meinem Buch nicht namentlich erwähnt, weil sie anonym bleiben
- wollten. Die alle haben mir erklärt, wie das System im Vatikan funktioniert.
- Und wenn man Papst Franziskus zuhört, dann realisiert man auch, welche Art von Sätzen er benutzt, um auf die Probleme aufmerksam zu machen.
- Und es gibt eine Menge Probleme im Vatikan, das Problem mit der Sexualität. Homosexualität ist nur ein Aspekt davon. Es gibt auch eine Menge heterosexuelle
- Männer, die Sex mit Frauen haben oder haben möchten. Es gibt ein Problem mit Geld und dann gibt es das Problem der Macht und den damit verbundenen
- Machtmissbrauch. Und dann gibt es den sexuellen Missbrauch, der etwas komplett anderes
- ist als die normale Sexualität und so weiter und so fort. Sie und Ihre Zuschauer interessieren sich für Religion. Sie müssen mein Buch
- nicht lesen und mir weder glauben noch mir vertrauen. Aber wenn Sie das System nicht verstehen, werden Sie beim nächsten Skandal wieder schockiert sein
- und verzweifelt. Ja, es wird neue Skandale geben, neue Enthüllungen, einen neuen Kardinal, der
- geutet wird. Eine unendliche Geschichte und ja, der Papst weiß es. Lassen Sie mich noch eine Frage stellen,
- weil ich mehr darüber wissen möchte. Sie nennen Homosexualität als Hauptschlüssel zum Verständnis des Vatikans. Sie haben das jetzt bereits angesprochen, aber
- könnten Sie es noch näher erläutern? In welchem Sinn gibt es denn einer Verbindung zwischen Homosexualität und sieenen in ihrem Buch ja auch Vatilak?
- Inwiefern gibt es eine Beziehung zwischen Homosexualität und dem vatikanischen Finanzskandal.
- Mein Schwerpunkt ist Homosexualität und ich bin ziemlich breit gefächert in der Betrachtung dieses Themas und diskutiere beispielsweise auch, wie das mit der
- extremen Rechten in Verbindung steht und auch viele weitere Aspekte des Vatikans. Aber ja, ich denke, Homosexualität ist ein Schlüssel zur Erklärung. Ich möchte
- nochmals betonen, dass ich kein Problem habe damit, wenn ein Bischof oder ein Kardinal schwul sind. Wenn die einen Liebhaber haben, wenn sie Sex haben,
- dann ist mir das egal. Wenn es nach mir ginge, dann wäre das erlaubt. Das einzige Problem ist, wenn sie Sex mit Minderjährigen haben oder wenn es um
- Prostitution geht oder wenn es um Missbrauch geht, das heißt ohne Zustimmung des Sexualpartners.
- Im Vatikan existiert noch ein Droissage, wie wir im Französischen sagen. Dieses Recht gab es in Frankreich früher tatsächlich und es besteht darin, dass
- ein Älterer der Macht ausübt, also in diesem Fall beispielsweise ein Bischof oder ein Nunzius, einen Seminaristen oder jüngeren Priester um einen
- sexuellen Gefallen bitten darf. Um ehrlich zu sein, habe ich lieber einen Priester oder Bischof mit einem
- Freund als einen Priester, der ein zehnjähriges Kind anfasst. Das ist alles natürlich, aber meine Frage war, in
- welchem Sinne diese Themen miteinander verflochten sind. Sie sagen nämlich, dass es sich bei Homosexualität um einen Schlüsselfaktor handle, wenn es um die
- breit bekannten und diskutierten Skandale der römisch-katholischen Kirche gehe. Ist
- damit denn der Missbrauchsskandal in ihren Augen nach als schwulen Skandal zu verstehen oder wie müssen wir uns das vorstellen und auch differenzieren,
- damit Homosexualität und Pädophilie nicht vermischt wären, denn das wäre ja gefährlich.
- Diese Frage ist sehr gut und sie haben recht. Das Problem ist die Kultur der Geheimhaltung.
- Wenn man ein System und eine Organisation hat, die auf einer Lüge basiert, und das ist ihr Vatikan tatsächlich,
- sie stimmen mir vielleicht nicht zu und sie mögen mich nicht dafür, dass ich das sage, aber das System Vatikan besteht aus Lügen.
- Gelogen wird über alles, über Geld, über die Organisation an sich, über Macht, über Sexualität, wie auch immer diese geartet ist.
- In einer solchen Kultur von Geheimhaltung und Lüge ist es kein Problem, Leute zu haben, die eine Sexualität ausleben, die total verboten
- ist, weil sie durch die Kultur der Lüge geschützt werden. Und ich denke, das ist das Problem. Das Problem ist nicht die Homosexualität.
- Wie viele Studien gezeigt haben, gibt es keine Verbindung zwischen Homosexualität und sexuellem Missbrauch. Der größte Teil sexuellen Missbrauchs
- wird innerhalb der Familie begangen oder in Schulen. Die Opfer sind in der Mehrheit Mädchen. Die Täter also heterosexuell.
- Genau. Missbrauch ist hauptsächlich ein heterosexuelles Problem überall auf der Welt. Aber aus Studien wissen wir auch, dass die Opfer sexuellen Missbrauchs in
- der Kirche zwischen 80 und 85% Jungen oder junge Männer sind. Es gibt also eine Besonderheit in der katholischen Kirche. Es gibt eine
- Verbindung zwischen Klerikern, die sich für jungen und sehr junge Männer interessieren und sexuellem Missbrauch. Warum ist das so?
- Das Problem ist nicht die Homosexualität an sich. Das Problem ist, dass man sein Verlangen, ob homosexuell oder nicht, unterdrückt. Sie tun das gegenüber
- anderen, aber auch gegenüber sich selbst. Wenn sie der Art unterdrückt werden und eine Strategie entwickeln, um Ihre
- Identität zu verbergen und sich selber verleugnen müssen, was tun sie dann, wenn Sie Sex haben wollen? Sie gehen zu Kindern? Sie gehen zu Immigranten oder
- zu neu eingetretenen Jungen im Priesterseminar, weil sie denen gegenüber Autorität haben und weil sie wissen, dass die nichts ausplaudern
- werden. Sie versuchen Sex mit Menschen zu haben, die nicht sprechen werden. Natürlich geht man nicht in eine Schwulenb und sagt: "Hey, ich bin
- Kardinal, ich bin Bischof und ich möchte dich kennenlernen." Man muss eine Strategie der Vertuschung entwickeln und das ist der Grund, warum
- das System als Ganzes ein System ist, das denen Missbrauch schützt. Obwohl, und darauf bestehe ich, obwohl das Ziel des Papstes oder des Bischofs oder des
- Kardinals natürlich nicht der Schutz des sexuellen Missbrauchs ist, aber das Fehlverhalten wird eben trotzdem geschützt, weil die Gesamtlüge nicht
- diskutiert werden kann. Aber wird sich das Problem damit nicht in ein paar Jahrzehnten von selbst lösen, zumal die Gesellschaft immer
- liberaler wird und auch Homosexuelle immer mehr Rechte haben? Ja, und das ist auch das große Problem. Vor einem halben Jahrhundert, also 1968 in den 70er
- Jahren, war die Kirche gegen Homosexuelle, aber die Gesellschaft als Ganzes war auch gegen Schwule und Lespen. Homosexualität wurde nicht
- toleriert und war in manchen Ländern gar verboten. Die Haltung der Kirche unterschied sich also im Grunde genommen nicht von jener der Gesellschaft. Das
- Problem manifestierte sich erstmals in den 1990er Jahren, als die Gesellschaft schwulen freundlicher wurde. Die Kirche musste also darauf reagieren und wurde
- noch homophober, als sie es schon war, damit sie ihr Lügengebilde schützen konnte. Es geht immer um ein sehr komplexes
- System, denn alle die Priester, die des sexuellen Missbrauchs für schuldig befunden wurden, waren homosexuell. Und es geht um Geld. Ich spreche von Martial
- Masiel in Mexiko, Karadima in Chile, Groer in Österreich oder McCarck in den USA. Und es geht auch um Ideologie. Viele der
- pädophilenpriester standen politisch sehr rechts. Es waren Bischöfer oder Priester, die den Vatikan viel Geld spendeten, aber auch gegen die
- Befreiungstheologie und gegen den Kommunismus in Lateinamerika kämpften und deshalb von Johannes Paul dem II und sogar von Papst Benedikt dem 16.
- geschützt wurden. Es tut mir schrecklich leid, dass ich Sie hierbei unterbreche, aber ich frage
- mich, ob Sie mit diesem Buch in der Art, wie Sie es geschrieben haben, das heißt mit einigen schadenfrohen Details und allem was dazu gehört, ob sie mit diesem
- Buch wirklich die Gläubigen erreichen, was in diesem Fall ja zentral wäre. Sie sind ja selber nicht gläubig. Sie schreiben, dass sie mehr an Literatur
- als an etwas religiöses glauben. Wäre es aber nicht wichtig, die Gläubigen zu erreichen oder war das gar nie ihr Ziel?
- Wissen Sie, ich bekomme jeden Tag zehn Briefe, hauptsächlich von Priestern, von katholischen Gläubigen, von ehemaligen
- Priestern. Sie schreiben mir, dass sie schockiert sind, dass sie erst jetzt entdecken, dass das, was sie erlebt haben, einem
- System entspringt. Genau dies war mein Eindruck, oder das ist der Grund, warum ich nicht mehr
- Priester sein wollte. oder ich wurde auch missbraucht. Ich will nicht Werbung für mich selbst machen, aber das Buch war in Frankreich
- ein Bestseller. Es war gar ein Weltbestseller, in mehr als 15 Ländern. Genau. Wir haben weltweit wahrscheinlich mehr als 600 000
- Exemplare verkauft. Ganz genau wissen wir es nicht. Die Reaktion, wenn Sie so wollen, waren die Leute, die das Buch gekauft und
- gelesen haben. Auf Französisch sagen wirkern, weil sie es betrifft. Es geht um ihr Leben.
- Ich bin Schriftsteller und Journalist. Ich bin kein Katholik. Ich bin schwul. Sie waren aber mal Katholik, oder? Ja, ich war bis zum Alter von 10 Jahren
- katholisch, wie alle in Frankreich. Aber ich bin Kulturkatholik. Ich meine, ich bin im Katholizismus aufgewachsen, wie jeder in diesem Land. Und ich bin
- stolz drauf. Ich mag Rambo, ich mag Verl, ich mag Rembrand und Leonardo da Vinci und Michelangelo.
- Das waren alles auch Katholiken. Ich bin LGBT freundlich und ich bin offenschwul,
- aber ich bin auch ein Rechercheur. Ich denke, dass ich seriös arbeite und Dinge zugänglich mache, die ich für nützlich halte.
- Aber ich bin kein Richter. Ich will die Kirche nicht verändern, denn das ist nicht meine Aufgabe. Meine Aufgabe ist es, ein System zu erklären und zu
- beschreiben und dann können die Menschen handeln, wenn sie wollen. Aber das ist nicht meine Aufgabe. Ich habe keine politische Agenda.
- Ja, und trotzdem wurden sie beschuldigt, ihre Forschung mit ihrem persönlichen Aktivismus für die Rechte der Schwulen zu verwechseln. Das war ein Punkt, den
- man ihnen als Problem vorw. Ja, aber das stimmt nicht. Dasselbe könnte man auch über Soliniz sagen oder
- über Andreid und den Kommunismus. Wer mich kennt, weiß, dass ich viel über meine eigenen Leute geschrieben habe. Ich war ein harter Kritiker der schwulen
- Gemeinschaft, besonders während der Aidsepidemie. Ich habe mehrere Bücher geschrieben, die die Leute der Gay Community sehr
- kritisch sehen. Von den Katholiken erwarte ich dasselbe. Ich erwarte, dass sie ihre Leute genauso kritisieren. Wenn sie mein Buch gelesen haben, vor allem
- den letzten Teil, dann kann niemand behaupten, ich hätte etwas gegen Katholiken oder gegen Priester. Nein, das meinte ich aber auch nicht.
- Genau. Wenn Sie ein solches Buch schreiben, dann müssen Sie drei Dinge wissen. Erstens, wird man angegriffen. Zweitens kann man nicht alles sagen, was
- man weiß. Und drittens kann man nicht alles verstehen, weil diese Welt, der Vatikan, so verrückt und verblüffend ist.
- Alles ist durchdrungen von falschen Nachrichten und Lügen und Unwahrheiten. Deshalb ist es so schwer, den Vatikan zu verstehen und die meisten Dinge habe ich
- sowieso ausgelassen. Ich schreibe z.B. weder den Tod von Papst Johannes Paul dem I. oder über die Ermordung eines Schweizer Gardisten. Darüber wurde so
- viel spekuliert und geschrieben. Ich kann nur über etwas schreiben, wenn ich 100%undertprozentig sicher bin. Und das Buch basiert nicht auf Gerüchten oder
- Andeutungen, sondern nur auf Fakten, auf Akten aus dem Polizeiarchiv. Danke für diese Klarstellung, Frederik. Auf der Webseite zum Buch gibt es
- zusätzlich über 300 Seiten mit Quellen, Dokumenten und Zeugenaussagen. Danke Frederik. Ich danke Ihnen für die Klarstellung. Man kann dies alles auf
- ihrer Homepage nachschlagen. Unsere Zeit ist leider bereits um. Es tut mir sehr leid. Ich wünsche Ihnen weiterhin alles Gute.
- Vielen Dank auch. [Musik]
Zum Nachlesen
PriesterPriester oder Priesterin ist eine Bezeichnung für Spezialisten für religiöse Fragen, die den Kultus verwalten sowie Lehre und Tradition bewahren.
KatholizismusKatholizismus bezeichnet die Repräsentation des römisch-katholischen Christentums in der Gesellschaft, basierend auf der durch den katholischen Glauben …